Die erste Frage ist, ob man überhaupt den Charakter von "Kunst" als übergreifendem Konzept von dem der einzelnen "Künste“ abstrahieren kann.
Schließlich wäre zu fragen, ob unser Kunstbegriff falls es ihn schon geben soll, als feststehenden oder immer wieder zu modifizierenden - "objektiv" oder "subjektiv" zu begründen ist, d. h. vom ästhetischen Objekt (zumeist vom Kunstwerk) her, oder vom ästhetischen Erleben. Ob die "Kunst" von unserer Einstellung zu ihr definiert wird und hauptsächlich als einen Begriff der Bewertung. Seit 1964 kam das Schlagwort von der "Kunst als Institution" auf, womit man auf die soziale Determiniertheit der Kunstwelt, werte und moden hinweisen wollte.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung: Fragen zum Kunstbegriff
Die Schichtenästhetik
Die Abweichungsästhetik
Die Tendenz zur Beliebigkeit
Die Wertfrage
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen des Kunstbegriffs unter besonderer Berücksichtigung der Schichtenästhetik und der Abweichungsästhetik, um zu klären, ob ein einheitlicher Kunstbegriff von verschiedenen Kunstarten abstrahiert werden kann und wie sich das ästhetische Erleben definiert.
- Phänomenologische und ontologische Analyse des Kunstwerks
- Vergleich der Schichtentheorie (Hartmann/Ingarden) mit der Abweichungspoetik (Fricke)
- Die Rolle des Rezipienten beim "Konkretisieren" von Unbestimmtheitsstellen
- Abgrenzung zwischen "Beliebigkeit" und "Wahlfreiheit" in moderner und interaktiver Kunst
- Kritische Reflexion der Wertfrage und ästhetischer Qualität
Auszug aus dem Buch
Die Schichtenästhetik
Die Schichtensysteme von Nicolai Hartmann und Roman Ingarden lassen sich, wie ich an anderer Stelle zu zeigen versuchte(12), in einem "synthetischen Modell" zusammenfassen. Beide wenden die gleichen ontologischen Schichten-Gesetze an, die auch in der übrigen Welt zu beobachten sind: Grob vereinfacht, lassen sich Kunstwerke als geschichtete Gebilde in einem doppelten Integrationszusammenhang sehen. Wie viele Schichten in jeder Kunstart unterschieden werden, ist zunächst nicht entscheidend. Unverzichtbar ist, dass jeweils die konkretere Schicht die nächst abstraktere existentiell ermöglicht ("trägt"). Zugleich wird die konkretere Schicht von der abstrakteren geformt ("geprägt"). Da die Schichtenästhetik sich notgedrungen - zur Veranschaulichung der von ihr diskutierten, letztlich abstrakten, Abhängigkeitsverhältnisse - räumlicher Metaphern bedienen muss, werden die jeweils konkreteren Schichten manchmal als die "tiefer liegenden" oder "unteren", manchmal auch als die "äußeren" bezeichnet, die abstrakteren als die "höheren" bzw. "inneren". Gelegentlich werden auch noch die "Mittel-" oder "mittleren Schichten" unterschieden.
Die zweite entscheidende Einsicht der Schichtenästhetik ist die, dass uns Kunstwerke als "schematische Gebilde" mit "Unbestimmtheitsstellen" gegeben sind, die wir bei der Rezeption ergänzen ("konkretisieren") müssen. Diese (ursprünglich ebenfalls ontologische) Einsicht hat nicht nur Konsequenzen für den Rezeptionsvorgang; m. E. ist sie es, die das Besondere am Kunsterleben definiert. Ob wir den schematischen Charakter auf allen Schichten des Kunstwerks ansiedeln (wie m. E. korrekterweise Hartmann) oder hauptsächlich auf einer besonderen "Schicht der schematisierten Ansichten" (wie m. E. irrtümlicherweise Ingarden), ist ebenfalls nicht entscheidend.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Fragen zum Kunstbegriff: Einführung in die Komplexität der Kunstdefinition und die methodischen Schwierigkeiten, Kunst als übergreifendes Konzept von einzelnen Kunstarten abzugrenzen.
Die Schichtenästhetik: Erläuterung des ontologischen Schichtenmodells von Hartmann und Ingarden sowie der zentralen Bedeutung der "Unbestimmtheitsstellen" für das ästhetische Erleben.
Die Abweichungsästhetik: Darstellung der Theorie Harald Frickes, welche die Wirkung von Kunst über die Abweichung von Sprachnormen und natürlichen Verhaltensgesetzen erklärt.
Die Tendenz zur Beliebigkeit: Kritische Auseinandersetzung mit der Auflösung künstlerischer Strukturen und Abgrenzung gegenüber interaktiven Medien.
Die Wertfrage: Diskussion der Grenzen ästhetischer Theorien bei der Bestimmung von künstlerischer Qualität und der Notwendigkeit einer Wirkungsästhetik.
Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, wobei die Schichtentheorie als grundlegende Erklärung für das ästhetische Erleben hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Ästhetik, Kunstbegriff, Schichtentheorie, Abweichungsästhetik, Unbestimmtheitsstellen, Rezeption, Konkretisierung, Kunstwerk, ontologische Struktur, Beliebigkeit, Interaktivität, Werthaltigkeit, Kunsterfahrung, Schichtenreichtum, Wirkungsästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Grundlagen, die definieren, was "Kunst" ist, und wie wir als Rezipienten Kunstwerke wahrnehmen und verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die ontologische Struktur von Kunstwerken (Schichtenästhetik), die Regelabweichung als Kunstprinzip (Abweichungsästhetik) und das Problem der subjektiven versus objektiven Kunstbewertung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein systematisches Verständnis des ästhetischen Erlebens zu entwickeln und zu prüfen, ob es einen universellen Kunstbegriff gibt, der über einzelne Kulturen und Kunstarten hinweg Bestand hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine phänomenologische und ontologische Analyse der ästhetischen Literatur der letzten 50 Jahre angewandt, wobei Theorien von Hartmann, Ingarden und Fricke synthetisiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Gegenüberstellung der Schichten- und Abweichungsästhetik sowie der kritischen Reflexion über Beliebigkeit in zeitgenössischer Kunst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Schichtenästhetik, Unbestimmtheitsstellen, Konkretisierung, Abweichungspoetik und die ästhetische Wirkung auf den Rezipienten.
Wie unterscheidet sich "Beliebigkeit" von "Wahlfreiheit" in der Kunst?
Beliebigkeit führt laut Autor zu Richtungslosigkeit und Unsicherheit beim Rezipienten, während interaktive Formate (trotz Wahlmöglichkeiten) einer durch den Autor gesetzten Logik folgen.
Warum ist eine Theorie des ästhetischen Wertes bisher nicht gelungen?
Der Autor argumentiert, dass bisher keine Theorie in der Lage war, objektiv und allgemeingültig zu definieren, was "gute" Kunst von trivialer Kunst unterscheidet, ohne in subjektive Kulturrelativität zu verfallen.
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- Dr. Wolfgang Ruttkowski (Author), 1998, Noch einmal: Ästhetik, Kunstbegriff und Wertfrage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82645