Universität Heidelberg, Seminar für Klassische Philologie
Proseminar: Sallust – De coniuratione Catilinae
Sommersemester 1996
Zu: Sallust - "Bellum Catilinae"
Das Proömium
von
Kai-Uwe Heinz
INHALTSVERZEICHNIS
1.0 EINLEITUNG... 1
2.0 DAS PROÖMIUM... 2
2.1 Traditionelle Ziele des Prologe... 2
2.2 Tradition und Topik... 4
2.3 Zum römischen Verständnis von Individualität und Stil... 6
3.0 FORSCHUNG ÜBER DAS CATILINA-PROÖMIUM... 8
3.1 Quellenfrage... 9
3.1.1 Poseidonius... 10
3.1.2 Plato... 10
3.1.3 Stoische Quelle... 11
3.1.4 Thukydides... 12
3.1.5 Andere Quellen... 13
3.2 Relevanz des Proömiums für die Erzählung... 15
3.2.1 Inkohärenz zwischen Proömium und Erzählung... 15
3.2.2 Kohärenz zwischen Prolog und Erzählung... 15
3.2.3 Der virtus-Begriff in der Praefatio... 16
4.0 DAS CATILINA-PROÖMIUM... 18
4.1 Übersetzung... 18
4.2 Interpretation... 20
4.3 Schlußbetrachtungen... 31
5.0 BIBLIOGRAPHIE... 32
6.0 AUSWAHLLITERATUR... 35
1.0 EINLEITUNG
"... Sallust certainly had the eye for the unusual and recherché,
that passion for the striking and the shocking, that touch of
sheer perversity ..."
Donald EARL1
Das Catilina-Proömium war seit jeher ein Stein des Anstoßes: sei es durch den, wie D.C. EARL nachwies, für Geschichtswerke spektakulär unüblichen2 Beginn, der Sallusts Zeitgenossen sicher überrascht haben muß. Sei es dass Quintilian daran Anstoß nahm und darin keinen Bezug zum eigentlichen Werk zu sehen schien, oder sei es, dass noch in heutiger Zeit daran Anstoß genommen wird und Latinisten wie LA PENNA in der praefatio zum Bellum Catilinae nur ein Flickwerk von verschiedensten "abgedroschenen" Gemeinplätzen griechischer Proömienliteratur sah, BOISSIER jeglichen Zusammenhang zum Geschichtswerk bestreitet bis hin zu Willy THEILER, der glaubt, feststellen zu können, dass im Prolog "kein einziger selbständiger Gedanke zu finden sei".3
Sallust betritt mit der Historiographie persönliches Neuland. In dem Proömium zu seinem Erstlingswerk stellt er sich und sein Werk in einzigartiger Weise vor. Traditionelle Elemente wie Exordialtopoi, proömiale Suchformeln aus der Rhetorik zusammen mit individuellen Zügen wie Stil, Komposition dienen seiner stringenten Argumentation, die seine Tätigkeit nicht nur rechtfertigen, sondern sie zugleich zu einer echt römischen virtus erheben, mit der er persönlichen Ruhm erstrebt.
Auf diese traditionellen, für das römische Bewußtsein vorauszusetzenden Elemente soll im ersten Kapitel speziell eingegangen werden, die individuelle Realisierung soll in der Interpretation erfaßt werden im Anschluß an einen Überblick über die Forschung zum Catilina-Proömium im zweiten Kapitel. Zum Abschluß sollen die wichtigsten Publikationen zum Prolog des Bellum Catilinae aufgelistet werden.
2.0 DAS PROÖMIUM
Das Proömium (gr. prooimion < oimion, exordium, initium bzw. prooemium. Im musikalischen begleiteten Vortrag "Vorspiel" bzw. "Vortrag vor dem Hauptvortrag", dann allgemein "Einleitung, die mit dem Hauptteil verbunden ist4) kommt aus der griechischen Rhetorik und hat die Funktion eines Vorwortes, bzw. ist in der literarischen Form mit der modernen Titelseite und der Inhaltsangabe vergleichbar.5 Da die Bücher damals Rollenform besaßen, war ein kurzes Durchblättern – um sich von dem jeweiligen Werk ein Bild zu machen – unmöglich. So mußte im Proömium alles Wichtige über den Inhalt gesagt und zugleich das Interesse des Lesers geweckt werden. Im Proömium mußten die "key-words"6 fallen. Auf den ersten Satz, den ersten Abschnitt kam es an, egal, ob in einer Rede (epideiktisch, politisch, Geschichtsrede) oder in einem schriftlichen Werk (Geschichte, philosophischer Dialog, politische Abhandlung). Da die Proömien ihre Wurzeln in den Einleitungen der Rhetorik haben, soll im folgenden Abschnitt das Augenmerk auf die literarische Rhetorik und die traditionellen Prolog-Suchformeln gerichtet werden, um dann in Abschnitt 1.2 auf die in der literarischen Realisierung dieser Suchformeln verwendeten Motive und die Entwicklung des Proömiums einzugehen. Diese Schrittfolge ist unersetzlich, um den Aufbau und die Tradition des Proömiums der Historiographie zu verstehen, deren Kenntnis uns ja erst ermöglicht, das Individuelle der sallustianischen Realisierung des Prologes, in diesem Falle des Catilina-Proömiums zu erfassen.
2.1 Traditionelle Ziele des Prologes
Um in diesem alles entscheidenden Moment, dem Anfang des Werkes (ursprünglich: der Rede), den Zuhörer (bei literarischem Werk: den Leser) aufmerksam zu machen, wurden drei Ziele verfolgt, die sich in folgenden proömialen Suchformeln zusammenfassen lassen: iudicem benevolum, docilem, attentum parare. LAUSBERG untersuchte in seinem Handbuch der literarischen Rhetorik, was man traditionell unter diesen Suchformeln zu verstehen hatte, wie z.B. Lukian, der sich darüber äußerte, wie man Geschichte schreiben solle, und Quintilian, der sich mit Rhetorik befaßte, sie verstanden:7
1. Attentum parare bedeutete zwischen dem Publikum (den Lesern) und dem Gegenstand der Rede zu vermitteln. Ist das Publikum unaufmerksam, so kann diesem Störfaktor (taedium), der in dem Bagatellcharakter des Gegenstandes, in Ermüdung, Hochmut, Verwöhnung des Publikums seinen Ursprung haben kann, durch einen Aufmerksamkeitseffekt begegnet werden, z.B. der Erwähnung, "der zu behandelnde Gegenstand sei von unerhörter Wichtigkeit". In der Literatur geschieht dies auch durch die Beteuerung, ′ich bringe noch nie Gesagtes′ oder indirekt proömiale Verwendung "umfassender, möglichst weltweiter Gedankeninhalte".8 Aufmerken lassen kann man das Publikum schlechtenfalls auch einfach durch die Bitte um Aufmerksamkeit oder besser durch das brevitas-Versprechen oder indem man den Gegenstand als wichtig für die Interessen des Publikums hinstellt (das – allerdings nicht proömiale – tua res agitur). Attentum parare kann schließlich auch durch sprachtechnische Mittel (Affekte) geschehen: Apostrophe, Witz oder Tropen.
2. Das docilem parare will zwischen dem Intelligenzgrad des Publikums und der publikumsrelativen Kompliziertheit des Gegenstands vermitteln. Das kann durch kurze Aufzählung der folgenden Themengebiete sein, eine Art Inhaltsausblick, oder man erzeugt durch das "insinuatorische iam im Hörer die Befürchtung, eine wichtige Information versäumt zu haben" und stimuliert ihn zu aufmerksamer Verfolgung des Erzählfadens -ähnlich einem bewußten Gedankensprung, der zu überbrückender Geschehenskonstruktion aufruft.
3. Schließlich ist das dritte Ziel, das der Autor in dem Proömium verfolgt, das iudicem benevolum parare. Um den Zuhörer wohlwollend zu stimmen, konnte man von vier Ausgangspunkten ausgehen: ab nostra, ab adversariorum, ab auditorum persona et ab rebus ipsis.
Durch Lob und Tadel dieser Suchformel-Objekte galt es, das Publikum für sich zu gewinnen, d.h.
1. (ab nostra persona) wir müssen uns loben, indem wir uns der Sympathie/ des Mitleids für würdig darstellen, die moralisch wertvollen Motive für die Beschäftigung mit unserem Gegenstand betonen, sei es durch die Beteuerung, dass wir rein um der Wahrheit willen, im Interesse des Allgemeinwohls oder "unter der drohenden Gefahr des Sieges der ungerechten Gegnerpartei" den Gegenstand vertreten. In der Literatur sind außerdem moralisch wertvolle Motive: "meiden von Trägheit" oder "Wissen verpflichtet zur Mitteilung"; zudem gilt es hierbei, den Verdacht von Arroganz zu meiden (durch Verbergen der eloquentia oder Entschuldigung für den bäurischen Stil).
2. Ab adversariorum persona meint den Tadel der Gegnerpartei.
3. Ab iudicum (auditorum) persona meint das Lob des Publikums bzw. delectatio desselben durch proömiale Dämpfung des Stils etwa durch intellektuell nicht anspruchsvolle Periphrasen.9
4. A causa (a rebus ipsis) meint das Lob des eigenen Parteistandpunktes. Inwiefern Sallust diese traditionellen Suchformeln in seinem Catilina-Proömium bewußt oder unbewußt erfüllt wird in Kapitel 3.2, der Interpretation, aufgegriffen.
2.2 Tradition und Topik
[...]
1 EARL, Prologue:855.
2 EARL, Prologue schreibt: "History, epideictic oratory, philosophical dialogue, political treatise or whatever, your first sentence had to announce what you were writing. And Sallust, writing the history of Catiline′s Conspiracy ... , announced a philosophical treatise. (p. 856)
3 HARMS:4, der wiederum BÜCHNER, Sallust:377, zitiert.
4 ZIEGLER/SONTHEIMER: Der kleine Pauly, Bd. 4:1179 (s.v. ′Proömium′).
5 EARL, Prologue:856.
6 EARL, Prologue:865.
7 LAUSBERG:152ff.
8 Als Beispiel führt LAUSBERG Hebr. 1,1 der Bibel an, wo "der weltgeschichtsumfaßende Zeitraum" dazu benutzt wird, den behandelten Gegenstand von diesem Zeitraum als einem "aktuellen Kulminationspunkt" abzuheben.", p.153.
9 als Beispiel führt LAUSBERG Aen. I,1 an: "arma virumque cano ...".
Arbeit zitieren:
Kai-Uwe Heinz, 1996, Zu: Sallust - "Bellum Catilinae", München, GRIN Verlag GmbH
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