Inhalt:
9 ABSICHT 1 2
9 AUFGABENSTELLUNG 1 3
2 EINFU HRUNG 11
2.3.2 VIER MONATE IN AMSTERDAM 1660 17
2.3.3 ANATOMISCHE STUDIEN IN LEIDEN 1660 63 18
2.3.4 EIN JAHR IN FRANKREICH 1664 65 19
2.3.5 PISA-ROM FLORENZ 1666 69 20
2.3.5.2 Konversion 22
2.3.5.3 Geologische Forschung in der Toskana 23
2.3.5.4 Prodromus 24
2.3.5.5 Aufbruch aus Italien 24
DIE REISE NACH O STERREICH UND UNGARN 1669
2.3.7 GLAUBENSGESPRACHE IN HOLLAND 1670 26
2.3.8 PISA UND FLORENZ 1670 1671 27
2.3.9 ALS KATHOLIK IN KOPENHAGEN 1672 74 31
ERZIEHER DES ERBPRINZEN UND PRIESTERWEIHE IN FLORENZ 1675 77 2 3 10 35
2.3.11 ALS PRIESTER IN DEUTSCHLAND 1677 86 37
2.3.11.2 Weihbischof von Mu nster 1680 83 37
2.3.11.3 Zwei Jahre in Hamburg 1683 85 39
2.3.11.4 Schwerin 1686 40
3.1.2 UMFELD 44
U BERBLICK
3.1.3 46
3.1.4 DRU SEN UND IHRE AUSFU HRUNGSGANGE 48
Ductus parotideus stenonianus 3 1 4 1 48
3.1.4.1.1 Entdeckung in Amsterdam 48
3.1.4.1.2 Der Priorita tenstreit mit Blasius 49
U ber die Dru sen des Mundes
3.1.4.3 Tra nenapparat und Dru sen der Nasenhohle 58
Zum Ursprung anderer Korperflu ssigkeiten 3 1 4 4 63
3.1.5.2 Ansichten zur Funktion des Herzens 64
U ber Muskel und Herz
3.1.5.3 65
3.2.1 PHILOSOPHIE IM 17 JAHRHUNDERT 70
3.2.1.1 70
3.2.1.2 Descartes 71
3.2.1.3 Spinoza 74
3.2.2 PRAGUNGEN DER WELTANSCHAUUNG STENSENS 76
Religiose Erziehung 3 2 2 1 76
3.2.2.2 Cartesianismus 78
3.2.2.3 Ole Borch 78
Konfessionelle Vielfalt in Holland 3 2 3 1 79
3.2.3.2 Anatomische Kritik des Cartesianismus 80
3.2.3.3 Stensen und Spinoza 82
ORGINALAUSGABEN UND U BERSETZUNGEN DER WERKE STENSEN:
6.1.2 SEKUNDARLITERATUR: 88
6.2.1 ORGINALTEXTE UND IHRE TRANSLATION 92
6.2.2 QUELLEN ZU STENSENS BIOGRAPHIE 92
6.2.3 ZU FUSSNOTEN UND PAGINIERUNG 92
6.2.4 ZU DEN DATUMSANGABEN 93
6.2.5 ZU DEN VERSCHIEDENEN NAMENSFORMEN STENSENS 93
Vorweg
Niels Stensen, der Herkunft nach Da ne, geho rt zu den herausragenden Perso nlichkeiten seiner Zeit. Mitten im 17. Jahrhundert, das durch seine tiefgreifenden Anderungen menschlicher Sichtweisen die Weichen bis in unsere Zeit hinein gestellt hat, lebt Stensen ein vorbildhaftes L eben, das auch, oder vielleicht sogar gerade, in unseren Tagen nichts an seiner Aktualita t eingebuö t hat. Stensen ist Wissenschaftler im modernen Sinn, kritisch und sein Urteil auf experimentelle Erfahrung bauend, bestrebt, die den Sinnen erreichbare Wahrheit zu erforschen. Nicht als eifriger Verfechter der Cartesischen Methode, sondern als deren konsequenter Nutzer, nicht durch ruhmheischende Spekulationen, sondern durch klare Darlegung der ihm erkennbaren Tatsachen, nicht nach Ehre und Macht strebend, sondern der Wahrheit verpflichtet, l ost Stensen uber Jahrhunderte bestehende Fehlinterpretationen im Bereich der Anatomie und Physiologie von Drusen und Lymphe, befreit das Herz von allen mystisch-religio sen Deutungsversuchen, bereitet den Weg der Neuroanatomie zu einem tieferen Versta ndnis von Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns, erkennt auf wahrhaft geniale Weise die Grundlagen von Pala ontologie, Geologie und Mineralogie.
Stensen ist aber auch Christ, unabha ngig von seiner Konfession, in beachtenswerter Weise. Er ist nicht, wie zu seiner Zeit so ha ufig anzutreffen, kirchlicher Wurdentra ger mit weltlichen Aufgaben, die ihn ganz einzunehmen drohen, er ist weltlicher Wurdentra ger mit einem tiefen kirchlichen Versta ndnis, das ihm die wahre Berufung jedes menschlichen Lebens offenbart: die konsequente und unermudliche Heiligung des eigenen Tuns. Nicht erst nach seiner Konversion, auf dem Hohepunkt seiner wissenschaftlichen Erkenntnis, oder, wie man vielleicht denken mag, nach seiner Ordination zum katholischen Priester beginnt dieser Weg der eigenen Heiligung, sondern schon in seinen Jugendjahren, als Schuler und Student in Kopenhagen, Amsterdam und Leiden. Die asketischen Priesterjahre als Missionar im Norden Deutschlands bilden dann den dornengekro nten Abschluö eines Lebens in Verantwortung und Liebe dem eigenen Scho pfer gegenuber, das durch Papst Johannes Paul II. mit der Seligsprechung 1988 geehrt und besta tigt worden ist.
In unserer Zeit, in der dem Einzelnen auf Grund des ungeheuren Fortschrittes von Technik und Naturerkenntnis ein bislang ungeahntes Maö an Macht uberantwortet wird, in der dem Arzt auf Grund eines weitgehenden Verlustes von Einfluö und Ansehen kirchlicher Stellen auch in zunehmenden Maö e seelsorgerische Aufgaben zu Teil werden, in einer Zeit aber auch, in der sich die Ausbildung heranwachsender Mediziner nahezu ausschlieö lich auf fachliche Fragen beschra nkt, ist Niels Stensen wegweisende Perso nlichkeit und die na here Auseinandersetzung mit seinem Denken dem Arzt hilfreiches Mittel auf dem Weg hin zu einer humanen Medizin.
1 Zur Entstehung dieser Arbeit
1.1 Geschichte und Medizin
Wenn sich ein Studierender der Medizin heute aufmacht, die Wurzeln und Grunde seines Faches na her kennenzulernen, dann stoöt er unaufho rlich an die Grenzen des eigenen Wissens, an die Mauern der eigenen Halbbildung. All die in sechs m uhsamen Jahren gesammelten Fakten sind nur erreichte Spitze eines jahrtausendealten Berges, von den ersten Schritten des Aufstieges ho rt und weiö er so gut wie nichts. Ein Trimester Vorlesung aus der “ Geschichte der Medizinø reicht gerade aus zu erfahren, daö die Heilkunst uber den ganzen uns bekannten Abschnitt der Menschheitsgeschichte bestand und mit ihr aufs engste verwoben ist. Ein tieferes Versta ndnis muö verwehrt bleiben. Das angeha ufte medizinische Wissen ist komplex und - wie uns die zunehmende Spezialisierung der Heilberufenen deutlich zeigt - nicht mehr in der Person eines einzelnen zu vereinen. Wie dann auch die historische Entwicklung der Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Leiden und mo glichst noch die vielen dort begangenen Irrwege kennen?
Im vorgegebenen Curriculum bleibt aus der Vielfalt des zu erwerbenden Wissens ein Thema allein im Rahmen der Promotion zur tieferen Betrachtung. Die Wahl ist frei und dadurch nicht leichter, alles mag erkannt und gewuö t werden, reizt den Geist und stimuliert die Sehnsucht nach Erkenntnis: die Grundlagen des Zusammenspiels menschlicher Organe in der Physiologie, die atemberaubenden Erkenntnisse der modernen Molekularbiologie und Genetik, die neu gewonnenen M oglichkeiten zur Einwirkung auf Krankheitsgeschehen in der Pharmakologie, das tiefere Wissen um ei nzelne Krankheiten und ihre Behandlung in den verschiedenen klinischen Fachgebieten, die Mehrung der Kenntnisse um Funktionsweise und Ausfa lle von Seele und Geist in Psychiatrie und Neurologie. Die materiellen Vorgaben des Lebens zeigen sich in der Anatomie und Biologie, ihre Zersto rung durch krankhaftes Geschehen in der Pathologie, die Gerichtsmedizin mag durch die gewa hrten Einblicke in gesellschaftliche Krankheitsprozesse faszinieren, die Epidemiologie durch eine Feststellung des erreichten Status quo.
Warum also dann Geschichte der Medizin? Bei der Ero ffnungsrede zum Wiesbadener Kongreö 1986 betont Prof. Zo llner : Fu r sie [die Medizin] gelten alle Grundlagen der Naturwissenschaften, und eine Ausbildung in Mathematik, Logik und Erkenntnistheorie ist genauso wie Ethik und Morallehre an den Anfang des Medizinstudiums zu stellen. 1
In der heute (noch) gultigen siebten Novelle der Approbationsordnung fur Arzte 2 von 1989 ist keine dieser Forderungen erfullt. Aus dem breiten Spektrum des Angebots ist aber kein Fach so wie die Medizinhistorik geeignet, dem Studierenden zumindest einen Einblick in Fragen vornehmlich der a rztlichen Ethik und Erkenntnistheorie zu gewa hren und ihn zu eigenen Gedanken uber die ihm bevorstehende immense Verantwortung und moralische Verpflichtung anzuregen.
1 Zo llner, N.: Die Erziehung zum Arzt. Ero ffnungsrede beim Wiesbadener Kongreö 1986.
2 Approbationsordnung fur Arzte (AAppO). Stand 1993. Deutscher Arzte-Verlag Ko ln.
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1.2 Absicht
Bei den sich nun uber fast drei Jahre erstreckenden Vorarbeiten zu dieser Arbeit konnte also nicht zuruckgegriffen werden auf detailliertes Wissen um Politik und Gesellschaft, geistes- und naturwissenschaftliche Stro mungen zur Mitte des 17. Jahrhunderts, konnte nicht auf eine ausgefeilte Methode zur Bearbeitung historischer Schriften gebaut werden und a uch nicht auf eine vollzogene Einordnung medizinischen Handelns in den Lauf der Geschichte. Recherche und Materialsammlung dienten vornehmlich zu dem einen: dem Autor selbst Einblick zu geben in ethische und philosophische Grundlagen des auszuubenden Berufes, im Nachvollzug des Lebensweges eines ethisch verantwortungsvoll handelnden Wissenschaftlers Bereicherung in der eigenen moralischen Leere zu erfahren, besonders auch unterstutzend die Synthese der eigenen christlichen Gedankenwelt mit den zu erwerbenden Handlungsfreiheiten zu fo rdern.
1.3 Aufgabenstellung
Nun, gegen Ende der Studienzeit, naht auch der Zeitpunkt der Niederschrift, Abgabe und Verteidigung der eigenen Arbeit. Ga nzlich Neues kann hier nicht dargestellt werden, existieren doch zu Stensen bereits eine kaum mehr zu uberblickende Anzahl an Vero ffentlichungen. Stensens Leben im Speziellen und das 17. Jahrhundert im Allgemeinen sind Gegenstand zahlreicher Abhandlungen und vieler Jahre aufwendiger Forschung gewesen. Die von Michael JENSEN als Abschluö arbeit f u r die K oniglich D a nische Bibliotheksschule ausgearbeitete Bibliographia Nicolai Stenonis 3 , in der die Werke von und uber Stensen bis zum Jahr 1986 zusammengestellt sind, verzeichnet etwa 2600 Eintra ge; besonders in unserem Jahrhundert sind eine groö e Anzahl von Publikationen zu Stensen herausgegeben worden, in Verbindung mit dem schon vor dem II. Weltkrieg eingeleiteten Kanonisationsprozesses, der 1988 mit der Seligsprechung 4 einen ersten Abschluö fand, ist Stensens Leben nach vielerlei Hinsicht durchleuchtet worden, Gustav SCHERZ, aber auch viele andere haben mit groö er Muhe selbst kleinste Einzelheiten zusammengetragen. Begabtere und mit Wissen Begutertere haben also Stenos Leben zu beschreiben versucht, es existieren kurze Handschriften wie umfangreiche Biographien, U bersetzungen groö er Teile des hinterlassenen Schriftwerkes Stensens in das Da nische, Deutsche, Italienische, Englische, Russische und Franzo sische, illustrierte Lebensbeschreibungen und aus den Jahren 1956-95 auch sieben akademische Dissertationen aus D a nemark, Holland und Deutschland, Italien, Kanada und den U.S.A. 5
Stenos Lebensgeschichte ist komplex. Er wirkt als Anatom, Geologe und Bischof, ist Naturwissenschaftler und Philosoph, Protestant und Katholik. Aus der Fulle des Interessanten heraus muö te der Blick weiter eingeengt werden auf Stensens erste Schritte als junger Anatom in Amsterdam und Leiden. In diesen vier Jahren gelingen dem Studenten seine wohl bedeutendsten anatomischen Entdeckungen, f u hrt die
3 Jensen, Michael: Bibliographia Nicolai Stenonis. Mérke, 1986.
4 Am 23. Oktober 1988 durch Papst Johannes Paul II.
5 Troels, Kardel: Steno: Life, Science, Philosophy. Acta hist. Scient. Nat. et Med. Vol. 42. Copenhagen. 1994.
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Konfrontation mit einer schon weitgehend pluralistischen Gesellschaft in Holland zu einer tiefgreifenden Erschutterung der eigenen Religiosita t, leitet die kritische Auseinandersetzung mit dem Cartesianismus zur Formierung einer wissenschaftlichen Methode und eines in sich schlussigen Welt- und Gesellschaftsbildes.
Im Anschluö an eine kurze Einfuhrung in das Weltbild des 17. Jahrhunderts und einen U berblick uber Stensens Lebensweg, soll hier also eine Darstellung Stensens anatomischen Werkes in Leiden erfolgen, sowie auf die weltanschaulichen Impulse eingegangen werden, die Philosophie und Religiosita t des jungen Da nen in diesen Jahren pra gen.
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2 Einfu hrung
2.1 Europa im 17. Jahrhundert
Je nach Perspektive des Betrachters ist das 17. Jahrhundert auf ganz verschieden Weise bezeichnet worden: Vom Zeitalter der Entdeckungen und der Weltfahrer, vom Jahrhundert der Genies in Kunst und Malerei ist ebenso gesprochen worden wie von dem Jahrhundert des Dreiö igja hrigen Krieges, der Gegenreformation, aber auch der groö en Heiligen, von den anni mirabilis oder schlicht von der Fruhen Neuzeit.
Am Beginn des Jahrhunderts stehen die Auseinandersetzungen im Zuge der Glaubenspaltung. Ausgelo st durch den Prager Fenstersturz beginnt der Dreiö igja hrigen Krieg, in dessen Verlauf die u rsprunglich religio sen Interessen bald von sehr weltlichen Machtanspruchen verdra ngt werden. Im Kampf um mehr Land und mehr Macht stehen sich nun weite Teile des Abendlandes feindlich gegenuber. Der 1648 in Munster und Osnabruck geschlossene Westfa lische Frieden beendet zwar die Regionalkriege in Europa, das Geschehen bleibt aber weiterhin von ka mpferischen Auseinandersetzungen gepra gt. So sucht Schweden im Ersten Nordischen Krieg gegen Da nemark und Polen die Vormachtstellung zu erlangen, Frankreich fa llt wiederholt in die Rheinprovinzen ein und verwustet weite Landstriche bis nach Bayern, Holland und England ka mpfen um die Vormachtstellung auf den Weltmeeren, ebenso wie Frankreich, Spanien und Portugal. Im Osten bedra ngen die Turken Kultur und Integrita t des gesamten Abendlandes, in England fuhrt die Uneinigkeit zwischen Ko nig und Parlament durch den Sieg Cromwells letztlich zur Grundung des Commonwealth.
Die weitra umige Verwustung, die Minderung der Bevo lkerungszahl auf fast ein Drittel der 18 Millionen Einwohner vor 1618 und die religio se Uneinigkeit begunstigen das Entstehen absolutistischer Herrschaftsformen. In Frankreich wird der, im selben Jahr wie Stensen geborene, von seinen Eltern nach zwanzigja hriger kinderloser Ehe dankbar Louis Dieudonne getaufte Ludwig XIV. diese Herrschaftsform zu einer unerreichten Groöe fuhren, aber auch uber ganz Europa hinweg streben Ko nige, Fursten und Herzo ge nach einer vermehrten Konzentration und Zentralisation der Macht in ihrer Person. Die Finanzierung eines kostspieligen Lebensstils erfolgt durch einen konsequenten Merkantilismus, der durch Interessen und wohlwollender Unterstutzung der Machthaber letztlich auch die kulturellen und wissenschaftlichen Bl uten dieses Jahrhunderts ermo glicht.
1621 feiern aber auch die Pilgerva ter ein erstes Erntedankfest auf amerikanischem Boden, aus den neu erschlossenen Kolonien kommen Tee, Kaffee, Gewurze und andere Genuö mittel nach Europa, mit der aus Peru eingefuhrten Chinarinde steht zum ersten Mal ein fur die weitere Kolonisierung unerlaö liches Mittel zur Beka mpfung der “ schlechten Luftø (ital. mala aria) zur Verfugung. Franzosen grunden Quebec und die in den amerikanischen Sudstaaten beginnende Plantagenwirtschaft fuhrt zu einem sprunghaften Anstieg des Sklavenhandels.
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Das 17. Jahrhundert bringt den heiligen Franz von Sales hervor, der mit seinen Werken bis in unsere Zeit hinein Hilfe und Anleitung zu einem gelebten Glauben geben kann, in bewuö ter Abgrenzung zu der befurchteten Trivialisierung des Glaubens durch die Reformation, entwickeln sich Herz-Jesu- und Herz- Maria -Verehrung, der heilige Vinzenz von Paul legt, beseelt von der Idee, die christliche Na chstenliebe zu organisieren, die Grundlagen der modernen Caritas, der heilige Papst Innozenz XI. stellt sich o ffentlich gegen Ludwig XIV. und versucht so der Hugenottenverfolgung und der fortschreitenden Einschra nkung kirchlicher Rechte in Frankreich entgegenzuwirken
2.2 Stand der Wissenschaft
Auch und vielleicht besonders in der Geschichte der Wissenschaften nimmt das 17. Jahrhundert eine herausragende Stellung ein. Grundsa tzliche Anderungen der Weltsicht, ein vermehrtes Selbstbewuö tsein und die durch Reformation und Freikirchen forcierte Besinnung auf ein aktiveres diesseitiges Leben o ffnen die Tore zu unserer heutigen sa kularisierten, rationalisierten und technisierten Welt.
Hatte man erst in der Zeit von Renaissance und Humanismus gelernt, wieder den eigenen Sinnen mehr zu vertrauen als den uberlieferten Autorita ten, begann man nun sein Wissen durch aktives Experimentieren zu erweitern. Die groö en Erfolge der neuen messenden, auf reiner Auö enerfassung beruhenden Physik Galileis (1564-1642), die tiefen physikalischen und astronomischen Erkenntnisse Johannes Keplers (1571-1630), die auö erordentlichen theoretischen und experimentellen Arbeiten eines Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), Christiaan Huygen (1629-1695) oder Isaac Newton (1643-1727) ruckten die mathematische Methode als hervorragendes Instrument zur Welterkenntnis in den Vordergrund. Die groö en Philosophen dieser Zeit, allen voran Descartes, Spinoza und Leibniz, versuchten durch eine Mathematisierung des menschlichen Denkens zu e inem rationellen Weltversta ndnis zu gelangen. Der der Barockzeit eigene Einbruch des Dynamischen in die mehr von statischen Formen gepra gte Welt der Renaissance kennzeichnet sich ebenso in den von Kraft durchpulsten und von Spannungen erfullten Scho pfungen der Kunst wie in der neuen Dynamik Galileis, der Blutkreislauflehre William Harveys (1578-1657), der analytischen Geometrie Fermats und Descartesç, dem Leibnizschen Infinitesimalkalkul und den Newtonschen Bewegungsgesetzen. Johann Baptista van Helmont (1579-1644), Wegbereiter der Iatrochemie, unterscheidet als erster zwischen Luft und Gas und erkennt in seinen Versuchen das Gesetz der Massenerhaltung, Boyle und Mariotte entdecken unabha ngig voneinander das nach ihnen benannte Gesetz zur Zustandsbeschreibung idealer Gase. Aus der aufbluhenden experimentellen Forschung erwachsen eine Reihe wissenschaftlicher Instrumente und Apparate wie Fernrohr, Mikroskop, Barometer, Rechenmaschine, Luftpumpe, Pendeluhr und Thermometer. Dieses neue Instrumentarium, verbunden mit den gefundenen mathematischen Grundsa tzen, wird vor allem der Entwicklung der Technik in der zweiten Ha lfte des 18. Jahrhunderts unerlaö liche Hilfe sein.
Wa hrend die Universita ten weitgehend im allgemeinen mittelalterlichen Weltbild verharren und sich den raschen wissenschaftlichen Vera nderungen der Zeit nicht anzupassen vermo gen, werden die groö en Gelehrten und ihre Entdeckungen in den sogenannten Akademien und gelehrten Gesellschaften betreut.
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Zumeist unter ko niglicher Schirmherrschaft wird hier zu Forschung angeregt, Erfahrung ausgetauscht und fur eine weitere Verbreitung und Publikation des Wissens gesorgt. In allen groö en Sta dten werden spa testens ab der Mitte des Jahrhunderts Akademien der Wissenschaften gegrundet, 1635 durch Richelieu die Academie francaise, 1652 die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina und 1662 die Royal Society in London, als erste Akademie der Neuzeit die Accademia platonica schon 1459 in Florenz durch Cosimo d. A. de Medici - 1657 wiedererweckt von Ferdinando II. de Medici als Accademia del Cimento.
Auch der Medizin hatte das 16. Jahrhundert einen Neuanfang in zunehmender Emanzipation von der uberlieferten Lehre gebracht. Die Einfuhrung des Unterrichtes am Krankenbett, die Grundung neuer Universita ten, die grundlegenden Erneuerung der Anatomie durch Andreas Vesal und die damit verbundene Wiedergeburt der a rztlichen Chirurgie, der Angriff auf die Humoraltheorie des Galen durch Paracelsus und die durch Fracastoro begrundete epidemiologische Betrachtungsweise der Infektionskrankheiten bereiteten einen reichen Na hrboden fur die medizinischen Erkenntnisse der Barockzeit. Aktives Experimentieren erga nzt nun die rein passive Beobachtung des vorangegangenen Jahrhunderts, die Anatomie wird zur “ belebten Anatomieø , zur Physiologie, die Einfuhrung des Mikroskops ero ffnet eine neue Dimension der Betrachtung. Die wohl groöte Entdeckung des Jahrhunderts ist die Beschreibung des Blutkreislaufes 1628 durch William Harvey (1578-1657). Neben konzeptuellen Vorstellungen tritt dieser groö e englische Physiologe den Beweis seiner B e hauptungen sowohl durch grundliche anatomische Studien als auch experimentelle Untersuchungen und vom naturwissenschaftlichen Standpunkt des Messens, Za hlens und Wa gens an.
2.3 Stationen auf Stensens Weg
2.3.1 JUGENDJAHRE UND STUDIUM IN KOPENHAGEN 1638-59
U ber mehrere Generationen hinweg sind Stensens Va ter als lutherische Prediger in dem damals noch
da nischen Schonen bezeugt, auch die beiden Bruder Sten Pedersens, des leiblichen Vaters Niels Stensens, haben diesen Weg eingeschlagen. Pedersen selbst gelangt um 1620 nach Kopenhagen, wo er sich als erfolgreicher und angesehener Goldschmied erweist.
Niels Stensen, geboren am 1.1.1638 (jul. Kalender) durchlebte das, was wir heute vielleicht als eine schwierige Kindheit bezeichnen wurden. Beide Elternteile waren verwitwet, der Vater brachte zwei wesentlich a ltere Kinder mit in die Ehe, Niels selber litt als kleines Kind an einer schweren, nicht n a her bezeichneten Krankheit, einem morbus satis difficilis 6 , der ihn vom Umgang mit Gleichaltrigen abhielt und nach eigener Aussage schon fruh den Wert des Umganges mit Alteren und Reiferen zu suchen lehrte. Zwei Wochen nach Stensens sechstem Geburtstag stirbt sein leiblicher Vater und so ist die Mutter, Anne Nielsdatter, gezwungen, nach dem Trauerjahr zum finanziellen Erhalt ihrer Familie ein weiteres Mal zu heiraten, nun Peder Lesle, der von jetzt an die Kopenhagener Goldschmiede ubernehmen soll. Doch Lesle erlebt nicht
6 OTH I:, p. 394
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seinen zweiten Hochzeitstag und etwa 1650 verma hlt sich Frau Nielstochter mit ihrem vierten Mann, dem Goldschmied Johann Stichmann.
U ber Stensens Jugendjahre sind uns nur wenige Nachrichten erhalten. Scheinbar gibt das Schicksal dem
Heranwachsenden ausreichend Gelegenheit, seine Wertvorstellungen und Priorita ten im Angesicht des Todes zu uberdenken und zu relativieren. Sei es durch den fruhen Tod des Vaters, sei es durch die Ruhr 7 , die der 14ja hriger Lateinschuler durch Kopenhagen ziehen sieht, oder die Pest, an die er als 16ja hriger ein volles Drittel seiner Mitschuler verliert.
Durch die Umsta nde einer kontinuierlichen va terlichen Erziehung beraubt, findet Stensen im Vater seines Jugendfreundes Jakob Henrik Paulli einen va terlichen Freund und Lehrer. Dieser beruhmte Kopenhagener Arzt und humanistische Denker, Simon Paulli, ist dem jungen Schuler wohlgesonnen, und Stensen wird ein gern gesehener Gast in dessen Haus. Paulli lehrt damals noch als Vorga nger Bartholins an der Kopenhagener Universita t und gilt zu seiner Zeit als Inspirator der Naturwissenschaft in Da nemark. Als Stensen 1661 eine erste groöere Schrift sechs fur ihn besonders bedeutungsvollen Professoren widmet, nennt er Simon Paulli an erster Stelle 8 , zwei Jahre spa ter bezeichnet er ihn als praeceptori parentis venerando loco 9 - einen Lehrer, den ich wie einen Vater zu verehren habe.
An der Liebfrauenschule, an der neben den klassisch-humanistischen Bildungsinhalten und Grundlagen der Naturwissenschaften auch religio ses Wissen und U bungen der praktischen Fro mmigkeit im Sinne des da nischen Pietismus vermittelt wurden, begegnet Stensen auch dem jungen Humanisten und Botaniker Ole Borch, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden soll. Von diesem hervorragenden Lateiner und Verfechter der experimentellen Naturwissenschaften wird Stensen nicht nur umfassend uber die wertvollen Inhalte des tradierten Wissens unterrichtet, sondern auch in stundenlangen Exkursionen und unternommenen Versuchen behutsam auf den Weg der Erfahrung als Ko nigsweg der Erkenntnis gefuhrt.
Am 27. November 1656 immatrikuliert sich Niels Stensen als 18ja hriger an der Universita t Kopenhagen. Aus der Lateinschule brachte er das zur Immatrikulation beno tigte testimonium eruditionis uber Kenntnisse und Reife, als auch das testimonium vitae uber Glauben und sittlichen Wandel mit. Noch vor der endgultigen Einschreibung erfolgte damals ublicherweise die Deposition, ein Ritual mit drastischen Symbolen, bei dem der Anwa rter in abstoö ender Narrentracht im Hof der Hochschule erschien, um dann von dem ebenfalls maskierten Depositor unter Schla gen und Scheltworten der Narrensymbole entledigt zu werden, worauf der Deponent dann demutig um die Aufnahme in die akademische Burgerschaft bitten durfte. Zum Zeichen der
7 Eilersen schreibt im Liber Scholae: “ Anno 1652 trat eine schwere Blutseuche auf, die den Juli, August und September hindurch
anhielt, und wir konnten in diesen Monaten wegen der Leichen nichts auf der Schule lesen. Doch war die ho chste Zahl in jener
Schwa che 21, die am Tag zu versorgen warenø (d.h. zu begraben). Vgl. Scherz, Gustav.: Biographie.
8 Nicolai Stenonis de glandulis oculorum novisque earundem vasis observatio nes anatomicae. OPH I: p. 77.
9 OPH I: p. 196
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Freude goö der Depositor dann Wein uber den Kopf des Deponenten und legte ihm zum Zeichen der Weisheit Salz in den Mund.
Die heimatliche Hochschule bot sicher nicht die besten Voraussetzungen fur eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Das Lehrkollegium umfaö te damals 17 Professoren, davon nur 3 Mediziner, und diente vor allem einer Heranbildung der Geistlichkeit. Weiterhin hatte Ko nig Friedrich III. am 1.Juni 1657 Schweden den Krieg erkla rt, was auch dazu fuhrte, daö der Student im dritten Jahr seiner Ausbildung die Nacht vom
10. zum 11. Februar 1659 zur Verteidigung seiner Heimatstadt g e gen das ansturmende Heer des
Schwedenko nigs Karl Gustav auf der Stadtmauer verbrachte. Der Angriff wurde zuruckgeschlagen, und die ungunstigen Bedingungen hinderten Stensen nicht, sich schon in seiner Kopenhagener Zeit ein reiches Wissen anzueignen.
Thomas Bartholin (1616-1680), beruhmtester Anatom aus einer Familie von Arzten und Gelehrten, wurde zu Stensens Pra zeptor, jenem Mentor in Gestalt eines Professors, der Flei ö und Fortschritte, sittlichen Wandel und o konomische Verha ltnisse des Studenten zu uberwachen hatte. Bartholin hatte freilich zum Studienbeginn Stensens den Ho hepunkt seines Ruhmes schon erreicht. Nach zehnja hrigem Aufenthalt im europa ischen Ausland, nach Studien in Leiden und P adua und groö en Reisen, die ihn nach Paris, Montpellier, Rom, Neapel, Sizilien und Malta gefuhrt hatten, war er 1648 an die Universita t Kopenhagen zuruckgekehrt. Dort zeigte er sich seiner Familie, die schon mehr als ein Jahrhundert das heimatliche Universita tsleben dominiert hatte, w urdig, indem er als Professor der Anatomie besonders durch die Entdeckung und Beschreibung der Lymphgefaö e der Universita t zu Ruhm und Ansehen verhalf. Allein als Stensen sein Studium begann, zog sich Bartholin mehr und mehr aus dem medizinischen Unterricht zuruck und bekundete so vorerst nur ein maö iges Interesse an dem ihm uberantworteten Studenten. Mit der zunehmenden Reife des jungen Anatomen w a chst aber auch das Interesse Bartholins f ur den ihm anvertrauten, das Wissen um S tenos anatomische Fertigkeiten verdanken wir nicht zuletzt einem reichhaltigen Briefwechsel mit seinem Pra zeptor, der bis in unsere Zeit erhalten geblieben ist.
Einen wertvollen Einblick in Stensens Gedankenwelt zu jener Zeit erhalten wir durch das von ihm in seinen letzten Kopenhagener Monaten verfaö ten Chaos-Manuskript 10 . Auf 23 engbeschriebenen Folio-Seiten zeichnet der Student hier in lateinischer Sprache Gedanken und Zitate zu Wissenschaft und Forschung auf. Unter den Worten In nomine Jesu finden wir als Titel das griechische Wort Chaos, mit dem sowohl die unermeö liche Weite des Weltenraums als auch die gestaltlose Urmasse, aus der das Weltall entstanden ist, bezeichnet wird. Mit einem treffenden Wort hat Stensen hier wohl anzudeuten versucht, was folgen wird: eine Sammlung verschiedenartiger und ungeordneter Gedanken und Fragen, Auszuge aus wissenschaftlichen Werken, Notizen und Anregungen zu durchzufuhrenden Experimenten, unterbrochen durch kurze religio se Betrachtungen und Gebete. Neben den zahlreichen Auszuge aus medizinischen Fachbuchern wie Bartholins
10 Chaos. Niels Stensençs Chaos-manuscript Copenhagen, 1659. Complete edition with Introduction, Notes and Commentary by
Ausgust Ziggelaar. The Danish National Libary of Science and Medecine. Copenhagen. 1997.
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“ Historiarum anatomicarum centuriaeø und “ De lacteis thoracicisø , Henri de Roys “ Medicina et praxis medicaø , Cornelius Schylanders “ Practica chirurgiae brevis et facilisø und Pierre Morels “ Methodus praescribendi formulas remediorumø , finden sich hier auch Zitate aus Tycho Brahes “ Epistolae astronomicaeø , Athanasius Kirchers “ Magnes sive de arte magneticaø und Francis Bacons “ De augmentis et dignitate scientiaeø . Das Chaos-Manuskript ist uns Beweis fur die vielfachen und allseitigen Interessen des jungen Studenten. Der Nachvollzug und die Auseinandersetzung mit den groö en Gedanken seiner Zeit, seien sie nun von Galilei oder Kepler, Descartes oder Pascal, formen und pra gen das Weltbild des Studenten.
Neben zahlreichen Aufzeichnungen zu Iatrochemie und Iatrophysik finden sich hier auch methodologische Bemerkungen im Sinne der exakten, auf Beobachtungen sich stutzenden neuen Naturwissenschaft. So bemerkt der Student: In physischen Dingen ist es gut, sich an keine Wissenschaft zu binden, sondern alles, was beobachtet werden kann, unter bestimmten Rubriken zu ordnen und auf eigene Faust etwas he rauszufinden - wenn nicht anderes, dann wenigstens eine teilweise sichere Erkenntnis. 11 Und an anderer Stelle: Es su ndigen gegen Gottes Groäe diejenigen, die nicht die Werke der Natur selbst betrachten wollen, sondern, mit der Lektu re anderer zufrieden, sich verschiedene Einbildungen erdichten und fabrizieren und so nicht bloä die liebliche Betrachtung der Wunder Gottes entbehren, sondern auch Zeit, die man auf No tiges und zum Wohl des Na chsten verwenden ko nnte, verlieren, und vieles Gott Unwu rdiges behaupten. ... So sind jene Scholastiker, viele Philosophen, und jene, welche die ganze Zeit auf das Studium der Logik verwenden. Man soll die Zeit also nicht zum Verteidigen und Erkla ren von willku rlichen Meinungen, ja kaum zu ihrer Untersuchung verwenden, und auch im Hinblick auf eine Beobachtung soll man nichts ku hn und u bereilt behaupten, noch die Zeit auf Spekulation verwenden, sondern nur auf das eigene Sehen, die Erfahrung, die Aufzeichnung von Naturpha nomenen und Eindru cken, die von den Alten beobachtet wurden, und einige, wenn mo glich, na her untersuchen. 12
Auch laö t sich hier schon ein Charakterzug Stensens entdecken, dem er spa ter den Verdienst sa mtlicher anatomischen wie geologischen Entdeckungen zuschreiben wird, sein Vertrauen auf die go ttliche Vorsehung: Gott sieht alles und sieht alles voraus; alles was geschieht, kommt von ihm und gereicht seinem Namen zur Ehre. 13
Im Herbst 1659 beendet Stensen sein Studium in Kopenhagen, um spa testens Anfang 1660 seine Heimatstadt zu verlassen und sich auf eine, letztlich sein ganzes weiteres Leben andauernde, Reise zu begeben. Von Da nemark fuhrt ihn sein Weg zuerst nach Amsterdam und Leiden, den wohl wichtigsten Stationen seines anatomischen Schaffens.
11 Chaos, Col. 32, N32. Zit. nach Scherz, Biographie. Bd.1.
12 Chaos, Col. 58-59: Peccant in Dei Majestatem, qui non ipsa naturae opera inspicere volunt, sed aliorum lectione contenti fingunt et fabricant sibi varia figmenta, atque ita non solum non fruuntur jucunda mirabilium Dei inspectione, sed et tempus necessariis et proximi commodo dandum perdunt, multaque Deo indigna statuunt. Tales scholatici illi, tales plurimi philosophi et illi, qui totam aetatem logico studio impendunt. Tempus itaque non placitis i stis explicandis et defendendis, imo vix examinandis impendendum, nec temere et praecipitanter ex observata re aliqua statuendum arti. Nec tempus meditationibus adhuc tribuero, sed soli inspectioni, experientiae, reumque naturalium et historiarum talium a veteribus observaturum notationi, et in eas inquisitioni, si fieri potest. 13 Chaos, Col. 12, N6: Deus omnia videt et praevidet, cuntaque, quae eveniunt, ab illo et ad ejus nominis gloriam...
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2.3.2 VIER MONATE IN AMSTERDAM 1660
Im Winter 1659/60 bricht Stensen aus Kopenhagen zu der damals durchaus ublichen peregrinatio academica 14 auf, er gelangt, wahrscheinlich nach einem kurzeren Aufenthalt bei Johan Bacmeister d.J. (1624- 1686) in Rostock 15 , Ende Ma rz 1660 nach Amsterdam.
Den Holla ndern gilt das 17. Jahrhundert als “ De gouden eeuwø , das goldene Jahrhundert. Dank einer gewaltigen Entwicklung von Handel und Seefahrt beherrscht Holland mit seiner Ost- und Westindischen Companie die Kusten Ostasiens wie Nord- und Sudamerikas. Amsterdam gilt als Zentrum des Welthandels und durchlebt eine Blutezeit von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Viele ausla ndische Studenten suchen dort in diesen Jahren ihre Ausbildung zu vervollkommnen, Stensen findet jedoch sogleich, dank eines Empfehlungsschreibens seines Lehrers Thomas Bartholins, Unterkunft und Ausbildung bei dem Arzt und Professor der Anatomie, Gerard Blaes (ca.: 1625-1692), latinisiert Blasius.
Nach den mehr theoretischen Studienjahren und den ungunstigen Sektionsvoraussetzungen in Kopenhagen findet Stensen hier nun in dem groö en Stadthospital “ Het gasthuisø mit seinen Abteilungen fur Ma nner und Frauen, fur Soldaten und Seeleute, Verwundete, Fremde und Arme, sowie in der in einem der vier groö en Fleischha user der Stadt eingerichteten Anatomiekammer beste Bedingungen fur einen Anatomen vor. In diesem Klima soll dem 22-Ja hrigen gleich zu Beginn seines Aufenthaltes eine erste groö e Entdeckung gelingen, die Beschreibung des Ausfuhrungsganges der Ohrspeicheldruse, der noch heute die Eponymbezeichnung “ Ductus stenonianusø tra gt.
Trotz der insgesamt gunstigeren Verha ltnisse entschlieö t sich Stensen aber bald, Amsterdam wieder zu verlassen. Das akademische Leben des erst 1632 zur Universita t bestimmten Athena ums stand noch in den Anfa ngen, es gab weder eigentliche Prufungen noch Promotionen. Blasius, der sich spa ter durch seine “ Anatome animaliumø (Amsterdam, 1681), eine wertvolle U bersicht der Literatur zu 119 Tierarten, verdient machen sollte, war wohl in erster Linie Compilator, seine Vorlesungen mussen weniger uberzeugend gewesen sein. 16
Gemaö scholastischen Brauches disputiert Stensen am 8. Juli 1660 bei dem “ professor primariusø fur Physik und Metaphysik, Arnold Senguerd oder Senkward (1610-1667). In dieser Disputatio physica de Thermis wird nach einer Worterkla rung die Frage uber den Ursprung der Wa rme in heiö en Quellen diskutiert, ob es sich
14 Heida, Ulrike: Niels Stensen in den Bezi ehungen zu medizinischen Fachkollegen seiner Zeit. Berlin. 1986. p. 12.
15 Der Weg Stensen von Kopenhagen nach Amsterdam l aö t sich heute nicht mehr ga nzlich nachvollziehen. Nach HEIDA liegt der
Schluä nahe, daä Stensen die Reise nach Holland fur einige Zeit in Rostock unterbrach.. Heida, Ulrike: Niels Stensen in den Beziehungen zu
medizinischen Fachkollegen seiner Zeit. Berlin. 1986.
16 Im Apologiae prodromus..., in dem sich Stensen gegen die Anschuldigungen Blasiusç im Zuge des Priorita tenstreites um den Ductus
parotideus wehrt, meint Stensen, er habe bei Blasius nichts als vulgares et nudas operationes Chymicas gelernt. OPH I: p. 147.
17
um Reibung, brennenden Schwefel oder unterirdisches Feuer handle und eine kurze Zusammenstellung des Wissens der damaligen Zeit zur chemischen Beschaffenheit der Quellen geboten. 17
2.3.3 ANATOMISCHE STUDIEN IN LEIDEN 1660-63
Nach viermonatigem Aufenthalt verlaö t Stensen Amsterdam und immatrikuliert sich am 27. Juli 1660 an der Universita t zu Leiden. Fast vier Jahre wird er hier bleiben und in 13 wissenschaftlichen Abhandlungen sein Wissen und das Wissen seiner Zeit um Kenntnisse vor allem der Drusen - und Muskellehre und der Muskelstruktur des Herzens bereichern. Stark beeinfluö t wird er in dieser Zeit durch seinen Professor der praktischen Medizin, dem bedeutenden Iatrochemiker und Gehirnforscher Franz de la Boè, latinisiert Sylvius (1614-1672), der in seinen anatomischen Vorlesungen den Studenten wie Stensen, Reinieer de Graaf und Jan Swammerdam gegenuber den Grundsatz vertritt: “ In der Medizin und in den Naturwissenschaften darf nichts als wahr angenommen werden, auö er was die Erfahrung mit Hilfe der a uö eren Sinne als wahr gezeigt oder besta tigt hat.ø 18 Beliebt durch sein stattliches Auö eres sowie durch seine oratorische Begabung wuö te Sylvius seine Studenten durch den Unterricht am Krankenbett, zu dem er die jungen Mediziner als einer der ersten ta glich fuhrte, durch sein umfassendes Wissen und durch seinen aufgeschlossenen Sinn fur das Neue zu begeistern 19 .
In Johannes van Horne (1621-1670), Dozent fur Anatomie, Chirurgie und Botanik an der Universita t Leiden, der 1653 unabha ngig von Pecquet den Ductus thoracicus beschrieben hatte, erhielt Stensen einen weiteren hervorragenden Lehrer. Horne wird in seinem 1662 in Leiden erscheinendem Anatomiebuch dem Ausfuhrungsgang der Ohrspeicheldruse als erster den Namen “ Ductus Stenonianusø geben. 20
In Leiden geho rt Stensen aber auch zu dem Kreis um den Philosophen Benedictus de Spinoza (1632-1677). Das Haus dieses “ Scho pfers des liberalen Menschenbildes der Aufkla rungø 21 in Rijnsburg bei Leiden ist Ort zahlreicher Diskussionen von Studenten und Professoren der Universita t. Angeregt durch Spinoza, mit dem Stensen uber viele Jahre admodum familiaris - gut befreundet 22 bleibt, wird er in eine ernste religio se Krise gesturzt und beginnt an der lutherischen Orthodoxie zu zweifeln. W a hrend Spinoza jedoch die cartesianische Philosophie zu erweitern und zu vervollsta ndigen sucht, um so ein neues Weltbild zu schaffen, wird sich Stensen der philosophia perennis zuwenden, um in der christlichen Wahrheit seine ganze Erfullung zu finden.
17 Scherz, Gustav: Niels Steensençs first dissertation. Journal of the history of medecine and allied sciences 15. New York. 1960. p. 247-
264.
18 Scherz, Biographie. Bd.1.
19 ibid.
20 ibid.
21 Bierbaum, Max. Faller, Adolf. Niels Stensen: Anatom, Geologe und Bischof. Munster. 1979.
22 OTH 1, p. 94.
18
Nachdem Stensen im Herbst 1663 seine universita re Ausbildung mit dem Ablegen seines Examens beendet hatte - der akademische Grad eines “ Doktors der Medizinø wird ihm jedoch erst am 4. Dezember 1664 in absentia verliehen -, erreicht ihn die Nachricht des Todes seines Stiefvaters, Johann Stichmann. Er reist nun nach Kopenhagen zuruck, einmal um seine familia ren Angelegenheiten zu ordnen, zum anderen sicher auch mit einer begrundeten Hoffnung auf eine Berufung an die heimatliche Universita t.
Im halben Jahr seines Aufenthaltes in Kopenhagen sammelt Stensen im Hinblick auf eine m ogliche Professur die in Leiden gewonnenen Erkenntnisse in seiner Konig Friedrich III. gewidmeten Schrift De musculis et glandulis observationum specimen 23 , die er im Sommer 1664 drucken laö t. Nachdem jedoch im Juni auch seine Mutter verstorben und am 29. August Matthias Jakobsen (Jacobaeus) als Professor berufen worden war, verlaö t Stensen Kopenhagen und reist uber Ko ln nach Paris, wo er spa testens am 7. November 1664 eintrifft.
2.3.4 EIN JAHR IN FRANKREICH 1664-65
Als Stensen 1664 nach Paris gelangt, za hlt die franzo sische Weltstadt uber eine halbe Millionen Einwohner, vor drei Jahren hatte der nun 21ja hrige Ludwig XIV. seinen beruhmten Satz: “ Lçe tat cç est moiø zu praktizieren begonnen, auö erhalb der Mauern erstand Versailles, schon bald sollten die europa ischen Nachbarn die machtheischenden Interessen des jungen Sonnenko nigs zu spuren bekommen. Die franzo sische Vormachtstellung verbunden mit einer literarischen Blute durch ein “ Siebengestirn klassischer Schriftstellerø machen den Franzosen das 17. Jahrhundert zum “ Le grand si`cleø 24
Ole Borch, der Lehrer und Freund aus Kopenhagen war schon 1663 in Paris eingetroffen, ebenso wie Jan Swammerdam, der Mitstudent aus Leiden. In Melchisedec Thevenot (1620-1694), dem allseitig gelehrten Bibliothekar Ludwig XIV., in dessen Haus sich ein Kreis von Wissenschaftlern versammelt aus dem 1665 die “ Academie Royal des Sciences’ hervorgehen wird, finden Stensen und Swammerdam einen wohlwollenden Gastgeber und Forderer ihrer Arbeit. Aber auch im Kreis um den Mathematiker und eifrigen Anha nger Descartes, Jacques Rohault (1620-1675) k onnen wir Stensen antreffen, wie auch bei den t a glichen o ffentlichen Sektionen vor den Mitgliedern der “ Ecole de medecineø .
In den ersten Monaten vornehmlich mit Fragen der Embryologie bescha ftigt, die schon seit der Dissektion eines Rochens in Kopenhagen 25 Stensens Interesse erweckt hatten, stellt das wissenschaftliche Hauptereignis dieser Pariser Zeit sicher der Discours sur lÖanatomie du cerveau 26 dar. Dieser im Fruhjahr 1665 im Hause Thevenots gehaltene Vortrag entpuppt Stensen, in dessen Schriften sich sonst nur ein sporadisches Interesse an der Anatomie des Gehirns findet, als umfassenden und aufrichtigen Kenner der Materie. Schon 1662
23 OPH I, 15.
24 Clevenot, Michel: Licht und Schatten - das Zeitalter des Barock, Edition Exodus, Luzern 1997 25 OPH I, 16 26 OPH II, 18.
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Arbeit zitieren:
Max-Joseph Kraus, 1999, Niels Stensen in Leiden, München, GRIN Verlag GmbH
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