Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 3
2. DER NATURRAUM 5
3. ASPEKTE EINER ISLAMISCHEN STADT 7
3.1. DER GRUNDRISS DER STADT 7
3.2. DAS LEBEN IN DEN WOHN- UND GESCHÄFTSVIERTELN 9
3.3. ARCHITEKTUR 11
4. DIE STADT DER ETHNISCHEN UND RELIGIÖSEN VIELFALT 19
4.1. DIE EROBERUNG 19
4.2. BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG 20
4.3. CHRISTEN UND JUDEN 22
4.4. PERA-GALATA - DAS TOR NACH EUROPA 27
5. SCHLUSSBETRACHTUNG 30
ANHANG 32 NA
GLOSSAR 32
ABBILDUNGEN 35
ABBILDUNGSNACHWEIS 42
LITERATURVERZEICHNIS 43
2
1. Einleitung
Byzanz, Konstantinopel, Istanbul sind die drei bekanntesten Namen einer Stadt, die eine lange Geschichte aufzuweisen hat. An der Schnittstelle von Europa und Asien, Mittelmeer und Schwarzen Meer war sie schon immer eine Brücke für Waren, Menschen und Kultur. Im 7. vorchristlichen Jahrhundert als griechische Kolonie Byzantion gegründet, wurde sie unter Konstantin - ihrem neuen Namenspatron - im 4. Jahrhundert n. Chr. Hauptstadt des Römischen Imperiums und ein Kerngebiet der christlichen Kirche. Unter den oströmisch-byzantinischen Kaisern bewahrte und überlieferte Konstantinopel das antike Erbe und war der Mittelpunkt eines Reiches, dass sich ein Jahrtausend lang gegen Slawen, Perser, Araber und Türken behaupten konnte. Doch von der Eroberung durch lateinische Kreuzfahrer erholte es sich nicht mehr 1 . So nahmen die Osmanen im Jahr 1453 Konstantinopel ein. Nach dem
Untergang von Byzanz erhielt die Stadt ein zunehmend islamisches Gesicht und wurde erneut Hauptstadt eines Großreiches 2 . Während der Sultanszeit behielt sie den
Namen Konstantinopel bei, obwohl die Türken selbst meist die arabische Form Konstantiniya oder den Namen Islâmbol gebrauchten. 3 Den heutigen Namen Istanbul
trägt die Stadt erst seit 1930 offiziell. Ob sich der Name aus dem Griechischen eis ten polin, „in die Stadt“ herleitet, ist zumindest zweifelhaft. Wahrscheinlicher erscheint dagegen eine Verschleifung des langen und im alltäglichen Gebrauch unpraktischen griechischen Konstantinoúpolis zu (Kon)stan(tinoú)pol(is) 4 .
Die frühneuzeitliche Entwicklung der osmanisch-islamischen Machtzentrums soll nun näher betrachtet werden. Da die Faktoren, die diese Stadt beeinflussten und bestimmten, äußerst komplex und in sich stark vernetzt sind, kann diese Arbeit nur einen kurzen Einblick in die Strukturen Istanbuls geben. Besondere Aufmerksamkeit soll den muslimischen und den nichtmuslimischen Komponenten geschenkt werden. Die türkische Eroberung Istanbuls 1453 ist ein zentraler Wendepunkt in der Geschichte der Stadt wie auch des osmanischen Staates. Für beide markiert er den Beginn der Frühen Neuzeit 5 . Am Ende dieser Epoche fehlt ein derart einschneidendes
1 Einen kurzen Abriss der byzantinischen Geschichte bietet Lilie, Byzanz.
2 Zur osmanischen Geschichte vgl. Kreiser, Der Osmanische Staat; Majoros/ Rill, Das Osmanische
Reich; Gust, Imperium.
3 Çelik, Remaking of Istanbul, 22; Müller-Wiener, Topographie Istanbuls, 29.
4 Rahn, Entstehung des Armenischen Patriarchats, 30 f., Anm. 92.; Die Griechen sollen ihr Stadt
bereits im 10. Jahrhundert Bulin bzw. Stanbulin genannt haben. Die armenische Form Stampul ist für
das 12. Jahrhundert bezeugt. Zur Vermeidung von zwei Konsonanten im Anlaut, fügte die türkische
Sprache einen Vokal hinzu: Istimboli, Ende des 14. Jahrhunderts bezeugt. Vgl. ebd.
5 Faroqhi, Formen historischen Verständnisses, 110 f.
3
Ereignis. Während die Türken für das christliche Europa des 15. und 16. Jahrhundert als ein übermächtiger Gegner erschienen, fühlte man sich im 17. und 18. Jahrhundert zunehmend ebenbürtig. Nun standen Europäer und Osmanen einander als mehr oder minder gleichstarke Partner gegenüber. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts begann die dynamische Entwicklung einiger europäischer Länder im Osmanischen Reich langsam spürbar zu werden, während es selbst mit dieser Dynamik nicht Schritt halten konnte und wirtschaftliche, politischen und soziale Krisen zunahmen. Im
Zeichen dieser Krise klingt die Frühe Neuzeit in den Jahrzehnten um 1800 aus 6 .
Wichtiger als das Ende ist jedoch der Beginn der Epoche. Die Jahre nach der
türkischen Eroberung haben für die Entwicklung des Osmanenstaates 7 , aber auch für
die Stadt Istanbul eine herausragende Bedeutung. Besonderen Einfluss hatten dabei vor allem zwei Sultane, Mehmed II. (1451-1481) und Süleyman I. (1520-1566). Mehmed, der mit der Eroberung der Stadt 1453 den Beinamen Fatih - „der Eroberer“ - erhielt, ist verantwortlich für die Transformation der in die Jahre gekommenen, griechisch-orthodoxen Kaiserstadt in eine muslimisch dominierte, dynamische Metropole. Die Beinamen seines Urenkels Süleyman, der als „der Prächtige“ in die europäische und als Kanuni - „der Gesetzgeber“ in die muslimische Historiografie eingegangen ist, weisen auf die Blütezeit hin, die das Reich in den knapp fünf Jahrzehnten seiner Regierung gerade auch im Innern erfährt und die wohl nirgends deutlicher versinnbildlicht wurde als in Konstantinopel. In diesem „osmanischen Jahrhundert“ entstehen die Strukturen, die das Stadtbild bis ins 19. Jahrhundert
dominieren 8 und die erst mit der verstärkten Europäisierung der Stadt vor allem im 20.
Jahrhundert an Farbe verlieren. Die Hauptstadt des Osmanischen Staates war eine multikulturelle Stadt, in der sich die ethnisch-religiöse Buntheit des Vielvölkerreiches wiederspiegelte, das sich unter Süleyman von der ungarischen Tiefebene im Norden bis nach Ägypten und in den Jemen im Süden und von Algerien im Westen bis ins Zweistromland im Osten erstreckte. Der Islam war die vorherrschende und
6 Ebd., 112, 114; Das Osmanenreich konnte sich nicht mehr gegen die europäischen Mächte
durchsetzen; diese mischten sich dagegen immer stärker in innere Angelegenheiten des Osmanenreiches ein. Die europäische Einmischung führte zum Verlust osmanischer Gebiete und förderte die Verselbständigung der übrigen Provinzen. Besonders dem aufkeimenden Nationalismus der christlichen Balkanvölker hatte das übernationale Reich kaum etwas entgegenzusetzen. Vgl. Majoros/ Rill, Das Osmanische Reich, 301-324; Hourani, Geschichte der arabischen Völker, 318-329.
7 In der Tradition der byzantinischen Kaiser erfolgte nach der Eroberung die Zentralisierung des
gesamten Reiches. Sie war während der Frühen Neuzeit Grundlage der osmanischen Großmacht. Vgl. Odenthal, Istanbul, 48 f.
8 Çelik, Remaking of Istanbul, 29.
4
herrschende Religion dieses Imperiums, doch bestand eine hohe Toleranz gegenüber Andersgläubigen.
Über Istanbul und insbesondere über seinen reichen architektonischen Fundus gibt es eine große Zahl von Studien 9 . Da die Einführung des Buchdruckes im Osmanenreich
erst 1727 erfolgte, liegen für die Frühe Neuzeit vor allem handschriftliche, archivalische und oftmals undatierte Quellen vor, die aufgrund ihrer großen Zahl nur sehr unvollkommen erschlossen sind. Durch Verluste, etwa bei Stadtbränden, ist ein Großteil von Urkunden und Registern erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts erhalten. Besser zugänglich sind die vielen gedruckten Berichte europäischer Händler, Diplomaten und anderer Reisender 10 .
2. Der Naturraum
Das historische Konstantinopel, auf einem nach Osten keilförmig zulaufenden, etwa
60 bis 80 m hohen Felsrücken gelegen, ist von drei Seiten von Wasser umgeben: im
Süden liegt das Marmarameer (Abb. 1). Im Osten befindet sich der Eingang zu der etwa 30 km langen und nur ca. 0,7- 3 km breiten Bosporus-Meerenge, die Europa und Asien trennt. Sie ist gut schiffbar und stellt kein großes Hindernis für die Landverbindung zwischen beiden Kontinenten dar. Das 7 km lange, ertrunkene Flusstal des Goldenen Horns ist windgeschützt und relativ tief. Damit bildet der im Türkischen Haliç genannte Meeresarm einen idealen natürlichen Hafen an der Nordseite der Stadt 11 . Seit dem frühen 5. Jahrhundert schloss die ca. 6 km lange
Theodosianische Landmauer die Stadt nach Westen ab. Damit umfasst das historische Stadtgebiet etwa 14 km² 12 . Innerhalb der Stadtgrenzen ist selbige auf
sieben Hügeln erbaut. Im Norden zieht sich eine Kette von sechs Hügeln entlang des Goldenen Hornes. Diese prägt Istanbuls natürliche Silhouette. Der Süden zum Marmarameer wird vom Altimermer-Hügel bestimmt. Er wird von den anderen sechs Hügeln durch den Lykos-Bach getrennt. Die eine der beiden aus der Stadt führenden Hauptstraßen verlief über den Höhenrücken der ersten sechs Hügel. Die andere befand sich zwischen dem siebenten Hügel und dem Marmarameer 13 .
Seit der Antike war das kleinstädtische Pera-Galata eng mit Konstantinopel verbunden. Im Vergleich zu anderen Vororten nahm das auf der anderen Seite des
9 Kreiser, Der osmanische Staat, 139, 151; Hütteroth, Türkei, 478.
10 Kreiser, Der osmanische Staat, 94 f.
11 Odenthal Istanbul, 9; Akgün, Landschaft und Standort, 13.
12 Müller-Wiener, Topographie Istanbuls, 20.
5
Goldenen Horns liegende Pera-Galata immer eine Sonderstellung ein. Bereits im 5. Jahrhundert erschien der Ort als eine der 14 Regionen Konstantinopels und war
zugleich der einzige Stadtteil, der außerhalb des geschlossenen Stadtgebietes lag 14 .
Ähnlich wie die Stadt Istanbul trug auch ihr wichtigster Vorort bzw. ihr selbständigster Stadtteil zahlreiche Namen. Seine griechischen Namen Sykai und Pera entsprangen dem Blick der Konstantinoplitaner auf das benachbarte Ufer („gegenüberliegend“ Griechisch: Pera) sowie den hier stehenden Feigenbäumen (Griechisch: Sykodes). Im hohen Mittelalter dehnte sich die Bezeichnung Galata von einem Ortsteil auf den gesamten Siedlungskomplex aus. Für die Herkunft dieses Namens bieten sich drei Deutungen an: Galata könnte auf eine frühere gallische Siedlung hinweisen, sich vom griechischen Wort für Milch (Galaktos) herleiten oder aber vom italienischen calata („Abstieg“) stammen. Während der Stadtbezirk bei Ausländern vor allem als Pera bekannt war, nannten ihn die Türken Galata. Die vor den Mauern Galatas entstehende Siedlung erhielt den Namen Beyo÷lu, der später ebenfall synonym für den nördlichen Haliç-Stadtteil verwandt wurde. Weitere Vororte Konstantinopels waren die am Goldenen Horn gelegene Pilgerstätte Eyüb mit dem Grab von Mohammeds Fahnenträger sowie mehrere Siedlungen entlang des Bosporus, darunter Tophane und Beúiktaú auf europäischer und Üsküdar auf asiatischer Seite.
Sie waren alle dem Amtsbereich des Kaymakam von Istanbul unterstellt 15 .
Trotz der günstigen natürlichen Gegebenheiten wurde die Stadt auch immer wieder in ihrer Entwicklung gebremst. Dazu trugen kriegerische Auseinandersetzungen ebenso
bei, wie Seuchen 16 . Konstantinopel liegt aber auch nahe der nordanatolischen
Horizontalverschiebungslinie und ist damit stark erdbebengefährdet. Die Erdbeben und die vorherrschende Holzbauweise begünstigten darüber hinaus das wiederholte
Ausbrechen großer Brände 17 .
13 Agkün, Landschaft und Standort, 11, 70.
14 Auch in osmanischer Zeit wurde Pera-Galata zum Teil als Vorort, zum Teil als Stadtteil
Konstantinopels behandelt. Eine genaue rechtlich begründete Festlegung- schon eines islamischen Stadtbegriffes- ist schwierig. Vgl. Odenthal, Istanbul, 304; Restle, Istanbul, 31 f.; Mayer, Byzantion - Konstantinupolis – Istanbul, 257 ff.; auch: Grunebaum, Islamische Stadt, 139 f.
15 Müller-Wiener, Topographie Istanbuls, 34.
16 Nach der türkischen Eroberung suchte die Pest die Stadt 1455, 1466/67, 1472 und 1491 heim. Vgl.
Müller-Wiener, Topographie Istanbuls., 29.
17 Während des 16.-18. Jahrhunderts gab es in Istanbul vier größere Erdbeben und elf große Brände.
Plattentektonisch war die Frühe Neuzeit sogar relativ ruhig. Zur unruhigeren ersten Jahrtausendwende bebte die Erde in Konstantinopel innerhalb von 90 Jahren fünfmal. Vgl. Restle, Istanbul, 38, 42 f.; auch Hütteroth, Türkei, 40.
6
3. Aspekte einer islamischen Stadt
3.1. Der Grundriss der Stadt
In Istanbul war bis zum 19. Jahrhundert der orientalische Sackgassengrundriss vorherrschend (Abb. 2). Er wurde vor allem durch ein Gassennetz bestimmt, dass auf Fußgänger und Tragtiere abgestimmt war. Wagen wurden kaum benutzt, da die Gassen für sie meist zu eng waren. Von den Durchgangsstraßen führten zahlreiche kurze und lange, verzweigte und unverzweigte Sackgassen ab. Die schmalen Straßen änderten häufig ihre Richtung, aber auch ihre Breite, weshalb nur selten eine einheitliche Häuserflucht bestand 18 . Im Vergleich zum Stadtrand und zu den
Hügelhängen war das Gassennetz in der Innenstadt, in den flachen Gräben und an den Ufern von Goldenem Horn und Marmarameer engmaschiger und regelmäßiger. Seine Straßenkrümmungen waren weiter gespannt und schienen der Landschaft besser angepasst 19 . Die unregelmäßigen Grundrissformen beschränken sich
weitgehend auf die Wohngebiete. In größeren Funktionsgebieten, wie bei Basaren oder Moscheenanlagen, dominieren regelmäßige Formen 20 . Die einfache türkische
Straße unterlag keiner Planung, sondern kam durch die ungezwungene Aneinanderreihung von Gebäuden zustande. Auch nach den Istanbul immer wieder heimsuchenden Bränden erfolgte der Wiederaufbau individuell. Jedoch blieben die Hauptstraßenzüge Istanbuls, die sich an den natürlichen Gegebenheiten orientierten, weitgehend ein Erbe der Vergangenheit 21 . Und schon in der byzantinischen Zeit
weichte die regelmäßige, schachbrettartige hellenistisch-römische Bebauungsstruktur auf. Bereits in dieser Epoche kann man die Keime des Sackgassengrundrisses sehen. 22
Doch letztlich bildete sich der Sackgassengrundriss in der Zeit der ersten Sultane aus. Die islamisch-orientalische Tradition benötigte weder für Märkte noch für Versammlungen große, freie Plätze. Die großen Foren und die Lücken, die mit dem Verfallsprozess in der letzten byzantinischen Herrschaftsperiode entstanden waren,
18 Stewig, Sackgassengrundriss, 25 f.
19 Mayer, Byzantion - Konstantinupolis - Istanbul, 10; Die regelmäßigere Bebauung im Stadtkern
resultierte aus den Notwendigkeiten einer hohen Bevölkerungsdichte. Vgl. Agkün, Landschaft und
Standort, 67.
20 Stewig, Sackgassengrundriss, 29; Neugebaute Moscheen wurden immer nach Südosten, in Richtung
Mekka ausgerichtet, wodurch die Ausformung eines unregelmäßigen Straßennetz gefördert wurde. Vgl.
Hütteroth, Türkei, 244 .
21 Agkün, Landschaft und Standort, 70; Stewig Sackgassengrundriss, 26.
22 Stewig , Sackgassengrundriss, 30.
7
wurden geschlossen und verbaut 23 . Über die Gründe für die Ausbildung des
orientalischen Grundrisstyps gibt es mehrere Ansatzpunkte. So bieten die engen Straßen und Häuser mit wenigen nach außen gerichteten Fenstern in ihren Entstehungsorten, den trockenen und heißen Städten des Nahen Ostens, Schutz vor Sonne und Staub. Auch dem Moralkodex des Islams kommt der Sackgassengrundriss entgegen. Das Leben ist nach innen, auf die Geborgenheit der Familie ausgerichtet. Durch den Sackgassengrundriss wurde unnötiger Durchgangsverkehr vermieden. Zudem wirkten die bevorzugten unauffälligen Eingänge und Häuserfassaden
gegenüber Fremden eher abweisend 24 . Das Privateigentum wird auch im Islam hoch
geschätzt, seine Verwaltung durch den Menschen erfolgt aber nur treuhänderisch und
hat das Gemeinwohl zu berücksichtigen 25 . Dies verhinderte auch die Entstehung
eines Wegerechtes, wie es aus der römischen Rechtstradition hervorging. Zudem gab es nach islamischem Recht keine exakte Festlegung von Grundstücksgrenzen. Sie beruhten auf dem Übereinkommen der Grundeigentümer. Solange kein Einwand und genügend Platz vorhanden war, konnte jeder bauen, wo er wollte. Damit blieb die
Entwicklung der Grundbesitzstruktur der Privatinitiative überlassen 26 . Die soziale
Struktur der Stadt war ebenfalls dem Sackgassengrundriss förderlich. Die Bevölkerung der einzelnen Stadtviertel (Mahalle) unterschied sich durch unterschiedliche Herkunft oder Glauben von den Bewohnern der angrenzenden Quartiere. Die sehr homogenen Viertel grenzten sich durch eigene Tore gegen andere ab. So findet sich auch in den Vierteln von Griechen, Armeniern und Juden der unregelmäßige, orientalische Grundrisstyp. Beim Anstieg der Bevölkerung eines Mahalle konnte die Bewohner nur bedingt in andere Viertel ziehen und auch das Wachstum über die eigenen Grenzen war problematisch. Wachstum war also nur nach innen möglich. Bei der Bebauung von Binnenflächen der Quartiere kam es zur
Entstehung von Sackgassen 27 .
23 Mayer, Byzantion - Konstantinupolis - Istanbul, 20.
24 Stewig, Sackgassengrundriss, 26.
25 Antes, Islam, 34.
26 Hütteroth, Türkei, 254; Stewig, Sackgassengrundriss, 45.
27 Mayer, Byzantion - Konstantinupolis - Istanbul, 12; Stewig, Sackgassengrundriss, 28 f., 37 ff.; Die
türkische Vorliebe für Gärten führte aber auch zum Entstehen von Frei- bzw. Grünflächen innerhalb der Stadt. Vgl. ebd., 46.
8
3.2. Das Leben in den Wohn- und Geschäftsvierteln
An den engen Straßen bestimmten häufig einfache ein- bis zweigeschossige, eher aus Holz denn aus Stein errichtet Häuser das Bild (Abb.3) . Selbst der Sultanspalast
war bis zum Brand von 1665 zu einem Großteil aus Holz errichtet 28 . Durch
schmucklose und abweisende Mauern mit hochliegenden Fenstern vor neugierigen und neidischen Blicken von außen geschützt, öffnet sich das muslimische Haus nach innen, im Idealfall um einen schönen Hof oder Garten, in dichtbesiedelten Stadtteilen oft nur um einen großen Innenraum. Es ist in einen Empfangsbereich (Selamlık) und einen privaten Familientrakt (Haremlik) untergliedert, um so ein Höchstmaß an Privatsphäre und Abgeschiedenheit der Frauen zu ermöglichen. Auf Grundlage des Korans war die Frau rechtlich dem Mann untergeordnet und durfte nur verschleiert
das Haus verlassen 29 . Die Verhüllungspflicht und die religiösen Normen wurden
jedoch seinerzeit nicht unbedingt negativ gesehen. So schrieb Anfang des 18. Jahrhunderts die Frau des englischen Gesandten Mary Wortley Montagu (1689-1762) an ihre Schwester: „no Man dare either touch or follow a Woman in a Street. This perpetual Masquerade gives them entire Liberty of following their Inclinations without danger of Discovery. ... I look upon the Turkish Women as the only free people in the
Empire” 30 . Jedoch hatten viele europäische Frauen eine starke Abneigung gegen das
islamische Verschleierungsgebot, dem sie in Konstantinopel ebenfalls unterworfen
waren 31 .
Die Bewohner muslimischer Städte fühlten sich zuerst ihren Familien und des Weiteren der ethnischen oder religiösen Gruppe zugehörig, mit der sie das Viertel teilten. Das Stadtviertel war der Treffpunkt und die Gemeinschaftsorganisation ihrer Bewohner. Es ist um eine Moschee herum errichtet worden und diese erfüllte mit ihren
Nebengebäuden alle sozialen Funktionen der Gemeinschaft 32 . Einem Mahalle stand
ein Viertelbürgermeister (Muhtar) vor, der sein Amt ererbt oder durch Wahl erhalten hatte. Die Regierung war durch einen Imam als juristisch-religiösen Sprecher und
28 Müller-Wiener, Topographie Istanbuls, 31; Neben praktischen Gründen war das leichte Holzhaus aus
der traditionellen türkischen Vorliebe für Zelt und Pavillon entstanden. Vgl. Agkün, Landschaft und Standort, 67.
29 Ebd., 67; Grunebaum, Islamische Stadt, 146; Hourani, Geschichte der arabischen Völker, 161-164;
Im Selamlık war es dem Mann möglich männliche Besucher zu empfangen. Der Bereich des Haremlik, meist im Obergeschoss, war als Ort der Frau bzw. Frauen und Kinder nur dem Ehemann zugänglich. Vgl. Kreiser, Türkei-Lexikon, 79; Zur Frauen- und Geschlechterforschung vgl. ders., Der Osmanische Staat, 154 f.
30 Montagu, Lady Montagu an ihre Schwester Lady Mar, 1. April 1717, Letters, Bd. I, 328 f.
31 Vgl. Montagu, Lady Montagu an Lady Bristol, 10. April 1718, Letters, Bd. I, 397.
9
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Jörg Hauptmann, 2002, Multikulturelle Metropole am Bosporus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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