Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 3
2. Hamletismus 4
3. Symptome 5
3.1 Unentschlossenheit und Impulsivität 6
3.2 Weltschmerz und Innerlichkeit 9
3.3 Wanderlust und Schlendern 11
3.4 Empfindsamkeit und Ästhetismus 12
3.5 Suche nach Halt in einer aus den Fugen geratenen Welt 14
4. Schlussbetrachtung 15
Literaturverzeichnis 17
2
1. Einführung
„Hamlet’s image is one of those that appear to shift and change with the vantage point of the beholder. Moreover, what the beholder says he sees sometimes tells us more about himself than about Hamlet.” (H.P. Bailey, S XIII) 1
Hamlet und Wilhelm Meister, Kinder des Hauses par excellence, typisieren die Problematik der Söhnegeneration. Beide leben in Zeiten bedeutender Epochenwenden und müssen damit zu Recht kommen. Beide müssen ihre Häuser „untergehen“ sehen bzw. in andere Hände übergeben, damit ein neuer Anfang gemacht werden kann. Die Heilungsgeschichten dieser zwei „kranken Königssöhne“ haben eine starke literaturgeschichtliche Wirkung, die bis ins 21. Jahrhundert andauert. Shakespeares Hamlet gilt als eines der meistinterpretierten literarischen Werke überhaupt und löste unzählige intertextuelle Bezüge und Nachahmer aus. Wilhelm Meisters produktive Fehlinterpretation des Hamlet als Werther-ähnlichen Schwärmer prägte lange Zeit das Hamletbild sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern Europas. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelangen es Karl Jaspers Deutung des Hamlet als aktiven Wahrheitssuchenden 2 und Döblins darauf basierende Hamlet, oder die lange Nacht nimmt ein Ende, den Werther-Hamlet völlig zu vertreiben und den Weg für Heiner Müllers Hamlet-Auseinandersetzung zu ebnen.
Wie das oben angeführte Zitat verdeutlicht, hat jede Generation ihr eigenes Hamletbild geschaffen, vom tatenlosen Träumer der Romantiker bis hin zum arischen Action-Helden der Nationalsozialisten (vgl. Zimmermann, S. 293ff). Es existiert bereits eine breite Palette an Literatur zur deutschen Hamletrezeption, vor allem zum Hamletbild in Wilhelm Meister. Deshalb verzichte ich hier auf einen Versuch, das Hamletbild im Roman festzumachen 3 . Diese Arbeit soll die Modernität und Allgemeingültigkeit der Figur des Wilhelm Meister anhand der Attribute des modernen hamletschen Helden aufzeigen. Für die Charakterisierung des hamletschen Helden stütze ich mich weitgehend auf die Arbeiten von Davis und Bailey. Um mit Wilhelm zu sprechen, „hoffe ich meine Meinung durchaus mit Stellen belegen zu können“ (WML, S. 218).
1 „Das Image Hamlets scheint sich je nach dem Blickwinkel des Betrachters zu verschieben und zu verändern. Des Weiteren sagt uns das, was der Betrachter zu sehen glaubt, mehr über sich selbst als über Hamlet.“
2 Vgl. Jaspers, Von der Wahrheit, S. 936ff
3 Laut Zumbrink (wo) kann man sowieso nicht von einem einheitlichen Hamletbild sprechen, da sich die Hamletinterpretation im Roman mit der Figur des Wilhelm dynamisch entwickelt.
3
Wilhelms Interpretation von Hamlet ist naiv und beschränkt 4 , darf also nicht mit der Auslegung Goethes gleichgesetzt werden (allein schon die ironisierende Erzählhaltung in den Lehrjahren verbietet eine Identität der Interpretationen Wilhelms und Goethes), wie es etliche Literaturwissenschaftler gemacht haben 5 . Sieht man jedoch die Figur Wilhelms als eine Persona, der Goethe Shakespeares Hamlet zugrunde gelegt hat, gewinnt man einen tieferen Blick in Goethes Hamlet-Verständnis und eine vielseitigere und modernere Analyse der Figur Hamlets.
2. Hamletismus
Der Begriff Hamletismus wurde 1886 erstmals im westeuropäischen Raum 6 vom französischen Schriftsteller und Literaturkritiker Laforgue verwendet, dessen Umdeutung des Hamletfabels in eine symbolistische Prosaerzählung (Hamlet, ou les suites de la pieté du fils 7 ) als früher Höhepunkt der modernen literarischen Auseinandersetzung mit Hamlet gilt. Laforgue beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit Hamlet und identifizierte sich stark mit dem Protagonisten, den er als Symbolfigur eines mit dem Rätsel des Lebens konfrontierten Menschen deutete. Der Begriff Hamletismus taucht zwar erstmals im darauf folgenden Jahrhundert in Deutschland auf, in der Form einer von Bab verfassten Kampfschrift gegen den Hamletismus. Die Hamlet-Identität lässt sich jedoch viel früher und mit einer größeren Intensität 8 in Deutschland feststellen, wo „jede Zeit, jede Geistesrichtung ihre eigene Anschauung in Hamlet hineinprojizierte und sich selbst nur in ihm sah“ (Lüthi, S. 10). Der Vormärzdichter Freiligrath brachte diese Identität 1844 in seinem Gedicht Deutschland ist Hamlet auf den Punkt, in welchem er einen Intellektuellen beschreibt, „der über den Worten die Taten vergessen, der das Engagement für die Freiheit sinnierend versäumt und der die Revolutionen, über ihre Rechtfertigung reflektierend, verpaßt hat“ (Loquai, S. 8). Laut Heine kennen die Deutschen „diesen Hamlet, wie
4 Sie basiert auch auf Wielands nach dem Empfinden der Zeit „bereinigte“ Übersetzung, die Hamlets Wahnsinn in Schwermut umdeutet und die meisten sexuell zweideutigen Stellen weglässt (vgl. Zimmermann, S. 296)
5 Laut Diamond waren es v.a. die Namen von Goethe und Coleridge die ein rationelles Verständnis des Charakter Hamlets verhinderten (Diamond, S. 90f).
6 Auf den russischen Hamletismus einzugehen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
7 Hamlet, oder die Folgen der Pietät des Sohnes
8 Dies lässt sich möglicherweise anhand der starken Kritik der führenden Schriftsteller Frankreichs (allen voran Voltaire) an der Formlosigkeit Shakespeares erklären, während in Deutschland die Rezeption Shakespeares und die Shakespeare-Begeisterung durch Goethe, Schiller, Herder, Wieland, K.P. Moritz usw. vorbereitet und vorangetrieben wurde.
4
wir unser eignes Gesicht kennen, das wir so oft im Spiegel erblicken“ (Heine, zit. bei Loquai, S. 5). Börne geht noch weiter, indem er behauptet: „Ein Deutscher […] schreibt sich ab, und Hamlet ist fertig“ (zit. bei Loquai, S. 4). Im Roman fehlen Andeutungen auf diese Identität mit dem melancholischen Helden nicht. So konstatiert Aurelie: „Es ist der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer werden, daß alles über ihnen schwer wird“ (WML, S. 278). Das Phänomen Hamletismus wird generell als ein negatives betrachtet. So spricht Muschg von einer „Hamletkrankheit“ (Muschg, S. 208), Zumbrink vom „Hamletfieber“ (Zumbrink, S. 49), während Loquai das „Hamlet-Syndrom“ als „Ensemble von Symptomen“ beschreibt (Loquai, S. 14). In Freuds psychoanalytischem Deutungsversuch des Hamlet erwähnt er die Interpretationen anderer Hamlet-Ausleger, die „einen krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden Charakter (zu) schildern (…)“ versuchen (Freud in Kaiser, S. 27f). Im Folgenden wird ein Katalog der Symptome des hamletschen Helden der Moderne zusammengestellt, die anschließend an der Figur des Wilhelm nachgewiesen werden sollen.
3. Symptome
In diesem Abschnitt sollen neben den in der deutschen Rezeption typischen Eigenschaften wie seinem Zögern und Hang zur Passivität vor allem seltener beleuchtete Charakteristika eines hamletschen Helden untersucht werden. Hierbei stütze ich mich auf die Analysen zweier Romanisten, die sich mit Hamletfiguren in der französischen Literatur beschäftigen. In ihrer folgenreichen Monographie Hamlet in France geht Bailey weit über diese bekannten Aspekte hinaus und fasst den modernen Hamletismus wie folgt zusammen:
„It has primarily an aesthetic connotation […] signifying neutrality in contrast to choice. It suggests distractibility and impulsiveness as much as hesitation and doubt. There is something in it, too, of pride, a pride not easily sustained - in one’s difference from the general run of humanity; of darkness and obsession with death; of ambivalence and frustration, a feeling of ineffectualness, combined with a sense of the futility of all endavour. It implies a nostalgia for integrity and a sense of remoteness from the goal of self-realisation”. 9 (Bailey, S. 153)
9 „Er (der Hamletismus) hat eine vorwiegend ästhetische Konnotation […] und bedeutet Neutralität im Gegensatz zu Entschlossenheit. Er deutet genauso so sehr Ablenkbarkeit und Impulsivität wie Zaudern und Zweifel an. Er weist auch Elemente des Stolzes auf, eines Stolzes, der nicht leicht aufrechterhalten werden kann
- in dem Unterschied zwischen einem selbst und dem normalen Menschen, der Dunkelheit und Todesbesessenheit; der Zweideutigkeit und des Frustes, ein Gefühl der Unwirksamkeit verbunden mit einem Sinn der Zwecklosigkeit allen Bestrebens. Er impliziert ein nostalgisches Sehnen nach Unversehrtheit und ein Gefühl der Ferne vom Ziel der Selbstverwirklichung“
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Arbeit zitieren:
Brendan Bleheen, 2004, Die kranken Königssöhne, München, GRIN Verlag GmbH
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