1 Einleitung
Was kommt nach dem Tod? Gibt es so etwas wie Seele und wenn ja, was geschieht mit ihr, wenn wir verstorben sind? Diese Fragen sind eng miteinander verknüpft und beschäftigen uns seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte.
Die Beantwortung ist auch heute noch mindestens in zweierlei Hinsicht schwierig. Denn erstens ist der Gedanke an den Tod und die Frage, was uns danach erwartet, verbunden mit Emotionen, vor allem vielen Ängsten. Zweitens sind es zudem zwei der wenigen Fragen in der heutigen Welt, die wir uns nicht empirisch beantworten
Schon Platon widmete sich ausführlich in seinem Werk Phaidon, aber auch im Phaidros und der Politeia, unter anderem der Frage nach der Unsterblichkeit der Seele. Seine Methode war hier der typische platonische Dialog. Er ließ Sokrates so mit seinem Gesprächspartner interagieren, dass diese entweder selbst Antworten fanden oder nicht anders konnten, als seiner Argumentation zuzustimmen. Eine Schwierigkeit bei der Beschäftigung mit Schriften Platons liegt darin, dass nicht ganz klar ist, ob er in seinen Dialogen den historischen Sokrates zu Wort kommen lässt oder ob er eher als fiktive Figur fungiert. Da es für mich nahe liegender erscheint, setze ich in meiner Arbeit voraus, dass Platon Sokrates als Sprachrohr benützt. Daher interpretiere ich die Argumentationen ausschließlich als Gedankengänge
Die Argumentationsketten von Platons Unsterblichkeitsbeweisen werde ich in diesem Text nachzeichnen. Dabei zeige ich mögliche Kollisionen mit seinen eigenen Lehren auf sowie nicht nachvollziehbare Prämissen oder Begründungen. Da für das Verständnis die Ideenlehre Platons eine große Rolle spielt und ich mich im Text immer wieder darauf beziehe, setze ich eine kurze Abhandlung darüber an den Anfang meiner Ausführungen.
2 Kurze Einführung in die Ideenlehre
Nach Platon ist die Welt der Ideen und der mathematischen Gesetze die wahrhaft seiende Welt. Nach dem Abbild der Ideen wird die sinnliche Welt, die uns umgibt gebildet, jeder Gegenstand, jedes Ding sei nur ein Abbild einer Idee, also der sprichwörtliche Schein im Gegensatz zum Sein. Während die Einzeldinge vergingen, blieben die Ideen als ewige Urbilder erhalten. Die Theorie der Ideen bedeutet für den Menschen, dass er in einer Welt des Scheins lebe, die trügerisch sei und ihn immer wieder blende und davon abhält, die Welt der Ideen, also des Seins, zu erfassen. Dies wird besonders in Platons Höhlengleichnis deutlich. Hier zeichnet er folgende Situation. Menschen säßen in einer Höhle angekettet vor einer Wand und können nur die Schattenbilder sehen, die ein hinter ihnen loderndes Feuer auf die Wand wirft. Da sie nichts anderes kennen, nähmen sie dies als Wirklichkeit und Wahrheit an. Binde man sie los, um sie die Welt vor der Höhle entdecken zu lassen, so weigerten sie sich. Denn der Aufstieg aus der Höhle wäre beschwerlich und langwierig. 1 Die Aufgabe des Philosophen ist nun immer wieder in jene Höhle zurückzukehren und die Menschen von dem Weg zur Wahrheit, nämlich der Erkenntnis der Wahrheit und Ideen zu überzeugen. Denn er hat diese Welt erblickt. Und genau dies versucht also Platon mit seinen Werken.
Auch der offensichtliche Leib-Seele Dualismus, der immer wieder klar aus seinen Schriften herauszulesen ist, erklärt sich durch diese Zweiteilung in Welt der Ideen, die nur durch Denken erreichbar sei und die Welt des Scheins, in die der Körper und alles seine Begierden gehörten. Diese Teilung ist daher ein zentraler Punkt für meine Beschäftigung mit den Unsterblichkeitsbeweisen der Seele in der platonischen
3 Unsterblichkeitsbeweise im Phaidon
Platon lässt Sokrates im Angesicht seiner bevorstehenden Hinrichtung über viele grundsätzliche Dinge philosophieren, vor allem über die Konstitution des Menschen und seiner Seele. Im Dialog mit Phaidon, Simmias, Kebes und einigen anderen Anwesenden entwickelt er Thesen über die Seele.
1
Platon: Politeia, Stuttgart: Reclam 1982, Buch VII, 514a-517ff
Den Anstoß gibt Kebes. Er weist auf Unsicherheiten der Menschen in Bezug auf die Unsterblichkeit der Seele hin. Sie seien im Zweifel darüber, ob die Seele nach dem Tode weiter bestehe oder aber im dem Augenblick verginge, in dem der Körper aufhöre zu sein. 2 Und dies ist, wie in der Einleitung schon erwähnt, eine alte und bis heute oft gestellte Frage der Menschen, ob überhaupt etwas und wenn ja, was nach dem Tode sei.
3.1 Erster Unsterblichkeitsbeweis
Daraufhin lässt Platon Sokrates zum ersten Unsterblichkeitsbeweis ansetzen. Er bezieht sich auf eine „alte Rede“, also offensichtlich religiöser Art, ich komme später noch einmal darauf zurück. In dieser Rede gehe man davon aus, dass sich die Seelen nach dem Tod in der Unterwelt befänden und von dort reinkarnierten. 3 Er stellt daher fest, es müsse bewiesen werden, dass die Lebenden von den Toten
Platons Sokrates stellt nun die These auf, dass alle Dinge aus ihrem Entgegen- gesetzten entstünden. Beispiele hierfür sind, dass das Schöne aus dem Hässlichen entstünde, das Größere aus dem Kleineren etc.
4
Das Beispiel des Schönen und des Hässlichen ist für mich allerdings nicht nachvollziehbar. Hier wäre wichtig zu wissen, was denn eigentlich schön und was hässlich sei. Platon selbst meint jedoch, dass das Schöne eine der unveränderlichen, ungewordenen und unvergänglichen Ideen sei. So widerspricht er sich selbst in diesem Punkte in zweierlei Hinsicht. Erstens können die Dinge aus der Welt des Scheins, nach seiner Ideenlehre, keinen Anteil haben an den Ideen. Somit gibt es nichts irdisches, was jemals wirklich schön werden könnte. Zweitens sei das Schöne unveränderlich und unvergänglich, also kann es auch nicht aus seinem Entgegengesetzten, dem Hässlichen, entstanden sein.
Platon lässt Sokrates nun sehr gut nachvollziehbar feststellen, dass es für jeden Übergang von einem Entgegengesetzten zum anderen einen speziellen Vorgang geben müsse. Diese seien das Entstehen und das Vergehen. So sei das zum Leben Entgegengesetzte das Totsein. Das dazugehörige Werden sei das Sterben. Aus dem Gestorbenen wiederum entstehe das Lebende, hier sei das Werden das Aufleben. 5
2
Platon: Phaidon, Stuttgart: Reclam 1987, 70a
3
ebd., 70 c, 8ff
4
ebd., 70d
5
ebd., 71c
Zur weiteren Argumentation wird nun entnommen, dass, wenn es ein Aufleben gebe, dies ein Werden der Lebenden aus den Toten sein müsse. Daraus schließt Sokrates, dass irgendwo die Seelen der Verstorbenen sein müssten, von wo sie reinkarnieren könnten. Zur weiteren Untermauerung wird aufgezeigt, dass im Falle, dass das Entstehen und Vergehen kein Kreislauf sondern ein linearer Prozess wäre, alles am Ende die gleiche Gestalt und den gleiche Zustand haben müsse, nämlich das Totsein und nichts wäre lebendig. 6 Daraus schließt Sokrates, dass es ein Wieder- aufleben der Toten aus den Lebenden geben müsse, die Seelen müssen daher nach dem Tode existieren.
Als Zusatzargument lässt Platon Sokrates die These aus dem Menon anführen, dass das Lernen Erinnerung aus dem früheren Leben bedeute. Die so genannte Anamemnis war eigentlich eine religiöse Anschauung dieser Zeit. Sokrates übernimmt sie und begründet deren Richtigkeit damit, dass die Möglichkeit zur Unterscheidung von Gleichem und Verschiedenem schon immer in uns sei. 7 Dieses apriorische Wissen beweist Platon sehr eindrucksvoll im Menon. Dort lässt Sokrates einen Sklaven durch geschickte Fragen zur richtigen Lösung einer geometrischen Aufgabe gelangen. 8
3.2 Zweiter Unsterblichkeitsbeweis
Der zweite Unsterblichkeitsbeweis beginnt mit der Bitte darum, dass die Angst davor, dass die Seele nach dem Tode verweht werde noch einmal vertrieben werden solle. Platons Sokrates versucht nun die Frage, die sich für ihn daraus ergibt zu beantworten. Nämlich jene, welchen Dingen denn nun überhaupt die Eigenschaft zukäme, sich aufzulösen und welchen nicht. Platon lässt Sokrates damit beginnen, dass es zweierlei Dinge gebe. Diese seien auf einer Seite Zusammengesetztes mit der Eigenschaft des Veränderlichen und andererseits Unzusammengesetztes, welches unveränderlich ist. 9 Wie bereits erwähnt, schreibt Platon in seiner Ideenlehre allein den unveränderlichen Ideen, die nur denkend erfasst werden können, „eigentliches Sein“ 10 zu. Die Dinge,
6
ebd., 71e-72d
7
ebd., 75b-c
8
Platon: Menon, Stuttgart: Reclam 1994, 84d-85b
9
ebd., 78b-c
10
ebd., 78d
Quote paper:
Katrin Nowka, 2006, Unsterblichkeitsbeweise in der platonischen Philosophie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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