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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 4
2. Der kunstgeschichtliche Kontext 7
2.1. Die Renaissance 7
2.2. Der Übergang zum 17. Jahrhundert 10
3. Die Einleitungen zu den „Viten“ Vasaris und Belloris 14
3.1. Vasaris „Proemio della terza parte“ 14
3.2. Belloris „Die Idee des Künstlers“ 17
3.3. Vergleich der beiden Schriften 20
4. Die Lebensbeschreibungen 23
4.1. Die Lebensbeschreibung Michelangelos von Vasari 23
4.2. Die Lebensbeschreibung Caravaggios von Bellori 27
4.3. Vergleich der Lebensbeschreibungen 31
5. Fazit 33
Anhang 38
„Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori es architettori“
Frontispiz der Ausgabe 1550 38
„Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori es architettori“
Autorenporträt der Ausgabe 1568 38
„Le vite de’ pittori, scultori et architetti moderni
Frontispiz 39
„Le vite de’ pittori, scultori et architetti moderni
Porträt Belloris 39
Michelangelo Buonarroti, Pietà 40
Michelangelo Buonarroti, Erschaffung Adams 41
Michelangelo Buonarroti, Decke der Sixtinischen Kapelle 41
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Caravaggio, Berufung des Heiligen Matthäus 42
Caravaggio, Verleugnung des Heiligen Petrus 42
Caravaggio, Die sieben Werke der Barmherzigkeit 43
Jacopino del Conte, Michelangelo Buonarroti 44
Ottavio Leoni, Bildnis Caravaggios 44
Abbildungsnachweis 45
Bibliographie 46
Quellen 46
Sekundärliteratur 47
Fachlexika 48
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1. Einleitung
„Die Künstler selbst sind die ersten Kunstkritiker geworden, indem sie sich und ihre Leistungen mit denen ihrer Kollegen verglichen.[...] die Künstler richteten ihre Aufmerksamkeit in wachsendem Maße auf das Ganze, auf den Charakter, auf den geistigen Gehalt der Kunstwerke. 1 “ Dies sagt Dresdner über die Künstler des vierten Jahrhunderts vor Christus. Es muss also eine Kunsttheorie existieren, bevor eine Kunstkritik stattfinden kann. Die Kunsttheorie selbst zielt darauf ab, Erscheinungen und Äußerungen der Kunst durch ein zusammenhängendes System zu erklären und zu normieren. Sie sucht das objektiv Gültige. 2
Thema dieser Arbeit ist, die Kunsttheorie von Bellori und Vasari, - anhand ihrer Einleitungen zu ihren literarischen Werken und exemplarisch ausgewählter Künstlerlebensbeschreibungen -, herauszuarbeiten und
darzulegen. Die Theorien werden anschließend verglichen. Giorgio Vasaris (1511 - 1574) literarisches Werk „Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten“, das unter dem Kurztitel „Le Vite“ erschienen ist, wurde 1550 erstmals veröffentlicht. 1568 erschien eine zweite Edition. Die „Viten“ umfassen neben einer technischen Einleitung vier Proemien, insgesamt 159 Lebensbeschreibungen italienischer, hauptsächlich toskanischer, Künstler und eine Autobiographie. In den vier Proemien bespricht er den Paragone 3 . Im Folgenden geht er auf sein zyklisches Verständnis der Kunstgeschichte ein und stellt eine Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Kunst vor. Weiterhin stellt er die drei Epochen 4 vor, nennt deren Charakteristiken und stellt Künstler und deren Werke dieser Epochen vor. Dabei beschreibt er seine kunsttheoretischen Vorstellungen, wobei dem disegno-Begriff besondere Aufmerksamkeit zukommt. In der technischen Einleitung widmet sich Vasari ausführlicher den bildenden Künsten Malerei, Bildhauerei und Architektur. Mit seinen „Viten“ wollte Vasari den Künstlern ein Denkmal setzen und wider das Vergessen schreiben. 5 Vasari selbst war Maler, Architekt, Zeichner, Schreiber und Sammler. Zu
1 Dresdner, Albert, Die Entstehung der Kunstkritik im Zusammenhang der Geschichte des europäischen Kunstlebens, München 1968, S. 20.
2 Vgl. Dresdner, Albert, Die Entstehung der Kunstkritik, S. 11.
3 Der Paragone ist der Rangstreit zwischen Malern und Bildhauern.
4 Vasari teilt die Zeit nach der Wiedergeburt der Künste in drei Epochen ein, die sich im Perfektionsgrad der Kunst unterscheiden.
5 Vgl. Vasari, Giorgio, Proemio di tutta l’ opera (1568), S. 27f.
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seinen bekanntesten Arbeiten gehören die Uffizien in Florenz (1560 - 1580er Jahre). Seine „Viten“ widmete er Cosimo I. de` Medici. 6 Vasari war Kunstintendant am Hofe der Medicis und bedeutender Kunsthistoriker. 7 Giovanni Pietro Bellori (1615 - 1696) bespricht in seinen „Vite de’ Pittori, Scultori ed Architetteti moderni“ von 1672 eine Auswahl von 12 Künstlern seit 1600. Die Künstler, denen Bellori eine Biographie widmet, sind Annibale und Agostino Carraci, Domenico Fontana, Federico Barocci, Caravaggio, Rubens, van Dyck, Francesco Duquesnoy, Domenichino, Giovanni Lanfranco, Alessandro Algardi und Poussin. Bellori beschränkt sich also nicht nur auf italienische Künstler. Die Einleitung zu den „Viten“ ist eine Rede, die Bellori 1664 vor der Accademia di San Luca in Rom unter dem Titel „l’ Idea del Pittore, dello Scultore e dell’ Architteto“ gehalten hat. In ihr diskutiert Bellori die Bedeutung der Idea und der Darstellung der Schönheit. Seine „Viten“ widmete er dem französischen Finanzminister Jean-Baptiste Colbert. Bellori war Biograph, Kunstkritiker und Kunsttheoretiker. Von ihm ist nur eine Zeichnung bekannt. Seit 1671 war Bellori Rektor der Accademia di San Luca in Rom. 1670 wurde er Commissario dell’ Antichità bei Papst Clemens X. und 1680 Bibliothekar und Antiquar bei Königin Christina von Schweden. 1689 wurde Bellori Ehrenmitglied der Académie Royale in Paris. 8 Die Leitfragen der Arbeit sind, wie der perfekte Künstler aussieht, nach welchen Prinzipien und Kriterien er arbeiten und welche Disziplinen er beherrschen muss. Dazu gehört die Frage, welche Theorien Vasari und Bellori vertreten und wie diese in den kunsthistorischen Kontext einzuordnen sind. Einführend werden die Renaissance und das 17. Jahrhundert vorgestellt, um zum Ende eine Einstufung der jeweiligen Kunsttheorien in ihre Epochen vornehmen zu können.
Im folgenden Kapitel werden die Einleitungen von Vasari und Bellori zu ihren „Viten“ betrachtet. Dabei werden die Theorien und eventuelle Besonderheiten herausgearbeitet und miteinander verglichen. Ziel ist, Übereinstimmungen und Unterschiede herauszufinden.
6 Vgl. Kliemann, Julian, s.v. Giorgio Vasari, in: The Dictionary of Art 32 (1996), S. 10 - 25.
7 Vgl. Braunfels, Wolfgang, Kleine Italienische Kunstgeschichte, Köln 1984, S. 376.
8 Vgl. Pace, Claire, s.v. Bellori, Giovanni Pietro, in: The Dictionary of Art 3 (1996), S. 673 -
675.
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Im anschließenden Kapitel werden je eine Biographie von Vasari und Bellori untersucht. Dabei wird die Vorgehensweise des jeweiligen Verfassers herausgearbeitet, welche Motive und Besonderheiten verwendet werden und in wieweit sich die jeweilige Kunsttheorie in der Lebensbeschreibung widerspiegelt. Gegenstand der Untersuchung ist es, typische Motive und Vorgehensweisen aufzudecken. Interessant ist auch die Klärung der Frage, welche Intention Vasari und Bellori mit ihren Biographien verfolgen. Als letzter Punkt folgt der Vergleich der Ergebnisse der einzelnen Kapitel. So soll im Fazit festgehalten werden, was die Kernaussagen der einzelnen Schriften, also der Einleitungen und Biographien sind, welche Kunsttheorien Vasari und Bellori vertreten, in wieweit diese sich gleichen oder unterscheiden und wie diese Ergebnisse in den kunsthistorischen, beziehungsweise zeitgenössischen Kontext zu setzen sind.
Eine Arbeit in diesem Umfang kann dem gesamten literarischen Werk Belloris und Vasaris nicht gerecht werden. Deshalb beschränkt sich die Untersuchung auf „Die Idee des Künstlers“ Belloris 9 und die „Proemio della terza parte“ in der Fassung von 1568 von Vasari 10 . Letztere wurde aus den verschiedenen Einleitungen ausgewählt, da sie Vasaris Gedanken und Vorstellungen gebündelt widerspiegelt. Von den Biographien wurden Michelangelos Vita 11 von Vasari und Caravaggios Vita von Bellori 12 ausgewählt. Diese Künstler stehen im Mittelpunkt des Interesses, da sie die Kunsttheorien besonderes deutlich widerspiegeln - sei es, weil der Künstler diese bis ins Detail aufgreift und umsetzt, oder weil er dieses gerade nicht tut. Dennoch lassen sich, trotz der getroffenen Einschränkungen, nicht alle Punkte der ausgewählten Schriften aufgreifen und bis ins Detail untersuchen. Die Arbeit stützt sich deshalb nur auf die wesentlichsten Punkte. Neben den deutschen Übersetzungen wurden für die Untersuchungen auch die italienischen Ausgaben 13 verwendet, um eventuellen Übersetzungsschwierigkeiten entgegenzutreten.
9 Bellori, Giovanni Pietro, Die Idee des Künstlers, hrsg. von Kurt Gerstenberg, Berlin 1939.
10 Vasari, Giorgio, Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Eine Einführung in die Lebensbeschreibungen berühmter Künstler anhand der Proemien, hrsg. von Matteo Burioni und Sabine Feser, Berlin 2 2004.
11 Vasari, Giorgio, Künstler der Renaissance. Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten italienischen Baumeister, Maler und Bildhauer, hrsg. von Herbert Siebenhüner, Leipzig 1940.
12 Bellori, Giovanni Pietro, The lives of the modern painters, sculptors and architects, hrsg. von Hellmut Wohl, Cambridge 2005.
13 Vasari, Giorgio, Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori ed architettori, Florenz 1879. Bellori, Giovanni Pietro, Le vite de’ pittori, scultori et architetti moderni, Rom 1672.
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Des weiteren stützt sich die Untersuchung unter anderem auf Arbeiten von
Erwin Panofsky, der in seiner IDEA 14 die Bedeutung und Ziele der Idee
betrachtet. Ursprünglich kommt der Idee eine unterstützende Funktion zu, wird
aber zu einem einzig akzeptierten Vorbild. Die Idee wandelt ihren Charakter
von einer aus dem Naturstudium entspringenden Erkenntnis im Geist zu einer
eingeborenen Urwahrheit. Zu der Thematik der Biographik ist die Arbeit von
Kurz und Kris 15 von Bedeutung. Sie arbeitet unter anderem typische Motive
und Themen der Künstlerbiographik seit der Antike heraus. Für die Motive
bietet sie jeweils Erklärungen - aus welchem Bedürfnis das jeweilige Motiv
heraus aufgegriffen wurde und welche Intention seitens des Biographen
dahinter stand.
2. Der kunstgeschichtliche Kontext
2.1. Die Renaissance
die Renaissance umfasst das 15. und 16. Jahrhundert. Sie wird dabei in die
Frührenaissance (1420 - 1490/1500), die Hochrenaissance (1490/1500 - 1520)
und die Spätrenaissance oder Manierismus (1520 - 1590/1600) unterteilt. Sie
löst die Epoche der Gotik ab (1130/50 - 1500). 16 Dem Begriff der Renaissance
liegt die Zeitalterlehre 17 zugrunde. Geprägt wurde er durch Vasari, der von
rinascità 18 spricht. Für Vasari war die seines Erachtens kunstlose 19 Zeit des
Mittelalters überwunden 20 und wurde von einer Neuzeit abgelöst. Unter diesen
14 Panofsky, Erwin, IDEA. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie, Berlin 6
1989.
15 Kris, Ernst, Kurz, Otto, Die Legende von Künstler. Ein geschichtlicher Versuch, Frankfurt
am Main 1980.
16 Vgl. Meyer, Armin u.a. (Hgg.), s.v. Renaissance, in: Enzyklopädie 2000 10 (1969), S. 4073
- 4077.
17 Gemeint sind die menschlichen Zeitalter: Geburt, Kindheit, Reife und Niedergang/Tod. 18 dt. = Wiedergeburt. Vasari spricht von einer Wiedergeburt (rinascità) der Künste. Der Niedergang der Kunst setzte nach Kaiser Konstantin ein, die Wiedergeburt mit Giotto. (Vgl. Vasari, Giorgio, Proemio della seconda parte (1568), S. 79.).
19 Ausschlaggebend hierfür waren unterschiedliche Vorstellungen von einem Kunstwerk und von Schönheit. Im Mittelalter war ein Kunstwerk ein Gegenstand, der zu einem bestimmten Zweck nützlich sein und bestimmte Bedeutungen vermitteln sollte (Vgl. Assunto, Rosario, Die Theorie des Schönen im Mittelalter, Köln 2 1987, S.24.). Die Schönheit eines Kunstwerkes ergab sich aus dessen metaphorischer Bedeutung (Vgl. Ebd., S. 33.). Der Mensch ahmt dabei Gott, und nicht die Natur nach (Vgl. Ebd., S. 41.).
20 Da sich allerdings das Mittelalter mit der Rezeption antiker Autoren auseinander setzte und die lateinische Sprache weiterhin als Bindeglied zwischen der Antike und dem Mittelalter fungierte, kann nicht von einem Bruch zwischen den beiden Epochen gesprochen werden. Der Bezug zur Antike war nie verschwunden. Ebenso betrieben auch die Humanisten das Studium antiker Quellen. Demnach ist es falsch, wenn von einem Bruch zwischen Mittelalter und Renaissance gesprochen wird. (Vgl. Pochat, Götz, Geschichte der Ästhetik und Kunsttheorie. Von der Antike bis zum 19. Jahrhundert, Köln 1986, S. 207f.)
8
Begriff der rinascità fiel alles, was Antikenbezug aufwies. 21 Die Antike sollte als Norm und Vorbild dienen. Es herrschte die Vorstellung von einer Überlegenheit gegenüber dem Mittelalter. 22 Die bildenden Künste folgten dem Prinzip der Naturnachahmung. 23 Man wollte das Vorbild nicht nur nachahmen, man wollte ihm gleichkommen (emulatio). Pietro Bembo (1470 - 1547) vertrat die Ansicht, dass der Künstler nicht nur das Vorbild imitieren (imitatio) solle, sondern es mit Hilfe seiner Vorstellung und Phantasie auch übertreffen (superatio) dürfe. 24 Während der Renaissance blühte in der Malerei und Bildhauerei der Naturalismus 25 . Dieser gründete auf der wissenschaftlichen Erforschung der Außenwelt, Perspektive und Anatomie. Die Architektur sieht ihre Aufgabe in der Wiederbelebung römischer Formen. 26 Die Renaissanceliteratur vertritt den Standpunkt, dass die ältere Kunst von der Naturwahrheit abgekommen sei. Für Leonardo da Vinci (1452 - 1519) war das Kunstwerk besonders lobenswert, das die meiste Ähnlichkeit mit dem Modell, dem Vorbild, aufwies. Neben dem Nachahmungsgedanken gab es auch den der Naturüberwindung, die durch das Einbeziehen der Phantasie ermöglicht wurde. Die natürlichen Dinge konnten abgewandelt und der Künstler konnte wählend (Gedanke der electio) und verbessernd tätig werden. 27 Kunst wurde als Verbesserer der Natur angesehen. Es wurde vor der Imitation anderer Künstler gewarnt, da die Natur vielfältigere Vorbilder geben könnte. Die Ateliertradition des Mittelalters wurde langsam verworfen. 28
In dieser Zeit entstand die Kunsttheorie. Sie widmete sich der Frage, was man können und wissen muss, um der als Vorbild fungierenden Natur gegenüber zu treten. Diese Kunsttheorie wollte den Künstlern wissenschaftlich begründete Regeln und Normen für die Schaffung eines Kunstwerkes an die Hand geben. 29 In der Renaissance taucht der Begriff der Idee auf. Sie dient, nach Vasaris
21 Vgl. Alscher, Ludger u.a. (Hgg.), s.v. Renaissance, in: Lexikon der Kunst 4 (1983), S. 96 -
101.
22 Vgl. Pochat, Götz, Geschichte der Ästhetik und Kunsttheorie, S. 209.
23 Vgl. Ebd., S. 264.
24 Vgl. Ebd., S. 265.
25 Der Naturalismus hat die unmittelbare Nachahmung der Natur, die naturgetreue Wiedergabe, zum Prinzip. Er weist dabei eine Tendenz zur Kopie der Wirklichkeit auf (Vgl. Alscher, Ludger u.a. (Hgg.), s.v. Naturalismus, Lexikon der Kunst 3 (1983), S. 504 - 508.).
26 Vgl. Blunt, Anthony, Kunsttheorie in Italien 1450 - 1600, München 1984, S. 1.
27 Vgl. Panofsky, Erwin, IDEA, S. 24ff.
28 Vgl. Kris, Ernst, Kurz, Otto, die Legende vom Künstler, S. 89.
29 Vgl. Panofsky, Erwin, IDEA, S. 24ff.
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Vorstellung, zur Ergänzung der Erfahrung. 30 Gleichzeitig hat die Idee ihre Voraussetzung und ihren Ursprung in der Erfahrung. 31 Raffael (1483 - 1520) vertritt den Standpunkt, dass der Künstler sich aus Mangel an schönen Modellen der Idee bedienen soll. 32
Im 15. Jahrhundert herrschte der Kampf der bildenden Künstler, um Anerkennung ihrer Künste als artes liberales. 33 Die Künste waren in die artes liberales (die freien Künste) und die artes mechanicae (die mechanischen Künste) geteilt. Die artes liberales setzten sich aus den Künsten des Triviums (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und des Quadriviums (Musik im Sinne der Theorie, Arithmetik, Geometrie, Astronomie) zusammen. Sie gehören zu den Wissenschaften. Zu den artes mechanicae gehörten die Musik (Spielen von Instrumenten), Malerei, Bildhauerei, Weberei, Tischlerei, Maurerei und Ackerbau. Die artes liberales wurden als geistige Tätigkeit angesehen, wohingegen die artes mechanicae als praktische Tätigkeiten betrachtet wurden, die die materiellen Bedürfnisse des Menschen befriedigten. 34 Die Künstler der Renaissance beriefen sich auf die wissenschaftlichen Methoden, die ihrer Arbeit zugrunde lagen und wollten daraus ihren Anspruch auf ein höheres Ansehen gegenüber den Handwerkern geltend machen. Es war der Versuch, die eigene soziale Stellung zu verbessern. Im 15. Jahrhundert war die soziale Stellung des Künstlers in der Öffentlichkeit bereits beträchtlich gestiegen. Im
16. Jahrhundert ist diese noch stärker gewachsen. Für die Anerkennung ihrer Künste als artes liberales hoben die Künstler die intellektuelle Seite ihrer Kunst hervor. So sahen theoretische Schriften des 15. Jahrhunderts zum Beispiel die Voraussetzung für die Malerei in der Mathematik. Das Bemühen der bildenden Künstler, mit Poesie und Rhetorik gleichgestellt zu werden, erklärt sich aus der Tatsache, dass diese zu den freien Künsten zählten. Leonardo da Vinci vertrat zum Beispiel den Standpunkt, dass die Malerei Handlungen sogar vollständiger darstellen könne als die Dichtkunst und dass die Malerei die gleichen moralischen Wirkungen erzielen könne. 35 Im 16.
30 Vgl. Panofsky, Erwin, IDEA, S. 35.
31 Vgl. Ebd., S. 33.
32 Vgl. Ebd., S. 35.
33 Vgl. Blunt, Anthony, Kunsttheorie in Italien, S. 33.
34 Vgl. Assunto, Rosario, Die Theorie des Schönen im Mittelalter, S. 20f.
35 Vgl. Blunt, Anthony, Kunsttheorie in Italien, S. 33ff.
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Jahrhundert wurden die bildenden Künste als artes liberales anerkannt und der Dichtkunst gleichgestellt. 36
Die Renaissance zeichnet sich also dadurch aus, dass sie einen Bruch zur mittelalterlichen Kunst sucht. Statt Atelierarbeit wird wieder die Natur zum Vorbild genommen und Naturstudium betrieben. Die Natur ist Gegenstand der künstlerischen Nachahmung (imitatio, µιµεσις ). Das Kunstwerk soll der Natur, dem Vorbild gleichkommen (emulatio), soll sie sogar verbessern und übertreffen (superatio). Neben der Naturnachahmung spielen auch Selektion (electio) aus verschiedenen Modellen und die ergänzende Kraft der künstlerischen Phantasie (Idee, Idea) eine wichtige Rolle. Die Emanzipation des Künstlers über die Natur spiegelt sich auch im sozialen Kontext wieder, in den Bestrebungen um die Anerkennung der bildenden Künste als artes liberales. Ein besonderes Charakteristikum ist die Rückbesinnung auf die Antike. Sie dient als Vorbild in Malerei, Bildhauerei und Architektur.
2.2. Der Übergang zum 17. Jahrhundert
Während des Übergangs zum 17. Jahrhundert prägen zwei unterschiedliche Stile die Kunst. Der eine ist durch naturalistische oder auch realistische Ansätze geprägt. Dies ist der „Naturalismus“. Ihm gegenüber steht der „Manierismus“. 37
Dem Manierismus wird von seinen Gegnern wachsende Wirklichkeitsferne, Verlust an Wirklichkeitsgehalt und Realismus vorgeworfen. Zudem erfahre die Kunst eine Überbewertung der künstlerischen Phantasie (Idea). Die Kunst werde der Natur entgegengesetzt. 38 Der Manierismus will die ausgeglichenen und allgemeingültigen Formen der Klassik überwinden. Mathematik und Proportionslehre, die in der Renaissance von großer Bedeutung waren, werden abgelehnt. Manieristische Tendenzen finden sich bei Parmigianino (1503 -1540), Danti (1536 - 1586) oder Cellini (1500 - 1571). 39 Danti unterscheidet zwischen ritrarre 40 und imitare 41 , wobei der Künstler letzteres bei
36 Vgl. Dresdner, Albert, Die Entstehung der Kunstkritik, S. 68.
37 Vgl. Stammler, Wolfgang, s.v. Barock, in: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte 1 (1937), S. 1468-1469.
38 Vgl. Alscher, Ludger u.a. (Hgg.), s.v. Manierismus, in: Lexikon der Kunst 3 (1983), S. 137 -
142.
39 Vgl. Panofsky, Erwin, IDEA, S. 40ff.
40 Widergabe der Wirklichkeit, wie sie ist.
41 Widergabe der Wirklichkeit, wie man sie sehen sollte.
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Christina Warneke, 2007, Italienische Kunsttheorie des 16. und 17. Jahrhunderts am Beispiel von Giorgio Vasari und Giovanni Pietro Bellori, Munich, GRIN Publishing GmbH
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