Seit Beginn der industriellen Revolution vor 150 Jahren wurde das Bild der Wirtschaft zunehmend durch die massenhafte Fertigung homogener Standardwaren geprägt. Hierdurch wurde eine effiziente und rationelle Produktion erreicht. Neue technische und technologische Errungenschaften, wie das Internet und flexible Fertigungssysteme senken jedoch Informations- und Rüstkosten erheblich. Hierdurch erscheint, um den steigenden Anforderungen des Marktes nach individuellen Produkten gerecht zu werden, eine gleichzeitige Verfolgung von Differenzierungsstrategie und Kostenführerschaft als möglich. Der Begriff der Mass Customization bezog sich bisher vorrangig auf die Erstellung materieller Güter. Durch den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft gewinnen immaterielle Güter neben Sachgütern immer mehr an Bedeutung.
Ziel dieser Arbeit ist es, zu überprüfen, inwieweit das Konzept der Mass Customization in einer bestimmen Dienstleistungsbrache, der Versicherungswirtschaft, verwendet und umgesetzt werden kann. Dafür sollen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt der Arbeit stehen.
- Wie lautet das Konzept der Mass Customization und welche Kritikpunkte gibt es?
- Sind die besonderen Grundsätze und Rahmenbedingungen der Versicherungswirtschaft mit dem Konzept der Mass Customization vereinbar?
- Wie kann eine Umsetzung der kundenindividuellen Massenproduktion von Versicherungsprodukten ausgestaltet werden?
- Welche Grenzen bestehen hierfür und wie können sie überwunden werden?
Im Rahmen dieser Arbeit muss auf weitere Fragen zur Mass Customization von Versicherungsprodukten verzichtet werden, so z.B. weitere Verwendungsmöglichkeiten der Individualisierungsinformationen, ökonomische Messbarkeit des Erfolgs der Strategie, inhaltliche und formale Ausgestaltung der Allgemeinen Versicherungsbedingungen und die Bestandsführung, und Prozesssteuerung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung, Zielsetzung der Arbeit
2. Das Konzept Mass Customization
2.1 Mass Customization als Wettbewerbsstrategie
2.2 Kritik der Konzeptionen
2.3 Rahmenbedingungen und Individualisierungstrends
2.4 Mass Customization von Dienstleistungen
3. Mass Customization in der Versicherungswirtschaft
3.1 Grundlagen und Rahmenbedingungen
3.2 Versicherungstechnik und Versicherungsproduktion
3.2.1 Voraussetzungen der Versicherbarkeit
3.2.2 Tarifierung der Versicherungsleistung
3.2.3 Gesetzmäßigkeiten des Risikoausgleichs – Widerspruch zwischen Kollektiv und Individualisierung
3.3 Mass Customization der Versicherungsleistung
3.3.1 Mass Customization der Primärleistungen
3.3.2 Mass Customization der Sekundärleistungen
3.3.3 Grenzen der Individualisierung
4. Schlussbetrachtung und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Übertragbarkeit des Konzepts der Mass Customization, also der kundenindividuellen Massenfertigung, auf die Versicherungswirtschaft. Ziel ist es, zu klären, wie sich der theoretische Widerspruch zwischen individueller Produktgestaltung und der kollektiven Risikovorsorge auflösen lässt und welche Rahmenbedingungen für eine solche Strategieumsetzung entscheidend sind.
- Grundlagen des Konzepts der Mass Customization und dessen hybride Wettbewerbsstrategie.
- Analyse der Versicherungstechnik und der Notwendigkeit des Risikoausgleichs im Kollektiv.
- Möglichkeiten der Modularisierung von Versicherungsleistungen (Primär- und Sekundärleistungen).
- Identifikation rechtlicher, wirtschaftlicher und soziokultureller Grenzen der Individualisierung.
- Diskussion von Lösungsansätzen wie dem Testverkauf oder einer verursachungsgerechten Bepreisung.
Auszug aus dem Buch
3.2.3 Gesetzmäßigkeiten des Risikoausgleichs – Widerspruch zwischen Kollektiv und Individualisierung
Der Ausgleich im Kollektiv stellt ein Grundgesetz der Versicherungsproduktion dar. Da Versicherungsprodukte vor den zu regulierenden Schäden kalkuliert und verkauft werden, besteht für Versicherungsunternehmen das Zufallsrisiko, dass die effektiven Versicherungsleistungen (Gesamtschaden) größer sind, als die vereinnahmte Risikoprämie. Maß für dieses Zufallsrisiko ist die einperiodige Ruinwahrscheinlichkeit. Um die zufälligen Schwankungen des Gesamtschadens um seinen Erwartungswert zu finanzieren und das Risiko eines Verlustes zu senken, erheben Versicherer einen Sicherheitszuschlag. Der Ausgleich im Kollektiv bewirkt, dass das Zufallsrisiko bei wachsenden Kollektiv reduziert wird, der durchschnittliche individuelle Gesamtschaden konvergiert gegen den durchschnittlichen erwarteten individuellen Gesamtschaden. Dieser Effekt beruht auf dem Gesetz der großen Zahlen. Danach üben zufällige Abweichungen der Schadenrealisationen von ihrem Erwartungswert einen um so geringeren Einfluss aus, je größer die Versichertengemeinschaft ist.
Im Ergebnis kann der Ausgleich im Kollektiv nach ALBRECHT dazu genutzt werden, entweder das Sicherheitsniveau des Versicherungsunternehmens zu steigern oder durch eine Reduzierung des Sicherheitszuschlages die Durchschnittsprämie der Versicherungsnehmer zu senken. Der Ausgleich im Kollektiv mit den sich ergebenden Preisvorteilen für die Versichertengemeinschaft ist für zu kleine Kollektive jedoch nicht gegeben, da die Wirkung des Gesetzes der großen Zahlen erst ab einer Kollektivgröße von dreißig Mitgliedern beginnt. Somit liegt in den Grundgesetzen der Versicherungsproduktion ein unmittelbarer Widerspruch zwischen Individualisierung und kollektiver Risikovorsorge begründet. Falls für ein Einzelrisiko jedoch eine Prämie bestimmbar ist und von dem Versicherungsunternehmen ein Sicherheitsniveau im Sinne der einperiodigen Ruinwahrscheinlichkeit garantiert werden kann, hängt das Zustandekommen der Versicherung im wesentlichen von der geforderten Prämie ab.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung, Zielsetzung der Arbeit: Diese Einführung erläutert die Relevanz der Mass Customization im Kontext des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und definiert die zentralen Forschungsfragen.
2. Das Konzept Mass Customization: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Mass Customization sowie die kritische Auseinandersetzung mit klassischen Wettbewerbsstrategien und den Treibern für den Individualisierungstrend behandelt.
3. Mass Customization in der Versicherungswirtschaft: Dieses Hauptkapitel analysiert spezifisch die Übertragung von Individualisierungsstrategien auf die Versicherungstechnik, wobei rechtliche, ökonomische und technische Grenzen beleuchtet werden.
4. Schlussbetrachtung und Zusammenfassung: Das letzte Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Mass Customization trotz der spezifischen Risiken im Versicherungswesen grundsätzlich möglich ist.
Schlüsselwörter
Mass Customization, Versicherungswirtschaft, Individualisierung, Risikoausgleich, Kollektiv, Modularisierung, Wettbewerbsstrategie, Dienstleistungen, Primärleistungen, Sekundärleistungen, Versicherbarkeit, Risikomanagement, Kundenorientierung, Produktbausteine, Versicherungsaufsichtsgesetz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob das Management-Konzept der "Mass Customization" (kundenindividuelle Massenfertigung) auf die Dienstleistungen der Versicherungsbranche angewendet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die hybride Wettbewerbsstrategie der Mass Customization, die versicherungstechnischen Grundlagen (Risikoausgleich) und die praktische Umsetzung durch modulare Produktgestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Prüfung, inwieweit sich die kundenindividuelle Anpassung von Versicherungsprodukten mit dem Grundgesetz der kollektiven Risikovorsorge vereinbaren lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine theoretische Analyse durch, die auf Fachliteratur zur Strategischen Unternehmensführung, Marketingkonzepten und versicherungswirtschaftlichen Standardwerken basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Konzepts sowie eine detaillierte Untersuchung der Modularisierung von Primär- und Sekundärleistungen unter Berücksichtigung rechtlicher und ökonomischer Restriktionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Mass Customization, Versicherungswirtschaft, Modularisierung, Kollektivrisiko und Individualisierung geprägt.
Welche Rolle spielt das "Gesetz der großen Zahlen" in dieser Untersuchung?
Es dient als Begründung für den Widerspruch zwischen Individualisierung und Kollektiv: Da eine Individualisierung das Kollektiv verkleinert, schwächt sie die risikotheoretischen Vorteile, was die Anwendung des Konzepts erschwert.
Warum sind Assistanceleistungen für die Mass Customization besonders geeignet?
Da Assistanceleistungen in der Regel keinen direkten Risikotransfer beinhalten, gelten die strengen versicherungstechnischen Grenzen hier weniger stark, was eine rationelle Individualisierung vereinfacht.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Kfm. Michael Ahrens (Autor:in), 2002, Mass Customization in der Versicherungswirtschaft - Schließen sich rationelle Individualisierung und kollektive Risikovorsorge aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8013