II
„Wer ein Haus baut, braucht ein gutes Fundament. Wer ein Unternehmen betreibt,
benötigt als Fundament eine gute Eigenkapitalbasis“.
Dr. jur. Horst S. Werner
III
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis V
Abkürzungsverzeichnis VI
1. Mittelstandsfinanzierung im Wandel 8
1.1 Problemstellung 8
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit 10
2. Klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) „Rückgrat“ der
deutschen Wirtschaft? 11
2.1 Definitorische Abgrenzung 11
2.2 Bedeutung für den Standort Deutschland 13
2.3 Finanzierungssituation 14
2.4 Eigenkapitalausstattung 16
3. Basel II Neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung 18
3.1 Konzept und Bestandteile 18
3.2 Erleichterungen für den Mittelstand 20
3.3 Rating mittelständischer Unternehmen 21
3.4 Auswirkungen und Konsequenzen für den Mittelstand 24
3.5 Beurteilung 26
4. Möglichkeiten der Beteiligungskapitalbeschaffung 29
4.1 Kapitalerhöhung durch bestehende Gesellschafter 29
4.2 Kapitalerhöhung durch Aufnahme neuer Gesellschafter 30
4.2.1 Eignung einer Direktbeteiligung 30
4.2.1.1 Einzelunternehmen 30
4.2.1.2 Personengesellschaften 30
4.2.1.3 Kapitalgesellschaften 31
4.2.1.4 Beurteilung 31
4.2.2 Eignung einer stillen Beteiligung 32
4.2.2.1 Begriffliche Klärung 32
4.2.2.2 Praxisrelevanz 33
4.2.2.3 Beurteilung 33
4.3 Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung (MAKB) 34
4.3.1 Begriffliche Einordnung und Überblick 34
4.3.2 Finanzwirtschaftliche Ziele und Auswirkungen 36
4.3.3 Personalpolitische Ziele und Auswirkungen 37
4.3.4 Staatliche Förderung der Vermögensbeteiligung 38
4.3.5 Mögliche Beteiligungsformen 38
4.3.5.1 Direktbeteiligung 38
4.3.5.2 Indirekte Beteiligung 40
IV
4.3.5.3 Stille Beteiligung 41
4.3.6 Kosten 41
4.3.7 Kritische Würdigung 42
4.4 Private Equity-Finanzierung 43
4.4.1 Begriffliche Einordnung und Überblick 43
4.4.2 Renditeorientierte Beteiligungsgesellschaften 45
4.4.2.1 Private Equity (PE) Gesellschaften 45
4.4.2.2 Venture Capital (V)C Gesellschaften 47
4.4.2.3 Corporate Venture Capital (CV)C Gesellschaften 48
4.4.2.4 Kritische Würdigung 49
4.4.3 Informelles Beteiligungskapital 51
4.4.3.1 Privatplatzierung (Private Placement) 51
4.4.3.2 Business Angels 52
4.4.4 Förderorientiertes Beteiligungskapital 53
4.4.4.1 Mittelständische Beteiligungsgesellschaften (MBG) 53
4.4.4.2 Staatliche Förderung 54
4.5 Börsengang / Initial Public Offering (IPO) 55
4.5.1 Kennzeichnung und Überblick 55
4.5.2 Vorbereitungsphase und Ablauf eines IPO´s 56
4.5.3 Ausgewählte Börsensegmente für KMU 58
4.5.3.1 Entry Standard (Frankfurter Wertpapierbörse) 58
4.5.3.2 M:access (Bayerische Börse München) 60
4.5.4 Kosten 61
4.5.5 Vor- und Nachteile 62
4.5.6 Kritische Würdigung 64
5. Zusammenfassung und Ausblick 66
5.1 Relevanz der Beteiligungsfinanzierung für KMU 66
5.2 Fazit 68
Literaturverzeichnis 71
V
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Quantitative Mittelstandsdefinition des IfM Bonn. 11
Abbildung 2: Quantitative Mittelstandsdefinition durch die EU (seit
01.01.2005).................................................................................................. 11
Abbildung 3: Unternehmen in Deutschland 2003 nach
Umsatzgrößenklassen 13
Abbildung 4: Bedeutung von Finanzierungsquellen im Jahr 2003 14
Abbildung 5: Eigenkapitalausstattung des Mittelstands im Verhältnis zur
Bilanzsumme 16
Abbildung 6: Die 3 Säulen der Neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarung. 19
Abbildung 7: Internationale Rating-Klassifizierung 22
Abbildung 8: Musterkreditportfolio einer mittelstandsorientierten Bank. 23
Abbildung 9: Nutzung von Mitarbeiterkapitalbeteiligung in Deutschland
(Stand 01 01 2004) 35
Abbildung 10: Mitarbeiter-Beteiligungsgesellschaft. 40
Abbildung 11: Geforderte Internal Rate of Return deutscher
Kapitalbeteiligungs
gesellschaften. 45
Abbildung 12: Ablauf einer Private Equity /Venture Capital-Finanzierung
45
Abbildung 13: Marktstruktur an den deutschen Börsen (am Beispiel der
Frankfurter
Wertpapierbörse (FWB)) 56
Abbildung 14: Direkte Kosten einer Börsennotierung. 61
Abbildung 15: Beschränkte Möglichkeiten der Eigenkapitalfinanzierung,
(Unternehmen nach Umsatzgrößen und Eignung von
Finanzierungsalternativen) 67
VI
Abkürzungsverzeichnis
AG Aktiengesellschaft AGP Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft AIM Alternative Investment Market Anm. Anmerkung BAND Business Angels Netzwerk Deutschland BayBG Bayerische Beteiligungsgesellschaft BVK Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften bzw. beziehungsweise ca. zirka CEFS Centre for Entrepreneurial and Financial Studies CVC Corporate Venture Capital d.h. das heißt DAX Deutscher Aktienindex Def. Definition DPO Direct Public Offering Dr. Doktor e.V. eingetragener Verein EStG Einkommensteuergesetz EU Europäische Union f. folgende ff. fortfolgende FWB Frankfurter Wertpapierbörse GbR Gesellschaft bürgerlichen Rechts GIZ Gesellschaft für innerbetriebliche Zusammenarbeit GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung HGB Handelsgesetzbuch HWK Handwerkskammer i.d.R. in der Regel IfM Institut für Mittelstandsforschung IFRS International Financial Reporting Standards IHK Industrie- und Handelskammer IPO Initial Public Offering IRR Internal Rate of Return
VII
KfW Kreditanstalt für Wiederaufbau KG Kommanditgesellschaft KGaA Kommanditgesellschaft auf Aktien KMU Klein- und mittelständische Unternehmen LBO Leveraged-Buy-Out LoI Letter of Intent LSE London Stock Exchange MAKB Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung MBG Mittelständische Beteiligungsgesellschaft mbH mit beschränkter Haftung MBI Management-Buy-In MBO Management-Buy-Out MDAX Midcap-DAX Mio. Millionen Mrd. Milliarden o.O. ohne Ortsangabe o.V. ohne Verfasser OHG Offene Handelsgesellschaft PE Private Equity Prof. Professor S. Seite SDAX Smallcap-DAX sog. sogenannt TecDAX Technologie-DAX u.a. unter anderem VC Venture Capital VermBetG Vermögensbeteiligungsgesetz VermBG Vermögensbildungsgesetz vgl. vergleiche VL Vermögenswirksame Leistungen VÖB Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands z.B. zum Beispiel
8
1. Mittelstandsfinanzierung im Wandel
1.1 Problemstellung
Die Kapitalversorgung der deutschen Unternehmen befindet sich in einem gravierenden Veränderungsprozess. Von dieser Entwicklung werden ganz besonders kleinere und mittlere Betriebe, die in Deutschland 99,7 % aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen ausmachen und rund 70 % aller Arbeitnehmer beschäftigen, betroffen. In nur wenigen anderen Volkswirtschaften wird dieser Unternehmensgruppe eine ähnlich hohe gesamtwirtschaftliche Bedeutung zugeschrieben wie in Deutschland. Der relativ stark über Bankkredite finanzierte Mittelstand sieht sich jedoch einem signifikanten Struktur-wandel in der Kreditwirtschaft gegenüber.
Gemäß der Neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarung (Basel II) muss ab dem Jahr 2007 jeder Kreditnehmer mittels eines Ratings seine Bonität prüfen lassen. Dessen Ergebnis wird bei den Kreditinstituten für die Höhe der Eigenkapitalunterlegung von Krediten und für den vom Unternehmen zu zahlenden Kreditzins ausschlaggebend sein. Für viele mittelständische Unternehmen bedeutet dies, dass ihre Kreditfinanzierung teurer wird und unter Umständen nicht oder nur noch bedingt zur Verfügung steht.
Die ersten Auswirkungen der Basel II-Reform sind bereits heute erkennbar. Vor allem mittelständische Unternehmen sehen sich oftmals einer Verteuerung ihrer Kredite gegenüber. Ein wesentlicher Grund ist, dass sie in ihrer Unternehmensbilanz eine im europäischen wie internationalen Vergleich geringere Eigenkapitalquote ausweisen. Ausreichend vorhandenes Eigenkapital ist aber eine Vorraussetzung dafür, zusätzliches Fremdkapital überhaupt aufnehmen zu können. Über Jahrzehnte hinweg war die Kredit-versorgung mittelständischer Unternehmen durch enge Hausbankbeziehungen gesichert. Heute ziehen sich jedoch die Kreditinstitute mehr und mehr aus der Kreditfinanzierung kleiner und mittelgroßer Unternehmen zurück. Als Hauptgrund hierfür wird ein sich intensivierender, internationaler Wettbewerb genannt, der die üblichen Margen bei Kreditgeschäften nicht mehr zulässt. Die zahlreichen Kreditausfälle in jüngster Vergangenheit tun angesichts der schleppenden Konjunkturerholung ein Übriges 1 .
Eine Unternehmensbefragung der KfW Bankengruppe im September 2005 kam zu dem Ergebnis, dass bei 24 % der Unternehmen, die zur Finanzierung anstehender Investitionen einen Bankkredit beantragt hatten, der Kreditantrag abgelehnt wurde. Für 42 % der Unternehmen ist die Kreditaufnahme spürbar schwieriger geworden. Nur knapp 7 % sprechen von einer Verbesserung. Als die bedeutendsten Gründe für abgelehnte Kredit- 1 Vgl.Lüpken, Silke: Alternative Finanzierungsinstrumente für mittelständische Unternehmen (2003), S. 1 f.
9
wünsche wurden dabei eine unzureichende Eigenkapitalquote, mangelnde Offenlegung
von Informationen und fehlende zusätzliche Sicherheiten angeführt 2 .
Viele Unternehmen leiden unter den zunehmend schlechteren Kreditbedingungen, ohne
jedoch andere Wege der Finanzierung anzugehen. Nicht selten ist eine restriktive
Kreditvergabe der Banken erst der Anfang vom Ende 3 . Die schwache Konjunktur und
die Entwicklung der Insolvenzzahlen 4 , die in den letzten Jahren neue Rekordhöhen
erreichten, verdeutlichen dass das niedrige Eigenkapital vieler deutscher Mittelständler
in einem schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld unzureichend ist. Die Diskus-sionen um Basel II scheinen folglich das in Deutschland häufig vorzufindende Merkmal
der Eigenkapitalschwäche des Mittelstands aufzudecken.
Auch in Zukunft wird der Kredit eine zentrale Finanzierungsquelle für den Mittelstand
bleiben. Der Eigenkapitalquote wird allerdings – bei der für die Zinsgestaltung so wich-tigen Bonitätsbeurteilung – eine noch wichtigere Rolle zukommen als bisher. In den
letzten Jahren war in Deutschland aufgrund der konjunkturellen Lage eine Stärkung der
Eigenkapitalbasis im Wege der Gewinnthesaurierung kaum möglich. Deshalb haben
sich mittelständische Unternehmen verstärkt der Zuführung von externem Eigenkapital
zu öffnen 5 .
2 Vgl. KfW Bankengruppe: Unternehmensfinanzierung: Immer noch schwierig, aber erste Anzeichen
einer Besserung (2005), S. 4, in Internet: www.basel-ii.info/artikel120.html, Zugriff am 08.12.2005.
3 Anm.: Ein Schlagwort, das häufig in diesem Zusammenhang verwendet wird, ist der „Credit Crunch“
(oft auch übersetzt mit dem Begriff „Kreditklemme“). In Zeiten zurückgehender Wachstumsraten steigt tendenziell die Ausfallwahrscheinlichkeit von Krediten. Somit sinkt gleichzeitig die Bereitschaft der Banken, weitere Kredite und günstige Kreditkonditionen zu gewähren. Daraus kann ein Teufelskreis mit einer weiteren Verschlechterung der Konjunktur entstehen. Vgl. Ehlers: Basel II/Rating: Die Hausaufgaben für Mittelstandsunternehmen und ihre Berater (2005), 2. Auflage, S. 2.
4 Anm.: So gab es im Jahr 1993 noch rund 15.000 Unternehmensinsolvenzen, während im Jahr 2004
insgesamt 39.270 Unternehmensinsolvenzen zu verzeichnen waren. Für das Gesamtjahr 2005 rechnet die Wirtschafts- und Konjunkturforschung mit etwa 38.000 insolventen Unternehmen. Vgl. Creditreform: Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand – Herbst 2005 (2005), S. 24, in Internet: www.credit reform.de/Ressourcen/Creditreform_Analysen/Wirtschaftslage_und_Finanzierung_im_Mittelstand/20051
011_wirtschaftslage_mittelstand_herbst_2005.pdf, Zugriff am 30.11.2005.
Seit Ende 2005 gibt es jedoch vermehrt Anzeichen für eine Verbesserung der Investitionsneigung bei den mittelständischen Unternehmen und einer konjunkturellen Erholung. Vgl. Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB): MittelstandsNews 1/2006 (2006), S. 9, in Internet: www.voeb.de/ content_frame/downloads/MiM-1-2006.pdf, Zugriff am 10.01.2006.
5 Vgl. Bundesverband deutscher Banken: Mittelstandsfinanzierung – Partnerschaftliche Zusammenarbeit
von Unternehmen und Banken (2005), S. 5.
10
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit möchte Handlungsbedarf bei den mittelständischen Unternehmen im Bereich der Unternehmensfinanzierung aufzeigen und Denkansätze bezüglich alternativer Finanzierungsvarianten anstoßen. Insbesondere will sie eine Hilfestellung bei der Suche nach einer geeigneten Form der Eigenkapitalfinanzierung geben und als Informationsquelle für weitere Ansprechpartner im Bereich der Beteiligungsfinanzierung dienen. Dazu erfolgt zunächst eine definitorische Abgrenzung und Typisierung mittelständischer Unternehmen, bevor auf deren gesamtwirtschaftlichen Stellenwert und die Besonderheiten bei der Finanzierung dieses Segments eingegangen wird.
Im dritten Kapitel werden Änderungen der Rahmenbedingungen in der Mittelstandsfinanzierung hinsichtlich Kreditvergabebereitschaft der Banken sowie die Ratingthematik erläutert. Dabei werden vor dem Hintergrund von Basel II die Auswirkungen auf Unternehmen und deren Finanzierung untersucht. Unter anderem wird auch notwendiger Handlungsbedarf in Finanzabteilungen bzw. auf strategischer Managementebene aufgezeigt.
Das vierte Kapitel befasst sich ausführlich mit den Möglichkeiten der Beteiligungskapitalbeschaffung. Dabei werden zunächst die Vorgaben durch das deutsche Gesellschaftsrecht abgesteckt und die Eignung einer Kapitalerhöhung bei den verschiedenen Gesellschaftsformen untersucht. Das wesentliche Ziel der Ausführungen liegt anschließend darin, in einer systematischen Vorgehensweise verschiedene Möglichkeiten einer Beteiligungskapitalbeschaffung zu kennzeichnen. Außerdem sollen diese auf deren Relevanz für mittelständische Unternehmen hin überprüft und beurteilt werden. Dazu zählen die Kapitalbeteiligung durch Mitarbeiter, die verschiedenen Ausgestaltungs-formen einer Private Equity-Finanzierung sowie die Eigenkapitalbeschaffung durch einen Börsengang.
Das letzte Kapitel dient schließlich der Zusammenfassung gewonnener Erkenntnisse und bietet einen Ausblick auf künftige Anforderungen und Finanzierungskonzeptionen für mittelständische Unternehmen.
Um eine Untersuchung zu dem vorliegenden Thema überhaupt durchführen zu können, ist es zuallererst notwendig, den Begriff der mittelständischen Unternehmen zu definieren. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass im Rahmen der Arbeit die Begriffe „Mittelstand“ oder „mittelständisch“ als Synonyme für klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) verwendet werden.
11
2. Klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) – „Rückgrat“ der deutschen Wirtschaft?
2.1 Definitorische Abgrenzung
In der Literatur lässt sich keine einheitliche Definition für KMU finden. Um Unternehmen dennoch voneinander abgrenzen zu können, verwendet man häufig quantitative Merkmale wie Umsatz, Mitarbeiterzahl oder Bilanzsumme. Nach der in Deutschland gebräuchlichen Definition des Institutes für Mittelstandsforschung (IfM) zählen Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten oder bis 50 Mio. € Jahresumsatz zu den KMU 6 . Diese Klassifizierung dient auch als Maßstab für die vorliegende Arbeit.
Abbildung 1: Quantitative Mittelstandsdefinition des IfM Bonn 7 .
Eine darüber hinaus anerkannte KMU-Definition stammt von der Europäischen Union. Sie rechnet dem Mittelstand nur Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten zu. Beiden Definitionen gemeinsam ist neben dem Jahresumsatz (bis 50 Mio. €) auch das Kriterium der Unabhängigkeit. Demnach darf sich ein Unternehmen nicht zu 25 % oder mehr im Besitz eines oder mehrerer Unternehmen befinden, die nicht der KMU-Definition entsprechen.
Abbildung 2: Quantitative Mittelstandsdefinition durch die EU (seit 01.01.2005) 8 .
Für das Verständnis des Mittelstands sind rein aus quantitativen Größen abgeleitete Berechnungsmethoden und Darstellungen hilfreich. Allerdings wird der Mittelstand nicht nur über eine Zahl, sondern auch über qualitative Kriterien definiert. Darin liegt
6 Vgl. Bundesverband deutscher Banken (2005), S. 6 f.
7 Vgl. Wallau, Frank Prof. Dr. (Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn): Mittelstandsfinanzierung – heute und morgen (2005), S. 4, in Internet: www.ifm-bonn.org/presse/focus.htm, Zugriff am
03.12.2005.
8 Vgl. Wallau (2005), S. 4.
12
laut IfM Bonn sogar eine zentrale Bedeutung für das Verständnis der Besonderheiten und Wesensmerkmale der Unternehmen 9 .
In der Literatur wird dabei häufig die Position des Unternehmers stark hervorgehoben. Großunternehmen – üblicherweise in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft – zeichnen sich aus durch eine Trennung der Bereiche Leitung, Kontrolle und Eigentum in die drei Organe Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptversammlung (bzw. Aktionäre). Bei den KMU liegt dagegen oftmals eine Konzentration dieser Funktionen in der Person des Unternehmers vor 10 . Durch diese Einheit von Eigentum und Leitung prägt dieser Unternehmer die Unternehmenskultur und -strategie maßgeblich. Auch der Unternehmenserfolg hängt stark von der Person des Unternehmers ab, der wegen einer geringen formalisierten Planung seine Entscheidungen häufig nicht nur auf Basis von Fakten, sondern nicht unwesentlich auch auf Basis von Intuition trifft.
Auch in den Zielsetzungen unterscheiden sich diese Betriebe von den großen Unternehmen: Während Großunternehmen grundsätzlich von ökonomischen Zielen ausgehen, streben die Eigentümer der KMU häufig nach finanzieller Unabhängigkeit. Aber auch das Anbieten qualitativ hochwertiger Produkte steht im Vordergrund. Auf der persönlichen Ebene des Unternehmers stehen oft auch zusätzlich die Freude an der Arbeit und der Wunsch nach Selbstverwirklichung 11 . Durch seine signifikante Beteiligung am Risiko und Erfolg des Unternehmens werden ferner Entscheidungen nicht im Hinblick auf deren Öffentlichkeitswirkung – wie bei den börsennotierten Publikumsgesellschaften bekannt – getroffen. Im Vordergrund steht dagegen die Sicherung der Vermögenssituation der Eigentümer durch den Unternehmenserfolg.
Die starke Identifikation mit dem Unternehmen äußert sich auch in der gewählten Rechtsform: In Deutschland dominieren die Einzelunternehmen mit einem Anteil von nahezu 70 %. Daneben werden zumeist die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) bzw. die GmbH & Co. KG oder die Offene Handelsgesellschaft (OHG) gewählt. Die Rechtsform der Aktiengesellschaft (AG) spielt dagegen mit einem Anteil von gerade einmal 0,2 Prozent eine völlig untergeordnete Rolle 12 .
9 Vgl. Lüpken (2003), S. 5.
10 Anm.: Annähernd 90 % der mittelständischen Unternehmen in Deutschland werden vom Inhaber geführt. Vgl. Achleitner, Ann-Kristin et Christian Fingerle: Finanzierungssituation des deutschen Mittel-stands, in: Achleitner, Ann-Kristin, Christoph von Einem et Benedikt von Schröder: Private Debt – Alternative Finanzierung für den Mittelstand (2004), S. 9.
11 Vgl. Berens, Wolfgang et Bernd Högemann et Klaus Segbers: Das mittelständische Unternehmen – Status Quo und Perspektiven in der Finanzierung, in: Berens, Wolfgang et Hans Brauner et Jürgen Frodermann: Unternehmensentwicklung mit Finanzinvestoren (2005), S. 11 f.
12 Vgl. Ahrweiler, Sonja et Christoph Börner: Neue Finanzierungswege für den Mittelstand: Ausgangssituation, Notwendigkeit und Instrumente, in: Kienbaum, Jochen et Christoph Börner: Neue Finanzier- ungswege für den Mittelstand (2003), S. 7 f.
13
2.2 Bedeutung für den Standort Deutschland
Das deutsche Phänomen „Mittelstand“ ist weltweit einzigartig. So ist sein maßgeblicher
Anteil am deutschen „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegsjahre offenkundig und steht in
einer Linie mit Begriffen und Namen wie Soziale Marktwirtschaft, Wohlstand und
Ludwig Erhard. Der Mittelstand ist jedoch etwas äußerst Heterogenes. Bekannte
Familienunternehmen mit hohen Millionenumsätzen fallen ebenso darunter wie der
Bäcker um die Ecke oder das Autohaus im Gewerbegebiet 13 .
Bei der Ermittlung der Anzahl aller deutschen Unternehmen stößt man auf erhebliche
Probleme, da weder eine vollständige Erfassung dieser Unternehmen noch eine ent-sprechende einheitliche Statistik existiert. Den höchsten Erfassungsgrad dürfte jedoch
die Umsatzsteuerstatistik aufweisen.
Abbildung 3: Unternehmen in Deutschland 2003 nach Umsatzgrößenklassen
(Statistisches Bundesamt: Sonderauswertung der Umsatzsteuerstatistik 2003 im Auftrag des IfM Bonn, Wiesbaden, 2005, alle Angaben in Euro) 14 .
In dieser sind alle Unternehmen mit steuerbaren Umsätzen von mindestens 17.500 € pro
Jahr erfasst. Die deutsche Umsatzsteuerstatistik weist für das Jahr 2003 einen Bestand
von über 2,9 Mio. Unternehmen 15 auf. Davon zählen laut einheitlicher Definition von
IfM und EU nach Umsatzgrößenklassen nur 7.998 Unternehmen nicht zu den KMU.
13 Vgl. Uhlig, Stefan (Wirtschaftsjunioren Deutschland): Neue Wege bei der Mittelstandsfinanzierung
(2005), S. 2 f., in Internet: www.wjd-mittelstandsfinanzierung.com/download.php?media_id=00000352, Zugriff am 17.11.2005.
14 Vgl. Wallau (2005), S. 3.
15 Anm.: Diese Zahl bedarf jedoch weiterer Korrekturen. So sind beispielsweise die nicht umsatzsteuer-
pflichtigen freien Heilberufe und Versicherungsagenten sowie Unternehmen mit Umsätzen unterhalb der Erfassungsgrenze nicht enthalten. Insgesamt agieren nach Berechnungen des IfM Bonn rund 3,3 Mio. Unternehmen mit 20 Mio. Beschäftigten am Markt. Vgl. Wallau (2005), S. 3. Vgl. auch Bundesverband deutscher Banken: Daten, Fakten, Argumente - Mittelstandsfinanzierung vor neuen Herausforderungen (2003), S. 8.
14
Allein die Abbildung der unternehmerischen Größenklassen verdeutlicht bereits die Bedeutung, die den KMU als „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ zukommt. Unter Zugrundelegung der Definition des IfM Bonn sind 99,7 % aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen dem Mittelstand zuzurechnen. Sie beschäftigen rund 70 % aller Arbeitnehmer, bilden 82 % aller Auszubildenden aus und erwirtschaften 41 % aller steuerpflichtigen Umsätze in Deutschland 16 .
Die Mittelstandskonjunktur hat ihren Tiefpunkt im Jahr 2002 mittlerweile deutlich hinter sich gelassen. Seit 2003 ist ein leichter Aufschwung erkennbar, allerdings haben bisher kleinere und mittlere Unternehmen von der hauptsächlich exportgetriebenen Konjunkturerholung deutlich weniger profitiert als Großunternehmen 17 . In wieweit sich die angekündigte Mehrwertsteuererhöhung (19 % ab 01.01.2007) mit vorgezogenen Käufen im Jahr 2006 auf die deutschen mittelständischen Unternehmen auswirken wird, muss sich erst noch herausstellen.
2.3 Finanzierungssituation
Wie eine vom IfM Bonn durchgeführte Befragung belegt, bevorzugt der Mittelstand eindeutig die Selbstfinanzierung aus Gewinnen, Abschreibungen und Rückstellungen. Es folgen nach der Bedeutungsrangziffer Bankkredite, Leasing, Lieferantenkredite und das Beteiligungskapital.
Abbildung 4: Bedeutung von Finanzierungsquellen im Jahr 2003 18 .
16 Vgl. Bundesverband deutscher Banken (2005), S. 6.
17 Vgl. Hofelich, Markus: KfW-Studien zum Mittelstand, in: Venture Capital Magazin: Sonderausgabe: „Mittelstandsfinanzierung 2005“, April 2005, S. 14.
18 Vgl. Wallau (2005), S. 6.
15
Das Finanzierungsverhalten der KMU ist seit jeher – im Gegensatz zum Ausland – besonders mit Krediten verbunden. Verschiedene Gründe, die insbesondere in den rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen zu suchen sind, haben zu dieser Situation geführt:
Die Ausgestaltung des deutschen Kreditsicherheitenrechts mit der Anerkennung besitzloser Sicherheiten (Sicherungsübereignung, Sicherungszession) ermöglicht eine einfache und unbürokratische Stellung von Sicherheiten. Auch durch die starke Wettbewerbssituation im deutschen Bankenmarkt (Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Privatbanken) wurde die Bereitstellung günstiger Kredite gefördert. Nicht zuletzt hat die Steuergesetzgebung einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, da die Darlehenszinsen eines Unternehmens grundsätzlich als Betriebsausgabe abziehbar sind und so zu einer geringeren Ertragssteuerbelastung führen. Durch diese Möglichkeit wurde der Anreiz geschaffen, Fremdkapital dem Eigenkapital als Finanzierungsquelle vorzuziehen 19 .
Betrachtet man die Liquiditätssituation deutscher KMU so ist festzustellen, dass Existenzprobleme insbesondere durch eine Abhängigkeit von kurzfristigem Fremdkapital und durch eine schlechte Zahlungsmoral und –fähigkeit der eigenen Kunden entstehen 20 .
Die meist geringen betrieblichen Sicherheiten verbunden mit der geringen Eigenkapitalausstattung (siehe 2.4) begrenzen die Möglichkeiten der Kreditfinanzierung 21 . Etwas abgemildert wird dieser Nachteil oft durch sehr enge Beziehungen zur jeweiligen Hausbank. Dadurch wird eine Vertrauensbasis geschaffen, die für beide Seiten Vorteile bietet. Für die Banken sinken die Kreditrisiken durch eine bessere Risikoeinschätzung und für die Unternehmen sollte sich dies in niedrigeren Kreditkosten widerspiegeln. Es gibt jedoch Indizien, dass das Hausbankprinzip durch den starken Wettbewerb der Banken um die gewinnträchtigen Unternehmen allmählich verdrängt wird. Nach einer Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau wickeln derzeit aber noch 40 % aller deutschen Unternehmen ihre Bankgeschäfte mit nur einer einzigen Bank ab 22 .
19 Vgl. Bundesverband deutscher Banken (2005), S. 13.
20 Anm.: Über 40 % der Unternehmen berichten laut einer Umfrage der KfW Bankengruppe von einer Verschlechterung des Zahlungsverhaltens ihrer privaten Firmenkunden. Ein Drittel der befragten Firmen klagt über Verschlechterungen bei öffentlichen Auftraggebern. Auf die ausbleibenden Zahlungen reagieren 80 % der Unternehmen mit Maßnahmen wie der Verbesserung des Mahnwesens oder eine ständige Überwachung der Zahlungsströme. 20 % der Unternehmen hingegen nehmen die schlechte Zahlungsmoral einfach hin. Häufigster Grund hierfür ist die Furcht, sonst einen guten Kunden zu verlieren. Vgl. KfW Bankengruppe (2005), S. 6.
21 Vgl. KfW Bankengruppe (2005), S. 4.
22 Vgl. Achleitner et Fingerle (2004), S. 19 f.
16
2.4 Eigenkapitalausstattung
Die eingangs erwähnten Veränderungen im Finanzsektor haben die Diskussion um die Eigenkapitalausstattung des Mittelstands neu belebt. Im Zentrum der Diskussion steht nicht mehr allein die Funktion des Eigenkapitals als Mittel der Selbstfinanzierung, sondern vor allem im Rahmen einer Aufnahme von Fremdkapital.
Die Eigenkapitalquote der deutschen KMU zeigt sich insbesondere im internationalen Vergleich auffallend niedrig. Je nach Analyse- und Erhebungsformen bewegen sich die durchschnittlich ermittelten Eigenkapitalquoten zwischen 7,5 % und 18 %. Insgesamt ist vor allem bemerkenswert, dass sich in den letzten 30 Jahren in Deutschland die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung fast halbiert hat 23 .
In einer Untersuchung der Creditreform im Herbst 2005 wurde festgestellt, dass sich die Schere zwischen den solide und den weniger solide finanzierten KMU weiter öffnet. Zwar stieg der Anteil von Betrieben mit über 30 % Eigenkapital gegenüber dem Vorjahr um 2,3 Prozentpunkte, gleichzeitig erhöhte sich aber auch die Zahl der mit einer Eigenkapitalquote von unter zehn Prozent unterkapitalisierten Betriebe auf 36,6 % (Vorjahr: 36,0 %).
Abbildung 5: Eigenkapitalausstattung des Mittelstands im Verhältnis zur Bilanzsumme In Klammern: Vorjahresangaben 24 .
Eine niedrige Eigenkapitalquote ist – aufgrund der Verlustausgleichsfunktion des Eigenkapitals – ein Indiz für die geringe Bestandsfestigkeit eines Unternehmens. Die Ursachen hierfür wurden bereits in Punkt 2.3 benannt. Es sollte allerdings auch auf die Besonderheiten der deutschen Bilanzierungs- und Bewertungsvorschriften nach HGB (Möglichkeiten zur Bildung stiller Reserven, Niederstwert- und Vorsichtsprinzip) hingewiesen werden, wonach das tatsächliche Eigenkapital oftmals höher als das ausgewiesene Eigenkapital ist 25 .
23 Vgl. Bundesverband deutscher Banken (2005), S. 13. Vgl. auch Fentz (2004), S. 13. Anm.: In den USA liegt die durchschnittliche Eigenkapitalquote des Mittelstandes bei rund 50 %, in Portugal bei 42 %, in Frankreich bei 35 %. Vgl. Ehlers (2005), S. 21.
24 Vgl. Creditreform (2005), S. 19.
25 Vgl. Berens et Högemann et Segbers (2005), S. 13.
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Michael Wimmer, 2006, Neues Eigenkapital durch Beteiligungsfinanzierung bei mittelständischen Unternehmen vor dem Hintergrund von Basel II, Munich, GRIN Publishing GmbH
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