Inhaltsverzeichnis
Hungerkannibalismus 3
Die Belagerung von Dijon 1513 5
Die Belagerung von Sancerre 1573 7
Der Dreißigjährige Krieg 10
Die Zweifelsfrage im 17. Jahrhundert 13
Der Untergang der Mignonette 1884 16
Der Flugzeugabsturz in den Anden 1972 21
Schlussbetrachtung 23
Literatur 24
Quellen 26
Weblinks 26
2
Hungerkannibalismus
„Vor dem Hunger ist keine Gesellschaft moralisch geschützt, denn die Not kann die Menschen dazu treiben, schlechthin alles zu essen, was ihnen unter die Finger kommt.“ 1
Wie das Einstiegszitat bereits vermuten lässt, ist dieses Kapitel jener Form der Anthropophagie gewidmet, die das Verzehren anderer Menschen aufgrund einer extremen Nahrungsmittelknappheit zum Thema hat. In solchen Notlagen schien das Leben der Menschen offenbar so sehr gefährdet, dass der einzige „Ausweg“, nicht Hungers sterben zu müssen, der Abstieg zu barbarischen Kannibalismusakten war.
Bei der Beschäftigung mit diesem Thema soll weniger die Frage nach der Authentizität der Berichte zu Kannibalismusfällen im Vordergrund stehen als vielmehr die Analyse der Reaktionen zu einigen Vorfällen 2 . Hierzu stützt sich die Arbeit auf einschlägige Beispiele,
die eine breite Palette an möglichen Reaktionen verzeichnen. Die Beispiele werden unter anderem den Umgang mit der Sünde, Schuldabwendungen und -zuweisungen, sowie Rechtfertigungsversuche beziehungsweise Verurteilungen von Moralisten, Theologen und Juristen behandeln.
Ein Großteil der Forschungsliteratur zum Thema Kannibalismus widmet sich dem so genannten „rituellen“ 3 Kannibalismus: Darunter fallen unter anderem Werke von Ewald Volhard 4 , William Arens 5 oder Heidi Peter-Röcher 6 . Gute Einblicke zum Themengebiet des
1 Lévi-Strauss, Claude: Traurige Tropen, Frankfurt/M. 1955, S. 355.
2 Vgl. Fulda, Daniel: „Wann wir die Menschfresser nicht in Afrika oder sonsten/sondern vor
3 Der Begriff des rituellen Kannibalismus dient lediglich als Unterscheidungsmerkmal zum
4 Volhard: Kannibalismus.
5 Arens, William: The Man-Eating Myth. Anthropology & Anthropophagy, New York 1979.
6 Peter-Röcher, Heidi: Kannibalismus in der prähistorischen Forschung. Studien zu einer
Kannibalismus, die sowohl auf profane wie auch rituelle Kannibalismusformen eingehen, bieten die Werke von Hedwig Röckelein 7 , Daniel Fulda 8 und Piero Camporesi 9 .
Informationen zu einzelnen Kannibalismusvorfällen zu finden, gestaltet sich teilweise schwer. Im Fall des belagerten Dijon, in dem es im Jahre 1513 zu einem Kannibalismusfall kam, konnte der Sachverhalt erst einige Jahre später in den Gerichtsakten zu Mühlhausen nachgewiesen werden - und in diesem Fall ist der Historiker gezwungen, einzig und allein auf das wahrheitsgemäße Geständnis des Verurteilten zu vertrauen. Zu der Belagerung der Stadt Sancerre im Jahre 1573 erweisen sich die Aufzeichnungen des Augenzeugen und Leidensgenossens Jean de Léry 10 als sehr hilfreich. Nicht nur in seinem Werk „Histoire
memorable de la ville de Sancerre“, in dem der Autor direkt auf die grausamen Geschehnisse während der Belagerung eingeht, erfährt man von kannibalischen Handlungen. Die traumatisch erlebte Belagerung wird von de Léry auch in einem anderen Werk, in „Histoire d’un voyage“, verarbeitet. Während man bei den ersten beiden Ausführungen auf die Darstellungen einzelner Autoren angewiesen ist, häufen sich die Belege für Kannibalismus-vorfälle zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Mit besonderem Augenmerk auf der Stadt Augsburg widmet sich Bernd Roeck 11 in mehreren Monographien dem Geschehen, das be-
dauerlicherweise auch das Verzehren von Leichenfleisch beinhaltet. Des Weiteren erschien 1996 eine Edition des Tagebuchs aus dem Dreißigjährigen Krieg von Maurus Friesenegger 12 , das ergänzend zu anderen Darstellungen, etwa denen von Georg Greflinger 13 oder Johann Peter Kayser 14 , Aufschluss und Bestätigung der geschilderten Vorfälle gewährt. Zur dubitatio
7 Röckelein, Hedwig: Einleitung - Kannibalismus und europäische Kultur, in: Röckelein, Hedwig (Hrsg.): Kannibalismus und europäische Kultur, Tübingen 1996.
8 Fulda, Daniel: „Wann wir die Menschfresser nicht in Afrika oder sonsten/sondern vor unser
9 Camporesi, Piero: Das Brot der Träume. Hunger und Halluzination im vorindustriellen Europa, aus d. Ital. von Karl F. Hauber, Frankfurt/Main 1990.
10 Léry, Jean de: Histoire mémorable de la ville de Sancerre, [o. O.], 1574 sowie Histoire d’un voyage fait en la Terre du Bresil, autrement dite Amerique, [o.O.] 4 1600.
11 Roeck, Bernd: Als wollt die Welt schier brechen. Eine Stadt im Zeitalter des Dreißigjährigen
12 Friesenegger, Maurus: Tagebuch aus dem 30jährigen Krieg, hrsg. von P. Willibald Mathäser, München 1996.
13 Greflinger, Georg alias Celadon: Der Deutschen Dreyßig-Jähriger Krieg, [o.O.] 1657.
14 Kayser, Johann Peter: Historischer Schau=Platz der Alten berühmten Stadt Heydelberg,
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treffen die Meinungen eines Athenagoras 15 mit deren eines Menochio 16 , Azpilcueta 17 oder Sa 18 aufeinander. Während Athenagoras Kannibalismus unter allen Umständen für unzulässig
erachtet, wägen die anderen genannten Theologen die Vorfälle unter der Berücksichtung eines Notfalles ab. Diese Diskussion um die Definition eines Notfalles ereignet sich wiederum im Jahre 1884 beim Seeunglück der Mignonette. Informationen angefangen vom Untergang über die Reaktionen der Öffentlichkeit bis hin zum Gerichtsurteil bietet die Monographie A. W. Brian Simpsons 19 , auf die sich viele spätere Publikationen berufen. Selbst von scharfen Kritikern wird Simpsons allseitige Nachforschung anerkannt 20 . Der Flugzeugabsturz in den
Anden im Jahre 1972 dient als neuestes Beispiel zum Notkannibalismus; die Zeitschrift „Der Spiegel“ leistet unter anderem einen Beitrag dazu, das schreckliche Ereignis einer breiten Leserschaft publik zu machen und beeinflusst somit teilweise die Reaktion auf diese Kanni-balismusvorfälle. Als Ausblick wird am Ende der Arbeit auf den heutigen Notstandsartikel im Strafgesetzbuch verwiesen.
Die Belagerung von Dijon 1513
Als Einstieg zu den Kannibalismusdiskursen setzt diese Arbeit im Jahre 1513 an, in dem Dijon, die alte Hauptstadt der Herzöge von Burgund, belagert wurde. Die Schweizer hatten das Ziel der Wiedereroberung Burgunds und damit der Plünderung seiner Hauptstadt im Visier. Zusammen mit ihren Verbündeten, darunter der Herzog Ulrich von Württemberg, kreisten die Schweizer am 8. September 1513 die Stadt von allen vier Seiten ein. Obwohl der Angriff der Schweizer vorausgesehen wurde und Dijon dementsprechend knapp einen Monat davor eine Massenversorgung hatte organisieren können, war die Stadt letztendlich doch nur für einen Handstreich, weniger aber für eine längerfristig andauernde Belagerung gerüstet 21 .
Frankfurt am Mayn 1733.
15 Athenagoras von Athen: Bittschrift an die Christen, übersetzt von P. Anselm Eberhard, in:
16 Menochio, Joanne Stephano: Nutzliche und sehr gelehrte Zeitvertreibung, Augsburg 1699.
17 Azpilcueta, Martin: Enchiridion sive manuale confessariorum ac poenitentium, Antwerpen
1589.
18 Sa, Emanuela: Aphorismi confessariorum ex doctorum sententijs collecti, Köln 1612.
19 Simpson, A. W. Brian: Cannibalism and the Common Law. The Story of t Tragic Last Voyage of the Mignonette and the Strange Legal Proceedings to Which It Gave Rise, Chicago/London
1984.
20 Vgl. Rasor, Eugene L.: Kommentar zu Cannibalismus and the Common Law von Simpson, in: The American Historical Review, Vol. 90, No. 2 (Apr. 1985), S. 417 unter: http://www.jstor.org, letzter Aufruf am 30.10.2006.
21 Vgl. http://philippe.houndry.free.fr/Eprints/SiegeDijon1513_DEU.pdf; letzter Aufruf am 28.
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Dank der Verhandlungskunst des Statthalters Louis de la Trémoille, dem die Unzufriedenheit auf Seiten der Soldaten, die im ausstehenden Sold begründet lag, zu Ohren gekommen war und der diese Informationen geschickt ausnutzte 22 , schwächte er die Belagerung so weit, dass ein Einnehmen der Stadt nicht mehr möglich war. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages am 13. September 1513 endete die Belagerung. Durch die Belagerung der Stadt verursachten die Schweizer „ein grossen hunger darinnen“ 23 . Dieser Hunger trieb Nicola Schante angeblich dazu, unter Beihilfe seines Bruders seine eigene Mutter umzubringen. Anschließend habe er ihr „fleisch an den waden und sonst wo es fleischechttig gewesen heraußgeschnitten“ 24 und sie „rho, wie die hundt auf dem wasen gefressen“ 25 . Die Leiche der Mutter hätten die Geschwister in Leintücher gewickelt und ihr nach der Belagerung ein Begräbnis zukommen lassen, allerdings unter Vortäuschung falscher Tatsachen, dass sie eines natürlichen Todes gestorben sei 26 . Über Reaktionen auf das Verbrechen ist nichts bekannt - zumal die Tat damals von den Brüdern „vertuscht“ wurde. Hinweise zum Umgang mit der Schuld findet man erst zwölf Jahre später, als der 24-jährige Nicola in Mühlhausen verhört wurde. Darauf, dass es sich bei dem jungen Mann aber keineswegs um einen unbescholtenen Bürger handelte, der lediglich einmal ein Verbrechen aus Not begangen hatte, weisen die gerichtlichen Mordbrennerakten hin, in denen Nicola neben dem Verbrechen des Kannibalismus Delikte unter anderem der Brandstiftung, des Diebstahls und des Raubmordes zu verschulden hatte 27 . Allerdings muss man bei solchen Akten skeptisch sein, wenn der Angeklagte wie in diesem Fall eine so große Zahl von schweren Verbrechen bekannte: Folterungen waren keineswegs eine seltene Methode um Geständnisse zu erzwingen 28 . Da allerdings der Kannibalismus - wie anhand der üblicherweise verzeichneten Strafen zu sehen ist - ein eher ungewöhnliches Verbrechen war, 29
März 2006.
22 Vgl. Gras, Pierre: Histoire de Dijon, Toulouse 1987, S. 106.
23 [Mb 72] AMMUL, VIII O, Bd. 3 (18.3. u. 3.4. ohne Jahr, nach Repertoriumseintrag 1565),
24 Siehe Anm. 23.
25 Siehe Anm. 23.
26 Siehe Anm. 23.
27 Siehe Spicker-Beck, Monika: Räuber, Mordbrenner, umschweifendes Gesind. Zur Kriminalität im 16. Jahrhundert (Rombach Wissenschaft, Reihe Historiae, 8), Freiburg 1995, S. 359.
28 Siehe Spicker-Beck, Monika: Mordbrennerakten. Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von
29 Siehe Spicker-Beck, 1995, S. 47-48 und S. 333-361, im Speziellen unter Berücksichtigung des vierten Punktes, der die Art der Delikte auflistet.
kann angenommen werden, dass sich die von Nicola gestandene Tat wirklich auf diese Weise zugetragen haben könnte. Warum er allerdings trotz der nur kurzen Belagerung solch gravierende Schritte wie die Tötung und das Verspeisen der eigenen Mutter unternommen hatte, bleibt unklar. Vielleicht trieb der Hunger, gepaart mit der Unsicherheit über die Dauer der Belagerung, den jungen Mann zu diesem Verbrechen.
Trotz seines kriminellen Charakters hatte Nicola das Verbrechen an seiner Mutter drei Jahre vor Beginn der Gerichtsverhandlungen gebüßt, indem er drei „Winter ohn ein hembt“ 30 verbrachte und sein Verbrechen somit offenkundig bereute.
Das Vergehen des Kannibalismus war zu jener Zeit auch in äußerster Not eine Tabuverletzung. Nicola Schante konnte sich von dem Makel der Schuld durch die entsprechende Bußleistung lösen; oftmals fehlten jedoch solche Reinigungsrituale, die den geläuterten und vor allem durch die Buße geheilten Sündern die Wiederaufnahme in die Gesellschaft hätten ermöglichen können 31 . Somit konnten die in Sünde gefallenen Menschen „ohne gesellschaftlich akzeptiertes Sühneritual ihre Schuld nicht büßen“ 32 . „Das verletzte Tabu rächt sich [dabei] selbst“ 33 : wer demnach ein Tabu verletzt hatte, somit selbst tabu geworden ist, wird durch die Gesellschaft bestraft. Von der Sünde loslösen kann sich der Mensch erst durch Bußhandlungen und Reinigungszeremonien 34 . Weshalb jedoch Bußleistungen im Fall der Anthropophagie selten „angeboten wurden“ 35 , ist unklar.
Die Belagerung von Sancerre 1573
Während die Belagerung von Dijon nur wenige Tage angedauert hatte 36 , fand in Frankreich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine sehr viel tiefer greifende Bedrohung durch die Glaubens- beziehungsweise die Hugenottenkriege statt. Im Folgenden wird, entgegen der Fokussierung der Forschungsliteratur auf die Geschehnisse der Bartholomäusnacht, das Schicksal der kleinen Stadt Sancerre an der Loire in den Blickpunkt gerückt. Bekannt ist, dass die Protestanten, die sich auf der Flucht vor den Katholiken befanden und sich in Sancerre zurückgezogen hatten, im Jahre 1573 systematisch von ihren Glaubens-
30Siehe Anm. 23.
31 Vgl. Röckelein: Einleitung, S. 12.
32 Röckelein: Einleitung, S. 12.
33 Freud, Sigmund: Totem und Tabu (Gesammelte Werke, Bd. 9), London 1940, S. 28.
34 Vgl. Freud: Totem und Tabu, S. 29.
35 Röckelein: Einleitung, S. 12.
36 Vgl. http://www.lexhist.ch/externe/protect/textes/d/D8895.html; letzter Aufruf am 4. April
2006.
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Dipl. Math. Stefanie Winter, 2006, Hungerkannibalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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