Die 60er Jahre waren ein ereignisreiches Jahrzehnt für die europäische Integration. Die europäische Gemeinschaft befand sich in einer Phase der Neuordnung und damit gleichzeitig der Krise. Dabei gab es drei herausragende Ereignisse: Die Fouchet - Pläne, das England - Veto Frankreichs und der Luxemburger Kompromiss. Diese drei Krisen waren exemplarisch für die Kernprobleme der europäischen Integration, die hier zum ersten Mal deutlich hervortraten.
Durch ein geändertes politisches Umfeld fehlte der europäischen Integration plötzlich eine treibende Kraft zur ihrer Verwirklichung. Die Ursachen und Folgen dieser Entwicklung werden im nächsten Abschnitt eingehender beleuchtet.
An den Krisen selbst werde ich die zentrale These dieser Arbeit festmachen. Sie lautet:
Die Krise der EWG in den 60er Jahren ist auf den Kampf zweier unterschiedlichen Vorstellungen, wie ein geeintes Europa organisiert sein sollte, zurückzuführen: das Intergouvernementale gegen das supranationale Konzept.
Für den Begriff des Intergouvernementalismus werden synonym die Begriffe ‚Nationalstaatlichkeit′ und ‚Europa der Vaterländer′, für Supranationalismus der Begriff ‚Föderalismus′ verwendet.
Jene These kann mit Sicherheit nicht als alleiniger Erklärungsansatz für die Entwicklung der EWG von 1960-70 gelten. So gibt es verschiedene andere Theorien, die sich mit ihr ergänzen oder erweitern, wie die Andrew Moravcsiks , der die Krisen hauptsächlich aus ökonomischen Gründen heraus erklärt. Ich denke jedoch, dass die unterschiedlichen Integrationsvorstellungen gerade das Verhalten der zwei Hauptakteure Frankreich und Deutschland zu dieser Zeit erklären können.
Um die These zu überprüfen wird jede der drei Krisen mit folgendem Fragenkomplex untersucht:
- Wer waren die Verursacher der Krisen und welche Gründe hatten sie?
- Wie wurden die Krisen überwunden?
- Stellten die Krisen eine Bedrohung für die EWG und damit die europäische Integration dar?
- Welche Bedeutung hatten die Krisen für die weitere Entwicklung der EWG?
- Lassen sich intergouvernementale oder föderale Aspekte finden?
Die Ergebnisse der Fragen sollen anschließend die These belegen oder widerlegen und Erklärungen für die Ereignisse des untersuchten Jahrzehnts geben können.
[...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die politische Situation zu Beginn der 60er Jahre
III. Die Fouchet – Pläne
IV. Das England – Veto
V. Die Politik des leeren Stuhls und der Luxemburger Kompromiss
VI. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Krise der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in den 1960er Jahren, wobei der zentrale Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen intergouvernementalen und supranationalen Integrationsvorstellungen liegt. Es soll analysiert werden, wie die drei Krisenereignisse – die Fouchet-Pläne, das englische Beitrittsveto und die Politik des leeren Stuhls – das Integrationsverständnis der Akteure, insbesondere Frankreichs unter de Gaulle, prägten und welchen Einfluss sie auf die weitere Entwicklung der EWG ausübten.
- Die Konfrontation zwischen intergouvernementalen Konzepten und supranationalem Föderalismus.
- Die Rolle Frankreichs unter Charles de Gaulle als zentraler Akteur und Krisenverursacher.
- Der Einfluss außenpolitischer Faktoren wie das Verhältnis zu den USA und das transatlantische Bündnis.
- Die Auswirkungen der Krisen auf die Handlungsfähigkeit und den institutionellen Zusammenhalt der EWG.
- Die Untersuchung der Krisen anhand spezifischer Fragen zu Verursachung, Überwindung und langfristiger Bedeutung.
Auszug aus dem Buch
Die Politik des leeren Stuhls und der Luxemburger Kompromiss
Im Juli 1965 zog Frankreich seine Vertreter im Ministerrat ab und blockierte alle weiteren Treffen des Gremiums durch seine „Politik des leeren Stuhls“. Damit war die EWG nicht mehr handlungsfähig und befand sich in ihrer bis dato schwersten Krise.
Der Verursacher der Krise war einmal mehr Präsident de Gaulle. Um seine Ziele zu erreichen griff er zu dem äußersten Mittel, dass er neben der ultimativ letzten Möglichkeit eines Austrittes aus der Gemeinschaft anwenden konnte. Er blockierte konsequent das höchste Organ der EWG und sorgte so für ihre Handlungsunfähigkeit – ein in der Geschichte der europäischen Integration noch nie da gewesener Vorgang, weshalb auch die Reaktionen der anderen Mitglieder darauf ausgesprochen verunsichert waren.
Die Gründe, die de Gaulle zu dieser Reaktion bewogen haben, sind zweigeteilt. Auf der einen Seite gab es den direkten Anlass, die Verhandlungen über die Reform der Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik. Sie sollte an die neue Marktordnung angepasst werden. Gleichzeitig sollte das europäische Parlament mit mehr Rechten über seine Finanzmittel sowie zum ersten Mal auch mit eigenen Mitteln ausgestattet werden. Damit sollte der supranationale Charakter der europäischen Gemeinschaften entscheidend gestärkt werden.
Beide Reformen entsprachen nicht im Geringsten den französischen Vorstellungen. Auf der anderen Seite war es de Gaulles nationalstaatliche Überzeugung, die ihn zu diesem außergewöhnlichen Schritt bewog. Vom 1.1.1966 an sollte der Ministerrat, wie es im Gründungsvertrag der EWG als Teil der Römischen Verträge vorgesehen war, bei bestimmten Entscheidungen vom Einstimmigkeitsprinzip zu qualifizierten Mehrheitsentscheidungen übergehen. Dies stand diametral zu de Gaulles Europa der Vaterländer.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in das Thema der 1960er Jahre als Krisenjahrzehnt der europäischen Integration sowie Darstellung der zentralen These vom Kampf zwischen Intergouvernementalismus und Supranationalismus.
II. Die politische Situation zu Beginn der 60er Jahre: Analyse des veränderten weltpolitischen Umfelds durch den wirtschaftlichen Aufschwung der Europäer und das schwindende Interesse der Supermächte, das den Status Quo der Integration in Frage stellte.
III. Die Fouchet – Pläne: Untersuchung der französischen Versuche, einen intergouvernementalen Rahmen für die Außen- und Verteidigungspolitik zu etablieren, der am Widerstand der anderen EWG-Mitglieder scheiterte.
IV. Das England – Veto: Analyse des zweimaligen Vetos Frankreichs gegen den Beitritt Großbritanniens, motiviert durch die Ablehnung einer atlantischen Ausrichtung und die Angst vor einer Schwächung der französischen Vormachtstellung.
V. Die Politik des leeren Stuhls und der Luxemburger Kompromiss: Behandlung der schwersten Krise der EWG durch die französische Blockadepolitik, die in einem Kompromiss mündete, der die Souveränitätsbedenken Frankreichs vorerst sicherte.
VI. Zusammenfassung: Synthese der Untersuchungsergebnisse und Bestätigung, dass der Konflikt zwischen den beiden Integrationskonzepten über das Jahrzehnt hinweg bestimmend für die Entwicklung der EWG war.
Schlüsselwörter
EWG, Europäische Integration, Intergouvernementalismus, Supranationalismus, Charles de Gaulle, Fouchet-Pläne, England-Veto, Politik des leeren Stuhls, Luxemburger Kompromiss, Römische Verträge, Föderalismus, Europapolitik, Nationalstaat, Institutionen, Europäische Gemeinschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der EWG während der 1960er Jahre und analysiert dabei insbesondere die Krisenereignisse, die durch unterschiedliche Vorstellungen zur künftigen Organisation der europäischen Integration hervorgerufen wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind das Spannungsfeld zwischen intergouvernementaler Zusammenarbeit und supranationalem Föderalismus, die Rolle Frankreichs als Akteur sowie der Einfluss internationaler Rahmenbedingungen auf die EWG.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die These zu belegen, dass die Krisen der 60er Jahre primär auf dem Kampf zweier gegensätzlicher Konzepte zur Organisation eines geeinten Europas – das intergouvernementale gegen das supranationale – basieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Untersuchung erfolgt durch die fallbezogene Analyse der drei Krisenereignisse (Fouchet-Pläne, England-Veto, Politik des leeren Stuhls), wobei gezielte Forschungsfragen zu Verursachern, Gründen, Überwindungsmechanismen und Auswirkungen angewendet werden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der politischen Ausgangslage zu Beginn der 60er Jahre sowie die detaillierte Untersuchung der drei genannten Krisenfälle, ihrer jeweiligen Bedeutung und der daraus resultierenden Folgen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie EWG, Europäische Integration, Intergouvernementalismus, Supranationalismus, de Gaulle, Föderalismus und nationale Souveränität beschreiben.
Welche Bedeutung hatte die "Politik des leeren Stuhls" für die EWG?
Sie stellt die ernsthafteste Bedrohung der damaligen Zeit dar, da Frankreich das höchste Organ der EWG blockierte und die Gemeinschaft vorübergehend handlungsunfähig machte, um Mehrheitsentscheidungen zu verhindern.
Inwiefern beeinflusste die Persönlichkeit de Gaulles die Krisen?
De Gaulle fungierte als zentraler Akteur und Katalysator, dessen hartnäckiges Festhalten an seinem Konzept eines "Europas der Vaterländer" den Widerstand gegen supranationale Entwicklungen wie den Übergang zum Mehrheitsentscheid forcierte.
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- Nils Dressel (Author), 2002, Die Krise der EWG in den 60er Jahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8072