Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
1.1 Mario Vargas Llosa ein erfolgreicher Schriftsteller aber ein
erfolgloser Präsidentschaftskandidat 3
1.2 Lituma en los Andes Der Aufbau des Romans im Hinblick auf die
Dämonen des Autors 4
1.3 Politisch-soziale Hintergründe 6
2 DIE POLITISCHE GEWALT IHRE AKTEURE UND IHRE OPFER 8
2.1 Erscheinungsformen der Aufstandsgewalt unter Sendero Luminoso 9
2.1.2 Die Waffen der senderistas 13
2.1.3 Die Parolen der senderistas 13
2.2 Erscheinungsformen und Akteure der staatlichen Unterdrückungs
gewalt 14
3 MÖGLICHE URSACHEN DER GEWALT 18
4 FAZIT 21
5 LITERATURVERZEICHNIS 23
3
1
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit soll herausgestellt werden, welche Erscheinungsformen der politischen Gewalt im Peru der achtziger Jahre in dem Roman Lituma en los Andes von Mario Vargas Llosa realistisch dargestellt sind, welche Ausprägungen der politi- schen Gewalt nur angeschnitten und welche Aspekte ganz ausgeklammert werden. In der Einleitung wird der Autor kurz vorgestellt (1.1), darauf folgt ein Blick auf den Auf- bau des Romans (1.2) und auf politisch-soziale Hintergründe (1.3). Im Hauptteil soll an verschiedenen Textstellen aus Lituma en los Andes untersucht werden, inwiefern der Roman eine Darstellung der politischen Gewalt leistet und wel- che Interpretationsansätze er bietet. Das Hauptaugenmerk wird hierbei auf die Erschei- nungsformen zuerst der Aufstandsgewalt (2.1) und dann der staatlichen Gewalt (2.2) gelegt.
Im dritten Teil der Arbeit interessiert die Frage, welche möglichen Ursachen für den internen Krieg 1 in Peru in den achtziger Jahren der Roman liefert und welche er dem Leser schuldig bleibt. Auch hier werden Analyse und Interpretation von Textbeispielen aus Lituma en los Andes im Mittelpunkt stehen.
Ein kurzes Fazit fasst die Ergebnisse zusammen.
1.1 Mario Vargas Llosa – ein erfolgreicher Schriftsteller, aber ein erfolg- loser Präsidentschaftskandidat Mario Vargas Llosa wurde im peruanischen Hochland in Arequipa geboren, 2 ist aber mittlerweile spanischer Staatsbürger und genießt das Ansehen eines Weltbürgers 3 . Er gehört zu den vier produktivsten, meist gelesenen Literaten Lateinamerikas und hat zahlreiche Preise gewonnen, zum Beispiel 1996 den Friedenspreis des Deutschen
1 Den Begriff „interner Krieg” – der spezifischer ist als z.B. „Bürgerkrieg” – in Übernahme von: Bernhard Jimi Merk; Elena Muguruza: „Bericht zur aktuellen Situation in Peru. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Peru (Teil V), URL: http://www.menschenrechte.org/beitraege/lateinamerika/beit0241a.htm.
2 Vgl. Mario Vargas Llosa: „Pagina Web Oficial”, URL: http://www.mvargasllosa.com/. 3 Z.B. bei Tobias Wenzel: „Ein Weltbürger”, URL: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ fazit/535435/.
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Buchhandels 1 . Er hat mittlerweile neben unzähligen Zeitungsartikeln, 15 Essay- Sammlungen, sechs Theaterstücken, drei Erzählbänden und seinen Memoiren 15 Ro- mane veröffentlicht 2 .
Anders als sein Schriftstellerkollege Gabriel García Márquez wandte Mario Vargas Llosa schon früh dem Ideal des Sozialismus den Rücken und engagierte sich von da an leidenschaftlich „für Markt und westliche Demokratie” 3 . Als Präsidentschaftskandidat verlor er 1990 mit seinem „radikalliberalen” Programm gegen Alberto Fujimori, der das auto- ritaristische Regime seines Vorgängers Alan García übernahm und in neoliberalem Gewand weiterführte. Die Niederlage Mario Vargas Llosas lässt sich wohl dadurch erklären, dass sein Wahlprogramm eher die Interessen der ökonomischen Machtelite Perus als die der indige- nen Mehrheit vertrat. Durch rassistische Äußerungen gegen eben diese Mehrheit, beispiels- weise während der Leitung einer unabhängigen Untersuchungskommission – worauf später noch eingegangen wird–, verlor er den Großteil der Wählerschaft, denn in Peru sind 45% der Bevölkerung Indios und 37 % Mestizen 4 .
1.2 Lituma en los Andes – Der Aufbau des Romans im Hinblick auf die „Dämonen” des Autors
Lituma en los Andes erschien nach Vargas Llosas Rückzug aus der Politik. Das lässt vermuten, dass dieses eher als Kriminalroman daherkommende, hochpolitische Werk nicht nur einen Blick auf die verschiedenen Gewaltausprägungen im Peru der achtziger Jahre zulässt, sondern auch eine Art Abrechnung mit denen, die gegen ihn stimmten, enthalten könnte. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Vargas Llosas Erlebnissen und der überwiegend pessimistischen Weltsicht des Romans deutet sich – rückblickend – in sehr grundsätzlichen Äußerungen des Autors aus dem Jahr 2004 an:
„Die Unterwelt mit ihren Dämonen zieht mich magisch an. Gute Menschen sind aus schriftstelleri- scher Sicht uninteressant. Das Unvorhersehbare, Gefährliche und Mysteriöse, von dem wir uns be-
1 Dazu Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.): „Der Preisträger 1996. Mario Vargas Llosa”, URL: http://www.freidenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/de/96671?pid=111696.
2 Vgl. Mario Vargas Llosa: „Pagina Web Oficial”, URL: http://www.mvargasllosa.com/. 3 Mario Vargas Llosa: „Freie Märkte sorgen für Gerechtigkeit. Ein Beitrag zur Debatte um die Thesen von George Soros”, URL: http://www.zeit.de/archiv/1997/08/llosa.txt.19970214.xml,.
4 S. Peter Nausester: „Peru. Informationen über das Land”.
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droht fühlen, erzeugt Literatur. Aus der persönlichen Konfrontation mit den dunklen Mächten speist sich meine Fantasie. Als der ungezogene Junge, der ich schon immer war, werde ich vom Chronisten zum Mittäter ihrer Konspirationen und schmutzigen Geschäfte. Meine Rechtfertigung lautet: Ich werde meine Erfahrungen zu Literatur verarbeiten. Sollte ein gutes Werk daraus entstehen, möge mir vergeben werden […] 1 ” Solche „Dämonen” und „persönlichen Konfrontationen” werden offensichtlich auch im Roman verarbeitet.
Lituma en los Andes ist relativ klar strukturiert aufgebaut. Der Roman besteht aus zwei Teilen, die jeweils aus fünf Kapiteln bestehen, wobei das letzte Kapitel als Epilog gefasst ist. Jedes Kapitel beinhaltet drei Abschnitte, die jeweils drei verschiedene Er- zählstränge verfolgen.
Der erste Erzählstrang verfolgt die Ermittlung der Verbrechen, die Korporal Lituma und sein Amtshelfer Tomás Carreño in Naccos, einer verkommenen Bergarbeitersied- lung, aufklären sollen. Hier werden z.B. Verhöre von Verdächtigen und Gespräche be- schrieben, in denen die beiden Hauptfiguren – der „costeño” Lituma und der „cusque- ño” Tomasito –, ihre Beobachtungen besprechen. Gleich am Anfang dieser „Kriminal- geschichte” zeigt sich, dass Lituma – wie viele andere Küstenbewohner – ein sehr nega- tives Indiobild vertritt. Für ihn verkörpern deren „caras inexpresivas” und deren „ojitos glaciales” (S. 14) Trostlosigkeit und Ohnmacht. Bereits hier wird auch der Peruanismus „serrucho” (S. 13f.) für Indio eingeführt, der dem Peruanismus für Terrorist – „terruco” (S. 15), sein Erstgebrauch folgt unmittelbar – verdächtig ähnlich ist. Auch die Politik wird in der ersten rhetorischen Frage der Hauptfigur Lituma angesprochen: „¿Qué hacía en medio de la puna, entre serruchos hoscos y desconfiados que se mataban por la política y, para colmo, desaparecían?” (S. 14).
Am Anfang des zweiten Erzählstrangs bestätigt Alberto, Franzose und eins der ers- ten Sendero-Opfer, das negative Bild von den Hochlandbewohnern: „Pero de la gente de la sierra lo seperaba algo infranqueable” (S. 20). Dieser zweite Erzählstrang im ers- ten Teil des Romans beschreibt sehr detailliert fünf Massaker der Terrorgruppe Sendero Luminoso.
1 Andrea Thilo (Hrsg.): „Ich habe einen Traum”,
URL: http://zeus.zeit.de/text/2004/24/Traum_2fLlosa_24.
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Er wird im zweiten Teil von Lituma en los Andes fortgesetzt. Auch hier geht es um „Dämonen”, aber die Thematik der politischen Gewalt wird abgelöst von den Erzählun- gen der Hexe und Hellseherin Doña Adriana aus ihrem Leben, Erzählungen von Berg- geistern und Menschenopfern. Dieser Teil ist dem Aberglauben und den Mythen der Indios gewidmet.
Der dritte Erzählstrang im 1. bis 9. Kapitel gehört der Liebesgeschichte von Merce- des und Tomasito. Nacht für Nacht hört Lituma mal mit mehr, mal mit weniger Interes- se dabei zu, wie der 23-jährige Polizist Carreño seinen vermeintlich ersten Liebeskum- mer durchlebt. Nur im 10. Kapitel, dem Epilog, ist die Reihenfolge der Erzählstränge umgekehrt. Hier fließen alle drei Erzählstränge zusammen. Im ersten Abschnitt wird ein Happy-End in der Liebesgeschichte geschaffen. Mercedes kommt ins Lager, um Carre- ño wieder zu sehen, woraufhin Lituma dem Pärchen die Hütte überlässt, in der er und sein Amtshelfer zusammen gewohnt und ihre Fälle besprochen hatten. Der zweite Ab- schnitt widmet sich Litumas letztem Abend in der Kantine des Lagers, das immer noch von den „dämonischen” Mestizen Doña Adriana und Dionisio bewirtet wird. Er hat den Ehrgeiz und die Neugier, das Verbrechen vollständig aufzuklären, und findet im Laufe dieses Abends heraus, was genau mit den drei Verschwundenen geschah. An dieser Stelle verschmilzt der Erzählstrang „Mythen und Aberglaube” mit dem Erzählstrang „Kriminalgeschichte” zur Aufdeckung des dunklen Geheimnisses der drei Verschwun- denen. Denn im letzten Abschnitt befragt Lituma einen ebenso „dämonischen” betrun- kenen Bergarbeiter, den er von der Kantine in dessen Hütte begleitet und der ihm schil- dert, was der Leser bereits weiß, nämlich dass die Bewohner von Naccos nachts in der Kantine, von Dionisio und Doña Adriana angeheizt, Menschen geopfert und deren Ü- berreste gemeinsam verspeist hatten.
Der Roman endet noch trister als er beginnt, nämlich mit dem Frust des von den In- dios endgültig angewiderten Helden Lituma.
1.3 Politisch-soziale Hintergründe
Gerade in den 1980-er Jahren, in denen der Roman spielt, nahm die Gewalt in Peru besonders viele Ausprägungen an, weil die 1970 von Abimael Guzmán alias Gonzalo gegründete Partido Comunista del Perú in den Untergrund gegangen war und als Ter-
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Nele Bach, 2007, Erscheinungsformen der Gewalt im Peru der achtziger Jahre, Munich, GRIN Publishing GmbH
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