- I -
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis III
I. Einleitung 1
II. Der Begriff der Kommunikation in den verschiedenen
Wissenschaften 8
III. Luhmanns Kommunikationstheorie 20
III. 1. Das soziologisch-systemtheoretische Fundament von Luhmanns
Kommunikationstheorie 20
a. Luhmanns wissenschaftliche Anknüpfungen. 20
b. Elementare Grundsätze der Theorie der sozialen Systeme 27
III. 2. Das Problem der doppelten Kontingenz. 36
III. 3. Das Element der Kommunikation. 41
a. Drei Selektionen 41
b. Das Merkmal der zeitlichen Rekursivität 45
c. Die vierte Selektion 47
III. 4. Der Prozess der Kommunikation 48
a. Die Eigenschaft der Selbstreferentialität 49
b. Die Notwendigkeit der punktuellen Selbstsimplifikation 53
c. Die Schwierigkeit der Autopoiesis und die Bedeutsamkeit der
Strukturen 56
III. 5. Das Verhältnis von Kommunikation und Bewusstsein 64
a. Die Besonderheit der operativen Geschlossenheit und die
Systemgrenzen. 64
b Strukturelle Kopplung als Verbindungsmerkmal 66
- II -
IV. Luhmanns Kritik und Widersprechungen gegenüber der
Tradition. 71
IV. 1. Luhmanns Kritik am Übertragungsmodell 71
IV. 2. Luhmanns Kritik an der Verwechslung von Kommunikation und
Handlung 73
IV. 3. Luhmanns Eliminierung des Begriffs vom Menschen 75
V. Fazit 79
V. 1. Zusammenfassung 79
V. 2. Kritische Schlussbetrachtungen 81
VI. Literaturverzeichnis 84
- III -
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Das „Organonmodell“ von Karl Bühler
Abb. 2.: Schema des „reentry“
Abb 3: Das Element der Kommunikation bei Niklas Luhmann
I. Einleitung
Als Niklas Luhmann (1927-1998) im Jahr 1968 an der Universität in Bielefeld an den Lehrstuhl für Soziologie berufen wird, stellt er sein ihm vorstehendes Forschungsprojekt mit den Worten „Theorie der Gesellschaft. Laufzeit: 30 Jahre. Kosten: keine“ 2 vor. Tatsächlich, so lässt sich heute feststellen, haben sich seine damaligen Worte bewahrheitet. Neun-undzwanzig Jahre später nämlich, im Jahr 1997, erscheint sein letztes Werk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, in dem Luhmann eine umfassende Gesellschaftstheorie formuliert, welche seine gesamten bis dahin getroffenen theoretischen Überlegungen zusammenfasst und zum Höhepunkt und Abschluss bringt.
Luhmanns damaliger Anstoß zu seinem Forschungsprogramm liegt in seiner Feststellung, dass sich die Soziologie in einer tiefen Krise befindet. Er trifft sie als ein unüberschaubares Gemenge von verschiedenen, divergierenden Theorieansätzen an und kritisiert an ihr das Fehlen einer einzigen, facheinheitlichen Theorie, an der man sich, so Luhmann, „wie
1 Luhmann, Niklas, Was ist Kommunikation?, in: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, Opladen 1995, S. 113.
2 Jahraus, Oliver, Nachwort. Zur Systemtheorie Niklas Luhmanns, in: Luhmann, Niklas, Aufsätze und Reden, hrsg. von Oliver Jahraus, Stuttgart 2001, S. 299.
- 2 - aneinem Musterbeispiel, wie an einem ‚Paradigma’ orientieren könnte.“ 3 Luhmanns gesamtes Schaffen besteht nun darin, diesen fundamentalen Mangel der Soziologie zu beheben und selbst eine solche facheinheitli-che, soziologische Theorie zu begründen. Seine neue Theorie soll einen „Universalitätsanspruch“ implizieren, und zwar in dem Sinne, dass sie die gesamte soziale Wirklichkeit abbilden und erklären können soll: Sie soll „alles Soziale“ umfassen und keine soziologischen Problem- und The-menfelder unbeachtet lassen. 4 Anregungen und Anknüpfungspunkte für dieses umfassende Unternehmen sucht und findet Luhmann in der allge-meinen, interdisziplinären Systemtheorie, und zwar dort, wo es speziell um selbstreferentielle, autopoietische Systeme geht. Diese Theorie, wel-che sich schon in anderen Disziplinen bewährt hat, möchte Luhmann nun auch auf die Soziologie anwenden und er nimmt die umfangreiche Aufga-be auf sich, die gesamte soziologische Thematik dementsprechend neu zu formulieren und zu deuten. Dieses Projekt der Neuformulierung der Soziologie unternimmt Luhmann erstmals ausführlich in seinem ersten Hauptwerk „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“ von 1984. Die dort entwickelte Theorie der „sozialen Systeme“ dient als Basis für sein weiteres theoretisches Schaffen sowie letztlich seiner schon ge-nannten Theorie der Gesellschaft von 1997, welche aus der Theorie der sozialen Systeme hervorgeht, auf ihr aufbaut und den Gipfel seines theo-retischen Schaffens darstellt.
Mit seiner soziologisch-systemtheoretischen Universaltheorie begreift Luhmann die soziale Wirklichkeit als eine Wirklichkeit, welche vollständig und bis ins kleinste Detail in unzählige verschiedene soziale Sys-
3 Luhmann,Niklas, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M. 1984, S. 7. 4 Luhmann 1984, S. 9.
- 3 -teme und soziale Subsysteme unterteilt ist. Aber auch der nicht-soziologische Bereich ist nach Luhmann systemtheoretisch zu verstehen. So existieren zum Beispiel noch verschiedene andere Systeme, wie psy-chische, neuronale, biologische oder chemische Systeme. Die gesamte Wirklichkeit - die soziale sowie auch die nicht-soziale - ist demnach voll-ständig systemtheoretisch begreifbar und erklärbar, wobei die Soziologie sich jedoch primär mit den sozialen Systemen beschäftigt. Nach Luhmann entstehen und existieren soziale Systeme nun immer dort, wo kommuni-ziert wird. Soziale Systeme können zum Beispiel Familien, Schulklassen oder politische Organisationen sein. Das System der Gesellschaft stellt dabei das alle anderen sozialen Systeme umfassende Sozialsystem dar. Die vorliegende Arbeit interessiert sich nun explizit für Luhmanns Kommunikationsbegriff, welcher im Zentrum der Theorie der sozialen Systeme steht. Der Kommunikationsbegriff erhält im Zuge von Luhmanns Begründung der soziologischen Systemtheorie eine ganz neue und bis-lang unbekannte Gestalt, wodurch sich dieser Kommunikationsbegriff auch von der kommunikationstheoretischen Tradition deutlich unter-scheidet. Luhmann setzt sich in seiner Neuformulierung des Kommunika-tionsbegriffs bewusst mit traditionellen Kommunikationskonzepten aus-einander und möchte diesen Konzepten ein ganz neues Modell von Kom-munikation gegenüberstellen.
Dementsprechend wird in der vorliegenden Arbeit zwei entscheidenden Fragen nachgegangen. Zum einen der Frage, wie Luhmanns Neu-formulierung des Begriffs der Kommunikation auf der Basis der soziologischen Systemtheorie aussieht und zum anderen der Frage, inwiefern er sich dabei von der kommunikationstheoretischen Tradition absetzt.
- 4 -Bezüglich der ersten Frage wird sich zeigen, dass Kommunikati-onsprozesse aus einzelnen spezifischen Kommunikationselementen zu-sammengesetzt sind und dass sie durch spezifische logische Figuren -wie der Selbstreferenz und der Autopoiesis - charakterisiert sind. Des Weiteren wird ersichtlich, dass Kommunikationsprozesse durch Selbstbe-obachtung entstehen, dass sie soziale Systeme bilden und schließlich ge-genüber psychischen Systemen auf einer „emergenten“ Ebene operieren und dort eine eigene Realität darstellen. Bezüglich der zweiten Frage wird sich zeigen, dass Luhmann sich von der kommunikationstheoretischen Tradition abkehrt, indem er bewusst Kritik am Übertragungsmodell sowie an der Verwechslung von Kommunikation und Handlung übt. Dabei wird erkennbar, dass Luhmanns Eliminierung des Begriffs vom Menschen den eigentlichen Widerspruch zur kommunikationstheoretischen Tradition darstellt.
Diesen Überlegungen entsprechend werden in Kapitel II zunächst, auf die Darstellung von Luhmanns Kommunikationstheorie sowie auf die Skizzierung von Luhmanns Kritik und Widersprechungen gegenüber der kommunikationstheoretischen Tradition vorbereitend, verschiedene traditionelle Kommunikationsbegriffe verschiedener Disziplinen überblicksartig vorgestellt. Die Auswahl der hier genannten Kommunikationsbegriffe orientiert sich dabei daran, welche Luhmann selbst in seinen Werken exemplarisch erwähnt, um sich durch Kritik an diesen schließlich von der gesamten kommunikationstheoretischen Tradition abzusetzen. Diesem Vorbereitungsteil folgend wird in Kapitel III Luhmanns Kommunikations-theorie dargestellt. Dieser Hauptteil beginnt mit einer Erläuterung der wesentlichen Grundzüge des soziologisch-systemtheoretischen Funda- ments von Luhmanns Kommunikationstheorie. Darauf aufbauend wird die
- 5 -Ausgangssituation der Entstehung von Kommunikation, nämlich das Problem der doppelten Kontingenz ausgelegt. Im Anschluss soll zunächst der Fokus auf ein einzelnes Kommunikationselement und dessen Eigen-schaften gerichtet werden, um daraufhin die Besonderheiten des Prozes-ses der Kommunikation zu erläutern. Der Hauptteil wird abgeschlossen durch eine Illustration des Verhältnisses von Kommunikation und Be-wusstsein. Im darauf folgenden Kapitel IV werden Luhmanns Kritik und Widersprechungen gegenüber der kommunikationstheoretischen Traditi-on herausgearbeitet. Dabei wird auf die in Kapitel II schon vorgestellten Kommunikationsbegriffe wieder Bezug genommen. Expliziert werden da-bei Luhmanns Kritik am Übertragungsmodell, seine Kritik an der Ver-wechslung von Kommunikation und Handlung und schließlich seine Eli-minierung des Begriffs vom Menschen. Abschließend soll in Kapitel V zu-nächst eine Zusammenfassung der Ergebnisse vorgelegt sowie dann in einigen Überlegungen der wissenschaftliche Nutzen von Luhmanns Kom-munikationstheorie hinterfragt werden. Zu den Schwierigkeiten der Darstellung von Luhmanns Kommuni-kationstheorie soll hier noch kurz erwähnt werden, dass ein Problem die exakte Trennung von Luhmanns Kommunikationstheorie von seiner The-orie der sozialen Systeme ist. Soziale Systeme sind nämlich identisch mit Kommunikationssystemen, da sie aus nichts anderem als aus eben Kom-munikationen bestehen. Will man also Luhmanns Kommunikationstheorie darstellen, so stellt man immer auch seine Theorie der sozialen Systeme dar. In der vorliegenden Untersuchung soll jedoch versucht werden, einen besonderen Fokus auf das Phänomen der systemtheoretischen Kommuni- kation zu richten.
- 6 -Schließlich soll an dieser Stelle noch erklärt werden, warum Luh-mann für die Philosophie so interessant ist. Sein Bestreben ist es, eine Universaltheorie zu gründen, welche das gesamte Feld des Sozialen ab-stecken soll. Dabei schließt Luhmann jedoch nicht nur typisch soziologi-sche, sondern besonders auch philosophische Themenfelder in seine so-ziologische Theorie mit ein. Er bezieht sich zum Beispiel auf die philoso-phischen Fragen nach der menschlichen Erkenntnis oder dem ontologi-schen Sein und beantwortet sie im Sinne der soziologischen Systemtheo-rie. Somit integriert er sozusagen die Philosophie in die Soziologie, wo-durch das Feld der soziologischen Theorie eine enorme Ausweitung er-fährt. Auf die Frage, ob Luhmann nun Soziologe oder vielleicht doch Phi-losoph sei, lässt sich sagen, dass Luhmann sich selbst nachdrücklich als Soziologe und seine Theorie als soziologisch bezeichnet. Was ihn jedoch vor anderen Soziologen auszeichnet und ihn letztlich von diesen unter-scheidet, ist das „emphatische Verhältnis zur Theorie“. 5 Er ist kein sozio-logischer Empiriker, sondern ausschließlich Theoretiker, und er über-schreitet dabei das traditionelle Feld der soziologischen Theorie bis da-hin, dass er versucht, wichtige philosophische Themen soziologisch-systemtheoretisch umzuformulieren und umzudeuten. Zu Luhmanns Ver-hältnis zur Philosophie sagt Rudolf Stichweh: „Aus dieser über den Theo-riebegriff vermittelten Kontinuität zur philosophischen Tradition hat Luhmann tatsächlich immer wieder - außer an viele andere fremddiszipli-näre Impulse - auch an Fragestellungen der Philosophie angeschlossen, aber er hat dies immer als Soziologe getan.“ 6 Auch wenn Luhmann sich
5 Stichweh, Rudolf, Niklas Luhmann. Theoretiker und Soziologe, in: Stichweh, Rudolf (Hg.), Niklas Luhmann. Wirkungen eines Theoretikers. Gedenkcolloquium der Universität Bielefeld am 8. Dezember 1998, Bielefeld 1999, S. 67. 6 Stichweh 1999, S. 69.
- 7 -nun als Soziologe und seine Theorie als soziologisch bezeichnet, ist er dennoch aufgrund seines universalistischen Anspruchs, welchen er seiner Theorie unterlegt, und der fachübergreifenden Ausdehnung der Theorie bis auf die Philosophie für die Philosophie selbst interessant und unum-gänglich. 7
7 Vgl. Clam, Jean, Unbegegnete Theorie. Zur Luhmann-Rezeption in der Philosophie, in: de Berg, Henk/ Schmidt, Johannes F. K. (Hg.), Rezeption und Reflexion. Zur Resonanz der Systemtheorie Niklas Luhmanns außerhalb der Soziologie, Frankfurt a. M. 2000, S. 311 ff.; Baecker, Dirk, Wozu Systeme?, Berlin 2002, S. 102 ff.
- 8 - II.Der Begriff der Kommunikation in den verschiedenen
Wissenschaften
Allgemein betrachtet ist der Begriff der Kommunikation eine interdisziplinäre und vielfältig verwendete Kategorie. Man spricht von „Kommunikation“ in den verschiedensten Wissenschaften, wie zum Beispiel der Philosophie, Soziologie, Informationswissenschaft oder Psychologie. Der Begriff ist aufgrund seiner vielfältigen Verwendungsweise durch zahlreiche unterschiedliche Definitionen geprägt. So hat Klaus Merten allein im 20. Jahrhundert einhundertsechzig verschiedene Definitionen zu „Kommunikation“ feststellen können. 8 In heutiger Zeit gewinnt der Begriff immer mehr an Beliebtheit und Aktualität, was schließlich zu einer eigenen Disziplin, nämlich der „Kommunikationswissenschaft“ führt. Diese wird zum Beispiel von Gerold Ungeheuer 9 , Klaus Merten 10 oder auch Dieter Krallmann und Andreas Ziemann 11 eingeführt und vertreten. Die Kommunikationswissenschaft ist im Wesentlichen dadurch charakterisiert, dass sie verschiedene Kommunikationstheorien in sich aufnimmt und schließlich unter bestimmten Gesichtspunkten zu kategorisieren versucht. 12 So ordnen zum Beispiel Krallmann und Ziemann vierzehn verschiedene
8 Vgl. Merten, Klaus, Kommunikation. Eine Begriffs- und Prozeßanalyse, Opladen 1977, S. 168 ff.
9 Vgl. Ungeheuer, Gerold, Grundriß einer Kommunikationswissenschaft, in: Ungeheuer, Gerold, Sprache und Kommunikation, Hamburg 1972, S. 213 ff. 10 Vgl. Merten, Klaus, Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Band 1: Grundlagen der Kommunikationswissenschaft, Münster 1999. 11 Vgl. Krallmann, Dieter/ Ziemann, Andreas, Grundkurs Kommunikationswissenschaft. Mit einem Hypertextvertiefungsprogramm im Internet, München 2001. 12 Vgl. Krallmann/ Ziemann 2001, S. 18.
- 9 -Kommunikationstheorien in die drei Kategorien „naturwissenschaftliche Perspektive auf Kommunikation“, „sprachwissenschaftliche Perspektive auf Kommunikation“ und „sozialwissenschaftliche Perspektive auf Kom-munikation“ ein. 13
Zur Vorbereitung auf die in Kapitel III folgende Darstellung von Luhmanns Kommunikationstheorie sowie auf die daran anschließende Skizzierung von Luhmanns Kritik und Widersprechungen gegenüber der kommunikationstheoretischen Tradition in Kapitel IV werden in diesem Abschnitt einige bekannte und allgemein anerkannte Kommunikations-theorien in knapper Form dargestellt. Die Auswahl der hier vorgestellten Kommunikationstheorien orientiert sich dabei daran, welche Luhmann selbst in seinen Werken benennt, um sich durch Kritik an diesen schließlich von der gesamten kommunikationstheoretischen Tradition abzusetzen. Die Darstellung der folgenden Kommunikationstheorien beschränkt sich dabei auf einige ihrer Grundzüge. Dabei werden in erster Linie jene Grundgedanken der Theorien herausgestellt, welche Luhmann selbst anführt, um an genau diesen Stellen Kritik zu üben und den Unterschied zu seiner eigenen Kommunikationstheorie zu explizieren. Es werden im Folgenden einige kommunikationstheoretische Überlegungen von Edmund Husserl, John L. Austin, John R. Searle und Jürgen Habermas aus der Philosophie, von Max Weber und George H. Mead aus der Soziologie, von Karl Bühler aus der Psychologie und letztlich von Claude E. Shannon und Warren Weaver aus der Informationswissenschaft vorgestellt.
Edmund Husserl ist kein expliziter Kommunikationstheoretiker, sondern vielmehr Phänomenologe. Sein Interesse gilt der Erforschung der
13 Krallmann/ Ziemann 2001, S. 4.
- 10 -Erscheinungsweisen von Dingen im Bewusstsein. 14 Luhmann verweist je-doch auf Husserls Theorie des Zeichens, um ein rein subjektivistisches und demnach aus seiner Sicht unzureichendes und „verkürztes“ Ver-ständnis von Kommunikation exemplarisch darzustellen. 15 Husserl geht in seiner Untersuchung des Zeichens von der Sprache im „monologischen Denken“ aus. 16 Er untersucht primär die wissenschaftstheoretische und logische Seite des Zeichens und blendet so den sozialen und intersubjek-tiven Charakter des Zeichens aus. 17 Das Zeichen ist bei Husserl eine tria-dische Einheit, welche aus den drei Komponenten „Ausdruck“, „Gegen-stand“ und „Bedeutung“ besteht. Dabei ist der Ausdruck der Zeichenträ-ger, welcher sich einerseits auf den Gegenstand und andererseits auf das Bewusstsein bezieht, welches wiederum den Gegenstand „intendiert“ und dem Ausdruck Bedeutung verleiht. 18 Die Zeichenaktualisierung wird bei Husserl nun primär auf das einzelne Bewusstsein und das „einsame See-lenleben“ zurückgeführt und nicht auf eine Situation der sozialen Kom-munikation, welche sich zwischen mindestens zwei Bewusstseinssyste-men abspielt, wie es bei Luhmann schließlich der Fall ist. Luhmann sagt über Husserls Zeichen- und Sprachtheorie: „Dies reduktive Verständnis von Kommunikation stützt den Rückzug der philosophischen Tradition
14 Hügli, Anton/ Lübcke Poul (Hg.), Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, Reinbek 1997, S. 489. 15 Luhmann 1984, S. 201 ff.
16 Vgl. Hülsmann, Heinz, Zur Theorie der Sprache bei Edmund Husserl, Salzburger Studien zur Philosophie, Bd. 4, München 1964, S. 21. 17 Vgl. Hülsmann 1964, S. 21.
18 Vgl. Husserl, Edmund, Ideen zu einer reinen Phänomenologie I, Husserliana, vol. 3, Den Haag 1950, S. 26; Husserl, Edmund, Logische Untersuchungen. Zweiter Band. Zweiter Teil, hrsg. von Elisabeth Ströker, Husserliana XIX/ 2, Den Haag 1992, S. 544 ff.
- 11 - aufdas Eigenleben des Bewußtseins, das gelegentlich (aber nicht immer und nicht nur) sich zu kommunikativem Handeln motiviert.“ 19 John L. Austin begründet in seinem Werk „How to do Things with Words“ von 1962 die Sprechakttheorie. Er gebraucht den Begriff des Sprechakts („speech act“), um damit ganz spezifisch den Akt der Hand-lung von sprachlichen Äußerungen zu bezeichnen. In seiner Theorie geht er davon aus, dass die Menschen mit bestimmten Äußerungen von Sätzen auch bestimmte konkrete Handlungen vollziehen. So erfolgt zum Beispiel eine Eheschließung in erster Linie dadurch, dass die Worte „Hiermit erklä-re ich Sie zu Mann und Frau“ ausgesprochen werden. Die Sprache wird also nicht bloß als ein Mittel zur deskriptiven Beschreibung der Welt ver-standen, sondern vielmehr als etwas, womit Handlungen durchgeführt werden. Austin unterscheidet in seinen Untersuchungen drei Typen von Handlungsakten und spricht von lokutionären, illokutionären und perluk-tionären Akten. 20 Von John R. Searle wird die Sprechakttheorie schließlich weiter ausgebaut und systematisiert. Seine Leistung besteht hauptsäch-lich darin, eine Reihe von Regeln aufzustellen, welche die Sprechhandlun-gen leiten sollen. 21 Luhmann kritisiert nun an der Sprechakttheorie, dass sie - vor dem Hintergrund seiner soziologisch-systemtheoretischen Kom-munikationstheorie - bloß von Handlung und nicht von Kommunikation rede. Wie der Zeichen- und Ausdruckstheorie von Husserl unterstellt
19 Luhmann 1984, S. 202.
20 Vgl. Austin, John L., Zur Theorie der Sprechakte, dt. Bearbeitung von Eike von Savigny, 2. Auflage, Stuttgart 1979, S. 112 ff.
21 Searle, John R., Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay, Frankfurt a. M. 1983, S. 30.
- 12 -Luhmann auch dieser Theorie ein unzureichendes Verständnis von Kom-munikation. 22
Jürgen Habermas entwickelt eine Theorie des kommunikativen Handelns in seinem gleichnamigen Werk von 1981. An dieser Theorie kritisiert Luhmann ebenfalls, dass sie lediglich von Handlung ausgehe und die eigentliche Realität der Kommunikation verkenne. 23 Ausgangspunkt von Habermas’ theoretischen Überlegungen ist die zwischenmenschliche Interaktion. Dabei thematisiert er das Problem der Handlungskoordination, welches es zu lösen gilt, wenn es zu einem kooperativen Handeln zwischen den Akteuren kommen soll. 24 Dieses Problem kann gelöst werden, wenn zum einen überhaupt verstanden wird, was gesagt wird, und wenn zum anderen die Interaktionsangebote, welche die Akteure anein-ander richten, wechselseitig akzeptiert und angenommen werden. Die Interaktionsangebote implizieren dabei bestimmte Geltungsansprüche, wie zum Beispiel den Anspruch auf Wahrheit oder den Anspruch auf Richtigkeit und Angemessenheit vor dem Hintergrund sozial geltender Normen und Werte. 25 Kommt es zu Schwierigkeiten in der Interaktion, das heißt, nimmt ein Akteur die Aussage des anderen nicht an, so folgt der „Diskurs“, der die argumentative Überzeugung des bereits Behaupteten zum Ziel hat. 26 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns in erster Linie die „argu-
22 Vgl.Luhmann, 1995 (c), S. 117. 23 Vgl. Luhmann, 1995 (c), S. 117.
24 Vgl. Schneider, Wolfgang L., Grundlagen der soziologischen Theorie. Band 2: Garfinkel - RC - Habermas - Luhmann, Wiesbaden 2002, S. 184. 25 Vgl. Schneider 2002 (b), S. 185f.; Habermas, Jürgen, Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz, in: Habermas, Jürgen/ Luhmann, Niklas, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung?, Frankfurt 1971, S. 116. 26 Vgl. Schneider 2002 (b), S. 197; Habermas 1971, S. 114 ff.
- 13 - mentativeRationalität von Geltungsansprüchen, die wir mit der Ausfüh-rung von Sprechhandlungen im Rahmen alltäglicher Kommunikation ver-knüpfen“ 27 , thematisiert.
In der Soziologie spricht man generell von Handlung. Seit Max Weber und bis heute versteht man nach dessen grundlegender Bestimmung unter Soziologie mit weitläufiger Übereinstimmung eine Theorie des sozialen Handelns. 28 Luhmann interpretiert die angesehenen soziologischen Handlungstheorien wie auch schon die genannten philosophischen Theorien jedoch als vereinfachte Betrachtungsweisen auf den eigentlich komplizierten systemtheoretisch-kommunikativen Sachverhalt, welche zudem noch von einer unzureichenden Definition des Sozialen ausgehen. 29 Max Weber stellt seinen Handlungsbegriff in den Rahmen seiner „verstehenden Soziologie“ 30 , welche grundlegend die Frage zu beantworten versucht, wie soziales Handeln verstanden und erklärt werden kann. 31 Unter „Handeln“ im Allgemeinen versteht Weber ein Verhalten, welches an eine Intention oder einen „subjektiv vermeinten Sinn“ des Akteurs gekoppelt ist. Unter „sozialem Handeln“ im besonderen Fall versteht Weber ein
27 Schneider 2002 (b), S. 408.
28 Vgl. Gabriel, Manfred, Einheit oder Vielfalt der soziologischen Handlungstheorie. Einleitende Vorbemerkungen, in: Balog, Andres/ Gabriel, Manfred (Hg.), Soziologische Handlungstheorie. Einheit oder Vielfalt, Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Sonderband 4, Opladen 1998, S. 7; Berndsen, Thomas, Von Handlung zu Kommunikation. Zur paradigmatischen Bedeutung von Kommunikation in neueren soziologischen Theorien. Diskutiert am Beispiel des Schulunterrichts, Frankfurt a. M. 1991, S. 7; Schneider, Wolfgang L., Grundlagen der soziologischen Theorie. Band 1: Weber - Parsons - Mead - Schütz, Wiesbaden 2002, S. 15. 29 Vgl. Luhmann 1984, S. 226 ff.
30 Vgl. Weber, Max, Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie, in: Weber, Max, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 6. Aufl., Tübingen 1985, S. 439.
31 Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, besorgt von Johannes Winckelmann, 5., rev. Aufl., Studienausg., Tübingen 1980, S. 1.
- 14 -Handeln, welches an und auf das Handeln anderer Akteure orientiert und ausgerichtet ist. Im § 1 der „Soziologischen Grundbegriffe“ heißt es dazu: „Handeln soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiv vermeinten Sinn verbin-den. Soziales Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches sei-nem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhal-ten anderer bezogen wird und darin in seinem Ablauf orientiert ist.“ 32 Ei-ne soziale Handlung verlangt bei Weber nicht unbedingt die direkte An-wesenheit anderer. 33 Dies wird erst bei seiner Bestimmung der „sozialen Beziehung“ erforderlich, die ein wechselseitig aufeinander bezogenes so-ziales Handeln von zwei oder mehr Akteuren meint. 34 Dabei spricht Weber jedoch nicht von Kommunikation, auch geht er nicht davon aus, dass sich ein neuer, etwa sozial gemeinsamer Sinn entwickeln könnte. Die Bege-benheit der sozialen Beziehung ist eher zu verstehen als Zusammentref-fen verschiedener „Monaden“ mit einfacher Addition der verschiedenen Handlungen. 35 Die Aufgabe der verstehenden Soziologie ist nun, das ein-fache, einzelne soziale Handeln zu ergründen und zu erklären. Dabei stellt Weber vier Kategorien für die Analyse des sozialen Handelns auf, das als zweckrational, wertrational, affektuell oder traditional bestimmt werden kann. 36 Der Begriff der Zweckrationalität nimmt einen zentralen
32 Weber 1980, S. 1. 33 Vgl. Schneider 2002 (a), S. 58. 34 Vgl. Weber 1980, S. 13.
35 Vgl. Schneider, Wolfgang L., Die Beobachtung von Kommunikation. Zur kommunikativen Konstruktion sozialen Handelns, Opladen 1994, S. 21. 36 Vgl. Weber 1980, S. 12; Brunkhorst, Hauke, Entwicklung des Rationalitätsbegriffs, in: Kerber, Harald/ Schmieder, Arnold (Hg.), Soziologie. Arbeitsfelder, Theorien, Ausbildung. Ein Grundkurs, Reinbek 1991, S. 284: Schema zu den Handlungstypen bei Weber.
- 15 -Stellenwert in Webers Theorie ein. Als „zweckrational“ kann ein soziales Handeln gedeutet werden, wenn sich der Akteur der objektiv geeigneten Mittel zur Erreichung seines Vorhabens bedient. 37 Die Beurteilung, ob ein Handeln nun rational oder nicht rational und demzufolge richtig oder falsch ist, liegt letztendlich beim wissenschaftlichen Beobachter, welcher befugt ist, „Idealtypen“ 38 rationalen Handelns zu entwerfen und als Maß-stab zu verwenden.
Die Neuerung des Sozialpsychologen George H. Mead auf dem Gebiet der Soziologie besteht darin, dass er den Interaktionsbegriff dem Handlungsbegriff überordnet. Meads Interaktionsbegriff entspricht jedoch immer noch nicht dem Kommunikationsverständnis von Luhmann. Meads Interesse besteht darin, die Persönlichkeitsentwicklung, genauer die Entwicklung von „Geist“ und „Identität“ des einzelnen Menschen zu erforschen. Dazu bedarf es einer besonderen Fokussierung auf die gesellschaftlichen Strukturen, welche diese Entwicklung im Wesentlichen prägen. 39 Die Persönlichkeitsstruktur entwickelt sich dadurch, dass die Menschen miteinander interagieren und ihr Verhalten aufeinander abstimmen. Dabei entwickeln sie ein gemeinsames Symbolsystem, welches zu einer objektiv gemeinsamen Sinnstruktur wird, die schließlich wiederum als subjektive Sinnstruktur in jedes einzelne interagierende Bewusstsein eingeht und dort verinnerlicht wird. Schneider formuliert diesen Sachverhalt folgendermaßen: „Voraussetzung für die Entstehung subjektiven Sinns ist
37 Vgl. Weber 1980, S. 12.
38 Vgl. Weber, Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Weber, Max, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 6. Aufl., Tübingen 1985, S. 198.
39 Vgl. Mead, George H., Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozi-albehaviorismus, mit einer Einleitung herausgegeben von Charles W. Morris, aus dem Amerikanischen von Ulf Pacher, 8. Aufl., Frankfurt a. M. 1991, S. 45.
- 16 - dersoziale Sinn, den ein Verhalten in der Interaktion zwischen verschie-denen Organismen objektiv erhält und der erst durch die Verinnerlichung der objektiven Sinnstruktur der Interaktion als subjektiver Sinn verfügbar wird.“ 40 Die Theorie des „symbolischen Interaktionismus“, welche in der Wissenschaft auf viel Resonanz gestoßen ist und immer wieder mit Mead in Zusammenhang gebracht wird, wird jedoch explizit erst durch Meads Schüler Herbert Blumer formuliert, geht jedoch aus Meads Arbeiten zur Theorie der symbolvermittelten Interaktion hervor. Die Leistung des Psychologen und Philosophen Karl Bühler besteht in der Entwicklung eines Modells der Sprachfunktionen, wobei er sehr von Platons Sprachtheorie beeinflusst ist. Platon fasst die Sprache als ein Werkzeug oder ein Instrument („organon“) auf, mit welchem sich Men-schen etwas über Dinge mitteilen können. 41 Um ebenfalls die Instrumen-talität der Sprache zum Ausdruck zu bringen, nennt Bühler sein Modell der Sprachfunktionen an Platon anschließend „Organonmodell“. 42
40 Schneider 2002 (a), S. 228.
41 Platon, Kratylos, übersetzt und erläutert von Otto Apelt, 2. durchges. Aufl., Leipzig 1922, S. 45 f (388b).
42 Vgl. Bühler, Karl, Die Axiomatik der Sprachwissenschaft, mit Einleitung und Kommentar von Elisabeth Ströker, Frankfurt a. M. 1969, S. 147 u. 164.
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Anna Sophia Claas, 2005, Niklas Luhmanns Begriff der Kommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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