1. Einleitung
„Luther war ein Genie sehr bedeutender Art;
er wirkt nun schon manchen guten Tag,
und die Zahl der Tage,
wo er in fernen Jahrhunderten aufhören wird,
produktiv zu sein,
ist nicht abzuschätzen”
Goethe, 1828
Kaum ein anderes Ereignis wie die Reformation, hat in der Geschichte so lange und so weit in die geistige und politische Entwicklung der Menschen gewirkt. Die Geschichte Martin Luthers und der
Reformation ist daher im Grunde die Geschichte ihrer Interpretation. Zu jeder Zeit schafft sich die lebende Generation ihr eigenes Verständnis Luthers und der Reformation, stets ihren jeweiligen
Interessen entsprechend. So wurde sein Leben und sein Werk im Laufe der Zeit immer wieder mit den Höhen und Tiefen der Geschichte in Verbindung gebracht, mal als personifizierter Neubeginn oder als
Mitschuldiger an einer Niederlage. Aber wie auch immer er beurteilt wurde, deutlich ist, daß jede Darstellung Luthers und seinem reformatorischen Werk eine Auseinandersetzung mit der neueren
Geschichte und den Grundlagen des religiösen, geistigen und politischen Lebens und ihrer Probleme ist.
Besonders bei den Feiern des 19. Jahrhunderts zu Ehren der Reformation und Luthers ist diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart erkennbar. Im folgenden werden die
ursächlichen Faktoren und Ereignisse für die Interpretation im letzten Jahrhundert gezeigt und anhand des Beispieles der Feier zum Luthergedenkjahr 1883 in Berlin soll erkennbar werden, inwieweit diese in den Ablauf des Festes gewirkt haben.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Nationalismus und Protestantismus in Deutschland im 19. Jahrhundert
2.1 Nationalismus
2.2 Protestantismus
3. Das Luther- und Reformationsbild im 19. Jahrhundert
3.1 Lutherbild
3.2 Reformationsbild
4. Die Bedeutung der Reichsgründung und des Kulturkampfes für das Luthergedenkjahr 1883
4.1 Reichsgründung
4.2 Kulturkampf
5. Die Lutherfeier 1883 in Berlin
6. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Martin Luther und der Reformation im Kontext des 19. Jahrhunderts, wobei der Schwerpunkt auf der Analyse des Luthergedenkjahres 1883 in Berlin liegt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie zeitgenössische Interpretationen von Luther und der Reformation durch gesellschaftliche, religiöse und politische Strömungen, insbesondere den Nationalismus und die Reichsgründung, geformt wurden.
- Wechselwirkung zwischen Nationalismus und Protestantismus im 19. Jahrhundert
- Wandel des Luther- und Reformationsbildes als Spiegel bürgerlicher Werte
- Einfluss der Reichsgründung und des Kulturkampfes auf das Gedenkjahr 1883
- Verbürgerlichung und Politisierung religiöser Feierkultur
Auszug aus dem Buch
3.1 Lutherbild
Vor allem bei den theologischen und politischen Liberalen war das Lutherbild von der Aufklärung beeinflußt. Das theologische Grundanliegen der Reformation trat zurück, stattdessen wurden allgemein geistesgeschichtliche und politische Motive als Hauptanliegen gesehen. Ein deutliches Beispiel ist die Charakterisierung Martin Luthers durch Christoph Martin Wieland: „Ein so großer[...] Mann war Luther; gleich groß als Mensch, als Staatsbürger und als Gelehrter. [...] Als gemeinnütziger Gelehrter entlarvte er verjährte Vorurteile und öffnete seinen Zeitgenossen [...] neue Aussichten zur künftigen Erweiterung des Umkreises menschlicher Kenntnisse. Und dieser große Mann war ein Deutscher”. Luther wird hier als „großer Mensch”, „Staatsbürger” und „Gelehrter” beschrieben, so, als wäre er schon selbst Aufklärer gewesen.
In konsequenter Fortführung des Fortschrittsgedanken wurden Luther und die Reformation zu Vorläufern und Vorkämpfern der Pressefreiheit und der politischen Mitbestimmung des Bürgertums ernannt und Luthers theologischem Werk wurde für die Gegenwart nur eine geringe Bedeutung zuerkannt. Luther wurde mit Stereotypen vorgestellt, die offensichtlich das eigene Selbstbewußtsein steigern sollten.
Man erinnerte sich, daß Luther selbst nicht ganz unberührt von der „nationalen Welle” des Humanismus um 1500 gewesen war, wie zum Beispiel die Tacitus-Rezeption und das Arminius-Motiv zeigen. Besonders gerne wurde dabei Luthers Wort zitiert: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich auch dienen.” Jedoch wurde vollkommen außer Acht gelassen, daß diese, und jede andere Bemerkung, Luthers über die Deutschen und Deutschland immer in direktem Bezug zur Religion standen, und daß er sich durchaus bewußt war, daß die kirchlichen und religiösen Probleme seiner Zeit keine ausschließlich deutsche Angelegenheit waren, sondern die der ganzen Christenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik und Darlegung der Forschungsabsicht, den Wandel der Luther-Interpretation im 19. Jahrhundert zu analysieren.
2. Nationalismus und Protestantismus in Deutschland im 19. Jahrhundert: Untersuchung der historischen Kontexte, die das Verständnis von Religion und Nationalgefühl maßgeblich beeinflussten.
3. Das Luther- und Reformationsbild im 19. Jahrhundert: Analyse der Umdeutung Luthers und der Reformation im Lichte bürgerlicher und nationalistischer Interessen.
4. Die Bedeutung der Reichsgründung und des Kulturkampfes für das Luthergedenkjahr 1883: Darstellung der politischen Rahmenbedingungen, die die Wahrnehmung des Gedenkjahres 1883 in Berlin prägten.
5. Die Lutherfeier 1883 in Berlin: Detaillierte Betrachtung der konkreten Durchführung und der verschiedenen Akteure der Berliner Festivitäten.
6. Schlußbetrachtung: Resümee über die Unmöglichkeit einer wertneutralen Luther-Interpretation im Kontext der damaligen Geistesgeschichte.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Reformation, 19. Jahrhundert, Luthergedenkjahr 1883, Berlin, Nationalismus, Protestantismus, Reichsgründung, Kulturkampf, Bürgerliches Selbstverständnis, Reformationsjubiläum, Identitätsstiftung, Geschichtsbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung, wie Martin Luther und die Reformation im 19. Jahrhundert instrumentalisiert und neu interpretiert wurden, um nationale und bürgerliche Identitäten zu festigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören der Einfluss des Nationalismus auf den Protestantismus, das wandelnde Bild Luthers im 19. Jahrhundert sowie die Auswirkungen politischer Ereignisse wie der Reichsgründung auf die Feierkultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie das Luthergedenkjahr 1883 in Berlin als Beispiel für die Verbürgerlichung und Politisierung des Reformationsgedenkens diente und wie dabei religiöse Inhalte in den Hintergrund traten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung von zeitgenössischen Quellen (Zeitungsberichte, Festschriften) und einschlägiger wissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Nationalismus, die spezifische Interpretation Luthers als "Bürger" und "Nationalheld" sowie die Bedeutung der Reichsgründung und des Kulturkampfes für die spezifische Ausgestaltung der Berliner Lutherfeiern von 1883.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Lutherbild, Nationalismus, 1883, Verbürgerlichung, Reformationsfeier und nationale Identität charakterisiert.
Wie wurde Luther in den Festreden von 1883 dargestellt?
Luther wurde primär als "deutscher Mann" und "Bürger" inszeniert, dessen religiöses Wirken zugunsten seiner Bedeutung für den deutschen Nationalcharakter und die bürgerliche Ordnung verharmlost oder umgedeutet wurde.
Welche Rolle spielte der Kulturkampf für das Gedenkjahr?
Der Kulturkampf verschärfte die konfessionellen Gegensätze, wodurch das Gedenkjahr von 1883 von Protestanten zur Demonstration eigenen Selbstbewusstseins und zur Abgrenzung gegenüber dem Katholizismus genutzt wurde.
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- Imke Barfknecht (Author), 2001, Martin Luther: Luther- und Reformationsfeiern im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/834