Blickwechsel
Emanzipatorische Technik- und Medienkritik
von
Sabrina Triml
SS 2002
Kein Bild ist tabu. Es sind nicht die Bilder,
die mich verstören, es ist die Realität.
Oliviero Toscani.1
Die Medien, die Technik - Fluch oder Segen? Für beide Positionen gibt es verständliche Argumente. Helfen uns die Apparate und ihre Produkte, unser Leben besser zu meistern und zu verstehen, oder machen sie uns zu ihren Sklaven, indem sie uns einer scheinbar bessere Welt zeigen? Entfremden uns Medienprodukte von uns selbst und der Realität, indem sie uns eine Scheinwelt vorgaukeln? Ist die Möglichkeit, neue Realitäten zu generieren nichts mehr als eine von der Industrie vorgefertigte und von den Herrschenden instrumentalisiertes Mittel zur Flucht aus der Alltagswelt? Oder ist sie eine neue Chance für mehr Freiheit des Individuums?
Seit sich unsere Urahnen aufrichteten, die Hände frei hatten und sich ihre ersten Werkzeuge bauten, verwendet der Mensch Hilfsmittel (mag man sie nun Maschinen, Apparate, Werkzeug, oder einfach Dinge nennen), die es ihm ermöglichen, die natürlichen Möglichkeiten seines Körpers zu transzendieren. Sollte uns diese Befreiung von unseren körperlichen (und durch Hilfe von Computern auch unsere geistigen) Grenzen nicht mit Stolz erfüllen? Oder sind wir nur „Prothesengötter“, wie Freud es meint, die sich mit ihren Hilfsorganen nicht sehr glücklich sind?2 Günther Anders meint, unsere Maschinen sind so perfekt geworden, dass wir uns vor ihnen schämen, weil der Mensch selbst nicht perfekt ist. Diese „prometheische Scham“ treibt uns an, selbst zu Produkten zu werden, weil wir uns schämen, dass wir „geworden“, nicht „gemacht“ sind.3. Die Technik entwickelt sich rasant weiter, der Mensch kaum noch – und wenn, ist unsere Evolution sehr viel langsamer als die der Produkte. Ohne Anders‘ sehr pessimistische Sicht der Technik und Medien zu teilen - in sozialen und wissenschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart können doch einige Hinweise gefunden werden, die seine Theorien unterstützen.
Günter Anders nennt Make-up als eine Form der „Selbst-Verdinglichung“4. Heute gehen Menschen noch viel weiter, sie legen sich sogar unters Messer, um ihre Inferiorität gegenüber den Dingen zu überwinden. Das Streben nach Gleichartigkeit lässt sich schon durch die steigende Zahl von Schönheitsoperationen belegen. Wir wollen perfekt sein, können uns mit unserer natürlichen Ausstattung nicht abfinden, die wir als minderwertig ansehen (Anders würde sagen, minderwertig im Gegensatz zu den perfekten technischen Apparaten). Heute werden Menschen teilweise wirklich in Günther Anders‘ Sinn zu Dingen. Sie werden künstlich, indem sie sich organisches Material verändern bzw. entfernen und/oder anorganisches Material einpflanzen lassen. Schuld daran sind tatsächlich Starkult und Bilderflut, die uns vorgeben, was als „schön“ zu gelten hat.
Tatsächlich mangelt es heute vielen Menschen am Selbstbewusstsein, ihre eigene Einmaligkeit als etwas Positives zu erachten.5 Statt dessen eifern die meisten dem gängigen Schönheitsideal und der Mode nach, die uns ständig von Werbung, Film und Fernsehen vorgegeben werden und meist einzig und allein der Absatzsteigerung dienen sollen. Obwohl die Durchschnittsfrau Größe 42 trägt, zeigt man uns die Figur von Models mit Magersucht als Idealkörper. Das deprimiert jede Frau, die eine Illustrierte aufschlägt oder den Fernseher einschaltet. Man fühlt sich minderwertig, weil man nicht der „Norm“ entspricht. Paradoxerweise sind diese schönen, schlanken, makellosen Menschen, die man uns als Norm verkauft, ja gerade seltene Einzelfälle. Dabei es wäre es doch mehr als langweilig, würden alle gleich aussehen.
Das Problem ist, dass Dinge durch Medien gezeigt werden müssen. Und Medien sind nicht da, um zu
informieren. Sie nähren die Menschen nicht, sie ernähren sich von ihnen. Deshalb zeigen sie nicht die
Wahrheit, weil die Wahrheit sich nicht mit Marketing verträgt.6
[...]
1 Der Ex-Benetton-Fotograph im Interview von Klaus Kamolz in: the gap, Nr. 42, Juli/August 2002, S. 43
2 Freud, S. 57
3 vgl. Anders, S. 23-31
4 vgl. Anders, S. 30ff.
5 Und ist man sich im wahrsten Sinne des Wortes „seiner selbst bewusst“, so fühlt man sich auch nicht minderwertig sondern überlegen gegenüber Maschinen, die ja doch von Menschen (mit einer einzigartigen Idee und einem einmaligen Geist) geschaffen wurden und als Produkte völlig austausch- und ersetzbar sind. Nicht vor Apparaten brauchen wir Ehrfurcht empfinden, allenfalls vor jenen, die sie erfinden.
6 Oliviero Toscani in the gap, S. 43
Arbeit zitieren:
Sabrina Triml, 2002, Blickwechsel, München, GRIN Verlag GmbH
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