ist. So wurde das Schma Jisrael zum traditionellen Märtyrerbekenntnis des Judentums. Im Augenblick des Todes hat man sich zur Einheit und Einzigartigkeit des göttlichen Namens bekannt. Das Kiddusch ha-Schem, die Heiligung Gottes, schließt aber nicht notwendigerweise den Tod ein, sondern hat das Leben als Inhalt, das Halten der Gesetze, welche nur im Leben vollzogen werden können. Diese Auffassung wurde v. a. vorwiegend in der rabbinischen Tradition vertreten. Interessant ist, dass das Konzept des Kiddush ha-Schem sich beständig und doch wandlungsfähig in der Geschichte des Judentums gezeigt hat. Weil das Kiddusch ha- Schem ein identitätsstiftendes Element im Judentum ist, lässt dies vielleicht auf einen Grund für seine Beständigkeit schließen und soll im Folgenden erschlossen werden. Auf der anderen Seite ist zu erforschen, ob und wann es einen Bedeutungswandel des Begriffes gegebenen hat und letztlich auch warum sich sein Verständnis geändert hat.
Insgesamt ist das Thema brisant und aktuell, denn es streift die Disziplinen Ethik, Religion, Theologie und Geschichte und beschäftigt sich mit allen existenziellen Fragen, dem Sinn des Lebens.
Schließlich ist somit eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Märtyrertodes zu suchen: Lässt sich eine Theodizee-Relevanz im Kiddusch ha-Schem erkennen und impliziert es somit sowohl eine eschatologische als auch eine soteriologische Dimension ?
1.2 Methodischer Zugang
Damit die Bedeutung des Kiddusch ha-Schem als auch das damit verbundene jüdische Selbstverständnis evident werden kann, ist es notwendig, im Hauptteil mit einigen Grundzügen des Konzeptes von Kiddusch ha-Schem zu beginnen, um somit eine Definition des Begriffes herauszuarbeiten.
Um das eingangs genannte identitätsstiftende Moment und vor allem die dazu notwendige Relevanz des Kiddusch ha-Schem als auch seine Begriffsentwicklung vollständig darstellen zu können, soll dann der Bedeutungswandel des Kiddusch ha- Schem in seiner historischen Entwicklung in den einzelnen Epochen differenziert dargestellt und gegenübergestellt werden. Wobei ich hier aber nicht im großen Umfang auf die historischen Ereignisse an sich eingehen werde, sondern mich
2
hauptsächlich auf die verschiedenen Bedeutungsformen des Kiddusch ha-Schem im Kontext zur Geschichte beziehen möchte.
Im Schlussteil werde ich einen Antwortversuch auf die eingangs aufgeworfenen Fragen vornehmen, indem ich die Behauptung untermauern werde, dass sich die Bedeutung des Kiddusch ha-Schem definitiv gewandelt hat und eine große Sinnhaftigkeit im Judentum besitzt.
2 Hauptteil
2.1 Begriffsdefinition und die Grundzüge des Konzeptes von Kiddusch ha-
Schem im Wandel seiner historischen Entwicklung
Zunächst einmal ist zu erwähnen, dass weder Kiddusch ha-Schem noch Chillul ha- Schem als Verbalsubstantive in der Bibel belegt sind und eher nachbiblisch geprägt worden sind. Zum einen gibt es die These von Kaduschin, dass das Kiddusch ha- Schem auf das dreimalige kadosch in Jes 6 zurückgeht. Und ein anderer Standpunkt von Gruenwald bezieht sich auf Num 20, weil sich dort die drei Aspekte der Heiligung Gottes finden lassen, nämlich erstens die Heiligung Gottes in der Öffentlichkeit, die Demonstration der Macht Gottes und zweitens die Möglichkeit
des Menschen Gott zu heiligen, bzw. zu entweihen. 2 Die jüdischen Martyriumsberichte gehen zurück in die Zeit der Makkabäer. Das um 100 v.d.Z. verfasste 1.Makkabäerbuch berichtet im ersten Kapitel von der Leidenszeit des jüdischen Volkes unter Antiochus IV Epiphanes. Wer sich der Hellenisierungspolitik des Königs widersetzte, sollte sterben. Wer im Besitz der Bundesrolle war oder das Gesetz hielt, wurde zum Tod verurteilt. Schon damals zog das jüdische Volk den Tod vor, als dass es die heiligen Gesetze übertrat. So heißt es im 1 Makk 62 f: „Dennoch blieben viele aus Israel stark und aßen und tranken nichts, was unrein war. Lieber wollten sie sterben, als sich durch Speisen unrein zu machen und den heiligen Bund zu entweihen. So starben sie.“ Allerdings wird hier der Tod der Märtyrer als Sühnetod verstanden. Die Leiden, die durch das Sterben im Namen Gottes erlitten werden, galten nach damaliger Vorstellung als gerechte Strafe
Gottes, für die von den Juden begangenen Sünden. 3 Durch die Sühnewirkung des Martyriums lässt sich eindeutig ein soteriologischer Sinn erkennen. Das Volk hofft,
2 Reeg, Gottfried, Qiddush ha-Schem – Rabbinische Bezeichnung für das Martyrium?, in: Frankfurter
Judaistische Beiträge Heft 30, Frankfurt am Main 2003.
3 Baumeister, Theofried, Die Anfänge der Theologie des Martyriums, Münster 1980, S. 38-39.
3
dass Gott am Ende der Zeiten sein Volk erlösen wird und Gottes Gerechtigkeit über die Mörder der Juden richten wird.
Auch nach 2 Makk leiden die Märtyrer wegen der Schuld ihres Volkes. Indem sie für die Gesetze sterben, beten sie zu Gott, er möge dem Volk wieder gnädig sein und sein Zorn bei ihnen zum Stillstand kommen 2 Makk 7,37 f . Die Märtyrer tragen also in einer besonderen stellvertretenden Weise die Strafe, die das Volk als Folge der sogenannten Ursünde trifft, nämlich wegen der Anbetung des goldenen Kalbes in Form der Götzenverehrung. Nach dem Tod des Märtyrers kann Gott dem Volk wieder gnädig sein. Des Weiteren war auch der Glaube verbreitet, dass Gott ein erziehender Gott ist und durch Strafe und Züchtigung sein Volk auf den richtigen
Weg führen wird. 4 Das Leiden geschieht auf Grund der Sünden. Allerdings galt der Grundkonsens, dass der Märtyrer ohne Schuld stirbt. Er leidet nicht zur Strafe für eigene Sünden, sondern er trägt vielmehr das Leiden stellvertretend für das jüdische
Volk. 5 Man kann hier sowohl den soterilogischen Aspekt erkennen aber auch eine eschatologische Relevanz, denn durch das Blut der Märtyrer wird sozusagen eine Wendung bewirkt, bzw. erhofft: Ein geläutertes und erlöstes Volk, welches von der Gerechtigkeit Gottes am Ende der Zeiten profitieren wird.
Im 4. Makkabäerbuch wird das Martyrium ohne Angst begangen, weil ein weit
verbreiteter Glaube von der leiblichen Auferstehung vorhanden war. 6 Als Belohnung für das Martyrium stand das ewige Leben. Auch glaubte man, dass Gott an den
Verfolgern der Juden Vergeltung üben würde. 7 Es ist zu erkennen, dass das Martyrium hier unbedingt den Tod beinhaltet und als Sühnetod verstanden wird. Somit steht diese Bedeutung des Martyriums im Gegensatz zur rabbinischen Überzeugung und Tradition, wie im Folgenden zu zeigen sein wird.
Der Komplementärbegriff zum Begriff des Kiddusch ha-Schem als Heiligung des göttlichen Namens ist der Chillul ha-Schem, die Entweihung des göttlichen Namens. Als Chillul ha-Schem gelten nach rabbinischer Überzeugung: z. B. Missbrauch des Schwurs bT Joma 84a oder Meineid und Entweihung des Sabbats bT Sabbath 33a etc.. Des Weiteren darf Chillul ha-Schem nicht öffentlich geschehen bT Hagiga 16a; Moed-Qatan 17 a.b ,wird auch nicht vergeben bT Joma 86a und kann sogar Exkommunikation nach sich ziehen bT Moed-Qatan 17 a.b. Wie verhängnisvoll eine
4 Baumeister, Werner, Die Anfänge der Theologie des Martyriums, Münster 1980, S. 40.
5 Ebd., S. 41.
6 Ebd., S. 49-50.
7 Ebd., S. 50.
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Margarete Roewer, 2006, Die Bedeutung des Kiddusch ha-Schem im jüdischen Selbstverständnis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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