Inhalt
Inhalt 2
Einleitung 3
Fotografische Malerei 4
Der Maler und der Fotograf David Octavius Hill und Robert Adamson 4
Der Maler als Fotograf Franz von Stuck 8
Malerische Fotografie 15
Der Fotograf als Maler Hermann Krone 15
Zusammenfassung 31
Literatur 34
Anhang 36
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Einleitung
Als Geburtstag der Fotografie gilt heute allgemein der 19. August 1839, der Tag, an dem ein von Louis-Jacques Mandé Daguerre (1787-1851) patentiertes fototechnisches Verfahren durch das Institut de France in Paris der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die sogenannte Daguerrotypie war ein Postivverfahren, bei dem auf lichtempfindlich gemachten Kupferplatten (beschichtet mit Silber bzw. Silberjodid) fotografische Unikate im Spiegelbild entstanden. Das Patent war vom französischen Staat aufgekauft worden um mit großer Geste in den Dienst der ganzen Menschheit gestellt zu werden: „Frankreich schenkt der Welt eine Erfindung, die den Fortschritt in Kunst und Wissenschaft fördern wird.“ 1
Die Daguerrotypie überzeugte gegenüber den mit ihr konkurrierenden, aber noch nicht ausgereiften Verfahren von William Henry Fox Talbot (Negativ/Positiv-Verfahren auf Salzpapier mit der Möglichkeit der Reproduktion, der späteren Kalotypie) und Hippolyte Bayard (Papierpositive ohne Entwicklung) durch ihre bestechende Schärfe, Brillianz und Detailtreue. Nachteilig waren allerdings das Gewicht der Aufnahmeapparatur und der Preis der Abbildungen sowie die Unmöglichkeit der Vervielfältigung.
Das Fotografieren war in den Anfangsjahren sehr kompliziert und setzte umfangreiches physikalisch-chemisches Fachwissen voraus. Die Fotografen der ersten Stunde waren also in erster Linie Techniker und „Tüftler“, die das Aufnahmeverfahren mit jeder neuen Aufnahme zu perfektionieren suchten. Die Verbesserung der Abbildungsqualität blieb nicht ohne Folgen für das Verhältnis von Fotografie und Malerei. Wurde die Fotografie von Malern wie Paul Delaroche abgelehnt, der mit ihrer Verbreitung sogar das Ende der Kunst prophezeite, entdeckten und nutzten sie andere sehr früh als praktisches Hilfsmittel für ihre Kunst.
„Dienerin der Künste und der Wissenschaften“ – so wurde die Fotografie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesehen und so sah sie sich wohl auch selbst. Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, inwieweit und in welcher Form es dabei zu Wechselwirkungen zwischen Fotografie und Malerei kam. Die Annäherung erfolgt aus zwei Richtungen. Aus malerischer Sicht im Kapitel „Fotografische Malerei“ am Beispiel von David Octavius Hill und Franz von Stuck und aus fotografischer Sicht im Kapitel „Malerische Fotografie“ am Beispiel von Hermann Krone.
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Als eines der ersten Beispiele von Kooperation zwischen Malerei und Fotografie gilt die künstlerische Zusammenarbeit zwischen dem schottischen Maler David Octavius Hill und seinem Landsmann und Fotografen Robert Adamson.
David Octavius Hill (1802-1870) machte sich durch die Veröffentlichung einer Serie von Lithographien schottischer Landschaften („Sketches of Scenery in Perthshire“, 1821) bereits früh einen Namen als Landschaftsmaler und war außerdem mit eigenen Lithographien an der Illustration der gesammelten Werke von Robert Burns (1759-1796), dem neben Walter Scott bedeutendsten schottischen Dichter, beteiligt. Er war 1826 Gründungsmitglied der Königlich- Schottischen Akademie und hatte wesentlichen Anteil am Aufbau der Schottischen Nationalgalerie (1850).
Robert Adamson (1821-1848) mußte aus gesundheitlichen Gründen seine Ingenieurausbildung abbrechen und eröffnete 1842 als Fotograf in Edinburgh das erste Porträtstudio Schottlands. Für seine Aufnahmen nutzte er die Kalotypie, ein 1840 erstmals von William Henry Fox Talbot in England vorgestelltes Negativ-Positiv-Verfahren, dessen Patent nicht für Schottland galt. Das innovative Umkehrverfahren erlaubte erstmals eine beliebige Vervielfältigung von Aufnahmen mittels Kontaktabzug. Mit Papier als neuem Trägermaterial wurde der fotografische Arbeitsprozeß zudem wesentlich erleichtert und verbilligt. Diesem praktischen Vorteil stand in den Anfangsjahren allerdings noch die im Vergleich zur Daguerrotypie deutlich schlechtere Abbildungsqualität der Kalotypien gegenüber.
Über familiäre Verbindungen profitierte Adamson von dem regen und für die Zeit ungewöhnlich offenen Informations- und Erfahrungsaustausch in Sachen Fotografie zwischen William Henry Fox Talbot und dem Wissenschaftler Sir David Brewster 2 . Letzterer war es auch, der den ersten Kontakt zwischen dem Fotografen Adamson und dem Maler Hill herstellte, womit ein aus heutiger Sicht faszinierendes Kapitel Fotografiegeschichte seinen Anfang nahm.
Der Anlaß war ein für die Schotten und das schottische Nationalbewußtsein bedeutendes Ereignis – die „Disruption“. Im Mai 1843 trennte sich in einem historischen Akt, dem auch Hill beiwohnte, die schottische von der englischen Hofkirche und beendete damit einen über zehn Jahre dauernden Konflikt um ihre spirituelle Unabhängigkeit. Die „Free Church of Scotland“ war geboren.
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Zutiefst beeindruckt beschloß Hill, der selbst überzeugter Anhänger der Freikirche war, dieses Ereignis in einem Gemälde festzuhalten. Das Vorhaben war außergewöhnlich und hätte auf konventionelle Weise wohl nie realisiert werden können, denn es galt, 470 Personen in kürzester Zeit und in malerisch verwertbaren Vorlagen festzuhalten.
Was der Hand unmöglich erschien, schaffte das Licht. Unter Nutzung des noch jungen Mediums Fotografie nahmen Hill und Adamson in einem provisorischen Freilichtatelier (wegen der minutenlangen Belichtungszeiten war man auf Sonnenlicht angewiesen) Portrait- und Gruppenbildnisse aller Beteiligten auf. Hill führte dabei Bildregie und Adamson sicherte die technische Ausführung. In einem Malprozeß von 23 Jahren übertrug Hill die Bildnisse anschließende auf eine 1,73m x 3,45m große Leinwand. Unklar bleibt bis heute, wie die Übertragung erfolgte, ob die Bildvorlagen abgemalt oder deren Umrisse „abgepaust“ oder gar „durchgepaust“ wurden. 3 Seit 1866 hängt das imposante Werk in der „Free Presbytery Hall, The Mound“ in Edinburgh.
Abb. 1: D.O. Hill: Disruption, 1843-66. Free Presbytery Hall, The Mound, Edinburgh.
Foto von George T. Thompson LRPS
Wie genau die einzelnen fotografischen Portraits in das Gemälde übernommen wurden, zeigt ein direkter Vergleich an der Person des Pfarrers Dr. Thomas Chalmers, dem Vorsitzenden der Versammlung und zentrale Figur im Gemälde.
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J.A.Schmoll gen. Eisenwerth beklagt einen Verlust an Charakteristik oder Individualität durch malerische „Weichzeichnung“ der ohnehin schon tonig weichen Kalotypien. 4 Trotz des erkennbaren Weichzeichnereffektes finden sich die wesentlichen Merkmale der Person aber im Gemälde wieder. Der Verlust an Schärfe und Detailtreue hat keine Folgen für die Gesamtwirkung, da nicht eine Person und deren Individualität, sondern ein Ereignis und „die Masse“ der daran Beteiligten dargestellt werden soll. Durch die Wiedergabe „aller“ versammelten Personen erfüllt der Maler im gewissen Sinne seine „Chronistenpflicht“, das Ereignis selbst erfährt zudem eine große Legitimation, da es von einer breiten „Masse“ getragen wurde (bei der Versammlung war ein Drittel der kirchlichen Würdenträger anwesend). 5
Die sehr kurze Zusammenarbeit zwischen Hill und Adamson, der 1847 im Alter von 27 Jahren starb, ist ein erstes Beispiel und zugleich ein Meilenstein für die fachliche wie menschliche Kooperation von Malerei und Fotografie in den Jahren kurz nach deren Erfindung. Während das malerische Schaffen Hills weitgehend in Vergessenheit geraten ist, wird das fotografische Werk beider Künstler wegen seiner künstlerischen (Arbeit mit Licht und Schatten, Bildkomposition), psychologischen (Versuch, das Wesen der Person wiederzugeben) und dokumentarischen (Serie über Leben und Arbeit im Fischerdorf Newhaven) Ausdrucksstärke bis heute sehr geschätzt. Aus dieser vierjährigen „Symbiose“ von Maler und Fotograf blieben über 1500 Kalotypien erhalten. Eine soll auf der Rückseite die Aufschrift tragen:
„sol fecit“ - Die Sonne hat’s gemacht.
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Thomas Scheufler, 2002, Malen mit Licht - Kooperation und Konkurrenz zwischen Fotografie und Malerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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