1. Einleitung
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es die Frage zu beantworten, ob Heuschreckeneinfälle im Mittelalter als Plage oder vielleicht sogar als Prodigium gesehen wurden. Die Forschung bietet zu dieser Frage noch keine zusammenhängende Antwort, lediglich Fritz Curschmann 1 und Rüdiger Glaser 2 erwähnen das Auftreten von Heuschreckenschwärmen in ihren Darstellungen kurz, ohne dabei jedoch auf die oben genannte Frage einzugehen, deshalb bin ich bei der Arbeit auf Quellen, die aus Chroniken und Annalen bestehen, angewiesen. Es scheint unter anderem durch die schwierige Quellenlage und den zeitlichen Abstand zwischen den beiden ausgewählten Heuschreckeneinfällen sinnvoll diese getrennt zu betrachten. Ich werde meinen Betrachtungen einen kurzen Abriss über die Entwicklung und das Leben der Heuschrecken allgemein voranstellen, da ich mir erhoffe daraus etwas mehr Verständnis für die berichteten Ereignisse zu gewinnen. Ferner werde ich zeigen wie Heuschrecken als Plage und als Prodigium in der Bibel dargestellt werden und Kriterien entwickeln, die eine Beantwortung der eingangs gestellten Frage zulassen, sodass ich nach meinen Betrachtungen im Schlussteil eine möglichst klare Beantwortung der Frage erreiche. Wie Heuschrecken als Prodigium behandelt wurden, werde ich meiner Betrachtung der Bibel direkt hintanstellen, da ich nur eine Quelle fand, die diesen Zusammenhang einigermaßen deutlich formulierte, die Autobiographie Karls IV. 3
Für die Heuschreckeneinfälle von 873 stütze ich meine Betrachtungen auf fünf Quellen, die Annalen von Bertincourt 4 , die Ottonis Episc. Frisingensis Cronica 5 , die Regensburger Chronik 6 , die Hildesheimer Chronik 7 und die Xantener Annalen 8 . Bei der Betrachtung der Vorfälle von 1338 kommen die Chronik des Andreas von Regensburg 9 , die Chronik der Stadt Nürnberg 10 , die Chroniken der Stadt Augsburg von Erhard Wahraus 11 und von einem
1 Curschmann, Fritz, Hungersnöte im Mittelalter, in: Leipziger Studien aus dem Gebiet der Geschichte, Buchholz/Lamprecht/Marcks/Seeliger(Hg.), S. 22.
2 Glaser, Rüdiger, Klimageschichte Mitteleuropas, S.65f.
3 Vgl. Vita Caroli Quarti, Die Autobiographie Karls IV., Übersetzung, Kommentar von Eugen Hillenbrand, S. 140/142.
4 MGH SS rer. Germ., in usum scholares, Annales Bertiniani, S.873.
5 MGH SS rer. Germ., in usum scholares, Ottonis Episcopi Frisingensis, S267.
6 MGH SS rer. Germ., in usum scholares, Reginonis Abbatis Pruminensis Chronico, S.105..
7 MGH SS rer. Germ., in usum scholares, Annales Hildesheimnensis, S. 18.
8 MGH SS rer. Germ., in usum scholares, Annales Xantenses, S.83.
9 Andreas von Regensburg, sämtliche Werke in: Quellen und Erörterungen zur bayrischen und deutschen Geschichte, Neue Folge Bd. 1, S. 86f.
10 Nürnberg Bd. 1 in: Chroniken der deutschen Städte, S. 348.
11 Erhard Wahraus, in: Chroniken der deutschen Städte 4, Augsburg Bd. I, S. 220.
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anonymen Verfasser 12 , sowie die Chronik des Dietrich Westhoffs 13 , die Erfurter Chronik 14 und die Chronik des Johannes von Winterthur 15 zum Einsatz. Mir ist dabei bewusst, dass diese Quellen nicht ausreichen, um einen vollständigen Überblick zu erhalten, inwieweit die Heuschrecken als von Gott gesandte Plage angesehen, oder gar als Prodigium gedeutet wurden. Deshalb beziehen sich meine Aussagen nur auf die von mir benutzten Quellen ohne den Anspruch zu erheben Allgemeingültigkeit zu besitzen, da wie sich zeigen wird die Anschauungen von ein und demselben Ereignis in den verschiedenen Quellen sehr stark auseinandergehen.
12 Anonyme Chronik, in: Chroniken der deutschen Städte 22, Augsburg Bd. III, S. 459.
13 Chronik des Dietrich Westhoff in: Chroniken der deutschen Städte 20, Dortmund/Neuß, S.210.
14 MGH SS rer. Germ., in usum scholares, Cronicae S. Petri Erfort, S. 373.
15 MGH SS rer. Germ., Tomus III., Die Chronik Johanns von Winterthur, S. 150.
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2. Heuschrecken allgemein
Von den über 20.000 Heuschreckenarten, die bekannt sind ist für diese Betrachtung nur die europäische Wanderheuschrecke (locusta migratoris migratoris), von größerer Bedeutung, wobei die Bedingungen, die zu einem vermehrten Auftreten von Heuschrecken dieser Art führen dieselben sind, die ein vermehrtes Auftreten der anderen 160 in Europa bekannten Arten ermöglichen.
Diese Vorraussetzungen sind Feuchtigkeit, da die in der Erde abgelegten Eier ein gewisses Maß an Wasser benötigen und beim Ausbleiben dieses nicht schlupffähig werden, und Wärme, da Heuschrecken wie die meisten Insekten wechselwarm sind, und ihre Körpertemperatur um fliegen zu können mindestens 20 Grad Celsius betragen muss. 16 Die positive Korrelation zwischen diesen Witterungsbedingungen und der Vermehrung der Heuschrecken wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen. 17
Heuschrecken vermehren sich geschlechtlich und durchlaufen bis zur Geschlechtsreife fünf Entwicklungsstadien. Die bis zu 100 Eier werden nach der Befruchtung von dem Muttertier in eine bis zu zehn Zentimeter tiefe Grube abgelegt, dabei wird ein feuchter Sandboden bevorzugt, ferner werden die Eier durch einen Schaum geschützt, der von der Mutter abgesondert wird und später trocknet. Nach circa zwölf Tagen schlüpfen die Larven und stoßen zur Erdoberfläche vor, wo sie sich dann das erste mal häuten. Die Heuschrecken durchlaufen dabei keine Metamorphose wie zum Beispiel Schmetterlinge, sondern entledigen sich lediglich des zu eng gewordenen Chininpanzers. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals bis das Tier ausgewachsen ist. 18
Diese sehr schnelle Entwicklung haben die Wanderheuschrecken vielen anderen Arten voraus, die oft eine Eiphase von acht bis zehn Wochen absolvieren. 19 Deshalb ist die sprunghafte Vermehrung dieser Heuschreckenart überhaupt erst möglich, weil bei günstiger Witterung und Nahrungsangebot die verschiedenen Generationen sehr schnell aufeinander folgen können. Die Wanderheuschrecken ernähren sich, im Gegensatz zu einigen anderen Heuschreckenarten, ausschließlich phytophag, jedoch sind auch noch Unterschiede zwischen den verschiedenen Wanderheuschreckenarten zu erkennen. Die europäische Wanderheuschrecke bevorzugt Gräser, was sie zu einem besonders gefährlichem Schädling macht. Der eigentliche Fressakt dauert in der Regel nur circa fünf Minuten, mit einer ein- bis
16 Vgl. Lebendige Wildnis, Tiere der Wüste und Halbwüste, S. 110-126.
17 Ingrisch/Köhler, Die Heuschrecken Mitteleuropas, , S.214f.
18 Vgl. Lebendige Wildnis, Tiere der Wüste und Halbwüste, S. 110-126.
19 Ingrisch/Köhler, Die Heuschrecken Mitteleuropas, , S.62f.
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zweistündigen Verdauungspause. 20 Allerdings ist es auch möglich, dass die Heuschrecken nach einer sehr langen Hungerstrecke durchaus etwas länger fressen. Die Heuschrecken verfügen ferner über Geschmacksrezeptoren, die ihnen anzeigen ob die zur Verfügung stehende Nahrung überhaupt genießbar für sie ist, wenn aber über einen längeren Zeitraum eine solche Nahrung nicht vorhanden ist, so setzt eine Gewöhnung ein und sie weicht auf Nahrung aus, die sonst verschmäht worden wäre. 21
Wanderheuschrecken müssen nicht zwangsläufig auch wirklich wandern, dies passiert nur wenn die Population eine gewisse Größe übersteigt. Die wandernden Heuschrecken unterscheiden sich dabei sehr von den solitär lebenden, obwohl sie der selben Art angehören. Die Hauptunterschiede sind, dass die Schwarmbildenden Tiere dunkler sind, längere Flügel und kürzere Hinterbeine besitzen als ihre solitär lebenden Artgenossen. Bereits nach dem Schlupf, kann man sehen, ob diese Heuschrecken einen Schwarm bilden werden oder nicht, da schwarmbildende schwarz und gelb, die solitär lebenden hingegen unauffällig grün gefärbt sind. 22
20 Vgl. Ingrisch/Köhler, Die Heuschrecken Mitteleuropas, S. 164.
21 Vgl. ebenda.
22 Vgl. Lebendige Wildnis, Tiere der Wüste und Halbwüste, S.110-126.
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Arbeit zitieren:
Martin Böse, 2003, Heuschrecken, eine biblische Plage, München, GRIN Verlag GmbH
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