Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Der Mensch als homo narrans 4
1.1 Psychoanalyse als Vergeschichtlichen des Lebens 4
1.2 Lebenswelt und Geschichten 6
1.3 Der Begriff der Geschichte 8
2. Literarische Produktivität 9
2.1 Psychoanalytische Sicht auf literarische Produktivität 9
2.2 Philosophische Sicht auf literarische Produktivität 11
3. Produktion und Rezeption von Literatur 12
3.1 Mimesis und Mythos 13
3.2 Literatur als Probelaboratorium von Leben und Welt 15
4. Literatur und Kollektivpsychose 16
5. Ausblick 18
Schlusswort 20
Literaturverzeichnis 21
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Einleitung
Ein vergleichender Blick auf Literaturtheorie und Psychoanalyse lädt dazu ein, Analogien zu ziehen, um somit Erkenntnisse von der einen Wissenschaft auf die anderen übertragen zu können. Besonders über das gemeinsame Medium beider Bereiche, die Sprache, lassen sich interessante Thesen aufstellen.
Der Psychoanalytiker kann über die Geschichte, die ein Analysand von sich erzählt, auf Pathologien schließen. Die Geschichte einer Person wird zum Indikator der Pathologien dieses Individuums.
Wenn zwischen der Geschichte eines Patienten und den Geschichten eines Kollektivs Gemeinsamkeiten bestehen, wenn sich sowohl zwischen dem erzählenden Analysanden und dem Geschichten-Produzenten (z.B. Schriftsteller) als auch zwischen dem zuhörenden Analytiker und dem Geschichten-Rezipienten (z.B. Leser) Analogien ziehen lassen, dann lässt sich doch folgende These aufstellen: Literatur ist Symptom und Ursache von Kollektivpsychosen.
Mit Literatur meine ich sehr allgemein einen Katalog an Themen, Motiven und Kategorien eines Kollektivs, nicht nur in Buchform, sondern auch in anderen „Erzähl-Medien“. Literatur ist der Ort, in dem sich das Erzählrepertoire einer Kulturgemeinschaft sammelt und verbreitet. Kollektivpsychose soll als Sammelbegriff aller psychischen Erkrankungen verstanden werden, die den Mitgliedern eines Kollektivs gemein sind.
Lässt sich diese These bestätigen, ließen sich, fasst man das Kollektiv nur groß genug, Erkenntnisse über die allgemeine psychische Verfassung des Menschen gewinnen. Die Idee, Literatur als Symptom und als Therapie, zum Beispiel als Weltbewältigung, aufzufassen ist nicht neu. Genau so wenig wie die Gegenwehr meist aus dem psychoanalytischen Lager, das therapeutischen Nutzen sowie Leistungsfähigkeit des literarischen Schaffensprozesses in Frage stellt. Meine These zielt auch nicht auf Selbsttherapie eines Schriftstellers oder den Sinn von therapeutischem Schreiben wie etwa sitzungsbegleitende Tagebuchaufgaben ab.
Denn mit dem Begriff der Literatur als Kartei prototypischer Topoi eines Kollektivs, vielleicht sogar des Gesamtkollektivs, hat die These vielmehr die Grunddisposition des Menschen als homo narrans, als der Geschichten erzählende Mensch im Blick. Aber Literatur kann nicht nur Symptom, sondern auch Ursache von Psychosen sein, oder positiver gefasst; Literatur hat einen maßgeblich prägenden Einfluss auf Identitäten und deren Sicht auf die Realität. Häufiges Merkmal von Psychosen ist der verzerrte Realitätsbezug und
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die mangelnde Einsicht in die eigene Krankhaftigkeit. Ist der szientistische Objektivismus vielleicht eine Psychose? Die literarische Produktion geschieht nicht aus dem Nichts heraus. Sie ist eine Projektion von Psychen, die auf der Phantasieebene probehandeln, Triebe befriedigen, Wünsche erfüllen, die Realität ergänzen bzw. korrigieren und sie in narrativen Kategorien strukturieren. Der Autor ist also kein unbewegter Beweger, sondern bewegter Beweger; und zwar „bewegt“, insofern er von seinem und anderen Werken beeinflusst wird und „Beweger“, insofern er durch sein Werk Einfluss ausübt. Zur Wechselwirkung von literarischer Produktion und Rezeption werde ich später auf Paul Ricœurs Mimesis-Modell zurückgreifen.
Erweist sich die These Literatur ist Symptom und Ursache von Kollektivpsychosen als tauglich, so lässt sich der Mensch in seinem Wesen als literarisch verfasste Entität verstehen. Dann erwiese sich die Identität des Menschen als in Geschichten verfasst. Das Leben vollzöge sich nach Erzählmustern und folge einer narrativen Ordnung. Gemeinschaften haben so gesehen Teil an Geschichten und jedes Individuum ist nicht nur in seine eigene Geschichte, sondern auch in die Geschichte der anderen verstrickt.
Literatur ist der Ort, wo sich die Kategorien entwickeln, die wiederum das Leben für den Menschen mit Sinn und Einheit 1 versehen. Sowohl für den Psychoanalytiker Jacques Lacan, als auch für den Philosophen Paul Ricœur ist der Mensch existenziell gespalten. Legt man Lacans Theorie des Spiegelstadiums und Ricœurs Ausführungen zur narrativen Identität nebeneinander könnte man formulieren: „Literatur ist der Spiegel, in dem sich der Mensch mit einem Aha-Erlebnis jubilatorisch wiedererkennt, sich in ihr entfremdet und schließlich durch die Literatur wieder zur Einheit gelangt.“
Um diese Aussage mit meiner These verbinden und beiden folgen zu können, bedarf es einiger begrifflicher Klärungen der von mir zugrunde gelegten Zusammenhänge. Anspruch dieser Arbeit ist es nicht, prototypische Topoi zu analysieren und die latenten Pathologien, die diese indizieren aufzudecken. Vielmehr soll die Möglichkeit einer solchen Untersuchung geprüft werden. Ich frage mich also im Folgenden, ob es überhaupt Sinn hat, die entsprechenden Thesen aufzustellen, ob tatsächlich ein reziproker Zusammenhang zwischen Literatur und Mensch besteht, ob der hier formulierte literarische Subjektivismus dem szientistischen Objektivismus etwas hinzuzufügen hat.
1 Mit „mit Einheit versehen“ ist hier und im Folgenden die vereinheitlichende, verbindende Kraft der narrativen Konfiguration gemeint. Das Subsumieren von Kontingenzen unter eine einheitliche Struktur mit Anfang und Ende. Siehe 2.2
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1. Der Mensch als homo narrans
Die Gattung Mensch je nach Untersuchungsgebiet mit einem jeweiligen Spezifikum zu charakterisieren ist weit verbreiteter Usus: Schon Aristoteles sah den Menschen als zoon politikon, als das gesellschaftsbildende Wesen. Man kennt den Menschen als homo ludens, den spielenden Menschen etwa von Friedrich Schiller oder Johan Huizinga. Mit homo oeconomicus, homo sociologicus oder homo faber 2 verwiesen beispielsweise Adam Smith, Ralf Dahrendorf und Henri Bergson auf spezifische Konzeptionen des Menschen. Als unterscheide sich der Mensch in seiner jeweiligen Eigenschaft als Wirtschaftender, Sozialer oder Schaffender so voneinander, wie der Neandertaler vom Modernen Menschen. Um den Einfluss von Literatur, Geschichten bzw. Erzählen und Erzählungen zu verdeutlichen möchte ich dieses Homo-Figuren-Kabinett um das Exemplar des homo narrans, des Geschichten erzählenden Menschen erweitern. Das Geschichtenerzählen oder die geschichtliche Verfasstheit zum Hauptkonstitutivum des Menschen zu erheben hat einige psychologische, philosophische und literaturwissenschaftliche Folgen, die in diesem Abschnitt näher behandelt werden. So werde ich auf das Vergeschichtlichen der eigenen Existenz in der Psychoanalyse eingehen und das Problem von Geschichtsvergessenheit bzw. -losigkeit und dessen Konsequenzen für einen homo narrans kurz darstellen (1.1). In 1.2 führe ich, um meine Theorie zu stützen, aus dem sprachphilosophischen und erkenntnis-theoretischen Lager einige Argumente an und so den Zusammenhang von Mensch, Welt und Sprache bzw. Lebenswelt und Geschichte zu verbinden. Schließlich wird zur Vorbereitung von Abschnitt 2. in 1.3 der Begriff der Geschichte genauer positioniert.
1.1 Psychotherapie als Vergeschichtlichen des Lebens
In der Psychotherapie soll mittels einer besonderen Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten auf kommunikativem, meist verbalem Wege Linderung einer psychischen Pathologie oder Weiterentwicklung der Persönlichkeit des Patienten gemeinsam erarbeitet werden. Die Sprache ist das Hauptmedium der Therapie. Das Gespräch zwischen Therapeut und Patient ist nahezu monologisch. Der Therapeut ist hauptsächlich Ansprechfläche und greift mit seinen Fragen nur lenkend und zielorientiert ein, um den Patienten so dazu zu bringen, direkt oder indirekt, bewusste oder unbewusste psychische Konstellationen
2 Interessant ist hier, dass dieser wissenschaftliche Begriff Eingang in die Literatur gefunden hat, als Titel des gleichnamigen Buches von Max Frisch.
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bloßzulegen. Dies kann über Traumdeutung, autobiografisches Berichten oder freie Assoziation geschehen. In jedem Fall emaniert der Patient in narrativer Form seine Geschichte(n). Um sein Leben, seine Träume, seine Vorstellungen überhaupt jemandem berichten also versprachlichen zu können muss er diese narrativ vorstrukturieren. Was sagt er als erstes, was danach, was am Ende? Er gibt sozusagen seinem bisherigen Leben im Augenblick des Erzählens Anfang und Ende. Er legt Rollen fest, entscheidet, was ein Ereignis war und welches davon ein wichtiges, prägendes darstellt. Der Patient lässt bewusst oder unbewusst Vieles aus, das er nicht erinnern kann oder will. Er bewertet um und positioniert sich teils kritisch teils affektiv zu sich selbst als Figur in der Geschichte und zu sich selbst als Erzähler der Geschichte. Gefühle, Wünsche, Träume, Erlebnisse, Erinnerungen werden irreduzibel erstpersönlich geordnet, gewertet, verschwiegen und verfärbt. Das Von-sich-Erzählen hat Anfang und Ende, Ereignis, Protagonisten, Figuren und Rollen; wie eine Geschichte. Erzählen heißt selektieren, abstrahieren, strukturieren. Narration ist Reduktion. Ist die Erzählung des Patienten ausgesprochen, verlässt also das Werk die Gewalt des Autors, ist es am Therapeuten, anhand der spezifischen Struktur auf verborgene Pathologien zu schließen. So ehrlich und naiv der Patient sich auch bemüht von sich „wie er ist“ oder seinem Leben „wie es ist“ zu erzählen, das Wesen der Medien Erzählung und Sprache schließt eine interpretations- und wertungsfreie Eins-zu-Eins-Darstellung per definitionem aus. Dies ist der Bereich, in dem der Therapeut dann seine Erkenntnisse über die psychischen Dispositionen des Patienten findet; nicht im Was sondern im Wie der Erzählung. 3 Trotz der einwendbaren Unterschiede zwischen literarischem und therapeutischem Erzählen, bleiben die wesentlichen Charakteristika des Mediums Erzählen in beiden Fällen gewahrt. Es variieren lediglich der Unterhaltungswert, die Klarheit der so genannten message und der Anspruch an das textexegetische, analytische und interpretatorische Geschick des Analytikers, Zuhörers bzw. Lesers. 4
Was die Identität einer Person letztlich wesentlich ausmacht ist philosophisch stark umstritten. Dass der Mensch aber ein diachrones Wesen ist, sich stets als fortdauernde Entität begreift steht außer Frage. Für Heidegger war die Sorge das Sein des Daseins und die Zeitlichkeit deren Sinn. Etwas weniger enigmatisch formuliert könnte man sagen: die Zeit ist
3 Zu den Unterschieden zwischen literarischem bzw. alltäglichem Erzählen und therapeutischem Erzählen bzw. Nicht-Erzählen, vgl.: Anita Eckstaedt, S. 25-30, in PAS 1992
4 Die Charakteristika therapeutischen Erzählens, aus denen Eckstaedt die „Unfähigkeit […] wirklich zu erzählen“ (ebd. S.27) ableitet, sind meiner Meinung nach einem eher klassischen Literaturbild geschuldet und haben etwa Gemeinsamkeiten mit absurder oder postmoderner Literatur; also durchaus Erzählen.
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Quote paper:
Bruno Gransche, 2007, Der Homo Narrans, Munich, GRIN Publishing GmbH
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