SIEG ÜBER DIE SONNE
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Kunst in Russland zu Beginn des 20.Jahrhunderts 4
3. Das Theater als Bühne der Veränderungen 9
4. „Sieg über die Sonne“ -
Ein Kollektivwerk futuristischer Vordenker 11
5. Resümee 13
6. Literaturquellen Ü
S. 14
Ü Ü Ü Ü Ü Ü
2
1. Einleitung
„Wir praktizieren in einer Opernaufführung die totale Zerschlagung der Begriffe und Worte, der alten Dekoration und der musikalischen Harmonie. Wir schufen ein neues, von konventionellem Erleben befreites Werk, - voll in sich selbst in scheinbarer Sinnlosigkeit der Worte, der Malerei und der
Laute, - wir schufen die neuen Zeichen der Zukunft.“ 1
Die erste kubo-futuristische Oper „Sieg über die Sonne“ 2 , in der bildnerische, musikalische und textliche Elemente im Sinne eines Gesamtkunstwerks zu einer Einheit verschmolzen, wurde am 3. Dezember 1913 in St. Petersburg uraufgeführt und war das Ergebnis des gesellschaftlichen und künstlerischen Umbruchs der vorrevolutionären Zeit in Russland.
Nahezu alle Vertreter der russischen Kunst jener Jahre akzeptierten die historische und soziale Bedeutung der herannahenen Revolution und waren direkt an der Entwicklung der revolutionären Bewegung beteiligt oder die Verbindung ergab sich aus ihrer schöpferischen Anteilnahme am historischen Schicksal des Landes.
In ihren Werken machten sich die Künstler intensiv auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in der Musik, der Dichtung und der Malerei. Sie wollten ein Kollektivwerk schaffen und durch ihre Kunst die erstarrte Welt verändern: „Der Kubismus und der Futurismus waren revolutionäre Bewegungen in der Kunst die, die Revolution des Jahre 1917 - im ökonomischen und politischen Leben - schon angekündigt haben.“ 3 Im Rahmen vorliegender Hausarbeit soll die Entwicklung der russischen Kunst am Anfang des 20. Jahrhunderts dargestellt werden, welche die Voraussetzung für die Oper „Sieg über die Sonne“ schuf. Musik, Text, Kostüm und Bühnenbild der Oper werden analysiert und in den kunstgeschichtlichen Kontext gestellt.
1 Staatliches Literaturmuseum Moskau: Zur Ausstellung in: Sieg über die Sonne, S. 27
Fröhlich & Kaufmann, Berlin 1983
2 Der Originaltitel lautete „Pobeda nad Solncem“
3 Kasimir Malewitsch zum hundertsten Geburtstag, Ausstellungskatalog, S. 7, Köln:
Galerie Gmurzynska, 1978
3
2. Kunst in Russland zu Beginn des 20.Jahrhunderts
Die historische Periode zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland, in der sich die Revolution im Jahre 1917 entwickelte, war durch eine Konfliktsituation gekennzeichnet, die alle Gebiete des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens umfasste. Scharfe soziale und psychologische Widersprüche bereiteten einen radikalen Wechsel der Kulturepochen und ein neues künstlerisches Bewusstsein vor.
Eine der zentralen Gestalten und Wegbereiter für die Entwicklung der russischen Kunst war Alexandr Blok (siehe Anhang, Abbildung 1). Sein 1904 erschienener erster Sammelband mit Gedichten „Stichi o prekrasnoj dame“ 4 brachte dem Dichter literarischen Ruhm und wurde zu einem wichtigen Ereignis in der russischen Dichtung. Im selben Jahr begann Brjussow mit der Herausgabe des Journals „Wesy“ 5 , das zum Presseorgan der künstlerischen Schule der Symbolisten wurde. Brjussow, Bely und Balmont formulierten die ästhetischen Hauptprinzipien des Symbolismus. Die Kunst wurde zu einer Methode der Kontemplation, des Ahnens und der Erleuchtung erklärt. Mit Hilfe der Kunst sollten die ewigen Urgründe des Daseins durch die sichtbaren Formen der realen Welt hindurch erfasst werden.
Gegen die Symbolisten trat Maxim Gorki sehr heftig auf. Er vertrat die Anhänger des Realismus unter den Schriftstellern, die sich um die von ihm gegründete Gesellschaft „Snanije“ 6 gesammelt hatten. Gorki verteidigte die bewusstseinsbildende und erzieherische Bedeutung der Kunst und kritisierte die Symbolisten, nannte sie dekadent aufgrund ihrer antigesellschaftlichen Position, ihrer Selbstisolierung und ihrer Flucht vor der Lösung der sozialen Probleme, obgleich er an dieser Position auch den ästhetischen Protest und die antibourgeoise Tendenz wahrnahm.
4 Deutsche Übersetzung: „Verse von der schönen Dame“
5 Deutsche Übersetzung: „Waage“
6 Deutsche Übersetzung: „Wissen“
4
Die Ereignisse im Jahre 1905 - die Welle der Volksaufstände und die grausamen Repressalien der zaristischen Regierung - dies alles wurde entscheidend für das Bewusstsein der Künstler, Schriftsteller und Dichter. In einem 1906 veröffentlichten Sammelband wurde Gorkis Roman „Mat“ 7 abgedruckt, in dem zum ersten Mal die Entwicklung der sozial und politisch bewussten Arbeiter aufgezeigt wurde. Dieses Buch wandte sich an jene, die über den Ausgang der sozialen Kämpfe entscheiden sollten. Im selben Jahr wurde das von Blok verfasste lyrische Drama „Balagantschik“ 8 von dem Schauspieler und Regisseur Wsewolod Meyerhold (siehe Anhang, Abbildung 2) im Theater der
Komissarschewskaja inszeniert. Diese Aufführung vereinigte das ironisch lyrische Stück Bloks mit den neuen Prinzipien von Meyerholds „Bedingtem Theater“ 9 , auf das beim nächsten Punkt noch näher eingegangen wird. Ab dem Jahr 1907 beschäftigte sich Blok in seinen, im Literaturteil der Zeitschrift „Solotoje runo“ erscheinenden Artikeln, mit Russland, dem Verhältnis von Volk und Intelligenz, der gesellschaftlichen Bestimmung des Dichters und der Bürgerpflicht des Künstlers. Bloks Texte erfassten die Gesetze der Zeit und beschrieben anhand der Schicksale von Einzelpersönlichkeiten das Bewusstsein des modernen Menschen in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit, wie sie für die Epoche der großen Umwälzungen charakteristisch war: „Der Ekel vor dem Leben ebenso wie die wahnsinnige Liebe zu ihm.“ 10 In der Buchgraphik und der Buchillustration arbeiteten nun Graphiker, Maler mit den Schriftsteller oft zusammen. Unter den Malern, die seinem eigenen Schaffen nahe standen, hob Blok Wrubel und Nesterow stets hervor. Das Werk „Dämon“ von Wrubel verdeutlichte als Mythos und Bild einen der wesentlichen Züge der lyrischen Problematik Bloks. Die Suche nach einer harmonischen „All-Einheit“ hatte im Schaffen der Symbolisten
7 Deutsche Übersetzung: „Mutter“
8 Deutsche Übersetzung: Schaubude
9 „Uslowny teatr“ von Meyerhold geprägter Theatertypus, der bewusst die theatralischen
Elemente herausarbeitet, im Unterschied zur illusionistischen Realitätsnachahmung.
10 Staatliches Literaturmuseum Moskau: Zur Ausstellung in: Sieg über die Sonne, S. 30, Fröhlich &
Kaufmann, Berlin 1983
5
Arbeit zitieren:
Mona Förtsch, 2006, Die Oper „Sieg über die Sonne“ – ein Kollektivwerk futuristischer Künstler, München, GRIN Verlag GmbH
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