Inhaltsverzeichnis
1) Gerücht und Gottheit 3
2) Gerücht und Mensch 6
3) Gerücht und Mythos 9
4) Gerücht und Orakel 14
5) Gerücht und Kommunikation 17
6) Anmerkungen und Zitatverweise 21
7) Benutzte Literatur 23
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1) Gerücht und Gottheit
"Das botenfrohe Feuer ließ
Durch unsere Stadt schnell Gerücht Eilen, aber ob es wahr, wer weiß es ?
Oder ist es ein Gott gesandter Wahn ?" 1)
"Drum jäh, als käm's von einem Gott ging ein Gerücht
Bei den Achaiern um, du seist dahin und tot." 2)
"Also handle und meide der Menschen hässlichen Leumund.
Hässlicher Leumund ist schlimm, denn leicht und ohne dein Zutun Naht er, doch ihn ertragen, ist hart, und schwer, ihn denn abtun.
Schlechter Leumund vergeht nie ganz, wenn mancherlei Leute Leumund verbreiten. Er wird darum auch Gottheit geheißen." 3)
Schon diese drei Zitate umfassen einen großen Teil der Bandbreite, mit welcher das Gerücht in der griechischen Antike verbunden wurde.
Zuerst schildert Aischylos die Reaktion der Bürger vom Mykene auf die Feuersignale, welche die Rückkehr des Agamemmnon aus Troja ankündigten. Im zweiten Zitat gibt Sophokles die schmerzerfüllten Worte des Teukros wieder, mit welchen dieser am Leichnam seines Bruders Ajax in kundtut, wie er von dessen Tod erfahren hat. In den 'Werken und Tagen', aus welchen das dritte Zitat stammt, gibt Hesoid in Liedern, Sprüchen und Gedichten zum Jahres- und Tagesablauf der Menschen vom Lande unter anderem Ratschläge, wie das Leben im Einklang mit den Göttern zu meistern ist.
Das Gerücht verkündet hier sowohl gute als auch schlechte Botschaften. Es kann die Betroffenen hoffnungsfroh stimmen als auch in Trauer stürzen. Zugleich wird aber auch deutlich, dass niemand ihm blindlings vertrauen darf, sondern Skepsis angebracht ist - bis hin zu dem Rat, sich vor dem vernommenen Gerücht zu hüten oder ihm womöglich aus dem Weg zu gehen.
Allen gemeinsam aber ist ein hervorstechendes Merkmal: Die Verbindung von göttlichen Einflüssen mit dem, was Menschen sagen und verkünden! Erwähnt Aischylos etwas, was von einem Gott auf den Weg gebracht worden sein kann, so tritt bei Sophokles ein Gott selbst als möglicher Überbringer der Nachricht auf. Hesiod nun erhebt das Gerücht selbst ins metaphysische und weist ihm den Rang einer Gottheit zu. Diese Bedeutungsteigerung führte hin bis zu einer
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eigenständigen Göttin, die den Namen pheme, der attischen Dialektvariante des dorischen Begriffs phatis (Rede, Sage, gute und schlechte Nachrede, Offenbarung), 4) erhielt.
Dieser pheme, die Aischylos sogar als eine der "größten Göttinnen" bezeichnet, schreibt er auch einen Altar zu, der für sie in Athen errichtet wurde. 5) Dies soll um 465 v. Chr. geschehen sein. Grund war der Sieg eines griechischen Heeres unter dem attischen General Kimon über die Perser und was dafür wohl ausschlagebend war, die Tatsache, dass die Nachricht hierüber Athen noch am selben Tag erreichte. 6) Für die im mythischen Denken verhafteten Menschen des antiken Griechenland konnte ein solches Ereignis keine natürlichen Ursachen haben. Es erforderte göttliches Eingreifen.
Pausanias bestätigt noch einige Jahrhunderte später die Existenz einer solchen Kultstätte der "göttlichen Stimme" und erwähnt, wohl um ihre Bedeutung ins rechte Maß zu setzen, in ihrer Nachbarschaft auch Altäre für Aidos (die sittliche Scheu) und Horme (den Trieb). 7) Aber nicht nur in der klassischen Zeit Griechenlands tritt uns das Gerücht in seiner Verbindung zum Göttlichen entgegen. Bereits Homer bemühte ossa (Sage, Gerücht im Gegensatz zur bestimmten Nachricht; personifiziert: Botin des Zeus) 8) um sowohl die Schnelligkeit als auch die Wichtigkeit der übermittelten Botschaft hervorzuheben:
"Also zogen die Massen der Völker von Schiffen und Zelten,
Schar an Schar, zur Versammlung, entlang am tiefen Gestade, Denn ein Gerücht (ossa, d. Verf.) von Zeus gesendet, war unter den Männern Plötzlich entbrannt und trieb sie zur Eile, bis alle versammelt." 9)
So berichtet er im zweiten Gesang der Ilias wie sich der Bericht des Agammemnon über seinen von Zeus gesandten Traum, der ihm den Sieg verhieß, unter den Männern des griechischen Heeres verbreitete und ihnen neue Hoffnung gab. Auch in der Odyssee übernimmt Zeus Botin die Rolle des Nachrichtensprechers:
"Aber Ossa, die schnelle Verkünderin, eilte ringsum
Durch die Stadt mit der Botschaft vom traurigen Tod der Freier." 10)
So wurden die Bewohner von Odysseus' Reich von den dramatischen Ereignissen im Hause des heimgekehrten Königs unterrichtet.
Für die Griechen war es aufgrund des ihnen eigenen mythischen Typus von Religiosität naheliegend jene Dinge, die sich weder mit den Händen noch mit logos fassen ließen, ins Metaphysische zu entrücken. Dazu gehörte auch etwas so flüchtiges
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wie ein Gerücht. Ob es über gute oder schlimme Ereignisse berichtete, ob über einzelne Menschen, über Städte oder ganze Völker, das Gerücht verfügte, als letztendlich von den Göttern gesandt, über göttliche Attribute. Damit aber auch über die Macht, den Einfluss und auch die Glaubwürdigkeit, die die Olympier selbst besaßen. Diese feste Verbindung von Gerücht und Gottheit befähigte die diesem Phämomen ausgesetzten Menschen dazu, die Botschaft nicht nur als durch die Götter vermittelt, sondern als von den Göttern selbst kommend zu begreifen. pheme lässt sich in all ihrer Verschwommenheit für die damalige Zeit auch als ein 'Kommunikationsmittel' zwischen Göttern und Menschen auffassen.
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2) Gerücht und Mensch
Aber auch die zutiefst menschliche Seite des Gerüchts war den Griechen nicht fremd. Seine Entstehung, Verbreitung und besonders die damit verbundene Absicht wird in den antiken Quellen als Produkt von lebenden und fassbaren Menschen beschrieben und einer kritischen Analyse unterworfen.
So widmet Theophrast in seinen "Charakterbildern" der Beschreibung eines Gerüchteerfinders mehrere Seiten. Er schildert ihn als Menschen mit ganz bestimmten Verhaltensweisen: ein freundliches Auftreten verbindet dieser mit einer geheimnisvollen Aura. Das (oder die) Opfer werden direkt angesprochen, ohne dass sie selber jedoch zu Wort kommen. Der Gerüchtemacher beantwortet seine Fragen selbst: "[...] Weißt Du das Neueste über die bewusste Geschichte?[...]"; "[...]Ich glaube, da kann ich dir reichlich Neuigkeiten auftischen![...]" 11) usf.
Er legt sich nicht fest und berichtet nur von Dingen, die "die Spatzen ja schon von den Dächern [pfiffen]" 12) ohne selber wirklich Stellung zu beziehen. Diese Redeweise in Konjunktiven und das "[...] streng vertraulich nur für dich![...]", 13) obwohl es schon die halbe Stadt weiß, rundet das ganze Bild nur noch ab. Diese psychologische Beschreibung zeigt einen Menschen von starkem Mitteilungsbedürfnis, überzeugt von der eigenen Wichtigkeit, ohne jedoch die Bereitschaft zu besitzen, die Konsequenzen seine Redens und Tuns auch zu übernehmen. Er liebt es, einen Stein ins Rollen gebracht zu haben und den weiteren Verlauf der Dinge vom sicheren Logenplatz aus zu betrachten. Sicher übertreibt Theophrast maßlos, wenn er die Produktion von Gerüchten nur als das "Erdichten falscher Wahrheiten und Ereignisse[...]" 14) zum Schaden der Mitmenschen ansieht. Aber zumindest ein überliefertes Ereignis macht deutlich, welche katastrophalen Konsequenzen damit verbunden sein können: der Fall des Alkibiades.
Die attische Flotte sollte während des Peloponnesischen Krieges im Jahre 415 v. Chr. unter seinem Oberbefehl gegen Syrakus auslaufen. In der Nacht, die dem Lichten der Anker vorausging, waren jedoch Götterbilder in der Stadt verstümmelt und damit entweiht worden. Diesen Vorgang nutzte Androklos, ein geschworener Feind des Alkibiades:
"Er veranlasste einige Sklaven und Abhängige, seinen politischen Gegner bei den Behörden anzuzeigen. Der Grund: Alkibiades und seine Freunde hätten zumindest früher einmal bei nächtlichen Umzügen unter Alkoholeinfluß Götterbilder verstümmelt und die heiligen eleusinischen Mysterien parodiert". 15) "Nun behauptete zwar niemand direkt, dass Alkibiades für die Verstümmelung der Hermen verantwortlich sei; zuzutrauen sei ihm ein solcher Schabernack aber ohne weiteres". 16)
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Siegfried Exler, 2000, "Göttliche Macht und menschliches Medium" - zur Rolle des Gerüchts in der griechischen Antike, Munich, GRIN Publishing GmbH
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