HS: Mimik, Gestik und Pathognomik
Wintersemester 2006/07
Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Freie Universität Berlin
La fin d’une femme
Die Physiognomie der Renée Saccard als narratives Mittel in Émile Zolas La Curée
Anne Renner
Inhaltsangabe
1. Einleitung 3
2. Physiologie als narratives Mittel 3
3. Zolas literarisches Projekt 6
3.1. Der experimentelle Roman und der Rougon-Macquart Zyklus 6
3.2 Charakteristika der narrativen Struktur 8
4. Analyse der Darstellung Renée Saccards in „La Curée" 9
4.1 Inhaltsangabe des Romans 10
4.2 Charakteristika von Zolas Portraittechnik 11
4.3 Dégénérescence - Die Determinante Erbanlagen 12
4.4 Die Determinante Milieu 15
4.4.1 Zwei gegensätzliche Milieus 15
4.4.2 Der korrumpierende Einfluss des Milieus des Second Empire 17
4.5 Renées innerer Konflikt 20
4.6. Renée und Maxime 22
5. Schluss 25
Bibliographie 27
1. Einleitung
Émile Zola gilt als Hauptvertreter des Naturalismus, der dominierenden literarischen Strömung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Naturalismus setzt die durch den Realismus eingeleitete Orientierung an den Wissenschaften und das Ziel der Darstellung der Gesellschaft fort, und verabschiedet sich dabei von der romantischen Idee des autonomen Individuums.1 Er versteht sich als eine engagierte Kunst, die einen Beitrag zur Bewusstseinsveränderung und der Beseitigung sozialer Missstände leisten kann.2 Zola stellt ausgiebige Recherchen zu den verschiedenen sozialen Milieus seiner Epoche an, um sie danach literarisch so realistisch wie möglich wiedergeben zu können. Auch die Gesetze der Vererbung studiert er genau, um ihnen sein Personal zu unterwerfen. Diese beiden Komponenten, Milieu und Vererbung, treffen in der Physiognomie der Romanfiguren aufeinander. In der folgenden Analyse verfolge ich die These, dass die physiognomischen Beschreibungen bei Zola strategische Funktionen innerhalb der Narration einnehmen. Dies möchte ich am Beispiel der Renée in La Curée exemplarisch nachvollziehen, indem ich die umfangreichen Beschreibungen Renées und ihrer näheren Umgebung - um mit einem Bild des Romans zu sprechen - sowohl inhaltlich als auch formal unter die Lupe nehme. Als theoretischen Hintergrund für meine Analyse beziehe ich mich auf die Physiologie im Allgemeinen und Zolas Vorstellungen von Literatur im Speziellen.
2. Physiologie als narratives Mittel
Da Körpermerkmale und Körpersprache im Fokus meiner Analyse von „La Curée” stehen, gehe ich an dieser Stelle zuerst auf die Rolle der Physiologie in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts ein. Paris wurde um 1840 von physiologischen Publikationen geradezu überschwemmt. Sie teilten die Gesellschaft in verschiedene Gruppen und Bereiche ein, von Berufsgruppen und Familienstände über Institutionen wie dem Theater bis hin zu Objekten wie Geld oder Gewohnheiten wie das Rauchen.3 Die Handlungen und Verhaltensweisen von Vertretern dieser Bereiche werden betrachtet und systematisiert:
„Die Physiologen rekurrieren stets auf den einzelnen Körper als dem Exemplar eines Typus, der sich durch eine bestimmte Funktionsweise definiert, die abgelesen werden kann an Zeichen, über die sich der Organismus mit seinem Milieu austauscht.“4
[...]
1 Wolfzettel, Friedrich (Hrsg.), 19. Jahrhundert. Roman., Tübingen: Stauffenburg-Verl., 1999, S. 13
2 Wanning, Frank, Französische Literatur des 19. Jahrhunderts, Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998, S. 70 - 71
3 Strosetzki, Christoph: Balzacs Rhetorik und die Literatur der Physiologien, Stuttgart: Steiner-Verlag-Wiesbaden-GmbH, 1985, S. 11
4 Niehaus Michael, „Physiognomie und Literatur im 19. Jahrhundert (von Poe bis Balzac)“ in Campe, Rüdiger und Manfred Schneider (Hg.), Geschichten der Physiognomik. Text – Bild – Wissen, Freiburg im Breisgau: Rombach, 1996, S. 411 – 430, S. 417
Arbeit zitieren:
Anne Renner, 2007, La fin d’une femme, München, GRIN Verlag GmbH
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