Berufsakademie Stuttgart
Studienbereich Sozialwesen
Studiengang: Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation
Thomas Szczepanek
Studienjahrgang 2004/B
Diplomarbeit
Differenzierte Sinneserfahrungen und erweiterte Integrationsmöglichkeiten für
Menschen mit einer geistigen Behinderung durch das Erfahrungsfeld der Sinne EINS +
ALLES des Christopherus-Heims e.V.
Ein neues sozialpädagogisches Konzept für die Behindertenhilfe?
Inhaltsverzeichnis
1. Themenstellung und Einführung ... 4
2. Sinneserfahrungsfelder und die Bedeutung der menschlichen Sinne ... 6
2.1 Hugo Kükelhaus und Sinneserfahrungsfelder ... 6
2.1.1 Grundlagen ... 6
2.1.2 Entwicklungspsychologische Aspekte ... 8
2.1.3 Bedeutung von Sinneserfahrungen für den Mensch ... 10
2.1.4 Ziele der Erfahrungsfelder ... 10
2.2 Die menschlichen Sinnesorgane und ihre Bedeutung in der Anthroposophie ... 12
2.3 Zusammenfassung und kritische Stellungnahme ... 16
3. Menschen mit einer Behinderung: Von der Deinstitutionalisierung zur Inklusion ... 19
3.1 Das Normalisierungsprinzip ... 19
3.2 Selbstbestimmung, Autonomie und Empowerment ... 22
3.3 Integration und Inklusion ... 27
3.4 Schlussfolgerungen ... 34
4. Das Erfahrungsfeld der Sinne EINS + ALLES des Christopherus-Heims e.V. ... 36
4.1 Ausgangslage und Idee ... 36
4.2 Einzelne Stationen des Erfahrungsfelds EINS + ALLES ... 39
4.3 Das Erfahrungsfeld der Sinne als therapeutische Chance ... 41
4.4 Das Erfahrungsfeld der Sinne als Integrationsprojekt ... 42
5. Empirische Untersuchung zur Integration und Sinneswahrnehmung von Menschen mit einer Behinderung ... 46
5.1 Empirische Methodik und Durchführung ... 46
5.2 Ergebnisse der Experteninterviews ... 50
6. Empirische Untersuchung zur Sinneserfahrung von Menschen mit einer Behinderung ... 57
6.1 Empirische Methodik und Durchführung ... 57
6.2 Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung ... 59
7. Auswertung und Interpretation der empirischen Studien ... 62
7.1 Differenzierte Sinneserfahrungen für die Bewohner des Christopherus-Heims ... 62
7.2 Erweiterte Integrationsmöglichkeiten für die Bewohner des Christopherus-Heims ... 65
7.3 EINS + ALLES als neues sozialpädagogisches Konzept für die Behindertenhilfe ... 68
8. Zusammenfassung und Ausblick ... 70
9. Literaturverzeichnis ... 72
Anhang I: Interview Dieter Einhäuser ... 75
Anhang II: Interview Theodorus Maas ... 82
Anhang III: Interview Ulrich Niehoff-Dittmann ... 90
Anhang IV: Matrix zur Auswertung der Experteninterviews ... 96
Anhang V: Beobachtungsbogen ... 101
1. Themenstellung und Einführung
In meinem Studium der Sozialpädagogik machte ich im Rahmen der praktischen Ausbildung vielfältige Erfahrungen in der Sozialen Arbeit mit behinderten Menschen. Meine Praxisstelle, das Christopherus-Heim e.V., ist ein Heim für geistig und mehrfach behinderte Erwachsene, welches sich in seiner Arbeit an der Anthroposophie Rudolf Steiners orientiert. Nach anthroposophischer Tradition liegt das Heim weitgehend isoliert von der restlichen Welt im Welzheimer Wald, einem Naherholungsgebiet der Stadt Stuttgart und bildet eine in sich abgeschlossene Gemeinschaft aus Menschen mit und ohne Behinderung. Mit diesem Konzept der ‚heilen Dorfgemeinschaft’ entspricht die Einrichtung nicht mehr den aktuellen Forderungen der Sozialpolitik und ihres überörtlichen Trägers, dem Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), nach Ambulantisierung und Deinstitutionalisierung zur verbesserten Integration und Normalisierung der Lebenssituation von behinderten Menschen.1 Da die Einrichtung aber gerne an ihren Räumlichkeiten und auch an ihrer Gemeinschaft festhalten möchte, entwickelte sich die Idee einer ‚inversen Integration’, was wortwörtlich eine umgekehrte Eingliederung bedeutet und somit eine Integration der Gesellschaft in die Heimgemeinschaft meint. Praktisch soll diese Idee durch das Erfahrungsfeld der Sinne EINS + ALLES, eine Art öffentlicher Erfahrungspark mit diversen Stationen zur Sinneserfahrung, realisiert werden. Behinderten Menschen dient dieses Projekt zum einen als Arbeitsplatz, indem sie Dienstleistungsaufgaben etwa im Besuchercafé oder der Besucherbetreuung übernehmen, zum anderen auch als erweitertes Therapieangebot zur Förderung von Sinneserfahrungen. Auf diese Weise erhofft sich die Einrichtung Integration von behinderten und nichtbehinderten Menschen durch das gemeinsame Tun und Erleben im Erfahrungsfeld zu ermöglichen. Bedingt ist in dieser Konstellation sogar der nichtbehinderte Mensch vom Wissen und Können des behinderten Menschen abhängig, da dieser Experte fü die einzelnen Stationen sein wird und dem Besucher als Führer durch den Park dient.
Doch das Erfahrungsfeld der Sinne hat nicht nur eine integrative Wirkebene auf den Menschen, sondern bietet auch die Chance gezielt und verstärkt Sinneserfahrungen zu machen. Besonders behinderte Menschen sind häufig von einer Art ‚Sinnesarmut’ bedroht, da viele von ihnen durch mangelnde Beweglichkeit, etwa durch das Sitzen im Rollstuhl, nicht die Freiheit haben ihre Sinnesorgane zu nutzen oder aber die Sinnesorgane selbst von der Behinderung betroffen sind. Aber die Gefahr der ‚Sinnesverarmung’ existiert nicht nur für behinderte Menschen, sondern auch der sogenannte gesunde und normale Mensch vernachlässigt seine Sinne in der modernen Welt zunehmend. So nimmt der Mensch rund 80 Prozent aller Sinneseindrücke über seine Augen wahr,2 so dass es für das Sinnesorgan Auge häufig zu einer regelrechten Reizüberflutung kommt. Doch was ist mit unseren restlichen Sinnesorganen? Nur in Einzelfällen wissen wir, wie unsere Umgebung riecht oder schmeckt, und es häufen sich Nachrichten von Kindern, die motorisch unterentwickelt sind.3 Dabei haben doch verschiedene Entwicklungspsychologen, wie Jean Piaget4 und auch der Begründer von Sinneserfahrungsfeldern Hugo Kükelhaus und Rudolf Steiner in seiner anthroposophischen Lehre, die Bedeutung von Sinneserfahrungen für die kognitive Entwicklung eines Menschen festgestellt. Versteht man unter Sinnen nicht nur die klassischen fünf Sinne Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen und Hören, sondern erweitert den Begriff der Sinne um sogenannte ‚soziale Sinne’, wie die Eigenwahrnehmung im Bezug zur Wahrnehmung seines sozialen Umfelds, so schult ein Erfahrungsfeld der Sinne nicht nur die sensorischen Sinne, sondern auch die sozialen Fähigkeiten eines Menschen.
Das breite Spektrum an integrativen und sinnlichen Möglichkeiten des Erfahrungsfeldes EINS + ALLES für die Bewohner des Christopherus-Heims soll im Rahmen dieser Arbeit untersucht und die Frage geklärt werden, ob das Projekt ein neues sozialpädagogisches Konzept für die Behindertenhilfe darstellen könnte.
Hierzu soll zunächst auf die Idee der Sinneserfahrungsfelder eingegangen und die Bedeutung der Sinne und sinnlicher Erfahrungen für die menschliche Entwicklung nach Kükelhaus und Steiner geklärt werden. Das folgende Kapitel gibt einen Einblick in die Entwicklung der Behindertenhilfe von der Exklusion hin zur Inklusion von Menschen mit einer Behinderung in die Gesellschaft. Hierauf folgt eine Beschreibung der Umsetzung des Erfahrungsfeldes der Sinne EINS + ALLES im Christopherus-Heim und der Idee der ‚inversen Integration’, welche durch das Projekt verwirklicht werden soll. Anhand von Interviews mit Fachleuten der Behindertenhilfe und teilnehmender Beobachtung zum Thema Sinneswahrnehmung behinderter Menschen sollen zuletzt die Möglichkeiten des Erfahrungsfelds in Bezug auf soziale Integration und Sinnesförderung dargestellt werden.
2. Sinneserfahrungsfelder und die Bedeutung der menschlichen Sinne
Hugo Kükelhaus und Rudolf Steiner betonten beide die Bedeutung der Sinnestätigkeiten für die Entwicklung des Menschen. Im Folgenden soll die Idee der Sinneserfahrungsfelder im Sinne des Begründers Kükelhaus erläutert und die anthroposophische Sinneslehre erklärt werden.
2.1 Hugo Kükelhaus und Sinneserfahrungsfelder
Als Begründer von Erfahrungsfeldern der Sinne gilt Kükelhaus (1900 - 1984), welcher zunächst eine Lehre als Tischler und Zimmermann machte und nach seiner Meisterprüfung Soziologie, Philosophie, Logik, Medizin und Mathematik studierte. Er arbeitete später freiberuflich als bildender Künstler (Bildhauer, Grafiker, Maler und Autor) und Wissenschaftler (Pädagoge, Architekt und Philosoph) und publizierte eine große Anzahl von wissenschaftlichen Werken. 1967 installierte er erstmals naturkundliche Erfahrungsstationen zur Weltausstellung in Montreal und schaffte seitdem verschiedene Versuchsstationen zum Thema Sinneserfahrungen.5 Heute gibt es einige erfolgreiche Erfahrungsfelder der Sinne, wie etwa in Wiesbaden oder Nürnberg,6 welche Kükelhaus’ Konzept zur Sinnesschulung verwirklichen.
2.1.1 Grundlagen
Der Titel von Kükelhaus’ wichtigstem Werk zum Thema der Sinne „Entfaltung der Sinne – Ein ‚Erfahrungsfeld’ zur Bewegung und Besinnung“ beschreibt sehr deutlich die zwei Ebenen, die durch ein Sinneserfahrungsfeld angesprochen werden sollen: Zum einen soll Bewegung erfahren werden und zum anderen eine Besinnung, ein kognitives Erleben stattfinden.
Bewegung setzt die Tätigkeit der menschlichen Sinnesorgane voraus um die eigene Umwelt durch Fühlen, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen wahrzunehmen und den eigenen Körper in dieser mit Hilfe des Gleichgewichtsinns zu positionieren. Doch in der hoch industrialisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts werden viele Sinne immer weniger gefordert, immer mehr vom menschlichen Körper erbrachte Leistungen werden durch Maschinen ersetzt. Diese Technisierung der Welt bewirkt zunehmend, dass das Auge nur noch als visuelles Steuerungs- und Kontrollorgan fungiert ohne die anderen menschlichen Sinne einzusetzen. Die Außenwahrnehmung des Menschen wird auf diese Weise durch die rein visuelle Aufnahme stark begrenzt, denn Geruch, Geschmack, Temperatur oder Oberflächenstruktur lassen sich mit dem Auge nicht oder nur unzureichend wahrnehmen. Diese industrielle Entwicklung geschieht einerseits natürlich aufgrund ökonomischer Aspekte, aber auch aus dem gesellschaftspolitischen Ziel heraus, dem Menschen das Leben zu erleichtern.7 So prägt der Sozialanthropologe Arnold Gehlen das Prinzip von „Fortschritt gleich Entlastung“8, also der fortwährenden Arbeitsentlastung des modernen Menschen durch Maschinen. Diese Sichtweise verkennt jedoch vollkommen die Bedeutung, welche ganzheitliche Tätigkeiten für den menschlichen Organismus haben. Denn gerade die Nicht- Inanspruchnahme von Sinnesorganen führt zu Erschöpfung. Deren Inanspruchnahme hingegen erfrischt den Organismus und fördert diesen. So ist beispielsweise das Laufen auf einer geraden, geteerten Straße ermüdender, als ein Spaziergang auf einem unebenen Waldweg, der alle Sinne, Muskeln und Gelenke anspricht.9 Goethe betonte die Bedeutung dieses ganzheitlichen Ansatzes in seinem Ausspruch, „mit den Händen sehen, mit den Augen fühlen“10, denn Sinnesverarmung, welche Hugo Kükelhaus auch als „negativen Stress“11 bezeichnete, bedeutet für den Menschen eine Art ‚Lebensentzug’ durch mangelhafte Forderung und Förderung des menschlichen Sinnesvermögens.12
Die fatalen Folgen, die daraus resultieren, wenn menschliche Sinnesorgane nicht ausreichend genutzt werden und der Mensch zu wenige Reize empfängt, er sozusagen mit keinerlei lebenserregenden und lebenserhaltenden Herausforderungen konfrontiert ist, werden durch verschiedene Experimente belegt. So ließ der Staufenkaiser Friedrich II. im zwölften Jahrhundert Waisenkinder in völliger Isolation aufwachsen um festzustellen, ob Kinder ohne jegliche Ansprache und Zuneigung Sprache erwerben können. Das Experiment endete dramatisch mit dem Tod aller Kinder aufgrund der fehlenden sensorischen Stimulation. „Sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen...“13, so der Staufenkaiser.14
Auch zu Beginn der Raumfahrt Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in den USA Experimente durchgeführt um die Reaktion von Organen auf ihre Nichtinanspruchnahme zu erforschen: Probanden hielten sich in Isolierkammern auf, in denen Schwerelosigkeit herrschte, die Luft auf Körpertemperatur erwärmt war und es keinerlei akustische oder optische Reize gab. Die Überwachung der Körperfunktionen ergab, dass beim Probanden schon nach kurzer Zeit Halluzinationen eintraten und jegliche räumliche und zeitliche Orientierung verloren ging. Spätestens nach einer viertel Stunde musste das Experiment abgebrochen werden, da es zu lebensgefährlichen Störungen durch Überproduktion von weißen Blutkörperchen kam.15 Weitere Beispiele, wie die Folgen von Isolationshaft auf den Menschen oder Hospitalismus durch Heimunterbringung, zeigen, dass die Auseinandersetzung des Menschen mit einer herausfordernden Außenwelt und qualitätsvollen Sinnesreizen lebensnotwendig ist.
[...]
1 Vgl. KVJS 2007.
2 Vgl. BAYERISCHER RUNDFUNK 2007.
3 Vgl. ULRICH 2007, S. 1.
4 Vgl. PIAGET 1988.
5 Vgl. HUGO KÜKELHAUS GESELLSCHAFT 2007a.
6 ‚Schloss Freudenberg’ in Wiesbaden und ‚Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne’ in Nürnberg.
7 Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 45.
8 Ebd., S. 31.
9 Vgl. ebd., S. 43f.
10 Ebd., S. 31.
11 Ebd., S. 14.
12 Vgl. ebd., S. 31.
13 ZIMMER 2007.
14 Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 45.
15 Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 45.
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Thomas Szczepanek, 2007, Differenzierte Sinneserfahrungen und erweiterte Integrationsmöglichkeiten für Menschen mit einer geistigen Behinderung durch das Erfahrungsfeld der Sinne EINS + ALLES des Christopherus-Heims e.V. , Munich, GRIN Publishing GmbH
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