Freie Universität - Berlin, WS 2004/2005
HS: „Buddhistische Literatur im japanischen Mittelalter“
Das Lotos-Sutra
Grundlegende Ideen und Entwicklungsgeschichte,
die Theorie der inneren Offenheit und seine Adaption im mittelalterlichen Japan
von
Alexander Jentsch
Inhaltsverzeichnis
1 Geschichtliche Einordnung... 3
2 Entwicklung und Form des Lotos-Sutras... 4
2.1 Entstehung der Sutren... 4
2.2 Entstehung und Entwicklung des Lotos-Sutras... 5
2.3 Das ursprüngliche Lotos-Sutra... 7
2.4 Bedeutung der Struktur und Entwicklung des Lotos-Sutras... 7
3 Inhalt des Lotos-Sutras... 8
3.1 Hauptgedanken und Symbol des Lotos... 8
3.2 Die Lehren des Lotos-Sutras... 9
3.3 These des Fehlens des Lotos-Sutras im Lotos-Sutra... 11
3.4 Die Gleichnisse... 13
3.5 Das Gleichnis vom brennenden Haus... 13
3.6 Gleichnis vom verlorenen Sohn... 15
3.7 Das Gleichnis von den Kräutern... 16
3.8 Gleichnis von der Zauberstadt... 17
4 Das Lotos-Sutra im mittlelalterlichen Japan... 18
4.1 Buddhaschaft in diesem Leben... 18
4.2 Devatta... 19
4.3 Saichos Interpretation des Kapitels... 20
4.4 Das Lotos-Sutra als Thema japanischer Kunst... 22
4.5 Das Lotos-Sutra in der japanischen Malerei... 22
4.6 Das Lotos-Sutra in der mittelalterlichen Poesie Japans... 23
4.7 Das Lotos-Sutra und die mittelalterliche Politik Japans... 26
5 Zusammenfassende Abschlußbetrachtung... 28
Literaturverzeichnis... 29
1 Geschichtliche Einordnung
Das Lotos-Sutra, wörtlich das „Sutra von der Lotosblume des wunderbaren Gesetzes,“ skt. Saddharmapundarika, ist die bedeutendste Schrift im Kontext des Mahayana-Buddhismus und wird von westlichen Lesern auch als „Bibel Ostasiens“1 bezeichnet.
Es entstand vermutlich zwischen dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. in Indien, d. h. ca. 500 Jahre nach dem Tode des Buddha Shakyamuni. Der Verfasser ist unbekannt. In China wurde das Lotos-Sutra mehrfach übersetzt und ergänzt. Die am weitesten verbreitete Version wurde im Jahre 406 vom Mönch Kumarajiva (344-413) verfasst – chin. Miao fa lien hua ching. Sie ist der Text, der in China und im weiteren auch in Japan verehrt wurde bzw. wird und ist der Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Lotos-Sutra.
Auf Grundlage einer systematischen Interpretation Kumarajivas Übersetzung des Lotos- Sutras gründete der chinesische Mönch T’ien-t’ai Chih-i (538-597) im 6.Jh. dieT’ien-Ta’i- Schule. Anfang des 7. Jahrhunderts kam das Lotos-Sutra – jap. Myoho renge-kyo oder Hokekyo nach Japan und wurde auf staatlicher Ebene bald als eine der wichtigsten buddhistischen, heiligen Schriften angesehen. Im 9.Jh. gründete Dengyodaishi Saicho (767- 822) auf Basis der chinesischen T’ien-Ta’i-Schule am Rande der damaligen Kaiserstadt Kyoto die japanische Tendai-Schule. Diese entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zur bedeutendsten buddhistischen Strömung Japans.
Aus ihr gingen im 12.-13. Jahrhundert die unter dem Sammelbegriff „Kamakura- Neobuddhismus“ (Kamakura shinbukkyo) bekannten Bewegungen hervor, von denen einige sich zu etablierten und für die Kultur Japans bedeutenden Schulen entwickelten. Darunter fallen die Jodo-Schule Honens (1133-1212), die Jodo-Schule Shinrans (1173-1262), die Soto- Schule Dogens (1200-1253) und die Schule Nichirens (1222-1282). Insbesondere die letztgenannte hatte ihre Grundlage im Lotos-Sutra.
2 Entwicklung und Form des Lotos-Sutras
2.1 Entstehung der Sutren
Ein buddhistisches Sutra erkennt man der Eingangsformel: „Also habe ich gehört“. Das „ich“ bezieht sich auf Ananda, einen Schüler Buddhas, welcher jedes in einer Lehrrede gesprochene Wort seines Meisters erinnern konnte. Nach dessen Tod soll er einer Versammlung von 500 Mönchen diese Darlegungen zur Niederschrift wiedergegeben haben. Meist werden auch Angaben über Platz, Zeit und anwesende Schüler einer Predigt Buddhas im Beginn eines Sutra verarbeitet. Man hat so den Eindruck, dass die Sutren die direkten Lehrreden Shakyamuni Buddhas sind. Nach dem Tode Buddhas um 500 v. Chr. wurde versucht seine Lehren zusammenzutragen und zu erklären. Bald schon entstanden Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher Predigt die größte Bedeutung zukommen sollte. Um das 1. Jahrhundert v. Chr. gab es bereits 20 verschiedene Schulen und Sekten2. Die Hauptvertreter dieser Gruppierungen, welche als Abhidharmabuddhismus bezeichnet werden, waren professionelle Priester. Als solche beschäftigten sie sich gründlich und ernsthaft mit den Lehren Buddhas und schrieben viele Kommentare zu den Lehrreden. Allerdings zogen sie sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück und führten ein klosterhaftes Leben. Um die Zeitwende bemühten sich Laienbuddhisten den Buddhismus zu reformieren und wieder gesellschaftsfähig zu machen. Diese Bemühungen wurden die Wiege des Mahayana- Buddhismus – des Buddhismus des großen Fahrzeugs. Mit seinem Aufkommen und der Bedeutsamkeit, die er schnell gewann, wurde der ursprüngliche Buddhismus und seine Texte mit „Hinayana“3 – als kleines Fahrzeug bezeichnet und in gewisser Wiese degradiert. Zu den zwei alten „Wegen“: der Sravakaschaft – Erleuchtung durch Hören von Buddhas Stimme und der Pratyekabuddhaschaft – Erleuchtung durch eigene Bemühungen, trat der Weg des Boddhisattva – Erleuchtung durch Wirken als ein Helfer für andere, die Erleuchtung zu erlangen. D. h. mit Boddhisattva sind eigentlich gläubige Buddhisten gemeint, welche in der sekulären Welt weiterleben und andere durch ihr Beispiel auf den Weg bringen.4 Die Lehren und Schriften, die mit dieser neuen Strömung entstanden, wurden zunächst trotzdem direkt Buddha Shakyamuni zugeordnet.
Aus wissenschaftlicher Sicht können jedoch selbst von den Agamas5, welche direkte Niederschriften Shakyamunis Predigten darstellen sollen, nur wenige tatsächlich auf seine Zeit zurückdatiert werden. Texte in Sutra-Form entstanden später. Daß die darin enthaltenen Predigten direkt von Shakyamuni Buddha stammen, ist also unwahrscheinlich. Selbst nach der Ausbreitung des Buddhismus nach China6 in späteren Jahrhunderten entstanden immer wieder neue Sutren, die trotzdem als direkt von Buddha gegeben gelten.
2.2 Entstehung und Entwicklung des Lotos-Sutras
Im Gegensatz zu anderen großen Sutren des Mahayana wie dem Diamant- oder Herz-Sutra ist das Lotos-Sutra keine geschlossene Darlegung einer buddhistischen Anschauung. Es ist eher eine Sammlung von Geschichten zu verschiedenen buddhistischen Themen, was sicherlich ein Grund für seine Popularität ist. Die Bezeichnung „Bibel Ostasiens“ trifft zu, jedoch nicht nur in bezug auf die Beliebtheit des Sutras, auch seine Entstehung scheint ähnlich verlaufen zu sein. Der auf den ersten Blick einheitliche Text ist ein komplexes Konglomerat aus einer Vielzahl von Einzelgeschichten, geschrieben von verschiedenen Personen zu verschiedenen Zeiten. Die Auswahl der Geschichten scheint relativ willkürlich7, und der Entwicklungsprozess zu einem kohärenten Ganzen dauerte mehrere Jahrhunderte. In seiner heute verwendeten Form besteht das Lotos-Sutra aus 28 Kapiteln aufgeteilt auf 7 Bücher (in Japan 8). Seit der Zeit Tao-Shengs8 wird inhaltlich eine grobe Zweiteilung unternommen. Kapitel 1-14 beziehen sich auf den historischen Buddha Shakyamuni (560-480 v.Chr.) mit der im Kapitel 2 verkündeten Hauptlehre, daß jeder Mensch, jedes Wesen nicht nur erlöst werden könne, sondern auch selbst Buddha werden kann, bzw. Buddha werden wird.
[...]
1 Margareta von Borsig, Einleitung zu ihrer Übersetzung des Lotos-Sutra, 2003, S.1.
2 Tamuro Yoshiro, the Ideas of the Lotus Sutra, S. 37.
3 Kleines Fahrzeug oder niedrigeres Fahrzeug.
4 Tamuro Yoshiro, the Ideas of the Lotus Sutra, S. 38.
5 Agamas haben meist die Form von poetischen Hymnen, die zum Singen geeignet sind.
6 Shiiori Ryodo, Formation and Struture of the Lotus-Sutra, S.23.
7 Murakami Shigeyoshi, Butsuryu kaido Nagamatsu Nissen, S. 42.
8 Ein Schüler Kumarajivas, welcher den ältesten ausführlichen Kommentartext zum Lotos-Sutra geschrieben hat.
Arbeit zitieren:
M.A. Alexander Jentsch, 2005, Das Lotos-Sutra, München, GRIN Verlag GmbH
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Lotos-Sutra - Das große Erleuchtungsbuch des Buddhismus
Vollständige Übersetzung
Margareta von Borsig
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