und Refrain), welches in all seinen Anwendungen nicht verloren ging. Zwar kann man Theatercouplets, die im Rahmen eines Stückes geboten werden, von Variété-Couplets unterscheiden, die selbständig vorgetragen wurden. Sprachstruktur und Gehalt haben aber bei Weitem nicht so viele Varianten wie Chanson und Song ausgebildet.
Ihr jetziger Gebrauch im Deutschen:
Nachdem sie sich einmal in einer anderen Sprache eingebürgert haben, können solche Begriffe in weiterem Sinne gebraucht, ja sogar zu Modebegriffen werden wie jetzt bei der jungen Generation 'Song') und dabei jegliche klare Kontur einbüßen. So gibt es jetzt neben denen des Kabaretts auch 'Operetten-, [8] Revue -, [9] Musical [10] - und Filmchansons' sowie solche, die völlig unabhängig von jedem Rahmen durch Schallplatten verbreitet werden.- Seit den Sechziger Jahren werden (z. T. nach amerikanischem Vorbild) von "Liedermachern" (nicht "Songmachern") [11] 'Folksongs', 'Protestsongs' und manches andere unter dem Namen 'Song' produziert, was ebenso gut schlicht 'Lied' genannt werden könnte.- Die Bühnenlieder von Brecht [12], die dieser "Songs" nannte, sind zumeist 'Moritaten' [13] mit sozialkritischem Gehalt [14]. - Andererseits werden amerikanische 'Pop Songs' von bleibender Anziehungskraft (wie die besten von Cole Porter) in Deutschland nicht "Lieder" oder "Schlager" [15] genannt, sondern eben "Songs" oder "Evergreens".
Und "Weihnachtssongs" oder "Schlafsongs" findet man auch im modernen Sprachgebrauch der Jugendlichen noch nicht. Die Begriffe 'Lied' und 'Song' sind also noch nicht beliebig auswechselbar. Der letztere hat offensichtlich eine Affinität zur modernen Unterhaltungsmusik, insofern diese von
angloamerikanischen Vorbildern geprägt ist. Mit dem Wort 'Chanson' assoziiert man auch heute noch unklar eine anspruchsvollere, (möglicherweise wegen der frz. Herkunft des Wortes) elegante Darbietungsform, mit 'Song' dagegen einerseits "Volksverbundenheit" andererseits Sozialkritik.- Diese beiden letzten Assoziationen haften jedoch auch an dem Begriff 'Couplet', wenn auch auf ganz andere Weise, was eben die Schwierigkeit der Abgrenzung zeigt. Die Volksverbundenheit des 'Couplets' richtet sich auf das Bürgertum, welches
zugleich das Publikum des Wiener und Berliner Volkstheaters [16] sowie der Music Halls [17] und Variétés [18] darstellte. Seiner Satire fehlte noch die politische Bewusstheit unserer Zeit, weshalb man sie als Gesellschaftskritik von einer mehr nach "links" ausgerichteten Sozialkritik unterscheiden sollte, wie sie den 'sozialistischen Song' seit der Weimarer Republik prägte.
Die Formen des sozialkritischen Chansons und Songs überschneiden sich natürlich, z. B. in Liedern von Kurt Tucholsky (1890-1935).[19] Hier scheint es sinnvoll, das Podium und den Rahmen, welche die Schallform mitbestimmen, mit in Betracht zu ziehen, Wenn Tucholskys "Rote Melodie" oder "Der Graben" in einem kleinen Raum, der intimen Publikumskontakt ermöglicht, mit differenziertem Ausdruck vorgetragen werden, können wir von einem "politischen" oder "sozialkritischen Chanson" sprechen. Im großen Saal dagegen, vor einer Arbeiterversammlung kämpferisch "geschmettert", klingt es wie ein "sozialistischer Song". Der Unterschied ist jedoch nur graduell. Beide, 'Chanson' und 'Song', werden weitaus "gestischer" [20] vorgetragen als z. B. das Volkslied, das Kunstlied oder der Schlager.
Es bleibt festzuhalten, dass in allen drei Fällen jeweils nur das Wort aus der Fremdsprache importiert wurde und nicht die Spezialbedeutung [21]. Das Wort 'Chanson' konnte zwar im Französischen bereits für die semantische Eingrenzung verwandt werden, wofür es dann im Deutschen reserviert Chanson-Couplet-Song wurde [22]. Es behielt dort jedoch seine viel weitere Bedeutung. Ebenso mag es im Englischen bereits hier und da sozialkritische Songs gegeben haben [23]. Das Wort war diesen jedoch nicht vorbehalten. Couplet' wurde und wird im Französischen gelegentlich im gleichen Sinne verwandt wie bei uns jedoch neben mehreren anderen Bedeutungen. Ebenso ist es mit unserem Begriff 'Lied', der für ein 'Küchenlied' ebenso eingesetzt werden kann wie für eines von Brahms, im Englischen und Französischen jedoch nicht. - Sowohl im Französischen wie im Deutschen wird der Begriff 'Chanson' manchmal auf Gedichte angewandt, die ohne Musikbegleitung im Kabarett vorgetragen werden [24]. Im Deutschen ist jedoch normalerweise ein Vortrag mit Musikbegleitung (Guitarre, Klavier oder kleines Orchester) gemeint. Das Adjektiv "literarisch" ('literarisches Chanson' ist jedoch eigentlich überflüssig, da der
Begriff gewöhnlich mit Musik und Mimik vorgetragene (kurze) Literatur beinhaltet (Darbietungszeit durchschnittlich 4 Minuten).
Semantisches Feld von 'Chanson' im Französischen:
Die deutsche Spezialbedeutung von 'Chanson', welche einzig hier in Frage
kommt, steht in einem Netz von verwandten Begriffen, die teilweise von ihren Entsprechungen im Französischen abgegrenzt werden müssen : Im Französischen sind für das, was wir mit 'Chanson' meinen, die Spezifizierungen 'chanson a texte', poétique', '- littéraire', ‚- du cabaret artistique' und 'couplet' gebräuchlich. Es gibt dort sowohl Gedichte, die vom Autor "Chanson" genannt wurden und dennoch nicht für den Vortrag mit Gesang bestimmt waren, als auch viele ohne diesen Titel, die zwar auch nur zum Lesen gedacht waren, jedoch später vertont wurden ("poèmes, mis-en chanson"). Chansonette heißt im Frz. "kleines Lied", im Deutschen jedoch die weibliche Vortragskünstlerin des Chansons, welche mehr singt (frz. chanteuse, männl. Entsprechung chanteur), während die Diseuse mehr spricht. Ein Chansonnier und eine Chansonniere sind die frz. und dt. Bezeichnungen für Kabarett oder Vaudeville-Sänger, im Frz. bedeuten sie jedoch zusätzlich "Verfasser von Chansons" (frz. auch auteur-interprête und poête-chansonnier oder auteur-compositeur-interprête [25], je nachdem ob er auch die Musik verfasst. Die Musikwissenschaft versteht unter Chansonnier Sammlungen von weltlichen französischen Liedern. Die Bedeutung von chansonner im Frz. ist, Über jemanden ein humorvolles Chanson zu schreiben. Im Deutschen nennen wir den Verfasser der Worte häufig Texter, um nicht "Dichter' sagen zu müssen, was sich bei der Qualität der Texte häufig verbietet. Es ist bezeichnend, dass sowohl im Frz. wie im Dt. der Vortragskünstler als Interpret bezeichnet wird, weil seine Gestaltung zugleich eine Interpretation des Textes ist. Durch seinen Vortrag kreiert er überhaupt erst das Chanson in seiner einmaligen Verbindung von Text, Musik und Mimik.
Verwandte Begriffe im Deutschen:
Die Begriffe Kabarett und Variétéballade [26] bezeichnen Untergruppen des Chansons, die es auf eine von vier möglichen Grundhaltungen festlegen.
Neben dem Typ der Handlungsdarstellung (wie meist in Ballade [27] und Bänkelsang kann man den der Selbstdarstellung oder Vorstellung (z. B. häufig im sogen. 'Dirnenlied' [28] unterscheiden. Außerdem aber den der Reflexion, für den das Couplet die ideale Sprachform bietet [29], und schließlich der Stimmungs- und Zustandsschilderung (häufig in zum Chanson "kreierten" lyrischen Gedichten [30]),- Mehr vom Gehalt ausgehend hat man auch u. a. vom "anekdotischen ----, bukolischen -, engagierten -, Erotischen -, existentialistischen -, gesellschaftskritischen -, lyrischen makabren Milieu misogynen -, mondänen -, realistischen -, Reportage -, sozialkritischen -, volkstümlichen - und zeitkritischen Chanson" gesprochen. – Gelegentlich wird auch die form des Quodlibet [31] für das chanson des modernen Kabaretts benutzt, eine Montage von Liedparodien meist schlagerhaften Charakters. Aktuelle Melodin werden mit neuen Inhalten gefüllt und nach bestimmten inhaltlichen und formalen Gesichtspunkten aneinander gekoppelt. Der gelegentliche Gebrauch des Begriffs Bänkelsang für das Chanson erklärt sich aus dem häufigen Gebrauch von Stilelementen dieser verwandten Gattung, sollte jedoch vermieden werden.
Sonderbedeutung von 'Couplet' im Deutschen:
Das 'Couplet’ (im deutschen Wortsinn) ist viel älter als das ‚Chanson'. Es war bereits im Wiener Volkstheater von Ferdinand Jakob Raimund (1790- 1836) und Johann Nepomuk Nestroy (1801-1862) voll entwickelt, ebenso in den Berliner Lokal-Possen von David Kalisch (1820-1872). Das 'Chanson' macht von seiner Struktur hauptsächlich für Satire Gebrauch. Sein Wirkungsprinzip beruht, wie das des Witzes [32], auf der unerwarteten und komischen Verbindung zweier Ebenen. Die eine stellt der Kehrreim oder Refrain (engl. Chorus)[33] -die andere die Vorstrophe dar (couplets heißt frz. "Strophen"). Beim Witz sind dem Hörer beide Ebenen unbekannt, beim Couplet jedoch nur in der ersten Strophe, die die
schwächste Wirkung hat. Von der zweiten ab ist nur noch jede Vorstrophe neu, bezw. ihre überraschende Koordinierung mit dem Refrain. Diese Bauform ist so nahe liegend, dass man überall dort auf sie kommen musste, wo die Spannung eines normalen Liedes nicht ausreichte, das Interesse der Zuhörer zu erhalten. Sie eignet sich vorzüglich für die Sprechsituation des Raisoneurs, der Betrachtungen allgemeiner Art witzig darbieten will. Diese können mehr politischer Art sein, wie in den Couplets von Pierre Jean Beranger (1780-1857) [34], oder mehr gesellschaftskritischer Natur, wie in denen von Nestroy oder Otto Reutter 1870-1931) [35]. Sie bleiben jedoch nie im erzählenden oder persönlichen Bereich, sondern erheben sich zu allgemeinen Aussagen über zwischenmenschliche Beziehungen. Die Kehrreime des Couplets' sind meist kürzer als die des Chansons. Sie füllen oft nur eine Zeile und bestehen aus einem allgemeinen Ausruf, einer Redensart oder einem Bild Nestroy: "Ja die Zeit ändert viel." Reutter : "In fünfzig Jahren ist alles vorbei.") Durch das Leitthema im Kehrreim werden die heterogensten Einfälle auf einen gemeinsamen witzigen Nenner gebracht, so lose allerdings, dass man sich auch "Zugaben" zu einem 'Couplet' denken kann. In allen erzählenden Gedichtsformen, wie Ballade oder Bänkelsang, sind diese unmöglich, weil sie auf einen Handlungshöhepunkt oder die Moral am Ende hin strukturiert sind. Das 'Couplet' aber könnte im Prinzip immer weitergehen. Und wenn man auch eine dreistrophige Standardform [36] beobachten kann, in der die erste Strophe eine Situation des Alltagslebens schildert, die zweite diese durch den Kehrreim auf erotische und die dritte schließlich auf aktuell-politische Zustände überträgt, so hat es doch Couplets von über 20 Strophen gegeben.
Innerhalb des Stückes [37] kann das 'Couplet ähnliche Funktionen übernehmen wie das 'Chanson' (etwa im Film) und der 'Song' (z. B. bei Brecht). Am häufigsten ist wohl das 'Auftrittslied', in dem eine Figur sich vorstellt und dann meistens über Beruf, Stand, Leben und Welt reflektiert. Im 'Situations' oder 'Entscheidungslied' stellt ein Akteur seine äußere und innere Lage dar und sucht zu einem Entschluss zu kommen, Das 'satirische Couplet' wird am stärksten zum "Sprachrohr des Dichters" und ist von der Handlung am unabhängigsten. Diese Gesänge wollen unterhalten, kommentieren und den Horizont des Stückes erweitern, bei Brecht sogar das Publikum politisch aktivieren.
Arbeit zitieren:
Dr. Wolfgang Ruttkowski, 1993, Chanson – Couplet – Song, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Was ist in Deutschland ein literarisches Chanson?
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Wolfgang Ruttkowski's Text Chanson – Couplet – Song ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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