Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 minne 5
2.1 Formen von minne 6
2.2 höfische Liebe 8
2.2.1 Forschungsgeschichte der höfischen Liebe 8
2.2.2 Definitionsversuch „höfische Liebe“ 12
3 Wolfram von Eschenbachs Titurel 15
4 Minnedarstellung im Titurel 16
4.1 Sigune und Schionatulander 18
4.2 Kinderminne 20
4.3 höfische Liebe im Titurel 22
5 Fazit 25
6 Literaturverzeichnis 25
2
1 Einleitung
Das Mittelalter strahlt heute eine gewisse Faszination auf uns aus. Es umfasst rund neun Jahrhunderte 1 und gilt als eine finstere[…] 2 Zeit. Nicht nur Germanisten beschäftigen sich mit Texten dieser Zeit, soweit sie erhalten sind, auch die Filmbranche und der Buchmarkt übernehmen Stoffe aus dieser Zeit, um das Publikum zu begeistern. 3 Weiterhin gibt es zahlreiche Ausstellungen, so auch die vor kurzem in Magdeburg gezeigte Sammlung zum Thema Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. 4 Erklärbar ist diese Faszination vielleicht durch die Sehnsucht nach einer heilen Welt. 5 Im Mittelalter gab es eine festgesetzte Gesellschaft, eine Ordnung der Städte, eine gewisse Einfachheit und Festgefügtheit des Lebens. 6 Doch diese Darstellung ist eine starke Vereinfachung des Mittelalter-Bildes. 7 Ein weiterer Grund für das Interesse könnten die überaus wertvollen Materialien aus der Zeit sein. Als Besucher einer Ausstellung kann man durch Anfassen oder Anschauen teilhaben an dem Reichtum, der Fremdartigkeit und der Exotik. 8 Das Mittelalter ist auch unsere eigene Vergangenheit, die - einem Märchen gleich - alt und jung fasziniert. Berühmte literarische Texte aus dieser Zeit sind z.B. die Merseburger Zaubersprüche, die Minnelieder vom Kürenberger, am berühmtesten im Minnesang sicher Walther von der Vogelweide, sowie die epischen Werke von Hartmann (Erec), das Nibelungenlied oder Wolfram von Eschenbachs Parzival. Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll ein in der nicht-wissenschaftlichen Sphäre eher unbekanntes Werk stehen: Wolfram von Eschenbachs Titurel. Als Geschichte zweier Liebenden liest es sich spannend und hält - trotz seines Alters von rund 800 Jahren - einen gewissen Aktualitätsbezug bereit. Liebesgeschichten, ganz besonders tragische Geschehnisse, rühren das Publikum. Ganz unbedenklich betitele ich den Titurel als eine Liebesgeschichteeine Geschichte über die Liebe. Wolfram von Eschenbach sieht die Liebe als allumfassende
1 Vgl. Wilpert, 2001. S. 526.
2 Vgl. ebd.
3
So z.B.
King Arthur
mit Clive Owen und Keira Knightley (Vgl. Amazon. „King Arthur.“ 2007. 23.1.2007.
Owen/dp/B0006SN4XQ/ref=cm_lm_fullview_prod_6/303-8957609-5813835> oder
Königreich der Himmel
mit Orlando Bloom und Jeremy Irons (Vgl. Amazon. „Königreich der Himmel.“ 2007. 23.1.2007.
4
Vgl. Landeshauptstadt Magdeburg. „Das Heilige Römische Reich als Erfolgsstory. Bilanz der großen Magdeburger Geschichtsausstellung.“ n.d. 23.1.2007.
5 Vgl. Schilling, Michael. Einführung in die germanistische Mediävistik. Vorlesung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, 2004/5.
6 Vgl. ebd.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. ebd.
3
Kraft, gesteht ihre eine große Bedeutung im Leben der Menschen zu. 9 Darum widmet er der Geschichte einer Liebe ein gesamtes Werk. 10 Doch die Liebe, die Wolfram im Titurel seinem Publikum vorstellt, ist keine einfach Liebe, sie ist facettenreich. Sie besteht aus vielen Charakterzügen und hat ihre Eigenarten. Genauso vielgestaltig und undurchsichtig unser Bild vom Mittelalter ist, so ist auch die Minnevorstellung im Titurel ambivalent. Lyrische und epische Minneperspektiven stehen nebeneinander 11 und eröffnen dem Leser ein zu erschließendes Bild. Dieses Bild genauer zu zeichnen, soll Aufgabe der vorliegenden Arbeit sein.
Zunächst soll dazu der Begriff minne definiert, seine verschiedenen Formen vorgestellt und die höfische Liebe näher betrachtet werden. Die höfische Liebe spielt in höfischen Romanen, zu denen der Titurel gehört, eine große Rolle, so dass diese nach einem kurzen Forschungsabriss von den anderen Minneformen abgegrenzt werden soll. Nach einer kurzen Einführung in das Werk wird die Minnedarstellung im Titurel näher betrachtet. Es soll analysiert werden, welche Art von minne Wolfram in diesem Werk herausarbeitet. Dabei werden die Liebenden Sigune und Schionatulander und ihr Verhältnis zueinander wichtig sein.
9 Vgl. Wolf, 1996. S. 34.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. Schnell, 1985. S. 130.
4
2 minne
Minne ist eines der meist besprochenen höfischen Wörter in der mittelalterlichen Forschung. 12 Im 12. Jahrhundert war der Begriff in der Volkssprache allgegenwärtig. 13 Heute benutzt man diesen Begriff weiter, um seinen angeblich fremden Begriffsinhalt wiederzugeben, der anders von der umgangssprachlichen Liebe sein soll. 14 Ob dies aber wirklich so ist, steht zur Diskussion. Schlägt man den Begriff minne in wissenschaftlichen Büchern nach, so wird man oft zum Eintrag „Minnesang“ verwiesen. Der Begriff minne bedeutet im Kontext des Minnesangs freundliches Gedenken, Erinnerung und Liebe. 15 Im Spätmittelalter kommt noch eine sexuelle Komponente hinzu, anstatt des Begriffs minne wird dann der Begriff der „Liebe“ eingeführt, der in mittelhochdeutscher Zeit noch primär Wohlgefallen bedeutete. 16 Die Semantik des Wortes minne bezeichnet nicht nur die höfische Liebe, obwohl die Forschung auf diese Liebe fokussiert ist. Die höfische Liebe - die hôhe minne - bezeichne die „zarte Liebe“, die vergebliche und schmerzliche Sehnsucht nach einer unerreichbaren, idealen vrouwe, um die elegant am Hof oder auf dem Kampffeld und bei Turnieren geworben wurde. 17 Doch minne reicht von Freundlichkeit bis zur religiösen Ekstase. 18 Das mittelhochdeutsche Wort minne starb in der frühen Neuzeit in den meisten deutschsprachigen Gegenden aus und wurde durch den Begriff liebe ersetzt. 19 Werner BESCH konstatiert, dass es zwischen minne und liebe im 15. Jahrhundert einen klar ausgeprägten sprachgeographischen [sic] Gegensatz 20 gab: liebe benutzte man im Südosten und mitteldeutschen Osten, minne wurde eher westlich davon gebraucht. So gibt es heute noch im Niederländischen das Wort minnen für „lieben“. 21 Die Verwendung der beiden Begriffe variiert nicht nur geografisch sondern auch innerhalb eines Werks. Ob dabei aber die Schreiber selbst die Begriffe mischten, ist unklar. 22 Trotzdem kann man nicht sicher sein, ob mit dem Wortaustausch nicht auch ein Sinnaustausch einhergeht: bei liebe schwinge immer die Semantik der Freude mit, minne sei ein intensiveres Gefühl als liebe. 23 Liebe sei, wie auch die Begriffe trûren und leit, eine Teilmenge der minne. 24 Wolfram von Eschenbach z.B.
12 Vgl. Ehrismann, 1995. S. 136.
13 Vgl. Wolf, 1996. S. 13.
14 Vgl. Ehrismann, 1995. S. 136.
15 Vgl. Schweikle, , 1998. S. 25.476.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. Ehrismann, 1995. S. 136.
18 Vgl. ebd. S. 137.
19 Vgl. ebd. S. 138.
20 Ebd.
21 Vgl. ebd.
22 Vgl. ebd.
23 Vgl. ebd. S. 139.
24 Vgl. ebd. S. 140.
5
benutzt mehr den Begriff minne - im Titurel 69-mal gegenüber dem Wort liebe, das er nur zwölfmal verwendet. 25 Ob er aber einen inhaltlichen Unterschied machte, ist unklar. Sicher sei, dass die Auffassung über die Liebe von der Gattung gesteuert wurde. Im Roman berühre minne die eheliche Liebe und die sexuelle Lust 26 , bleibe aber mannigfaltig, wie der Erzähler in Wolframs Titurel feststellt: minne, du bist alze manger slahte!/ gar aller schrîbaere künden nimer volschrîben dîn art noch dîn ahte. 27 (Minne du bist allzu verschiedenartig: Alle Schreiber der Welt zusammen könnten deine Abkunft und eigentümliche Beschaffenheit niemals ganz genau beschreiben.) 28 Doch diese Definitionen reichen nicht aus, um das Wesen der minne oder der „Liebe“ im hohen Mittelalter - in der Zeit, in der Wolfram von Eschenbach seine Titurel-Fragmente schrieb - zu ergründen. Dazu soll ein Überblick über die Minneforschung gegeben werden, um zu analysieren, welche Art der minne im Titurel zu finden ist.
2.1 Formen von minne
Es gibt unterschiedliche Bedeutungen von „Liebe“ im Mittelalter. So gibt es z.B. die Gottesliebe, die Freundschaft, die eheliche Liebe, die sinnliche Leidenschaft, die ehrfürchtige Verehrung 29 , die Verwandtenliebe, die Feindesliebe sowie die Liebe um des Gewinns willen. 30 Schon im 13. und 14. Jahrhundert gab es theoretische Darlegungen über die minne 31 , wie z.B. Die Minneburg eines unbekannten Autors, die Minnelehre von Johannes von Konstanz oder die Jagd von Hadamar von Laber. 32 Das Zentrum dieser Betrachtungen lag in Deutschland und Frankreich. 33
Nach D.W. ROBERTSON gibt es zwei Formen von Liebe in der mittelalterlichen Literatur: Die cupiditas-Liebe - das leidenschaftliche Verlangen nach sexueller Lust, vor der die Literatur mit Hilfe von Ironie und Parodie warnen soll - und die caritas-Liebe - eine auf Gott hin ausgerichtete Nächstenliebe, die in der Literatur verherrlicht wird. 34 Die cupiditas- Liebekann auch als armor carnalis. - fleischlichen Liebe - bezeichnet werden, die caritas- Liebeals amor spiritualis - geistige Liebe. 35
25 Vgl. ebd.
26 Vgl. ebd. S. 141.
27 Brackert, Fuchs-Jolie, 2003. S. 60. Str. 49.
28 Ebd. S. 61. Str. 49.
29 Vgl. Schnell, 1985. S. 19.
30 Vgl. ebd. S. 75.
31 Vgl. Wolf, 1996. S. 13.
32 Vgl. ebd. S. 14.
33 Vgl. ebd.
34 Vgl. Schnell, 1985. S. 18.
35 Vgl. Bumke, 2003. S. 3.425.
6
D.H. GREEN hält dagegen und meint, dass die höfische Liebe an sich verschiedene Formen habe, so dass man nicht zwischen cupiditas- und caritas-Liebe unterschieden könne. 36 Er setzt aber den Begriff der „höfischen Liebe“ schon voraus, wobei ROBERTSON nur verschiedene Formen von „Liebe“ unterscheidet. Lee W. PATTERSON unterscheidet drei Formen weltlicher Liebesdichtung des 13. und 14. Jahrhunderts: Er nennt die ovidische Liebeshaltung, in der die Geliebte in der Maske dessen, der nur amicitia - also geistliche Liebe - anstrebte, verführt wird. 37 Die anti-ovidische Liebeshaltung sei der Preis ehelicher amicitia, bei der die unstete sexuelle Leidenschaft verurteilt wird. 38 Zuletzt gebe es eine nichtdefinierbare Liebeshaltung, die sich des Vokabulars einer ovidischen amor-Haltung - also sexueller Liebe 39 - und einer ciceronianischen amicitia-Theorie bedient. 40 Beide Konzepte ließen sich aber nicht voneinander trennen. 41
Diese verschiedenen Meinungen kann man verbinden, denn mittelalterliche Autoren beschreiben die weltlich erotische Liebe mit christlich-religiösem Sprachmaterial. 42 Damit wollen die Autoren ihren Bildungsstand demonstrieren, aber auch den wirklichen Charakter der Liebesbeziehung verschleiern, da das religiöse Sprachmaterial die Szene parodiert. Besonders hochmittelalterliche Ritterromane waren in der Mehrzahl Werke von Klerikern, die das religiös geprägte Sprachmaterial in ihre Werke einfließen ließen. 43 Der Dichter möchte somit dem hohen Wert einer Liebesbeziehung einen adäquaten Ausdruck verleihen. 44 Diese spezielle Verwendung von Sprache habe vielleicht die höfische Liebe erst ermöglicht, da sie durch die religiöse Sprache legitimiert wurde. 45 Hier stellt sich aber die Schwierigkeit, dass der Hörer oder Leser nicht genau weiß, um welche Form der Liebe es sich in einem Werk handelt. Rüdiger SCHNELL verweist aber auf den Kontext, um zu klären, welche Art von Liebe beschrieben wird, auch wenn oft nicht zwischen den Erscheinungsformen unterschieden werden kann. 46
36 Vgl. Schnell, 1985. S. 18.
37 Vgl. ebd.
38 Vgl. ebd.
39 Vgl. ebd. S. 22.
40 Vgl. ebd. S. 18.
41 Vgl. ebd.
42 Vgl. ebd. S. 20.
43 Vgl. Wolf, 1996. S. 14.
44 Vgl. Schnell, 1985. S. 20f.
45 Vgl. ebd.
46 Vgl. ebd. S. 21.
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Arbeit zitieren:
Juliane Schicker, 2006, Liebesdarstellung im Titurel, München, GRIN Verlag GmbH
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