Universität Trier, Erziehungswissenschaften für das Lehramt - EWL
Seminar: Reformkonzepte für weiterführende Schulen unter
besonderer Berücksichtigung der Ganztagsschule
WS 2002/2003
Deutsche Reformpädagogik
Die Pädagogische Bewegung am Beispiel dreier Schulkonzepte
von
Christoph Baldes
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung... 3
1.1 Was ist Reformpädagogik?... 3
1.2 Die drei Phasen der deutschen Reformbewegung... 3
1.3 Grundlagen der Pädagogische Bewegung... 4
1.4 Vorgehensweise... 5
2. Beispiele verschiedener Schulkonzepte der Pädagogischen Bewegung... 5
2.1 Die Arbeitsschule... 5
2.1.1 Der Begründer: Georg Kerschensteiner... 5
2.1.2 Das Konzept der Arbeitsschule... 6
2.1.3 Kritik an der Arbeitsschule... 8
2.2 Die Waldorf-Schule... 9
2.2.1 Der Begründer: Rudolf Steiner... 9
2.2.2 Das Konzept der Waldorfschule... 10
2.2.3 Kritik an der Waldorfschule... 12
2.3 Die Landerziehungsheim-Bewegung... 13
2.3.1 Der Begründer: Hermann Lietz... 13
2.3.2 Das Konzept des Landerziehungsheims (LEH)... 14
2.3.3 Kritik an der Landerziehungsheim-Bewegung... 17
3. Schlussbetrachtung... 18
3.1 Zusammenfassung... 18
3.2 Wirkung der Pädagogischen Bewegung... 19
4. Literaturverzeichnis... 21
1. Einführung
1.1 Was ist Reformpädagogik?
Unter Reformpädagogik versteht man alle Theorien und Maßnahmen, deren Ziel eine Veränderung in Erziehung, Schule und Unterricht ist. Die Geschichte der Reformpädagogik beginnt mit dem Anbruch der Modernen, ihre Hochphase erlebt sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihre Grundkonzepte führen zu neuen schulischen Formen, die meist von privaten Schulträgern verwirklicht werden. Die Reformpädagogik ist eine internationale Strömung, die vor allem in der „westlichen Welt“ anzutreffen ist, d.h. in Europa und den USA.
1.2 Die drei Phasen der deutschen Reformbewegung
Die Geschichte der deutschen Reformpädagogik lässt sich in drei Phasen unterteilen.1 Die erste Phase setzt mit Beginn der Aufklärung ein. Sie ist gekennzeichnet durch den Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft. Ihren Höhepunkt erreicht die erste Phase Anfang des 19. Jahrhunderts mit den preußischen Reformen. Waren die Schulen zuvor Bildungseinrichtungen, die die Schüler auf ihr standesmäßig vorherbestimmtes Leben vorbereiteten, werden sie nun so aufgebaut, dass nach Abschluss der Schule der Schüler seine Zukunft selber bestimmen kann. In der neuen Form der Schule werden die Schüler in eine Konkurrenzsituation versetzt, in der sie durch ständiges Sich-Vergleichen motiviert werden sollen. Ziel ist die Vorbereitung auf die bürgerliche Leistungsgesellschaft. Kritisch betrachtet wird dabei die Gefahr, dass Konkurrenz und Ehrgeiz nicht nur leistungsfördernd, sondern einerseits entmutigend, anderseits aber auch schädlich für die sittliche Erziehung sein können. Letztlich ist die erste Phase der Reformpädagogik durch die Fragen geprägt, wie Schüler zur freien Selbsttätigkeit, zum freien Denken und Handeln gebracht, aber auch, wie sie möglichst allumfassend gebildet werden können. Wichtige Vertreter der ersten Phase sind Fichte, Fröbel oder Humboldt. Das Ergebnis dieser ersten Phase ist die Verbreitung der staatlichen Lernschule.
Die zweite Phase, in der Fachliteratur auch als „Pädagogische Bewegung“2 bezeichnet, umfasst den Zeitraum ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Während die Reformbewegung zuvor für die Errichtung öffentlicher Schulen kämpfte, setzt sie sich nun kritisch mit diesen auseinander. Anstelle von Staat und Gesellschaft steht nun die individuelle Lebensform im Mittelpunkt, statt humanistischer Bildung stehen Exkursionen und Projekte im Vordergrund. Kennzeichnend für die Pädagogische Bewegung ist eine Unabhängigkeit vom politischen System, egal ob Kaiserreich oder Republik. Erst im Nationalsozialismus gerät sie unter ideologischen Einfluss der Politik und tritt in deren Dienst. Zu nennen sind in dieser Phase Namen wie Kerschensteiner, Steiner, Lietz oder Petersen.
Die dritte Phase beginnt mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland; sie dauert bis heute an. Aufgabe der heutigen Reformpädagogik ist es, die Schule auf die Neuordnung von Erziehungs-, Politik- und Beschäftigungssysteme einzustellen. Dabei zeichnet sich auf der Suche nach neuen Schulsystemen eine breite Diskussion zwischen Normal- und Reformpädagogik ab. Hervorgetreten sind dabei Reformpädagogen wie Helbig oder Oelkers.
1.3 Grundlagen der Pädagogische Bewegung
Die Hausarbeit beschäftigt sich mit der zweiten Phase der deutschen Reformpädagogik, der Pädagogischen Bewegung. Sie beruht vor allem auf zwei Grundpositionen: Eine erste stammt von Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (1790-1866). Diesterweg fordert, dass ein Schüler einerseits zu selbständigem Lernen erzogen werden solle, andererseits der Lehrer dieses Lernen so lenken soll, dass den individuellen Grenzen des Schülers entsprochen wird. Dabei stellt er die Dialektik von „Natur“ und „Kultur“ auf: Obwohl der Lehrer den Schüler der Kultur angepasst erziehen soll, sei für den bestmöglichen Erfolg ein naturgemäßes Vorgehen notwendig, d.h. das Ideal der Schülerselbsttätigkeit muss in gesellschaftlich vorgegebene Normen eingepasst werden. In seinen „Wegweiser zur Bildung für deutsche Lehrer“ kommt Diesterweg zu dem Ergebnis, dass „alles Hierarchische [...] der Gegensatz des modernen Unterrichtsprinzips“3 ist. Diese Feststellung führt zu einer Schulpädagogik, die sowohl Zeitgenossen als auch eine Vielzahl späterer Reformpädagogen begrüßen.4 Entsprechend groß ist die Wirkung der Theorien Diesterwegs auf die folgenden Reformbestrebungen.
Eine völlig neue Sichtweise liefert Ellen Key (1849-1926) in ihrem Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ (1900). In diesem fordert sie eine „Pädagogik vom Kinde aus“, die auf darwinistischen und rassentheoretischen Überzeugungen beruht.5 Key spricht von einer natürlichen Erziehung durch das Leben selbst: Traditionelle Formen des Unterrichts weichen, an deren Stelle treten Selbstbeobachtung und Selbstarbeit: Das Kind bekommt nicht mehr theoretisch erklärt, was Folge und Wirkung bestimmten Handelns ist, sondern soll dies durch Ausprobieren selber herausfinden. Ziel dieser Erziehung ist es, das „eigene Dasein zu einem Kunstwerk zu gestalten“6, d.h. eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Key räumt ein, dass trotz allem ein gewisser Anteil Lehr-Lern-Unterricht notwendig ist, um elementare Dinge wie Lesen und Schreiben, die vier Grundrechenarten sowie Grundbegriffe der Geographie und Naturkunde zu vermitteln.
1.4 Vorgehensweise
Grundzüge der Prinzipien Diesterwegs und Keys werden von fast allen Vertretern der Pädagogischen Bewegung übernommen. Dennoch liefert die Pädagogische Bewegung eine außergewöhnliche Theorienvielfalt. Grund hierfür sind sehr vieldeutige Interpretationen der Prinzipien, die innerhalb der Bewegung sogar zu Spannungen führen.7 Die Hausarbeit stellt in der Folge drei bedeutende Schulsysteme der Pädagogischen Bewegung vor, um so die unterschiedlichen Schwerpunkte und Ausprägungen aufzuzeigen. Dabei soll chronologisch nach der Entstehung der Systeme vorgegangen werden: angefangen mit der Arbeitsschule zur Jahrhundertwende über die Waldorfschule hin zum Konzept der Landerziehungsheime. Geliefert werden soll ein kurzer Überblick über Konzept und Ideologie des jeweiligen Schulentwurfs, ein Blick auf den Begründer der Bewegungsrichtung und abschließend jeweils eine kritische Wertung.
2. Beispiele verschiedener Schulkonzepte der Pädagogischen Bewegung
2.1 Die Arbeitsschule
2.1.1 Der Begründer: Georg Kerschensteiner
[...]
1 Vgl. Benner/Kemper, S. 13ff.
2 Nohl lt. Benner/Kemper S. 9
3 Diesterweg lt. Benner/Kemper, S. 49
4 Vgl. Benner/Kemper, S. 49
5 Vgl. Benner/Kemper, S. 57
6 Key, S. 193
Arbeit zitieren:
Christoph Baldes, 2003, Deutsche Reformpädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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