Universität des Saarlandes, FR 4.2 Romanistik
Sommersemester 2006
Der Aspekt Sprache in "Un coeur simple" im Kontext der traditionellen Legende
von
Nele Bach
Inhalt
1. Einleitung... 2
2. Die traditionelle Legende – Definitionen... 2
3. Die Rolle der Sprache in Un C(?)ur simple am Beispiel der Félicité... 4
3.1 Félicité als sprachlose Sprecherin... 4
3.2 Félicité als taube Hörerin und Loulou... 8
4. Die Gattung der Legende verarbeitet in Un C(?)ur simple... 12
4.1 Sainteté der Félicité... 12
4.2 Das Legendäre in Un C(?)ur simple... 18
5. Literaturverzeichnis... 21
1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit untersuche ich, welche Rolle die Sprache in Gustave Flauberts Conte Un C(?)ur simple spielt und wie der Autor hier die Gattung der traditionellen Legende verarbeitet. Die Gattung werde ich unter 2 vorstellen. Einen Ausgangspunkt dafür liefern nicht nur die Definitionen von Jolles und Jauß, sondern auch das Glossar von Arnold und Sinemus.
Beim Sprachaspekt, der unter 3 folgt, interessiert mich besonders, wie und wann der Erzähler seine Hauptfigur Félicité sprechen lässt, was das Gesprochene über sie aussagt (3.1), wie sie selbst Sprache aufnimmt und welche Rolle Loulou dabei spielt (3.2). Félicités Lebensweise gleicht offenbar in vielen Punkten einer Heiligenvita. Kann Un C(?)ur simple auf Grund des Charakters und beschriebenen Lebensweges der Félicité als Legende in Flauberts Werk bezeichnet werden? Mit diesem Thema beschäftige ich mich unter 4, wo ich die vermeintliche Heiligkeit der Félicité darstelle (4.1) und den Einsatz der Gattung der traditionellen Legende im Conte untersuche (4.2).
2. Die traditionelle Legende - Definitionen
Legenden wurden ursprünglich während der Klostermahlzeiten vorgelesen. Arnold und Sinemus definieren sie in ihrem Glossar als überwiegend religiös belehrende, erbauliche, z. T. auch volkstümlich unterhaltende Berichte über das begnadete, durch Wunder ausgezeichnete Leben göttlicher oder heiliger Gestalten zum Trost und zur Nachfolge, deren Ziel es ist, im Zeugnis des Heiligen die Existenz einer jenseitigen Welt zu offenbaren, sie als wirklich und verbindlich darzustellen.1
André Jolles betont die Bedeutung der Legende im Mittelalter, wo sie noch eine der Himmelsrichtungen ist, in die man sah, ja vielleicht sogar die einzige, nach der man sich bewegen konnte2; er beschreibt ihre Institutionalisierung im 17. Jahrhundert durch die katholische Kirche in Form der Seligsprechung und der darauf folgenden Heiligsprechung – oder Kanonisation -, deren Verfahren in Prozeßform abläuft3. Hierbei spielt die Sprache eine wichtige Rolle, denn an ihren Zeichen – also Motiven bestimmter Wortfelder - ist das Maß an Heiligkeit einer Person zu erkennen. Dieser Heilige ist der Gemeinschaft nicht in diesem Sinne ein Mensch wie andere, er ist ein Mittel, Tugend vergegenständlicht zu sehen4. Die Person, die nach ihrem Tod für heilig erklärt wird, ist an diesem Prozess unbeteiligt. Tätige Tugend und bestätigende Wunder werden in der Heiligen-Vita, die in der Legende eine sprachliche Form findet, bezeugt. Dabei sind für Jolles spes, fides, caritas - also Hoffnung, Treue bzw. Zuverlässigkeit und Hochachtung bzw. Liebe - theologische Tugenden des Seligen; iustitia, prudentia, fortitudo, temperantis - also Gerechtigkeit, Voraussicht bzw. Einsicht, Stärke bzw. Mut, Tapferkeit, Energie und Mäßigung - sind moralische Tugenden.5 Der Servus Dei muss außerdem Wunder vollbracht haben, seine Lebenshaltung und Lebensweise müssen sich von der der anderen unterscheiden; er ist tugendhafter als die anderen, und zwar nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Nach Jolles kann Sprache sowohl das Leben eines Heiligen vertreten als auch Heilige bilden. Die Legende kennt das Historische nicht, sondern nur Tugend und Wunder.6
Den Heiligen nennt Jolles imitabile: Er ist eine Gestalt, an der wir etwas, was uns allseitig erstrebenswert erscheint, wahrnehmen, erleben und erkennen und die zugleich die Möglichkeit der Bestätigung veranschaulicht – kurz, er ist im Sinne der Form ein imitabile.7 Was uns an dieser Gestalt nachahmenswert vorkommt, nennt Jolles imitatio oder Geistesbeschäftigung. Nach dem Tod des Heiligen vergegenständlicht sich die tätige Tugend in einer Reliquie, die zum Träger der Macht wird. Die Vita wird als Gemisch von Sprachgebärden in Form der Legende verschriftlicht. Jolles betont, dass die offizielle Sammlung der Legenden – die Acta Sanctorum - auch heute noch nicht vollendet ist und eigentlich auch nicht vollendet werden kann, denn die Zahl der Heiligen ist keinesfalls historisch beschränkt: es können sozusagen jeden Tag neue hinzukommen, und sie kommen hinzu.8 Bei Jauss ist die Legende nicht mehr nur eine der Einfachen Formen, sondern sie ist eine von neun kleinen literarischen Gattungen der exemplarischen Rede im Mittelalter. Die kommunikative Situation beschreibt Jauss für die Legende etwa so: Ein anonymer Zeuge spricht zu der Gemeinschaft der Gläubigen und bezeugt ihr gegenüber ein heiliges Leben (modus dicendi)9. Was bei Jolles Geistesbeschäftigung heißt, ist bei Jauss die Subsinnwelt, in der Raum und Zeit als zeichenhaft beschränkt erscheinen, auf Ereignisse, die in der Relation tätige Tugend – bestätigende Wunder stehen. Die Akteure handeln nach einem in Vorbestimmung, Krise (Bekehrung), Bewährung (Passion) typisiertes Modell. Dieses Handlungsmodell besitzt eine posthume Wirkung. Die Botschaft der Legende ist die Antwort auf die Frage: Wie kann Tugend in einem Menschen sichtbar werden? Die Legende soll eine Identifikation aus Bewunderung hervorrufen. Um das Verhaltensmuster der Legende zu beschreiben, übernimmt Jauss den Begriff imitabile, wo Tugend tätig, messbar, fassbar wird von Jolles.10 Ausgehend von diesen Definitionen wird es für mein Thema darauf ankommen, in welchem Ausmaß auf Félicité der Begriff imitabile anwendbar ist, in wie weit man das Handlungsmodell von Jauss auf den Conte übertragen kann, die Protagonistin eine Heilige und die Erzählung eine Legende ist.
3. Die Rolle der Sprache in Un C(?)ur simple am Beispiel der Félicité
3.1 Félicité als sprachlose Sprecherin
[...]
1 H.L. Arnold, V. Sinemuns (Hgg.): Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft. Band 1: Literaturwissenschaft.München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1983, hier: S.478.
2 A. Jolles: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz. Tübingen : Niemeyer 1958, hier: S.23.
3 A. Jolles, S.29.
4 Ebd.,S.35.
5 Ebd., S.27.
6 Ebd., S.40f.
7 Ebd., S.36.
8 A. Jolles, S.24.
9 H.-R. Jauss: „Übersicht über die kleinen literarischen Gattungen der exemplarischen Rede im Mittelalter“ in: Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. Gesammelte Aufsätze 1956-1976, München: Fink 1977, hier: Annex.
10 Vgl. Jauss, ebd..
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Nele Bach, 2006, Der Aspekt Sprache in "Un coeur simple" im Kontext der traditionellen Legende, Munich, GRIN Publishing GmbH
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