Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube -
Vom Grabenkrieg zum Dialog
Patrick Müller
Semesterzahl: 05
Fächerverbindung: D/K/Pl
Studiengang: LA GY
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Die Evolutionstheorie
1. Ursprünge
1.1 Kosmogonien der griechischen Philosophen
1.2 Das Mittelalter
2. Der Darwinismus
2.1 Die Vorläufer Darwins
2.2 Das Werk Darwins
3. Der Neodarwinismus
II. Der biblische Schöpfungsmythos
1. Die priesterschriftliche Schicht
2. Der jahwistische Bericht
III. Evolution als Prinzip der göttlichen Schöpfung – alttestamentliche Schöpfungstexte im Kontext wissenschaftlicher Weltschau
1. Wissenschaftstheoretische Grundlagen: Fragestellungen und Methoden der Theologie und Philosophie im Vergleich zu denen der Naturwissenschaft
2. Naturwissenschaftlicher Zugang zum biblischen Schöpfungsmythos
3. Theologisch-philosophischer Zugang zur Evolutionstheorie
Schluss
Quellenverzeichnis
Personen- und Sachregister
Vorwort
Nach Jahrhunderten von Vorurteilen, Ignoranz und falschem Stolz geprägten Grabenkämpfen und offenen Schlagabtauschen scheinen Theologie und Naturwissenschaft bereit für einen gemeinsamen Dialog zu sein. Diese Entwicklung zeugt von großer Offenheit und dem Verschwinden rein dogmatischen und ideologischen Denkens in beiden Bereichen. Doch wo lässt sich ein solcher Dialog sinnvoll beginnen? Die Antwort darauf ist so einfach wie die Frage selbst: am Beginn, am Anfang des Ganzen, was wir Welt, Kosmos, All oder Schöpfung nennen, am Anfang des Seins selbst. Und genau hier sehen sich Theologie und moderne Naturwissenschaft wieder in die Augen. Die einen, weil sie trotz immenser Erkenntnisse und Fortschritte angesichts der Unendlichkeit des Universums und der Endlichkeit der menschlichen Natur ins Zweifeln geraten sind, auf alle anstehenden Fragen nach der Struktur des Kosmos und des Lebens eine aus empirischer Perspektive befriedigende Antwort finden zu können. Und die anderen, weil sie erkennen mussten, dass Sturheit und Dogmatismus den Blick für das Wirkliche verfälschen und dass sie sich dem Geist der Moderne nicht länger verschließen können, ohne den Anspruch auf geistige Heimat vieler Menschen zu verlieren. Nachdem der Mensch erkannt hat, dass der Planet auf dem er lebt nicht im Mittelpunkt des Universums steht, und dass die Sonne nur ein Stern unter Abermilliarden Sternen Kosmos ist, wurde dem anthropozentrischen Weltbild mit der Entwicklung der modernen Evolutionstheorie wohl ein endgültiger Gnadenstoß versetzt.
Wie nun ein Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie aussehen kann und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, soll im dritten Teil der Arbeit am Beispiel von Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube noch genau erörtert werden. Zuvor soll jedoch ausgeführt werden, was man sich eigentlich unter Evolution oder Schöpfung im Einzelnen vorzustellen hat.
I. Die Evolutionstheorie
1. Ursprünge
Der Gedanke eines Werdeprozesses in der Natur wurde nicht erst in der Neuzeit nach der Aufklärung gefasst; vielmehr sind bereits in den Kosmogonien der antiken griechischen Philosophen Ansätze zu finden, welche in ihrem Grundprinzip durchaus denen der modernen Evolutionstheorie ähnlich sind.i Die denkerische Leistung besteht im Grunde darin, aus weniger mehr und aus etwas Altem etwas Neues und höher Entwickeltes entstehen zu lassen. Man braucht wohl nicht weiter zu erwähnen, dass sich dieses Gedankenmodell mit der Vorstellung eines Schöpfungsaktes, wie er in der Genesis beschrieben wird, nicht besonders gut vereinbaren lässt, zumal die biblischen Worte lange Zeit als historischer Bericht von der Erschaffung der Welt verstanden wurden.
1.1 Kosmogonien der griechischen Philosophen
Bereits Anaximander (611 - 547 v.Chr.) erkannte eine gemeinsame Stammlinie aller Lebensformen, wonach sich aus dem Urschleim über verschiedene Zwischenstufen die verschiedenen Arten und schließlich auch der Mensch entwickelten. Thales war der Auffassung, der Ursprung aller Dinge liege im Wasser und alles fließe auch wieder dorthin zurück. Werden, Sein und Vergehen seien in einem ewigen Kreislauf begriffen. Auch die vermeintlich moderne Vorstellung einer Selektion von zufällig entstandenen Lebensformen ist nicht ganz neu. Empedokles ließ vorgefertigte Bausteine sich zufällig zu neuen Spezies vereinen, wobei nur wenige positiv selektiert wurden, d.h. lebensfähig waren.1
Die Ansätze dieser griechischen Philosophen zeigen, dass sich Menschen aller Zeiten mit den Naturprinzipien vom Werden und Vergehen2 aber vor allem mit der Theorie eines Entwicklungsprozesses auseinandergesetzt haben. Sie entwickelten Denkmodelle, die das Auftreten der verschiedenartigsten Lebewesen auf diesem Planeten nicht auf einen einmaligen Schöpfungsakt zurückführten, sondern diese Vielfalt zum Ergebnis einer langen Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen machten.
[...]
1 Vgl. Schmitz-Moormann, Karl: Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube. Zur Geschichte eines
spannungsreichen Verhältnisses. In: Q1, S. 34
2 In den östlichen Philosophien beseitigte man das Dilemma der Entwicklung und des Werdens
dadurch, dass man das Sein für nichtig, und das Gewordene für eine Scheinwelt erklärte, von der
es den Geist zu befreien gilt.
Quote paper:
Patrick Müller, 2001, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube - Vom Grabenkrieg zum Dialog, Munich, GRIN Publishing GmbH
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