Verbildlichte Fremdheit
Eine qualitative Analyse von Reisekatalogen
Diplomarbeit
An der Universität Bielefeld / Fakultät für Pädagogik
Vorgelegt von
Nicola Anja Stratmann
Inhaltsverzeichnis
Abflug ! - Zu Beginn: Reisevorbereitung ... 2
I Eine Person, ein Strand ... in Sansibar - Die subjektive Wahrnehmung von Fremdheit ... 6
1.1 Irritation des Vertrauten ... 7
1.2 Fremdzuschreibung – Anzeigen von Relevanz ... 11
1.2.1 Fremdheit als irreversible Relation ... 17
1.2.2 Zur Relation von Fremdheit und Exotik ... 18
1.2.3 Unzugänglichkeit, Differenz und Distanz ... 22
1.3 Exotik als Modell der Fremde ... 24
1.4 ‘Dosierung’ von Fremdheit ... 32
II Zur Methode - Die Befremdung des Blicks ... 36
2.1 Zur Methodenwahl und dem methodischen Vorgehen ... 36
2.2 Die Analyseebenen der ikonografisch-ikonologischen Bildinterpretation ... 42
2.3 Zur eigenen Perspektivgebundenheit – Problem und Chance ... 48
2.4 Das Sample der Studie ... 51
III Ein ‘schwarzer’ Mann, der lacht; ein ‘wildes’ Tier, das brüllt- Die Konstruktion von Fremdheit durch den ‘touristischen Blick’ ... 53
3.1 Exotik als subjektive Konstruktionspraxis ... 54
3.2 Befremdung innerhalb von Fremderfahrung ... 60
3.3 Exotik innerhalb vertrauter Funktionen - Dienstleistung und Besichtigung ... 65
3.3.1 Dienstleistung ... 70
3.3.2 Besichtigung ... 75
IV Das ‘Tam Tam’ der Trommeln in Gambia - Die Konstruktion von kollektiver Fremdheit ... 82
4.1 Gleichheit, Differenz und Bedeutungsproduktion ... 83
4.2 Lebensformen in binärer Opposition – ‘Zivilisation‘ und ‘Primitivität‘ ... 86
4.2.1 Faszination der fremden Lebensform – Aufwertung des ‘Eigenen‘ ... 93
4.2.2 Faszination der eigenen Lebensform – Abwertung des ‘Fremden‘ ... 96
4.3 Fremdheit als Negation von Eigenheit ... 103
V Sie haben es sich verdient! - Die diskursive Macht des ‘exotischen Blicks’ ... 111
5.1 Zur Vermischung der Kulturen ... 111
5.2 Zentrierung – Zur ‘Einverleibung’ des Fremden ... 120
5.3 Zur Hierarchisierung und Sicherung von Positionierungen ... 127
5.3.1 Auf den Spuren ... ... kolonialen Fantasien? ... 132
5.3.2 Die ‘epistemische Gewalt’ hegemonialer Diskurse ... 135
Bereit zur Landung? - Zum Schluss: Exotismus einmal anders denken ... 140
Literatur ... 148
Internetquellen ... 153
Abbildungen ... 154
Abflug! - Zu Beginn: Reisevorbereitung
Im Rahmen der vorliegenden Studie werden wir uns auf eine Reise der etwas anderen Art begeben. Es wird eine Reise durch die ‘verbildlichte Fremdheit’ der Reisekatalogbilder sein, im Rahmen derer wir an verschiedenen Stationen Halt machen und thematisch in die bunte Bilderwelt der Fremde ‘eintauchen’ werden. Vorab sei jedoch darauf hingewiesen, dass es keine ‘einfache’ Reise werden wird. Das Phänomen der Fremdheit verspricht aufgrund seiner Komplexität vielmehr einen Abenteuerurlaub, als dass wir uns auf eine entspannte Zeit an einem paradiesischen Strand einstellen könnten. Worum wird es gehen?
Auf dem Weg in das Reisebüro, um uns mit Katalogen ferner und fremder Urlaubsziele auszustatten, begegnen wir zunächst anderen Menschen - auf der Straße, in der Straßenbahn, im Kiosk um die Ecke. Menschen, die wir nicht kennen, es sind uns fremde Menschen. Wir laufen an Schaufenstern vorbei, in denen wir uns spiegeln und fühlen uns vielleicht befremdet, weil sie uns anders abbilden, als der gewohnte Spiegel zu Hause. An einer Hauswand lesen wir ein Graffiti: „Fremde raus!“, auf dem Handy erscheint eine Kurzmitteilung von einem Freund: „Du bist mir fremd geworden“. Unsere Eltern haben uns schon immer eindringlichst davor gewarnt, etwas von Fremden anzunehmen – Fremdheit ist allzeit präsent, nichts besonderes, alltäglich eben.
Und plötzlich – mit einem Blick in den Reisekatalog1 – wird Fremdheit auf einmal interessant, hört auf, alltäglich zu sein. Sie wirkt faszinierend, sie reizt uns, sie lässt uns auf eine schöne Zeit in der Ferne2 hoffen. Beinahe ein jeder von uns reist gerne, ein jeder von uns kennt die Bilder aus den Hochglanzprospekten der Reiseveranstalter. Warum aber ist diese Fremdheit anders? Warum fühlen wir uns von diesen Bildern fasziniert, sparen daraufhin, um an weit entfernten Orten Fremdheit anders erleben zu können? Wie konstituiert sich dieses ‘anders’? Jene Bilder der Fremde scheinen diese auf eine Weise zu belichten, die ‘etwas’ in uns zu rühren vermag, was uns im alltäglichen Umgang mit Fremdheit nicht widerfährt. Ein afrikanischer Straßenhändler auf dem Markt im heimischen Stadtviertel ist nichts Besonderes.
Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft. Warum aber wird der Afrikaner zu etwas Besonderem, wenn sich sein Marktstand in Mombasa befindet und wir ihn als Touristen besuchen könnten, so wie es uns der Katalog verspricht?3 Warum reizt es uns, einen gambischen Ringkampf zu besichtigen, während wir zuhause vor dem Besuch einer Boxveranstaltung aber vielleicht eher zurückschrecken?4 Warum wollen wir in die Fremde reisen, um uns den sonderbar ‘faszinierenden’ Genuss eines guten europäischen Essens zu gönnen?5
Derartige Fragen ließen sich nun endlos weiterführen, ohne dass sie ohne weiteres zu etwas führen würden. Allerdings wird an ihnen erkennbar, dass Fremdheit auf vielfältige Weise in Erscheinung treten kann und unterschiedliche Bedeutungen zu tragen scheint. Fremdheit ist ein Phänomen unserer Lebenswelt (vgl. Bernhard WALDENFELS6 etwa 1997; 1998; 2006). Die vorliegende Studie ist daher in weiten Teilen phänomenologisch orientiert, denn etwas als ‘Erscheinung’ zu betrachten bedeutet zugleich, sich der Frage zu stellen, wie sich etwas als Fremdheit im Bewusstsein verankert (vgl. Ferdinand FELLMANN 2006: 11ff.). In der Phänomenologie ist demnach nichts, was es ist, sondern es ist immer das, als was es erscheint. FELLMANN bemerkt hierzu:
„Damit werden die Gegenstände ihrer Festigkeit, ihres An-sich-seins beraubt und auf Erfahrungsprozesse zurückgeführt, deren Gesetze zu erforschen Hauptaufgabe der Phänomenologie ist.“ (2006: 12)
Die Phänomenologie, so formuliert es WALDENFELS, gelange also nur dann auf ihren Weg, „wenn sie in dem, was erscheint, die Art und Weise, wie es erscheint, und die Grenzen, in denen es erscheint“ mit bedenke (1997: 19).
Es wird in der vorliegenden Studie demnach sowohl um eine Erfahrung des Anderen als ‘Fremden’ als auch um das Selbstbild eines Bildbetrachters gehen, dem in den folgenden Analysen Rechnung zu tragen sein wird. ‘Etwas‘ als ‘etwas’ zu sehen, bedeutet eben nicht nur, etwas als etwas zu identifizieren, sondern impliziert zugleich, dass es mit subjektiver Bedeutung aufgeladen werden kann. Die Wahrnehmung bewege nichts, wenn sie sich nicht mit dem ‘Streben’ verbinden ließe (vgl. WALDENFELS 2004: 220).
Mit einem Reisekatalog in der Hand verändert sich sogleich der Blick auf ‘Fremdheit’, und damit aus phänomenologischer Perspektive auch ihre Erscheinung. Eben noch auf die Realitäten des Alltags ausgerichtet, erscheinen beim Betrachten der reizvollen bunten Bilder der Ferne nun ‘fremde Traumziele’ am Horizont. Durch die Perspektivität des ‘touristischen Blicks’7 wirft Fremdheit keinen Schatten auf die ‘schönste Zeit des Jahres’, im Gegenteil, zum vollen Urlaubsgenuss in der Ferne gehören ‘das Fremde’ und ’der/die Fremde’ unverzichtbar dazu. Bilder machten „im weitesten Sinne Appetit“ (WALDENFELS 2004: 220). Der Reiz eines Bildes die Fremde betreffend, verlangt – so kann vermutet werden – nach einer ‘Dosierung’ des Fremden, inhaltlich reizvoll aber nicht er- oder gar abschreckend. Am Urlaubsort scheint es demnach eine ‘ideale Art’ von Fremdheit zu geben, genauso ‘schön’ wie die Zeit, die sich dort denken lässt, denn am ‘westlichen Horizont’ zeichnet sich derweil aufgrund der eigenen vielfältigen Wünsche, der subjektiv vorhandenen Bedürfnisse sowie vielschichtiger Erwartungen das ‘Gebilde Urlaub‘ schon im Vorfeld einer Reise ab.
Wie die ‘Fremde’ beworben wird, wird daher viel darüber aussagen, welche Fremdheitsbilder ein Betrachter bereits in sich trägt, die ‘reizbar’ sind und somit ansprechbar werden. Verkauft werden soll ein Produkt, das sich eignet, sich seine ‘schönste Zeit’ im Jahr zu konstruieren, von der Planung bis zur Heimreise und idealer weise vielleicht sogar noch darüber hinaus. Es werden sich durch die Analyse der Bilder zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Aussagen über allgemein wirksame Wahrnehmens- und Denkmuster über Fremdheit treffen lassen können, da in der Werbung diese Bilder nicht auftauchen würden, wenn sie nicht ‘allgemein’, für die ‘Masse’ der Verbraucher hochwirksam wären. In modernen Werbestrategien wird von der unmittelbaren Aktivierung von Veraltensprogrammen eines ‘Autopiloten’ mittels Symbolen gesprochen, da sich über Symbole besonders effizient kulturell erlernte Bedeutungen transportieren lassen. So werden beispielsweise menschliche Protagonisten oder Tiere als Symbole für ‘etwas’ anderes eingesetzt, was einen potentiellen Konsumenten unterschwellig in seiner Kaufentscheidung beeinflusst (vgl. Christian SCHEIER/ Dirk HELD 2006).8 „Sehen“, so formuliert es WALDENFELS weiter, bedeute nicht allein „etwas als etwas zu sehen, sondern daß zur Ausformung dieses Als das Bild einen unentbehrlichen Beitrag liefert, und zwar in Form von Vor- und Nachbildern, von Erinnerungs- und Erwartungsbildern und von imaginativen Schlüsselbildern.“ (2004: 220) 9.
Wäre die ‘Fremde’, welche in den Bildern präsentiert wird, demnach vergleichbar mit einer ‘verführerischen Torte’, von der sich ein Betrachter als potenzieller Tourist ein ‘dickes Stück’ einverleiben kann? Bereits in der ersten Bildanalyse der Studie wird die Komplexität der Verflechtung der ‘Zutaten’ jener ‘appetitlichen Fremdheit’ ersichtlich werden, zusätzlich angereichert durch Empfindungen und Gefühle, die mit den angestrebten Fremdheitserfahrungen einhergehen.
Jene Komplexität des Phänomens ‘Fremdheit’ soll daher in einer ersten Bildinterpretation (Kapitel I) erfasst werden, um die Dichte dieser Komplexität zu lockern und um eine Analyse mittels erster Theoriebezüge qualitativ gewichten zu können. Ich gehe davon aus, hieraus Eingrenzungen der weiteren Aufmerksamkeit auf die Gesamtheit des Bildmaterials10 generieren zu können. Des Weiteren wird es darum gehen, die sich aus dem Bild ergebenden Schwerpunkte hinsichtlich des Themas ‘verbildlichte Fremdheit’ kategorisch zu erfassen, um den Leser sowohl in die Theorie als auch in das methodische Vorgehen dieser Studie einzuführen. Es handelt sich demnach um ein induktives Vorgehen im Sinne einer gegenstandsverankerten Theoriebildung, das uns durch erste Irritationen und befremdliche Erfahrungen innerhalb einer einführenden Bildanalyse die weiteren ‘Stationen’ unserer Reise erschließen wird.
Wir wollen uns der dargestellten Fremdheit annähern, indem wir uns ihr ‘hingeben’, ihre Erscheinung am eigenen Leib erfahren, denn in jenen Prozessen bildet und artikuliert sich Sinn, die ‘Dinge’ erhalten ihre Gestalt (vgl. WALDENFELS 1997: 19). Fremdheit, so WALDENFELS, „beginnt bei mir selbst, oder sie bedeutet nicht viel.“ (2006: 11).
Wenn wir, wie es uns die Phänomenologie nahe legt, die Wirklichkeiten, die uns umgeben, selbst erzeugen, indem wir sie erfahren (vgl. FELLMANN 2006: 22), so wäre davon auszugehen, im Verlauf der so verstandenen Analyse etwas über jene Wirklichkeiten der ‘verbildlichten Fremdheit’ im touristischen Werbemedium Reisekataloge in Erfahrung bringen zu können, aber:
„Vielleicht sind die Wirklichkeiten, in denen wir leben, nur Konstruktionen, die sich eines Tages als Illusion erweisen.“ ( FELLMANN 2006: 22)
[ ... ]
1 Die untersuchten Bilder sind aus einem Reisekatalog des Pauschalreiseveranstalters ‘Neckermann’
(Fernreisen Afrika – Arabien – Asien – Indischer Ozean: 2006) entnommen.
2 Untersucht werden bildliche Darstellungen von Fernreiseländern, da angenommen wird, dass hier die
Fremdheit der ‘Anderen’ relevanter für eine Reiseentscheidung ist, als dies bspw. in europäischen
Destinationen vermutet wird. Vor allem im Kontext von Fernreiseländern spricht man auch von
‘exotischer Fremdheit’, welche bereits im Rahmen der ersten Analyse thematisiert und einen
Schwerpunkt der Arbeit darstellen wird.
3 Eine Behandlung dieser Frage wird im dritten Kapitel der Studie erfolgen.
4 Dies wird die vierte Station unserer Reise sein.
5 Hierzu wird Kapitel V Auskunft geben können.
6 Bei der ersten Nennung der Autoren werde ich den vollen Namen angeben, anschließend verwende ich
die Nachnahmen.
7 Der Ausdruck des ‘touristischen Blicks’ soll hier im Sinne von Cord PAGENSTECHER verstanden
werden. Er benutzt den Begriff, um das komplexe System ‘Tourismus’ in seiner Gesamtheit zu erfassen;
als ein ökonomisches und gesellschaftliches System, in welchem jedoch zugleich individuelle Motive,
Wahrnehmungen und Erfahrungen der Reisenden wirken (vgl. 2003: 25). In Kapitel III werden die
Implikationen des ‘touristischen Blicks’ nach PAGENSTECHER ausführlich behandelt.
8 PAGENSTECHER (2003) interpretiert den Tourismus als ‘visuellen Symbolkonsum’, worauf wir
ebenfalls im Verlauf der Studie, und explizit vor allem in Kapitel III näher eingehen werden.
9 Jutta BERTRAM untersucht in ihrer Dissertation über „Wahrnehmungsmuster im Ferntourismus“ (z.T.
auch durch Analysen der Texte in Reisekatalogen) , welche gesellschaftlichen Muster der Wahrnehmung
in der Sehnsucht nach der Fremde verborgen liegen. An relevanten Stellen meiner Studie werde ich auf
ihre Arbeit Bezug nehmen.
10 Wie wir sehen werden, wird z.T. auch das Textmaterial nicht außer Acht gelassen, dennoch liegt der
methodische Schwerpunkt der Untersuchung auf Bildanalysen. Zur näheren Erläuterung des
methodischen Vorgehens soll hier auf Kapitel II verwiesen werden.
Arbeit zitieren:
Nicola Stratmann, 2007, Verbildlichte Fremdheit. , München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Die Rehabilitierung des Körpers und der Bruch mit den gesellschaftlich...
Hausarbeit, 14 Seiten
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