Inhalt
Inhalt 2
Einleitung 4
A Kanon-Begriff Theorie und Diskussion 6
A 1 Kanonbegriff 6
A 2 Kanonisierungsprozesse und Kanon-Macher 7
A 3 Kanonarten 9
A 3 1 Materialer Kanon 9
A 3 2 Deutungskanon 10
A 3 3 Negativkanon 10
A 3 4 Gegenkanon 10
A 3 5 Akuter Kanon 11
A 4 Funktionsweisen von Kanon 12
A 4 1 Selbstbild 12
A 4 2 Kanon als Wertsprache für Literatur 13
A 4 3 Abgrenzung des Kanons 14
B Kanon Praxis 16
B 1 Die Zeit-Bibliothek der 100 Bücher 16
B 2 Die Zeit-Schülerbibliothek 16
B 3 Marcel Reich-Ranickis Kanonprojekte 17
B 3 1 Marcel Reich-Ranickis Literaturliste im Spiegel 17
B 3 2 Marcel Reich-Ranickis Kanon-Buchpakete 19
B 4 Die SZ-Bibliothek 21
B 5 Die Bild Bestseller Bibliothek 23
B 6 Die Brigitte-Edition 24
B 7 Die Spiegel-Edition Die Bestseller 25
Fazit 27
Anhang 28
Autoren und Titelverzeichnis der diskutierten Editionen 28
Die Zeit-Bibliothek der 100 Bücher: 28
Die Zeit-Schülerbibliothek 31
Liste Marcel Reich-Ranickis im Spiegel: 32
Der Kanon Die deutsche Literatur Die Romane (Marcel Reich-Ranicki) 34
Joachim Kaiser Romankanon 34
Erich Loests Gegenkanon 35
SZ-Bibliothek 36
Bild Bestseller Bibliothek 37
Brigitte Edition (mit Elke Heidenreich) 38
Spiegel-Edition Die Bestseller 39
Quellen 41
Literatur 41
Zeitungen Zeitschriften Periodika 41
Internet 42
Einleitung
Ist ein Kanon heutzutage noch das richtige Modell, um Schülern, Studenten, Lehrern und allgemein Lesern zu sagen, was man lesen sollte? Oder gar gelesen haben muss, um von sich behaupten zu können, Allgemeinbildung zu haben? Literaturkenntnis ist schließlich kein entscheidender Faktor für das alltägliche Leben. 1 Einerseits werden Leselisten vor allem von Studenten sehr gerne angenommen, da bei vollen Lehrplänen und umfangreichen Lektüreanforderungen die Zeit sehr kostbar wird. Sie mit ‚dem falschen’ Buch zu verbringen, wäre töricht. 2 Auch scheint es in Zeiten von Multiple Choice Tests und „Wer wird Millionär?“-Sendungen immer mehr darauf hinauszulaufen, ein genau definiertes Kulturwissen anzustreben, eben einen Kanon, bei dem man weiß, wenn man ihn liest, hat man das Wichtigste ausgewählt. Bildung wird oft nicht mehr als offen und ständig zu erweiternd verstanden, sondern auf ‚key values’ reduziert. Am besten ist es, Wissen auf eine Auswahl aus einer beschränkten Anzahl von Möglichkeiten zu komprimieren. Wie Volker Hage und Johannes Saltzwedel im Spiegel schon 2001 konstatierten: „Kultur hat es leichter, wenn sie vermessen wurde; als durchgerechnete Gegenwelt zur chaotischen Gegenwart und Zukunft.“ 3 Besten- und Empfehlungslisten haben bekanntlich eine lange Tradition, die ersten wurden schon in der Antike angefertigt. So z.B. durch die große Bibliothek von Alexandria und ihre Gelehrten, die nur drei Autoren in ihrem Mindestkanon auflisteten: Aischylos, Sophokles und Euripides. Aufgrund der massiven Ausschlussfunktion dieser antiken Bestimmungen, wurden nur sehr wenige Autoren und Texte tradiert und überliefert. 4 Grund genug, dass heutige Kanonmacher ihre Listen meist nur als Vorschläge verstanden wissen wollen. Kanones vermitteln „Orientierung und ‚subjektive Sicherheit’“ 5 , außerdem das Gefühl, Kultur zu besitzen und sie zu kennen.
Anderseits wird immer mehr eine Ablehnung von Kanones und verbindlichen Lektürelisten beklagt. Schulen und andere Bildungseinrichtungen, beziehungsweise die zuständigen Ministerien, stehen immer wieder vor der Frage, wie die Lektüreauswahl bei der Literaturvermittlung geschehen soll. Nennen die Listen Autoren und Titel oder nur Themengebiete? Sind bestimmte Autoren/Titel verbindlich, andere frei wählbar? Nach einer Diskussion der aktuellen Kanondebatte und -auslegung soll sich diese Arbeit Buch- und Zeitungsprojekten der letzten Jahre zuwenden, um sie auf Kanonanspruch und
1 Volker Hage, Johannes Saltzwedel, Arche Noah der Bücher, in: Der Spiegel, 25/2001, 18.06.2001, S. 208 2 Ebd., S. 210 3 Ebd., S. 208 4 Ebd., S. 209 5 Angelika Buß, Kanonprobleme, in: Michael Kämper-van den Boogaart, Deutschdidaktik, Berlin 2006, S. 3
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Kanontauglichkeit zu untersuchen. Als erstes werden zwei kanonische Bibliotheken der Wochenzeitung „Die Zeit“ betrachtet. Anschließend widmet sich die Arbeit der vom Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki 2001 im „Spiegel“ veröffentlichten Lektüreliste und seinem in Folge dessen herausgegebenen Kanon als Buchkassetten. Schließlich wendet sich die Untersuchung vier Zeitungseditionen zu, die in den letzten Jahren kanonähnlich auf den deutschen Buchmarkt gebracht wurden. Dabei macht die „SZ Bibliothek“ der „Süddeutschen Zeitung“ den Anfang, die als Reaktion darauf erschienene „Bild Bestseller Bibliothek“ folgt. Anschließend kommt die von Elke Heidenreich verantwortete „Brigitte-Edition“ zur Diskussion und letzten Endes die „Spiegel Edition. Die Bestseller“.
Es geht bei dieser Arbeit nicht primär darum, wie ein Werk beschaffen sein muss, um kanonisierbar zu sein. Stattdessen wird diese übliche Perspektive fallengelassen und darauf geschaut, wie ein Kanon aufgebaut werden muss, um als solcher zu gelten. Kann man also Kriterien finden, mittels derer man sozusagen die leere Hülle eines Kanons – oder einer Edition, die selbigen Anspruch hat – mit Einzelwerken auffüllen kann? Auch wenn ‚Kanon’ eher als Problem denn Begriff der Literaturtheorie 6 gesehen werden muss, können die im ersten Teil erarbeiteten Kriterien dazu dienen, die ausgewählten Druckerzeugnisse auf ihre Kanontauglichkeit zu untersuchen. Handelt es sich z.B. bei den Zeitungseditionen um Kanones oder nur um beliebte bzw. geschätzte Literatur? Gibt es Spezialformen von Kanones, denen die Zeitungseditionen formal entsprechen? Schließlich stellt sich die Frage, warum Projekte wie die „SZ Bibliothek“ in Zeiten abnehmender Kanonakzeptanz solchen wirtschaftlichen Erfolg haben.
6 Ebd., S. 2
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A. Kanon-Begriff, -Theorie und -Diskussion
A.1 Kanonbegriff
Der Begriff des Kanons stammt ursprünglich aus den Sprachen des Sumerisch- Babylonischen, Griechischen und Latein. Er steht einerseits für Richtschnur beziehungsweise Leitfaden, andererseits für die Gesamtheit in einem Bereich geltender Vorschriften und Regeln beziehungsweise deren verbindliches Verzeichnis. Damit war vor allem die Zusammenstellung des Alten und Neuen Testamentes gemeint, aber auch Einzelbestimmungen des katholischen Kirchenrechts und das Hochgebet der Eucharistie in der katholischen Liturgie. Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts wird der Begriff auch auf literarische Texte angewendet. 7 Aus Sicht der antiken Ethiker bedeutete Kanon ein „Vorbild, das zur ethischen Urteilsbildung dient“. 8 Hier wird schon sichtbar, welche Funktionen ein literarischer Kanon haben kann. Man kann vom Kanon auch als „künstlerische[r] Musterlösung“ 9 sprechen. Heutzutage wird Kanon jedoch nicht nur im religiösen und literarischen Bereich angewandt, sondern z.B. auch in der Kunstgeschichte, im Recht und der Soziologie. Generell gilt Kanonisiertes als „heilig, verbindlich, vorbildlich“ 10 .
Alois Hahn unterscheidet sieben Objekte oder Bereiche, auf die sich Kanonisierung beziehen kann 11 : 1) Texte und Textsammlungen, 2) Autoren, 3) Artefakte, z.B. Bilder und Skulpturen,
4) Regeln und Gesetze, 5) Ausbildungspläne für bestimmte Berufe, z.B. Arzt, 6) Handlungsformen, vor allem im sakralen Bereich (rituelle Waschungen), aber auch im profanen (Ethik, Etikette), 7) Instanzen und/oder deren verbindliche Entscheidungen, wie z.B. die Inappellabilität des Souveräns beziehungsweise heutzutage der jeweiligen höchsten Gerichtsbarkeit.
Ein literarischer Kanon ist eine Gruppe von Texten und/oder Autoren, denen von einer bestimmten Gruppe besonderer Wert zugesprochen wird. Diese Wertschätzung fordert die Tradierung der kanonisierten Inhalte, weshalb Kanones vor allem für die Lehrpläne an Schulen und Universitäten eine Rolle spielen. Damit einher geht die Textpflege durch Kanones, wenn in möglichst sorgfältigen Editionen der genaue Wortlaut erhalten wird.
7 Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. 1, und: Der Duden: Das Fremdwörterbuch, Mannheim 2001, S. 484 8 Marc-Aeilko Aris, Kanon und Entscheidung, Vortrag anlässlich des Symposiums „Nachdenken über Denkmalpflege“ (Teil 4), Berlin, 2. April 2005, zitiert nach http://www.kunsttexte.de, 2/2005, S. 1, 25.03.2007 9 Siegfried J. Schmidt, Abschied vom Kanon? Thesen zur Situation der gegenwärtigen Kunst, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 337 10 Alois Hahn, Kanonisierungsstile, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 28 11 Ebd., S. 28
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Zugleich bleibt Kanon immer nur eine Denkfigur, existent bzw. materiell kann nur dessen Inhalt werden, z.B. Werke oder Autoren. Deswegen ist der Empfehlung von Renate von Heydebrand zu folgen, den Begriff Kanon nicht ohne weitere Attribute zu benutzen. Sie empfiehlt vom Textkanon zu sprechen, wenn es um einen literarischen Kanon geht. Dessen hauptsächlicher Bezug ist auf fiktionale Texte und ihre Autoren gerichtet. 12 Außerdem können zahlreiche weitere Unterscheidungen getroffen werden, um verschiedne Kanones und ihren Kanonisierungsprozess zu klassifizieren. Siegfried J. Schmidt geht sogar so weit zu sagen, dass man die Entität Kanon gar nicht untersuchen kann, sondern nur die Handlungsweise des Kanonisierens 13 .
A.2 Kanonisierungsprozesse und Kanon-Macher
Welche Faktoren spielen überhaupt eine Rolle für die Kanonisierung eines Werkes, oder, von anderer Seite gesehen, für die Bildung eines Kanons? Zwei Deutungsmodelle stehen sich konträr gegenüber: Einerseits wird oft ein intraästhetischer Ansatz für die Kanonbildung formuliert. Werken und Autoren wird nach verschiedenen Kriterien eine immanente Qualität zugeordnet, die diese für den Kanon qualifiziert. Andererseits werden Kanones von sendungsbewussten Eliten aufgestellt, insbesondere im politischen und ökonomischen Bereich. Hier geht es immer um Macht. Allerdings ist der Einfluss der Literatur auf gesellschaftliche Prozesse zumindest in Deutschland nicht wirklich ausschlaggebend. 14 Dennoch wird Kanon im Sinne eines gemeinsamen und unter Umständen verbindlichen Bildungsschatzes zur Prägung nationaler Identität ge- und missbraucht. Die Debatte zu einer deutschen „Leitkultur“ vor ein paar Jahren, hat dies nur zu deutlich gemacht.
Genauere Kriterien zur Beurteilung, ob ein Buch kanonisiert werden kann beziehungsweise sollte, liefern Renate von Heydebrand und Simone Winko 15 : 1) dauerhafte Präsenz, d.h. das Werk muss gedruckt und am Markt verfügbar sein, die Aufnahme in Klassikerausgaben sollte stattfinden; 2) Gesamtausgaben und kritische Ausgaben des Autors sollten vorliegen; 3) dauerhafte Pflege des Werkes in Institutionen des Literaturbetriebes wie Schulen und Universitäten; 4) regelmäßige Diskussion in Literaturgeschichten und Lexika; 5) Bezugnahme durch nachfolgende Autoren. Kanonisierungsbestrebungen können sich aber auch gezielt auf 12 Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien
Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S.
13 Siegfried J. Schmidt, Abschied vom Kanon? Thesen zur Situation der gegenwärtigen Kunst, in: Aleida
Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 337
14 Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien
Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S. 7ff
15 Renate von Heydebrand und Simone Winko, Einführung in die Wertung von Literatur, Stuttgart 1996
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einen Autoren richten, hier gelten als Kriterien gründlich edierte Werksausgaben oder Gesamtausgaben, z.B. inklusive des Briefwechsels, etc.
Anderen Meinungen zu Folge drückt sich der eigentliche Wert eines kanonisierten Buches nur indirekt durch Faktoren wie Literaturgeschichten, Kaufbarkeit usw. aus. Vielmehr spielen „wertbesetzte Bezugnahmen“ 16 in anderen Werken und die Rezeption in der Literaturkritik eine ausschlaggebende Rolle.
Man muss aber ein Werk nicht gelesen haben, um es einem Kanon zuzuordnen, denn „die soziale Autorität eines Kanons basiert vorrangig auf der Anerkennung bestimmter Bildungskonzepte – und nur mittelbar auf Bildung.“ 17 Damit stellt sich die Frage, wer den Kanon bestimmen darf und inwieweit seine Prominenz und fachliche Anerkennung den Wert beziehungsweise die Verbindlichkeit des Kanons festlegt. So ist zwar die Literaturkennerrolle von Marcel Reich-Ranicki in Deutschland unangefochten, der von ihm aufgestellte Kanon allerdings mehrfach angegriffen worden. Auch andere prominente Personen des Literaturbetriebes, wie z.B. Elke Heidenreich haben ihre Vorstellungen von kanonähnlichen Editionen formuliert.
Kanon-Macher und die Menge derjenigen, für die der Kanon als verbindlich gilt, ist nicht unbedingt die gleiche. Dies ist vor allem im religiösen Bereich zu sehen. Mit der Legitimation einen Kanon zu bestimmen wächst natürlich die Macht und eine Art rückbezüglicher Begründung der Kanonisierungslegitimation entsteht. Diese Kreisläufe sind natürlich in der Geschichte religiöser Kanones besonders ausgeprägt, aber auch im kulturellen Bereich anzutreffen. Erst Mitte des 20 Jahrhunderts wurden die bisherigen kulturellen Machtzentren langsam aufgebrochen, als die Pluralität kultureller Milieus anstieg und unterschiedliche Gruppierungen ihren eigenen Kanon verbindlicher Werke bestimmten. Einher ging dies auch mit der medienspezifischen Kanonbildung, z.B. in den Bereichen Film, Comic oder Musik. Aber auch soziale gesellschaftliche und politische Gründe wurden für diese Aufspaltungen in Stellung gebracht. Interessanterweise hat sich diese Differenzierung kaum in deutschen Lehrplänen durchgesetzt.
Nicht zuletzt spielen auch ökonomische Faktoren eine Rolle bei der Kanonisierung. Für Autor und Verlag sind hohe Absatzzahlen natürlich sehr erfreulich. Gut ausgestattete Klassikerausgaben auf der einen, günstige Ausgaben kanonisierter Werke (z.B. Reclam Verlag) auf der anderen Seite, zeigen auch den Wunsch, einen Kanon – und damit eine 16 Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien
Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S. 11
17 Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. 1
8
„Anhäufung kulturellen Kapitals“ 18 – zu besitzen, auch wenn man ihn nicht unbedingt lesen wird.
A.3 Kanonarten
Um zu kanonisieren, wird ein Werk oder ein bestimmter Stil (beziehungsweise eine bestimmte Regel) oft enthistorisiert, d.h. aus seinem zeitlichen Bezugsrahmen entnommen und als immer noch gültig oder sogar allgemeingültig erklärt. In modernen Kunstsystemen gibt es darüber hinaus immer mehrere Kanones: Zunächst eben jenen klassischen Kanon, dessen Werken zeitloser Wert zugesprochen wird. Dazu kommen diverse Kanonarten, die von verschiedenen Gruppierungen bestimmt werden, Unterteilungen finden hier nach Aktualität, Literaturgattungen, Stilen, Medien, usw. statt. Für diese Unterarten gibt es die verschiedensten Klassifizierungsmodelle, wobei die Grenzen oft fließend sind. Einige Kanonarten werden hier dargestellt.
A.3.1 Materialer Kanon
Der materiale Kanon ist eine offene oder geschlossene Liste von Autoren und Werken, beziehungsweise die Werke und/oder Autoren selbst. Er ist unterschiedlichen Schwankungen unterworfen, je nach dem, welchen aktuellen Ansprüchen er genügen muss. Renate von Heydebrand unterscheidet drei verschiedene Typen des materialen Kanons 19 : So postuliert sie einen „absoluten Kanon“ oder „Musterkanon“, der Werke und Autoren enthält, die weltliterarisch nicht oder kaum in Frage gestellt werden. Zwangsläufig weist dieser Kanon eine hohe Stabilität und Kontinuität, sowohl zeitlich als auch räumlich, auf. Natürlich ist aber auch er geringen Schwankungen oder Änderungen unterworfen. Davon unterscheidet von Heydebrand das große Feld der „repräsentativen“ und „dokumentierenden Kanones“, die unterschiedlichsten Kriterien folgen. So entstehen verschiedene Kanones für Sprachräume, Kulturräume, Epochen und Stile, politische beziehungsweise gesellschaftliche Einheiten, Literaturgattungen und Medien. Diese Kanones weisen unterschiedliche Änderungsniveaus auf und sind unter Umständen durch bestimmte Akteure interessensgesteuert. Schließlich arbeitet von Heydebrand mit der Definition des „anwendungsbezogenen Kanons“, der sich ohne gewollte Differenzierung – oder sogar mit gewünschter Überschneidung
18 Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. XX
19 Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien
Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S. 4f
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Citation du texte:
Felix Strüning, 2007, Kanon in Theorie und Praxis, Munich, Editeur GRIN GmbH (SARL)
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