Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Inhalt und Aufbau 2
3. Personal der Komödie 4
3.1 Damis 4
3.2 Chrysander 7
3.3 Valer 8
3.4 Juliane 10
3.5 Lisette 11
3.6 Anton 13
4. Der junge Gelehrte im Spiegel der Zeit 15
4.1 Ist Damis wirklich die typische Komödienfigur 19
5 F a z i t 2 1
Literaturverzeichnis
1
1. Einleitung
Um den Monadenpreis umsonst dich zu bestreben,
Das, Damis, hat zum Spotte dich gemacht:
Doch Justi’n ward der Preis gegeben, Und über wen ward da gelacht? 1
So lautet das kurze Gedicht, das Abraham Gotthelf Kästner „An Lessings jungen Gelehrten“ genannt hat. Die ersten zwei Verse machen bereits deutlich, dass der Pro- tagonist Damis im Mittelpunkt der Komödie und damit auch im Fokus des lachenden Publikums stehen wird.
Als der junge Lessing 1746 von der Meißener Fürstenschule St. Afra nach Leipzig kam, hatte er schon die ersten Seiten zu seinem „Jungen Gelehrten“ im Gepäck. Für den jungen Mann stand eine aufregende, neue Zeit bevor, die ihn in seiner Kreativität entscheidend vorantreiben sollte. Im Falle der Jugendkomödie über den jungen Ge- lehrten Damis lässt sich allerdings noch der Einfluss bereits existierender Dramen, wie etwa Ludvig Holbergs „Erasmus Montanus“ und Johann Elias Schlegels „Der geschäftige Müßiggänger“ erkennen. Zwar kann man folgendes ohne weiteres fest- halten: „Auch Lessings frühe Lustspiele entstanden noch unter dem Einfluß der auto- ritativen Gottschedschen Theorie“ 2 , dennoch lassen sich starre dramentheoretische Einordnungen wohl eher schwer manifestieren, was unter anderem in dieser Hausar- beit dargestellt werden soll. Denn gerade bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem „Jungen Gelehrten“ stößt man auf Forschungsmeinungen, die nicht gravierend, aber trotzdem gelegentlich voneinander abweichen.
Ausführlich hat sich Manfred Durzak in seinem Aufsatz mit der Analyse des „Jungen Gelehrten“ beschäftigt, der ihn typenkomödiantisch einordnet. Zudem kann man auf die interessante Veröffentlichung von Klaus-Detlef Müller, die die Gelehrtensatire untersucht, in der Deutschen Vierteljahresschrift zurückgreifen; außerdem auf das sehr ausführliche Werk zum deutschen Lustspiel von Walter Hink, das ebenfalls zwi- schenzeitlich Lessings Jugendkomödien reflektiert; auf einen Aufsatz zum Polyhisto-
1 Abraham Gotthelf Kästner: Gesammelte poetische und prosaische schönwissenschaftliche Werke
(1841). Band 1. Frankfurt am Main 1971. S. 29.
2 Wilfried Barner u.a. (Hg.): Lessing. Epoche Werk Wirkung. München 1987. S.85.
2
rismus, verfasst von Conrad Wiedemann; einen Text von Charles E. Borden zu frü- heren textlichen Vorbildern aus der Sammlung der Universität von Berkeley; und diverse dramentheoretische und auf Lessing bezogene Publikationen, wie etwa von Klaus Briegleb, Eckehard Catholy, Peter Pütz, Thomas Dreßler oder Marion Gräfin Hoensbroech, die sich hier und da zum „Jungen Gelehrten“ äußern. Die zitierten Stellen aus „Der junge Gelehrte“, Lessings Briefen und der „Hamburgi- schen Dramaturgie“ sind alle der Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlages, he- rausgegeben von Wilfried Barner, entnommen.
Bereits hier kann angemerkt werden, dass das Stück zu Zeiten in St. Afra begonnen wurde, dann in Leipzig 1748 aufgeführt und erst 1754 abgedruckt wurde. So variiert der Wortlaut gelegentlich in verschiedenen Ausgaben. Auch deshalb geht man davon aus, dass Lessing den „Jungen Gelehrten“ möglicherweise später noch einige Male überarbeitet hat. „Zur Erklärung der relativen Reife des Werkes jedenfalls ist dieser Gedanke willkommen.“ 3
2. Inhalt und Aufbau
Lessing hat mit dem „Jungen Gelehrten“ ein Lustspiel in drei Aufzügen verfasst. Es ist sein erstes öffentlich aufgeführtes Theaterstück; 1748 wird es von der Neuber- schen Schauspielergesellschaft in Leipzig uraufgeführt. Lessing selbst notiert über diese aufregende Zeit:
Mit so vielen Verbesserungen, als ich nur immer hatte anbringen können, kam mein junger Gelehrter in die Hände der Frau Neuberin. Auch ihr Urteil verlangte ich; aber anstatt eines Urteils erwies sie mir die Ehre, die sie sonst einem angehenden Komödienschreiber nicht leicht zu erweisen pflegte, sie ließ ihn aufführen. 4 Für den damals Neunzehnjährigen war dies ein großer Erfolg, denn das Ensemble von Caroline Neuber prägte die damalige Theaterszene und genoss einen guten Ruf. Dass die Premiere im damaligen Zentrum deutscher Theaterkultur in Leipzig statt- fand, muss als weiterer Beleg für die gute Qualität des Drama-Debütants Lessing gewertet werden.
3 Walter Hinck: Das deutsche Drama des 17. und 18. Jahrhunderts und die italienische Komödie. Stuttgart 1965. S. 277.
4 Gotthold Ephraim Lessing: Werke. 1743-1750. Bd. 1. Frankfurt am Main 1989. S. 1052.
3
Lessing verarbeitet im „Jungen Gelehrten“ seine eigenen Studienerfahrungen aus Leipzig, wo er die ersten Monate fast ausschließlich in seinem Zimmer verbrachte. Erst später wagte er sich in das Großstadtleben. Lessing schreibt 1749 an seine Mut- ter: „Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen.“ 5 Wie sehr ihn aber das Thema persönlich betroffen hat, zeigt ein Auszug aus der Vorrede zum vierten Teil seiner „Schrifften“ von 1754: Ein junger Gelehrter war die einzige Art von Narren, die mir auch damals schon unmöglich
unbekannt sein konnte. Unter diesem Ungeziefer aufgewachsen war es ein Wunder, daß ich
meine ersten satirischen Waffen wider dasselbe wandte? 6 Handlungsort des Stückes ist das Studierzimmer des jungen Gelehrten Damis. Sein Vater, der Kaufmann Chrysander, möchte ihn mit seinem Mündel Juliane verheira- ten. Von der Heirat verspricht er sich eine große Erbschaft, die augenblicklich bei einem Advokaten zur Prüfung ist. Damis selbst ist weder an Frauen noch an den Hochzeitsplänen seines Vaters interessiert. Für ihn zählen nur die Gelehrsamkeit und der Antwortbrief auf ein wissenschaftliches Preisausschreiben der Berliner Akade- mie.
Durch eine Intrige, die Chrysander mit Hilfe von Damis’ Diener Anton spinnt, beugt er sich aber schließlich dem Wunsch seines Vaters. Auch Juliane will aus Dankbar- keit in die Hochzeit einwilligen, obwohl sie in Valer verliebt ist, der aus Berlin an- reist, um Juliane bei ihrem Vormund Chrysander einzufordern.
Lisette, Julianes Dienerin, treibt ebenfalls eine Intrige voran, mit der Chrysander getäuscht werden soll. Ein falscher Brief des Advokaten aus Leipzig soll das Fehlen der Erbschaft vorgaukeln. Als dieser Brief eintrifft, will Chrysander die Hochzeit verhindern und verspricht Juliane wiederum Valer.
Stolz berichtet Lisette ihrer Herrin von dem Erfolg, die daraufhin die Täuschung Chrysanders aufklären will. Valer kann schließlich den Konflikt lösen, indem er Chrysander Julianes Erbe überlässt. Damis erfährt einen bitteren Rückschlag, weil seine Arbeit nicht zugelassen wurde und will das Land verlassen.
5 Gotthold Ephraim Lessing: Briefe von und an Lessing. 1743-1770. Frankfurt am Main. 1987. Bd.
11/1 S. 15.
6 Gotthold Ephraim Lessing: Werke. 1743-1750. Frankfurt am Main 1989. Bd. 1. S. 1055.
4
3. Personal der Komödie
Das Lustspiel beschränkt sich in seinem Personal auf lediglich sechs agierende Figu- ren. Diese sollen im Folgenden einzeln charakterisiert werden. Dabei wird bereits deutlich werden, dass Lessing sich bei ihrer Ausgestaltung im Großen und Ganzen an den bestehenden Mustern für Komödienfiguren anlehnt. Die genaue Untersuchung vor dem dramentheoretischen Hintergrund wird später stattfinden. Trotzdem müssen die einzelnen Personendarstellungen schon hier der späteren theoretischen Analyse vorausgehen.
3.1 Damis Der Protagonist Damis ist ein zwanzigjähriger, junger Mann, der sich in seiner Art und seinem Wesen nicht dem Alter entsprechend verhält. Seine Interessen sind voll und ganz auf die Wissenschaft fixiert, von Romantik oder gar Liebe hält er nichts. Dementsprechend stoßen die Heiratspläne seines Vaters bei ihm auf wenig Interesse, mit der Ausnahme, dass es seiner Karriere und seinem Ruhm als Gelehrter förderlich sein könnte. „Ich will die Zahl der unglücklich scheinenden Gelehrten, die sich mit bösen Weibern vermählt haben, vermehren“ 7 erläutert er im zweiten Aufzug, als er sich dazu genötigt sieht, Juliane doch zu heiraten. Selbst als sich die Situation so ändert, dass für Chrysander eine Heirat nicht mehr finanziell lohneswert wäre, hält Damis an seinem Plan fest, als gelehrter Märtyrergemahl in die Geschichte einzuge- hen: „[…]daß eine böse Frau mir helfen soll, meinen Ruhm unsterblich zu ma- chen.“ 8 Dazu bemerkt Wolfgang Martens, dass ihm das „gelehrtengeschichtlich einen Platz in der Reihe der „Gelehrten mit Hauskreuz“ sichern werde, í einen eh- renvollen Platz, denn bekanntlich führt Sokrates diese Reihe an.“ 9 Damis leidet in seiner Selbstreflexion an großer Eitelkeit und Überschätzung: „Ein Gelehrter, wie ich es bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit: er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß – –“ 10 Er ist dabei egozentrisch und
7 Gotthold Ephraim Lessing: Der junge Gelehrte. In: ders.: Werke. 1743-1750. Frankfurt am Main 1989. Bd. 1. Alle zitierten Stellen des Dramas „Der junge Gelehrte“ sind diesem Band entnommen. Im Folgenden werde ich bei der Zitierung nur noch Akt und Szene anführen und auf Seitenzahlen verzichten, hier also: II/11.
8 III/4 9 Wolfgang Martens: Von Thomasius bis Lichtenberg: Zur Gelehrtensatire der Aufklärung. In: Les- sing Yearbook X. München 1978. S. 25.
10 II/4
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versteckt sich hinter seinen Büchern, die ihm nach außen den Anschein eines wahren Gelehrten geben sollen. Zweifelsohne liest Damis auch viele Bücher, denn er weiß zu allem etwas zu sagen. Ob er sie aber in ihrer Tiefe erfasst hat, kann bezweifelt werden, denn in erster Linie geht es ihm um das prahlerische Bild, über jedes Thema umfassend bescheid zu wissen. Der junge Mann gibt ein Beispiel für falsche und oberflächliche Gelehrsamkeit. Er nimmt sein ganzes Wissen aus Büchern, allerdings wechselt er von Buch zu Buch seinen Standpunkt. An verschiedenen Stellen gibt Damis den anwesenden Personen vor, er würde in seine Bücher vertieft, nichts von der eigentlichen Unterredung mitbekommen. In Wirklichkeit aber spielt er nur den in seine Bücher vertieften Wissenschaftler, der aufgrund dessen verwirrte Antworten und Gedankenfetzen von sich gibt. Dass allerdings jedem Beteiligten der Umstand von Damis’ „abstrakte[m] Leerlauf seiner Gedanken“ 11 voll bewusst ist, macht mehr als einmal die satirische Komik in diesem Stück deutlich, und stellt gleichzeitig das Manko gespielter Gelehrsamkeit an den Pranger.
Lisette will ihm mit erfundenen Lobhudeleien schmeicheln, um ihn von Juliane ab- zulenken. Aber auch, wenn Damis bescheiden sagt, sie solle so tun, als ob ein ande- rer gelobt würde, nimmt er das Lob sehr persönlich. Dabei reflektiert er wiederum sehr von sich eingenommen:
Ach, wann die Leute nicht besser loben können, so möchten sie es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht rühmen, aber doch so viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrheit oder der Rech- te, oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei Facultäten habe ich dispu- tiert; 12 Neben der stundenlangen Lektüre verfasst er aber auch eigene Schriften. Während des gesamten Stückes erwartet Damis Post aus Berlin. Er hat eine Abhandlung einge- reicht, von dessen Perfektion er zweifelsfrei im vornherein überzeugt ist. Während Lessing in Leipzig wohnte veranstaltete die Berliner Akademie der Wissenschaften ein Preisausschreiben mit einer Aufgabe zum Thema der Monaden. Dem jungen Les- sing war ein Gelehrter bekannt, der an einer solchen Ausschreibung teilgenommen hatte und wie Damis auch an seiner Abhandlung scheiterte, die wegen Themaverfeh- lung nicht einmal zugelassen wurde. Die Quelle ist also aus einem authentischen Fall hervorgegangen, der von Lessing hier parodiert wird. Aber in beiden Fällen, dem
11 Manfred Durzak: Poesie und Ratio. Vier Lessing-Studien. Bad Homburg 1970. S. 24.
12 II/10
Quote paper:
M.A. Florian Schneider, 2004, Lessings Jugendkomödie „Der junge Gelehrte“, Munich, GRIN Publishing GmbH
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