Inhaltsverzeichnis
1. Tugend Ein alter Hut 2
2. Historische Entwürfe 4
2.1 Platon 4
2.2 Aristoteles 6
2.3 Thomas von Aquin 12
3. Demokratie braucht Tugenden 15
3.1 Grundkonzeption 15
3.2 Tugenden des Bürgers und des Wählers im Besonderen 20
3.2.1 Vorbemerkung 20
3.2.2 Selbstverantwortung und Eigenhilfe 20
3.2.3 Redlichkeit 21
3.2.4 Zivilcourage 21
3.2.5 Vertrauen und Kritikfähigkeit 21
3.2.6 Umsichtigkeit 22
3.2.7 Vernunft 22
3.3 Tugenden des Politikers 22
3.3.1 Gewissenhaftigkeit 22
3.3.2 Gerechtigkeit Gemeinwohlorientierung 23
3.3.3 Wahrhaftigkeit 24
3.3.4 Klugheit 24
3.4 Tugenden der Journalistinnen und Journalisten 25
3.4.1 Journalistische Wissbegier und Klugheit 25
3.4.2 Standfestigkeit und Mut 25
3.4.3 Besonnenheit 26
3.5 Tugenden der Lobbyisten: Gemeinwohlorientierung trotz Partikularinteressen 27
4. Kritische Würdigung 27
5. Literaturverzeichnis 30
5.1 Quellen 30
5.2 Sekundärliteratur 31
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1. Tugend – „Ein alter Hut“?
Dieser Auffassung waren die Autoren der Denkschrift Demokratie braucht Tugenden offenbar nicht. Sie machen in unserem demokratischen Gemeinwesen ganz aktuell 1 einen Mangel an Tugenden aus. Mit der Beseitigung dieses Mangels aber, also mit der (Rück-) Besinnung auf Tugenden, würde die Demokratie und mit ihr das Zusammenleben der Menschen in Deutschland verbessert.
Mit dem Begriff Tugend hat man versucht, den griechischen Ausdruck av reth, zu übersetzen. Diese Übertragung ist allerdings problematisch, weil sich hinter der areth, ein gedankliches Konzept verbirgt, das nicht deckungsgleich mit einem einzigen Begriff wiederzugeben ist. 2 Daher sind weitere Bedeutungen aufzuzeigen, wenn man über av reth, spricht, so z.B.: ‚Vortrefflichkeit’, ‚lobenswerte Eigenschaft’, ‚Tauglichkeit’, 3 wobei der Begriff Tauglichkeit, obwohl er für moderne Ohren etwas antiquiert klingen mag, der ursprünglichen Bedeutung am nächsten kommen dürfte. Er ist nämlich nicht direkt moralisch konnotiert. Unter av reth, ist zunächst Gutheit in einem bestimmten Bereich zu verstehen, beispielweise im Handwerk oder in der Kunst. Mit der Zeit allerdings werden unter Tugendhaftigkeit allgemein gute Haltung, Eigenschaft, Handlung, Gestaltung 4 in Bezug auf das ethisch oder moralisch Richtige subsummiert 5 bis hin zur Definition der Tugend als „sittliche Kraft, die der Erhaltung der Gemeinschaft dient“ (LANGE 1992: 259). Wir werden sehen, dass es wenig ertragreich ist, es bei einer derart kurzen Definition bewenden zu lassen. LANGE hat aber mit der Dimension der Gemeinschaft einen wichtigen Aspekt in seine Definition aufgenommen. Denn auch wenn antike Vorbilder wie PLATON und ARISTOTELES ihr Augenmerk auf den Mensch an sich richten, wird spätestens mit der Denkschrift Demokratie braucht Tugenden deutlich, dass Tugendhaftigkeit zwar eine Sache der inneren Einstellung des Individuums ist, die aber konkrete positive Auswirkungen auf das Gemeinwesen hat. Unter diesem Blickwinkel sind 1 Die Denkschrift erschien im November 2006.
2 Es sei darauf hingewiesen, dass ja auch in der antiken Welt über einen Grundkonsens hinaus keineswegs Einigkeit darüber bestand, was unter av reth, zu verstehen sei.
3 Vgl. WILS/MIETH 1992: 183f; HÖFFE/RAPP 1998: 1532; MÜLLER 1998: 20-24; PRISCHING 2001: 20; LANGE 1992: 259; BORCHERS 2001: 155-158.
4 Vgl. MÜLLER 1998: 15: „[W]irkliche Tugend ist Ergebnis und Quelle vernunftgeleiteter und selbständiger Lebensgestaltung.“ 5 Darunter fallen auch die so genannten Sekundärtugenden oder bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit. Der Zusatz „sekundär“ deutet aber schon darauf hin, dass es übergeordnete Tugenden gibt. Nur diese werden in der vorliegenden Arbeit behandelt. Es bedarf keiner umfassenden Analyse, um herauszustellen, dass Sekundärtugenden nicht nur im guten, sondern auch im schlechten Sinne angewandt werden können, ohne dass sich ihre Qualität verändert. Fleiß, Ordnung und Pünktlichkeit der Nationalsozialisten bei der Vernichtung von Menschen bleiben dieselben, wobei weder die Haltung noch die Handlungen der Mörder als tugendhaft im eigentlichen Sinne bezeichnet werden können. Diese kurze Anmerkung soll als Begründung dafür genügen, dass diese sog. Tugenden in der vorliegenden Arbeit keine Rolle spielen. (vgl. MÜLLER 1998: 14)
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Tugenden „alte Lebensmaximen“ 6 mit neuer Aktualität. Im Vorfeld ist allerdings grundlegend festzuhalten, dass der Tugendbegriff trotz aller Renaissanceanzeichen in der Neuzeit für die Menschen in der Antike einen wesentlich höheren Stellenwert hatte. Während nämlich heute im Zusammenhang mit Tugend danach gefragt wird, zu welchen Verhaltensweisen man moralisch verpflichtet ist, ist die Frage nach der Tugend für den antiken Ethiker eine auf den ganzen Menschen abzielende Frage. Sie zielt auf das Problem, wie man leben soll, was für ein Mensch man sein soll, damit man schließlich Glück erlangt. (vgl. HÖFFE/RAPP 1998: 1533; KERSTING 2001: 43) 7 Ob sich allerdings antike bzw. mittelalterliche Tugendentwürfe und moderne Ansätze unvereinbar gegenüber stehen oder sich vielleicht auch sinnvoll ergänzen, soll mit der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Hierzu werden die platonisch-aristotelische Tugendlehre und der Ansatz THOMAS VON AQUINS als historische Bezugspunkte untersucht, da sie m.E. ohne Zweifel die herausragenden tugendethischen Ansätze bis heute darstellen. Sodann wird die Denkschrift Demokratie braucht Tugenden näher in den Blick genommen, der eine Entwicklung des Tugendbegriffes in der Moderne zugrunde liegt. Es soll außerdem nach gemeinsamen Ansätzen der historischen Entwürfe und der Denkschrift gesucht werden, die für ein gutes Zusammenleben von Menschen in unserem Gemeinwesen fruchtbar gemacht werden können.
Dabei können im Rahmen dieser Arbeit jedoch einige für das Thema wesentliche Aspekte leider nicht berücksichtigt werden. Das gilt für antike Ansätze, die der Richtung der Akademie kritisch bis ablehnend gegenüber standen, wie zum Beispiel die Stoiker, wie auch für die aktuelle Diskussion, 8 die um die Vor- und Nachteile von Tugendethik gegenüber anderen ethischen Entwürfen kreist. Vor allem letztere wäre für eine umfassende Behandlung der hier aufgeworfenen Fragestellung nach der aktuellen Notwendigkeit von Tugenden im demokratischen Gemeinwesen in weiteren Arbeiten zu berücksichtigen, um nachdrücklich deutlich zu machen, dass Tugend eben kein alter Hut ist.
6 Diese Formulierung stammt von KUTSCHKI 1993. Die Autoren des Aufsatzbandes beschreiben aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Aktualität der (Kardinal-)Tugenden.
7 Daher ist auch die Bezeichnung der antiken Ethik als Tugendethik nicht ganz zutreffend, da die zentrale Frage ja auf das Glück und nicht auf die Tugend abzielt, weswegen sie als eudaimonistische Ethik verstanden werden sollte. (vgl HÖFFE/RAPP 1998: 1533) 8 Vgl. exemplarisch STOCK 1995; MÜLLER 1998; RIPPE 2000; MIETH 2000; KERSTING 2001, bes. 66-72; HÖFFE 2004 sowie die in Anm. 25 angeführten Titel.
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2. Historische Entwürfe
2.1 Platon 9
PLATON behandelt in vielen seiner Werke die Frage nach dem Wesen der Tugend, indem er
zahlreiche Ansätze von Vorgängern aufgreift und erweitert, allen voran die des SOKRATES 10 .
Im philosophischen Denken der Antike war die Ansicht fest verankert, dass der Mensch sein
Leben nach einem letzten Zweck, nach einem höchsten Gut, kurz: nach dem Glück ausrichte.
Äußerst umstritten war allerdings der Weg, der zum glücklichen Leben führen könne.
Unter diesem Gesichtspunkt muss auch die gesamte Tugendlehre PLATONS begriffen werden.
Tugenden sind hier die „Eigenschaften, Gewohnheiten, Haltungen, Handlungsweisen und
Kompetenzen, die zuverlässiger das höchste Gut herbeizuführen vermögen als andere“
(KERSTING 2001: 45f) 11 . Da er stets skeptisch war, ob die unzweifelhafte Erkenntnis des
Glücks oder des Gutseins überhaupt möglich sei, (vgl. HÖFFE/RAPP 1998: 1536) ist das
intensive Nachdenken darüber, was für das menschliche Leben insgesamt gut oder schlecht
sei, von zentraler Bedeutung, um schließlich zu einem Tugendwissen zu gelangen, das zur
Hervorbringung des Glücks führt. (vgl. HÖFFE/RAPP 1998: 1536) In seiner Politeia
thematisiert er diesen Problemkreis, wobei er die Tugenden zunächst im Zusammenhang mit
der wohlgeordneten Stadt einführt, bevor er sich auf den Menschen an sich konzentriert. Hier
ist mit einem Bezug auf ein konkretes praktisches Feld des menschlichen Zusammenlebens
eine entscheidende Weiterführung sokratischer Gedanken feststellbar (vgl. IRWIN 1997: 123).
Hinsichtlich der wohlgeordneten Stadt stellt PLATON fest, dass sie gut ist, wenn in ihr zu
allererst Weisheit (sofi, a) zu finden ist. (vgl. Pol.: 428b) Darunter ist allerdings nicht die
9 Obwohl die Tugenden in der Politeia PLATONS explizit als solche ausgeführt werden, sind auch viele andere
Werke PLATONS in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen. Hierbei besteht allerdings die Schwierigkeit, dass der frühe PLATON nicht trennscharf von im Grunde sokratischen Ansichten unterschieden werden kann, was wiederum Auswirkungen auf Festlegungen im Bereich der Tugendlehre hat; zum Teil gibt es sogar Widersprüche (vgl. IRWIN 1997). Daher beschränken wir uns auf Grundlegendes.
10 Vgl. Gorg.: 506c-507c: SOKRATES beschreibt hier das gute Leben als dasjenige des Tugendhaften.
Tugendhaftigkeit ist allerdings nicht – wie das mit unterschiedlichen Schwerpunkten in vorsokratischer Zeit z.B. bei HOMER, HESIOD oder PINDAR bereits anklingt (vgl. HÖFFE/RAPP 1998: 1533f) – durch eine gute Verfassung des Körpers, sondern durch die Ordnung (ta, xij) der Seele zu erlangen. Der Tugendbegriff wird damit intellektualisiert. Die über allem stehende, maßgebliche Tugend ist die Besonnenheit (swfrosu, nh), woraus Frömmigkeit (ov si, a) und – das lässt sich aus den Bemerkungen über die Tapferkeit schließen – Mäßigung folgen. Tapferkeit leitet sich aus der Besonnenheit ab. Sie ist dazu notwendig, alles das zu fliehen, was ihn von den übrigen Tugenden abhält und standhaft zu bleiben. Die tugendhafte Lebensweise führt zum letztlich Erstrebenswerten, dem Glück, „[s]o daß notwendig […] der besonnene Mann, da er wie wir gezeigt haben, auch gerecht und tapfer und fromm ist, auch der vollkommen gute Mann sein wird; der Gute aber wird schön und wohl in allem leben, wie er lebt, wer aber schön und wohl lebt, wird auch zufrieden und glückselig sein.“ (Gorg.: 507c) An anderer Stelle fügt er Gerechtigkeit (dikaiosu, nh) hinzu, (vgl. Euth.: 279b) die später als übergeordnete Tugend fungieren wird. Womöglich haben diese Gedanken – insbesondere die im Gorgias aufgeführten – PLATON zur Abfassung der Politeia gebracht. (vgl. IRWIN 1997: 124)
11 So im Bezug auf Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit. Bevor eine der beiden als Tugend bezeichnet werden
kann, muss erst untersucht werden, welche von beiden zur Glückseligkeit (euv daimoni, a) führt. (vgl. Pol.: 427b)
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Erkenntnis eines Baumeisters oder Landwirts zu verstehen, die sich stets bloß auf das Innere der Stadt beziehen, sondern die Summe der Erkenntnisse von Wenigen, die über die Stadt hinausreichen. (vgl. Pol.: 428c/d) Als zweite Tugend wird die Tapferkeit (av ndrei, a) genannt. Sie sorgt dafür, dass der Mensch durch seine Bildung und Erziehung stets standhaft und beharrlich bleibt und Gutes von Schlechtem zu trennen weiß, so dass er gewiss ist, was zu tun und was zu unterlassen ist. Das gilt besonders angesichts verschiedener Bedrohungen wie Lust (h` donh, ), Schmerz (lu, ph), Furcht (fo, boj) und Begierde (ev piqumi, a). (vgl. Pol.: 429a-430c; IRWIN 2004: 224) Die Besonnenheit (swfrosu, nh) ist die dritte Tugend auf dem Weg zur Gerechtigkeit. Sie vervollständigt PLATONS Theorie der Dreiteilung. Wie schon das Gemeinwesen in drei Bereiche gegliedert wurde, von denen die Regierenden sozusagen als primi inter pares zwischen den beiden übrigen vermittelten, fungiert auch die Besonnenheit als Mittlerin zwischen Weisheit und Tapferkeit dergestalt, dass sie schließlich zur Gewissheit führt, dass „the rational part should rule“ (IRWIN 2004: 225), „[s]o daß wir also vollkommen richtig sagen können, diese Einmütigkeit sei Besonnenheit, nämlich des von Natur aus Besseren und Schlechteren Zusammenstimmung darüber, welches von beiden herrschen soll, in der Stadt sowohl als in jedem einzelnen“ (Pol.: 432a/b).
Tugendhaftigkeit zeigt sich allerdings erst, wenn auch die vierte Tugend sich einstellt, die Gerechtigkeit (dikaiosu, nh). Sie ist vorhanden, wenn alle anderen Tugenden bei jedem Einzelnen zur Entfaltung kommen. Dann nämlich verrichtet jeder das Seinige und erhält jeder das Seinige. (vgl. Pol.: 433b/d/e) PLATON gelangt in Anlehnung an SOKRATES zum Tugendwissen über die Analyse der menschlichen Seele, da herausgefunden werden muss, was die „Natur der Seele vom Menschen verlangt“ (KERSTING 2001: 46). Die Ordnung der Seele als Voraussetzung des Tugendwissens ist dann hergestellt, wenn die Seele das Ihrige tut. Analog zum sozialen Aufbau der idealen Stadt 12 und ihrer Tugenden stellt sich Platon die Seele als dreigeteilt dar, (vgl. IRWIN 1997: 123) wobei jeder der drei Teile seine eigene Beschaffenheit und damit eigene Funktionen aufweist.
Die ersten beiden Teile, zunächst der treibende, sodann der vernünftige, bilden ein Gegensatzpaar. Sie korrespondieren mit der Tugend der Tapferkeit und der Weisheit. Der 12 Auch der soziale Aufbau ist in Bezug auf die Funktionen im Gemeinwesen dreigeteilt, da Platon den Beruf des Kriegers einführt – eine revolutionäre Neuerung innerhalb eines staatlichen Systems, das für jeden Bürger die Verteidigungspflicht vorsieht. (vgl. CANTO-SPERBER/BRISSON 1997: 96) Somit teilt sich die Polis-Gesellschaft zunächst in Erwerbstätige (im Wesentlichen Handwerker und Bauern) und Krieger, von denen wiederum wenige als Philosophen die po, lij regieren sollen. (vgl. CANTO-SPERBER/BRISSON 1997: 97)
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dritte Teil der Seele ist der eifrige (qumo, j) 13 , der die Tugend des Maßes impliziert. (vgl. Pol.: 440c.441a; IRWIN 1997: 125; CANTO-SPERBER/BRISSON 1997: 99) Genauso wie die Stadt gut ist durch die sie gestaltenden Menschen, so ist der Mensch tugendhaft durch seine Seele. (vgl. Pol.: 435f.441c) Alle drei Seelenteile müssen im Einklang miteinander stehen, damit der Mensch tugendhaft genannt werden kann: „Dann verhält sich also der Mensch tugendhaft, wenn seine Seele das Ihrige tut; und dann tut seine Seele das Ihrige, wenn jeder Seelenteil das Seinige tut.“ (KERSTING 2001: 46) Dieser Zustand tritt dann ein, wenn innerhalb des Gegensatzpaares der vernünftige Teil der Seele dominiert und schließlich vom dritten, eifrigen Teil unterstützt wird. (vgl. Pol.: 442d; KERSTING 2001: 47) Hier kommt nun die übergeordnete Gerechtigkeit ins Spiel: Der so hergestellte Zustand ist gerecht – und die zu definieren war das eigentliche Ziel dieses Abschnittes der Politeia –, da „einer nämlich jegliches in ihm nicht Fremdes verrichten läßt, noch die verschiedenen Kräfte seiner Seele sich gegenseitig in ihre Geschäfte einmischen, sondern jeglichem sein wahrhaft Angehöriges beilegt und sich selbst beherrscht und ordnet und Freund seiner selbst ist“ (Pol.: 443e). Gerechtigkeit herrscht folglich „durch optimale Kooperation der Tugenden“ (KERSTING 2001: 47). 14 Wenn ein Mensch diesen Zustand der seelischen Balance erreicht hat, ist er tugendhaft und handelt automatisch dementsprechend. Der Fokus dieses Ansatzes liegt auf dem Handelnden statt auf der einzelnen Handlung, da jemand mitunter Tapferkeit im Kampf beweisen könne, ohne an sich tugendhaft zu sein. Tapferkeit ist also nicht a priori eine Tugend, sondern erst, wenn sie dem Guten zuträglich ist. (vgl. HÖFFE/RAPP 1998: 1537) Der Vorwurf, ein tugendethischer Ansatz konzentriere sich ausschließlich auf den Handelnden und nicht auf die Handlung, wird aber dennoch entkräftet. Der Mensch erweist sich nämlich erst durch seine Handlung, die er aufgrund seines seelischen Gleichgewichts hervorbringt, als tugendhaft und erreicht erst dann den Zustand der Glückseligkeit (vgl. Euth.: 280d)
2.2 Aristoteles
Die Tugendlehre des Aristoteles zielt in der Tradition PLATONS ebenfalls auf das Gute, das Glück im Sinne eines gelungenen, geglückten Lebens (vgl. EN: I,3 1095a), 15 womit er ebenso den Fokus auf den einzelnen Menschen richtet. Erst später kommt er wieder auf die Tugenden 13 Der Begriff bereitet in der Übersetzung Schwierigkeiten. Platon bezeichnet ihn als bisweilen mit der Vernunft verbündet. (vgl. Pol.: 440b.441a) Hierunter ist eine „heftige Gemütsregung“ zu verstehen, „die – meist im Sinne der vernünftigen Einsicht – zum Handeln oder Ausharren treibt“ (Pol.: 375a, Anm. 33). Damit korrespondiert der qu, moj innerhalb der Seele mit der swfrosu, nh, die ebenfalls als Mittler zwischen andrei, a und sofi, a fungiert. 14 Vgl. pointiert FORSCHNER 2001: 294.
15 Sie kann also zum einen teleologisch (die Tugenden sind auf ein Ziel gerichtet) und zum anderen eudaimonistisch (dieses konkrete Ziel ist das Gute) genannt werden. (vgl. KERSTING 2001: 50)
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Arbeit zitieren:
Jörg Röder, 2007, Braucht Demokratie Tugenden? , München, GRIN Verlag GmbH
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