Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
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1. EINLEITENDE ÜBERLEGUNGEN 1
2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM 5
GERECHTEN KRIEG
2.1 Die vorchristlichen Überlegungen
zum Krieg 5
2.1.1 Die Griechen 6
2.1.2 Die römische Weiterentwicklung der Theorie 7
2.2 Das biblische Friedensverständnis 9
2.2.1 Die Schöpfungsgeschichte 9
2.2.2 Die Erwählung Israels 11
2.2.3 Das Gottesbild 12
2.2.4 Jesus Christus 13
2.3 Das Spannungsverhältnis zwischen christlicher
Friedenslehre und römischem Kriegsverständnis 14
2.4 Die Entwicklung der christlichen Theorie
bei Augustinus 15
2.4.1 Die Herrschaftsordnung 16
2.4.2 Das Wesen des Krieges 17
2.4.3 „ius ad bellum“ Das Recht zum Krieg 19
2.4.4 „ius in bello“ Das Recht im Krieg 21
2.4.5 Von Gott angeordnete Kriege 22
3. DIE ENTSTEHUNG EINER SYSTEMATISCHEN 25
THEORIE BEI THOMAS VON AQUIN
3.1 Der mittelalterliche Hintergrund 25
3.2 Die Kriterien des gerechten Krieges 28
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Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
3.2.1 Die auctoritas principes 29
3.2.1.1 Die Begründung von Herrschaft 30
3.2.1.1 Herleitung der Herrschaftsform 32
3.2.1.2 Das Gesetz des Fürsten als Stellvertretung 34
Gottes auf Erden
3.2.1.3 Der Fürst als Kriegslegitimation 37
3.2.1.4 Problemstellungen 39
3.2.1.5 Die kirchliche Obrigkeit als Bewahrer des Friedens 40
3.2.1.6 Die Vertretung von Gottes Willen als höchste Autorität 43
3.2.2 Der ungerechte Herrscher 44
3.2.3 Der gerechte Grund causa iusta 48
3.2.3.1 Die strittige Deutung der thomasischen
causa iusta 49
3.2.3.2 Die Proportionalitätsforderung 52
3.2.3.3 Krieg als ultima ratio 53
3.2.3.4 Die begründete Aussicht auf Erfolg 55
3.2.4 Die Absicht der Kriegführenden intentio recta 57
3.2.4.1 Der Fürst als Kriegführender 58
3.2.4.2 Die Absicht des Fürsten 60
3.2.4.3 Das Recht im Krieg ius in bello 61
3.2.4.3.1 Der Hinterhalt 62
3.2.4.3.2 Die Tötung Unschuldiger in einem Krieg 64
3.2.4.3.3 Das Streben nach Beute 65
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4. DER RELIGIONSKRIEG…………………………….. 67
4.1 Inner- und außerstaatliche Feinde im Glauben………….. 68
4.2 Der Krieg gegen Heiden und Juden……………………... 69
4.2.1 Die Juden- und Heidenverfolgungen im Mittelalter…….. 70
4.2.2 Der Fürst als rechte Autorität……………………………. 71
4.2.3 Der gerechte Grund als Grundlage des Vorgehens……… 73
4.3 Der Krieg gegen die Häretiker…………………………... 76
4.3.1 Die häretischen Bewegungen des Mittelalters……… 76
4.3.2 Der Fürst als rechte Autorität……………………………. 78
4.3.3 Der gerechte Grund als Grundlage des Vorgehens……… 78
4.4 Der Krieg gegen Schismatiker….……………………….. 80
4.4.1 Die Kirchenspaltung……………………........................... 80
4.4.2 Der Fürst als rechte Autorität……………………………. 81
4.4.3 Der gerechte Grund als Grundlage des Vorgehens……… 82
4.5 Der Krieg gegen Apostaten……………………………… 83
4.5.1 Die Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser…. 84
4.5.2 Der Fürst als rechte Autorität……………………………. 87
4.5.3 Der gerechte Grund als Grundlage des Vorgehens……… 88
5. FAZIT…………………………………………………… 90
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1. EINLEITENDE ÜBERLEGUNGEN
Ist es einem Christen erlaubt zu töten? Besagt doch das fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten!" (5.Mose, 5, 17).
Dennoch waren die Christen an vielen Kriegen der Geschichte beteiligt. Sei es als Kämpfende oder als Befehlshaber. Doch sie beteiligten sich nicht nur an Kriegen, sie nutzten auch ihre eigene Religion, um „Heilige Kriege“ wie die Kreuzzüge zu führen. Obwohl die eigene Religion die Gewaltlosigkeit vorgab zogen Krieger im Namen Gottes ins Heilige Land, um es mit Schwert und Feuer zu erobern. Ebenso wie es Christen in Kriegen gab, gab es immer auch christliche Theologen die die Realität des Krieges zu erklären und zu legitimieren versuchten. Erste Überlegungen zu diesem Widerspruch lieferte Aurelius Augustinus im 5. Jahrhundert. Seine Ausführungen können jedoch noch nicht als eine zusammenhängende Theorie angesehen werden.
Einen der wirkungsmächtigsten Ansätze lieferte dagegen Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Er war der erste, der eine zusammenhängende christliche Theorie des bellum iustum, des gerechten Krieges entwarf. Seine Überlegungen prägten das Denken zum Krieg noch Jahrhunderte über seine eigene Zeit hinaus. Es stellt sich die Frage, wie es für Thomas von Aquin einen gerechten Krieg geben konnte, und wie er die Teilnahme von Christen an diesen Kriegen beurteilte und rechtfertigte. Bedenkt man zudem, dass Thomas in einer Zeit lebte, in der sich häretische Bewegungen von der Kirche lossagten, die byzantinische Kirche sich zusehends der Macht des Papsttums entzog und der Kampf zwischen weltlicher und päpstlicher Macht tobte, so stellt sich also außerdem die Frage, welche Rolle Thomas in einem Krieg der kirchlichen und welche der weltlichen Macht zuschreibt.
Da im Mittelalter, nicht nur in den Kreuzzügen, viele der militärischen Auseinandersetzungen religiös motiviert waren oder zumindest mit der Religion als Vorwand begründet wurden, stellt sich zusätzlich zu der Beteiligung von Christen an einem gerechten Krieg die Frage, ob es nach thomasischer Auffassung auch einen religiös begründeten Krieg geben konnte. Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu zeigen, in welcher Form für Thomas von Aquin Christen an einem gerechten Krieg beteiligt sein konnten und ob es darüber hinausgehend für ihn
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sogar einen gerechten Religionskrieg, also einen Heiligen Krieg, geben konnte. Zudem wird zu klären sein, welche Rollen für ihn in einem solchen Krieg weltliche und kirchliche Gewalt einnehmen sollten.
Um diese Fragen beantworten zu können, muss zunächst die Herkunft der Theorie des bellum iustum beleuchtet werden. Des Weiteren soll der Versuch unternommen werden zu zeigen, welche christlichen und vorchristlichen Überlegungen dem thomasischen Ansatz vorausgingen und wie sie sein Denken beeinflussten. Hierzu werden zunächst die Überlegungen zum Kriegswesen in der griechischen und römischen Antike zu untersuchen sein. Im Wesentlichen wird sich diese Arbeit dabei auf die Ausführungen von Aristoteles, Platon und M.Tullius Cicero stützen. Diese sind von Bedeutung, weil sie die Grundlagen für ein erstes christliches Friedensverständnis unter Augustinus bildeten und auch für Thomas von Aquin in seinen Überlegungen von Bedeutung waren.
Anschließend soll versucht werden, den Wandel von der antiken Denkweise der griechischen und römischen Theologen hin zu einer christlichen Adaption der Kriegslehre unter Augustinus zu beleuchten. Dazu soll zunächst gezeigt werden, welches Friedensverständnis die Bibel als Glaubens- und Verhaltensvorschrift allen Christen vorgibt. Die sich anschließenden Ansichten des Augustinus zeigen dann, wie im frühen Christentum versucht wurde, das Spannungsverhältnis zwischen eigener Friedenslehre und politischer Realität aufzulösen. Die Untersuchung der frühchristlichen Überlegungen bei Augustinus sind auch für das Verständnis der thomasischen Lehre wichtig, da viele der bei Thomas zentralen Aussagen schon bei Augustinus zu finden sind. Zudem ist das Verständnis des augustinischen Ansatzes von Bedeutung, da Thomas in seinen Werken immer wieder Bezug auf seinen Vordenker nimmt.
Nachdem seine Vordenker betrachtet wurden, muss anschließend das thomasische Verständnis des Krieges untersucht werden. Dafür wird es nötig sein, sich zunächst den mittelalterlichen Hintergrund ins Gedächtnis zu rufen, aus dem heraus die thomasische Lehre entstand. Danach kann geprüft werden, welche Bedingungen für Thomas von Aquin gegeben sein müssen, damit ein gerechter Krieg vorliegt. Im Einzelnen werden dabei die Forderungen nach einer rechten Autorität, einem gerechten Grund und der rechten Intention betrachtet werden.
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Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
Dabei soll auch untersucht werden, ob und in welcher Form die kirchliche Gewalt Teil eines solchen gerechten Krieges sein kann.
Um anschließend feststellen zu können, ob es für Thomas einen gerechten Religionskrieg geben kann, müssen die im vorangegangenen Kapitel untersuchten Kriterien an Konflikte mit religiösem Hintergrund angelegt werden. Unter diesen Aspekten sollen verschiedene Auseinandersetzungen der thomasischen Lebenszeit untersucht werden. Eine solche Untersuchung mittels der Theorie des bellum iustum ist jedoch nur möglich, wenn eine historische Einordnung der Konflikte vorgenommen wird. Während für Zeitgenossen des Thomas von Aquin eindeutig war, auf welche Konflikte sich Thomas bezog, wenn er Begriffe wie Schisma, Apostasie oder Häresie verwendete, müssen diese für den heutigen Betrachter in einen historischen Kontext eingeordnet werden. Es wird also nötig sein, die religiösen Konflikte im Einzelnen zu betrachten, bevor versucht werden kann, ihre Rechtmäßigkeit nach thomasischen Verständnis zu untersuchen. Im Allgemeinen sind sowohl die bellum iustum- Theorie des Thomas von Aquin als auch die Ansätze des Aurelius Augustinus in hinreichendem Maße erforscht worden. Für Augustinus erwiesen sich dabei die Arbeiten von J. Rief 1 , T. Weissenberg 2 und P. Engelhardt 3 als äußerst hilfreich. Für die thomasische Lehre lieferten W.Lienemann 4 , R.H. Bainton 5 , J.D. Tooke 6 und H. Gmür 7 wichtige Werke. Besonders ist jedoch die ausführliche Untersuchung von G. Beestermöller 8 zu erwähnen, die sich als die ergiebigste Quelle herausstellte. Vielfach ist in diesen Werken auch auf die Bedeutung der kirchlichen Gewalt
1 Rief, Josef: „Bellum“ im Denken und in den Gedanken Augustins, Barsbüttel, Institut für Theologie und Frieden, 1990.
2 Weissenberg, Timo J.: Die Friedenslehre des Augustinus. Theologische Grundlagen und ethische Entfaltung, W. Kohlhammer, Stuttgart, 2005.
3 Engelhardt, Paulus: Die Lehre vom »gerechten Krieg« in der vorreformatorischen und katholischen Tradition; Herkunft – Wandlungen – Krise, in: Der gerechte Krieg: Christentum, Islam, Marxismus, Redaktion Reiner Steinweg, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1980. 4 Lienemann, Wolfgang: Gewalt und Gewaltverzicht: Studien zur abendländischen Geschichte der gegenwärtigen Wahrnehmung von Gewalt, München, Kaiser, 1982.
5 Bainton, Roland H.: Christian Attitudes Toward War and Peace. A Historical Survey and Critical Re-evaluation, New York and Nashville, Abingdon Press, 1960.
6 Took, Joan Doreen: The just war in Aquinas and Grotius, London, S.P.C.K., 1965. 7 Gmür, Harry: Thomas von Aquino und der gerechte Krieg, Leipzig und Berlin, B.G. Teubner, 1933.
8 Beestermöller, Gerhard: Thomas von Aquin und der gerechte Krieg: Friedensethik im theologischen Kontext der Summa Theologiae, Köln, J.P. Bachem, 1990.
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Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
innerhalb der mittelalterlichen bellum iustum- Theorie eingegangen worden. Allerdings versuchten nur wenige Autoren zu untersuchen, ob sich mit der Lehre des Thomas von Aquin auch ein Religionskrieg erklären oder gar rechtfertigen ließe. Abgesehen von der geschichtlichen Ausführung konnten in diesem Bereich in Bezug auf die Theorie nur H.Gmür und G. Beestermöller als Quellen herangezogen werden.
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2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN
KRIEG
Lange bevor unter Thomas von Aquin eine systematische Theorie des „bellum iustum“, des gerechten oder regelgerechten Krieges, entstand, gab es Überlegungen zum Wesen des Krieges. In seinen Werken nimmt Thomas von Aquin oftmals Bezug auf diese vorhergehenden Überlegungen.
Daher wird es nötig sein, die Entstehung der Theorie von ihren Anfängen bis hin zum Wandel zu einer christlichen Theorie zu verdeutlichen. Insbesondere die Betrachtung des biblischen Kriegs- und Friedensbegriffes sowie die Ausführungen des Aurelius Augustinus sind dabei von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der thomasischen Lehre vom Krieg.
Daher werden zunächst die vorchristlichen Überlegungen zum Krieg in der Antike der Griechen und Römer zu betrachten sein (2.1). Anschließend wird dann das biblische Verständnis von Krieg und Frieden (2.2) im Mittelpunkt stehen, da es die Grundlage der christlichen Überlegungen zum Krieg bildet. Nachdem dann das Spannungsverhältnis zwischen der frühen christlichen Lehre und dem römischen Kriegsverhältnis (2.3) untersucht wurde, sind abschließend die ersten christlichen Überlegungen zum gerechten Krieg bei Augustinus (2.4) zu untersuchen
2.1. Die vorchristlichen Überlegungen zum Krieg
Der Krieg mag so alt sein wie die Menschheit selbst. Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich jedoch das Bild des Krieges ebenso wie die Regeln nach denen er ausgetragen wurde. Die vielen Überlegungen zum Krieg haben eines gemein: Mit welchen Regeln und Ritualen lassen sich die Schrecken und Schäden des Krieges wenn nicht aufhalten, so doch wenigstens eingrenzen und beschränken? In den sich in der Antike bildenden Hochkulturen mit ihren Stadtstaaten, Königreichen und, betrachtet man das römische Reich, sogar Imperien, wurden Kriege genutzt, um eigene politische Ziele zu verfolgen. Wenn aber politische
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Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
Ziele verfolgt werden, kann der Gegner nicht vollständig vernichtet werden, sondern muss in eine Nachkriegsordnung mit einbezogen werden. Diese politische Notwendigkeit erforderte es, den Krieg nach anderen Regeln als denen der Jagd zu gestalten und ihn letztlich auch anders zu begründen. Es ist wohl symptomatisch, dass in der Sprache der Römer das Wort
venatio
für die Jagd einen völlig anderen Wortstamm als die Begriffe
bellum
für Krieg oder
duellum
für Fehde hat.
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Schon in griechischer und römischer Zeit unterlag das Bild des Krieges einem Wandel. Während im frühen antiken Griechenland die Siege wie die bei Marathon 490 v. Chr. und in der Seeschlacht bei Salamis 480 v. Chr. noch von Bürgeraufgeboten errungen wurden, standen sich beim Peloponnesischen Krieg ein halbes Jahrhundert später schon weitgehend Berufsheere gegenüber.
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Um zu verstehen, auf welchen Grundlagen die sich entwickelnde christliche Theorie fußte, wird es nötig sein, die Entwicklung und auch die Unterschiede in der Wahrnehmung des Krieges im antiken Griechenland und dem sich entwickelnden römischen Imperium aufzuzeigen.
2.1.1 Die Griechen
Schon Platon stellt in seiner Politeia Überlegungen an, was die Gründe für die Entstehung des Krieges sind. Wenn ein Staat nicht nur ein gesunder Staat sein wolle, sondern danach strebe, ein üppiger Staat zu werden, in dem das Zusammenleben der Menschen durch alle Arten von Künstlern, Handwerkern, Pädagogen und eine breite Schicht von Dienstleistenden bereichert werde, dann sei es unerlässlich, dass Gebiet der Nachbarn zu beschneiden. Der üppige Staat müsse zudem im Hinblick auf mögliche negative Entwicklungen in der Lage sein, sich im Krieg zu verteidigen. Grundsätzlich sei ein Krieg aber zu vermeiden. Dieser Aufgabe habe sich der Gesetzgeber anzunehmen. Später urteilt Platon zwar auch, dass Krieg ein Anzeichen für einen kranken Staat sei,
9 Vgl. Uhle-Wettler, Franz: Die Gesichter des Mars: Krieg im Wandel der Zeiten, Erlangen; Bonn;
Wien, Staube, 1989, S.23.
10 Vgl. Uhle-Wettler, Franz: Die Gesichter des Mars, S.25.
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2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
aber hierbei ist wohl eher ein Bürgerkrieg gemeint, als eine zwischenstaatliche Auseinandersetzung. Also galt bereits für Platon: Krieg ist nicht gleich Krieg. Aber ob es einen idealen Staat gibt, der den Entstehungsgründen des Krieges begegnen kann, beantwortet Platon nicht
11
. Dieses Problem wurde erst später für Aristoteles zu einer Frage von zentraler Bedeutung.
Für Aristoteles war der Staat der höchste Zweck allen Handelns, besonders des politischen. Er versuchte, den Krieg mit dem Hinweis auf die Sklavenseelen zu rechtfertigen. Es gebe Menschen, die von der Natur zum Dienen bestimmt seien, dieses aber freiwillig nicht tun wollten. Ein aus solchen Gründen geführter Krieg entspreche also dem Naturrecht. Diese aus heutiger Sicht so anstößige Rechtfertigung des Krieges durch Aristoteles ist sicherlich nur aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Außerdem spiegelt sich in ihr nicht die gesamte Auffassung des Aristoteles. So erkannte er schon, dass Krieg nur als Mittel zum Frieden genutzt werden sollte und betonte den Eigenwert des Friedens an sich. Weiterhin wird seine Rechtfertigung des Krieges durch zwei Bemerkungen abgemildert. Zunächst hielt er eine Gesetzgebung, die die Belange des Militärwesens vor die des Friedens und der Kultur stellt, für unvernünftig und kurzsichtig. Außerdem vertrat er die Auffassung, dass Staaten mit ausschließlich kriegerischer Ausrichtung sich zwar kurzfristig durchsetzen könnten, aber nach ihrem Sieg an den Aufgaben des Friedens scheitern würden 12 .
2.1.2 Die römische Weiterentwicklung der Theorie
Die römische Fortsetzung der Überlegungen zum Krieg fand unter anderen Vorraussetzungen als bei den Griechen statt. So waren die griechischen Stadtstaaten meist ungefähr gleich stark. Bei den Griechen war eine absolute Vernichtung des Gegners nicht möglich, weshalb es auch zu ständigen Wechseln in der Vormachtstellung kam: Zunächst Athen, später Sparta, dann Theben.
11 Vgl. Rief, Josef: Die bellum- iustum- Theorie historisch, in: Glatzel, Norbert; Nagel, Ernst Josef
(Hrsg.): Frieden in Sicherheit, Zur Weiterentwicklung der Katholischen Friedensethik, Verlag
Herder, Freiburg im Breisgau, 1981, 16 f.
12 Vgl. Rief, Josef: Die bellum- iustum- Theorie historisch, …, 17 f.
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2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
Aber es gab niemals eine solche Übermacht wie beispielsweise später die der Römer gegenüber den Spaniern.
13
Im Wesentlichen wurde das römische Kriegsverständnis durch M. Tullius Cicero geprägt. Seine Ausführungen zum Krieg in „De officiis“ und „De res publica“ können auch als Umformung in eine Theorie der Eroberung gedeutet werden. Zu seiner Zeit, dem nahenden Ende der römischen Republik, war Rom schon ein Imperium, dessen Macht auf seinen Eroberungen beruhte. Allerdings entwickelte Cicero Ansätze eines Kriegsverständnisses, das auch noch lange nach ihm gültig sein sollte.
14
Damit ein Krieg gerecht sein kann, darf er für Cicero ausschließlich von Staaten geführt werden. Zudem legt er fest, dass ein Krieg nur „nach Androhung und Erklärung“
15
gerecht sein kann. Für ihn ist der Krieg als Mittel der Konfliktlösung nur dann gerechtfertigt, wenn Verhandlungen nicht zu einem Ergebnis führen und weitere Verhandlungen den Ansprüchen der Gerechtigkeit nicht genügen. Nur wenn die Verhandlungen nicht mehr dem Frieden dienen, sei ein Krieg somit als legitim zu erachten.
16
Einen Grundsatz, der später auch von der christlichen Theorie aufgenommen wurde, war das Streben nach Frieden. Nach Cicero durfte man Kriege „auf sich nehmen zu dem Zweck, daß man ohne Unrecht im Frieden lebt.“
17
Sein Augenmerk gilt dabei besonders den Besiegten, weil für ihn nur mit einem generösen Frieden die Besiegten in das Imperium einzugliedern sind. Im Rückblick auf die römische Geschichte bis zu seiner Zeit stellt er fest, dass das römische Reich nur durch gerechte Kriege und generöse Friedensschlüsse zu seiner Größe gelangen konnte.
18
Hierzu schreibt er ausdrücklich, nach einem gerechten Kriege seien „diejenigen zu begnadigen, die im Kriege nicht grausam und nicht unmenschlich waren. So haben unsere Vorfahren die Bewohner von Tusculum, die Aequer, Sabiner und Herniker sogar in das Bürgerrecht
13 Vgl. Bainton, Roland H.: Christian Attitudes Toward War and Peace, S.33.
14 Vgl. Bainton, Roland H.: Christian Attitudes Toward War and Peace, S 41.
15 Cicero, Marcus Tullius: De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln, Lateinisch und Deutsch, übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann, Stuttgart, Reclam, 1976, Lib. I, IV, 2. c., 36, S.35.
16 Vgl. Rief, Josef: Die bellum- iustum- Theorie historisch, …, 17 f.
17 Cicero: De officiis, Lib. I, IV, 2. c., 36, S.35.
18 Vgl. Cicero, Marcus Tullius: Der Staat: lat. U. dt., Hrsg. U. übers. Von Karl Büchner, 4. erw. Aufl., München u. Zürich, Artemis, 1987, Lib. III, 35, S. 221.
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aufgenommen.“
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Allein Karthago und Numantia seien vollständig zerstört worden, weil sie auch nach der Niederlage Rom zu schaden versuchten. Grundsätzlich galt für Cicero aber, dass das Ziel des Krieges immer der Frieden sein solle. Sei ein Krieg gewonnen, so dürfe er nicht als Strafaktion gegen den Unterlegenen fortgeführt werden. Ebenso dürfe der Krieg nicht durch eine neue Zielsetzung der siegreichen Partei ausgeweitet werden. Dieses Verständnis des Krieges im Dienste des Friedens wurde später ein zentraler Bestandteil der sich entwickelnden christlichen Theorien
20
.
2.2 Das biblische Friedensverständnis
Das Christentum, zunächst als unterdrückte Sekte entstanden, musste sich im römischen Reich nach seiner anfänglichen Verfolgung bald mit den Realitäten der Politik auseinandersetzen. Spätestens als in der konstantinischen Wende das Christentum zur Staatsreligion wurde, musste sich die kirchliche Obrigkeit mit den von ihrem Staat geführten Kriegen auseinandersetzen. Die Grundlage des christlichen Friedensverständnisses musste dabei sicherlich die biblische Überlieferung sein. Sowohl Augustinus als auch später Thomas von Aquin zogen die Bibel vielfach zur Untermauerung ihrer Beweisführung heran. Doch so eindeutig, wie man meinen möchte, ist das Friedensverständnis der Bibel, deren Messias verkündete "Friede sei mit euch" (Johannes 20, 19), nicht.
2.2.1 Die Schöpfungsgeschichte
Die christliche Glaubenslehre beginnt mit der Schöpfungsgeschichte und dem Paradies. Der Mensch als Ebenbild Gottes soll gemeinsam mit dessen Schöpfung leben und für sie sorgen. Aus der Rippe des Mannes, so ist es wenigstens in einer der beiden Schöpfungsgeschichten zu lesen, erschafft Gott
19 Cicero: De officiis, Lib. I, IV, 2. c., 36, S.35.
20 Vgl. Bainton, Roland H.: Christian Attitudes Toward War and Peace., S.33 ff.
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2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
auch noch die Frau. Beide sollen füreinander da sein, damit der Mensch nicht allein auf der Welt ist. Also ist die eigentliche Bestimmung dieser Schöpfungsgeschichte das Leben in Frieden und Gerechtigkeit untereinander und mit der gesamten Schöpfung
21
.
Doch schnell gehörte auch die Gewalt zum Zusammenleben der Menschen: Kain, der Sohn Adams, erschlägt seinen Bruder. Schon in der Generation ihrer Eltern war aber bereits die Grundlage für diesen Gewaltausbruch gelegt. Adam und Eva begannen Gott zu misstrauen und wurden aus dem Paradies vertrieben. Und auch Kain traut Gott nicht: Als Abels Opfer angenommen wird, seines jedoch nicht, fühlt er sich von Gott ungerecht behandelt. Aus Hass erschlägt er deshalb seinen Bruder. 22 „Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst wird er dir keinen Ertrag mehr geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden." (1. Buch Mose 4,11-12) Gott aber schützt den Brudermörder, der fürchtet für seine Tat getötet zu werden. Er versieht ihn mit dem Kainsmal, durch das Kains Mörder der Blutrache verfallen soll. Somit findet sich bereits hier die Regulierung von Gewalt durch Gegengewalt.
„Der Herr aber sprach: "Darum soll jeder der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen". Daraufhin machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.“ (1. Buch Mose 4, 14-15) Bald jedoch kam es unter den Menschen zur Eskalation der Gewalt. Die menschliche Gewalt lässt Gott sogar den Fortbestand der ganzen Schöpfung in Frage stellen. „Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden […].“ (1. Buch Mose 6, 5-6) Die gesamte Menschheit muss im Wasser umkommen. Aber auch
21 Vgl. Freistetter, Werner: Friede aus christlicher Sicht, in: Wiener Blätter zur Friedensforschung
107, 2/2001, S. 36 f.
22 Vgl. Freistetter, Werner: Friede aus christlicher Sicht, in: Wiener Blätter zur Friedensforschung
107, 2/2001, S. 36 f.
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2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
hier greift Gott wieder ein: Er rettet Noah und seine Familie. Am Ende schließt er mit Noah einen Bund: Er werde nicht zulassen, dass die Gewalt die Menschen noch einmal ins Chaos stürzt. Das Symbol für dieses Versprechen solle der Regenbogen sein.
Dies schließt die biblische Urgeschichte ab. Bereits früh zeichnet sich ab, dass die Geschichte der Menschheit in der Schöpfungsgeschichte als eine Geschichte von Gewalt, Gegengewalt und den Versuchen diesem Kreislauf zu entrinnen beschrieben wird.
2.2.2 Die Erwählung Israels
Einen solchen Versuch, dem Gewaltkreislauf zu entrinnen, stellt auch die Erwählung Israels im Buch Jesaja dar. Die Erwählung Israels hat nämlich nichts mit Bevorzugung oder Privilegien zu tun. Ziel der Erwählung Israels ist, dass die Völker Israel um sein Glück und seinen Gott beneiden und gemeinsam zum Zion pilgern. So soll dann der Frieden unter den Völkern gesichert werden. „Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Jesaja, 2, 4) Das Volk Israel sollte also den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen. Doch was die Urgeschichte programmatisch formulierte, zeigt sich auch in den meisten anderen biblischen Geschichten: Eine Welt, in der die menschliche Gewalt die Ordnung der Schöpfung bedroht. Auch dass das auserwählte Israel immer wieder in die Gewalt zurückfiel, wird in der Bibel nicht verschwiegen. Doch immer wieder wird Gewalt als Unrecht denunziert und der Friede ist stets das Ergebnis gerechten Handelns 23 . Vorraussetzung für diese Ruhe und Sicherheit ist eine gerechte Gesellschaftsordnung: „Und das Recht wird in der Wüste wohnen und Gerechtigkeit im fruchtbaren Lande. Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit
23 Vgl. Freistetter, Werner: Friede aus christlicher Sicht, in: Wiener Blätter zur Friedensforschung
107, 2/2001, S. 36.
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2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
wird ewige Stille und Sicherheit sein, dass mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe.“ (Jesaja 32, 16-18)
Gewaltfreie Alternativen der Konfliktlösung durch Versöhnung und Vergebung werden dabei immer angeboten: Lot und Abraham, Josef und seine Brüder, Bestimmungen der Tora. Während des babylonischen Exils wandelte sich die Einstellung des biblischen Israel zur Gewalt: Die gedemütigten Israeliten wurden lieber Opfer als gewalttätige Sieger, da der Friede nur von den Opfern, nie von den Siegern her entstehen kann.
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2.2.3 Das Gottesbild
Betrachtet man das Alte Testament, so lassen sich immer wieder auch gewalttätige Züge Jahwe’s finden. Die Urflut, die Spaltung des Meeres, in dem die Ägypter ertrinken, und die Drohungen an Israel mit Krieg oder Untergang sind dafür beispielhaft zu nennen. Oft ist aber etwas anderes gemeint, als wir es heute verstehen. So ist mit dem „Zorn“ Gottes keine unbeherrschte Gewalt gemeint, sondern eher höchste Leidenschaft im Einsatz für das Recht und die Armen. Und selbst wenn Gott- von Israel enttäuscht- mit Krieg oder Untergang droht, so geschieht dies immer aus der Sorge um das eigene Volk heraus. Dabei hält der Schöpfer seinem Volk stets die Treue und lässt es nie im Stich. Dennoch: der Gott der gewalttätigen Menschheit trägt selbst auch zur Gewalt neigende Züge. Das alttestamentarische Gottesbild ist von einer langsamen Ablösung vom Denken in Gewalt und Gegengewalt geprägt. Allmählich wandelt sich das Gottesbild hin zu einer bedingungslosen Liebe zu seinen Geschöpfen, die dann im neuen Testament Grundlage für das Handeln Jesu Christi bildet. 25
24 Vgl. Freistetter, Werner: Friede aus christlicher …, S. 37.
25 Vgl. Freistetter, Werner: Friede aus christlicher …, S. 37.
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2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
2.2.4 Jesus Christus
Das erste Wort des Auferstandenen an die hinter verschlossenen Türen versammelten Jünger ist nach dem Johannesevangelium: "Friede sei mit euch!" (Johannes 20, 19) Sogleich erhält dieser Friedensgruß seine ganz konkrete Illustration: Jesus zeigt den Jüngern seine Hände und seine Seite, gezeichnet von der brutalen Hinrichtung am Kreuz. Dadurch wird deutlich, dass Friede nicht in einer allgemeinen, abstrakten Weise, sondern konkret zu verstehen ist, als ein Friede angesichts der Wunden des Auferstandenen Christus. Doch es lässt sich auch Gegenteiliges finden: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Matthäus 10, 34) Ganz offensichtlich bietet auch hier der Friedensbegriff durchaus Konfliktpotential. Dennoch scheint für Jesus der Friede des Reiches Gottes so nahe, dass er in völliger Gewaltlosigkeit handelt. Er preist Arme und Trauernde selig, heilt Kranke und berührt Unreine. Außerdem ist das Wort Frieden im Neuen Testament nicht in Sinne eines politischen Friedensbegriffes zu verstehen. Nur einmal verwendet Jesus in dem Gleichnis von dem König, der überlegt, ob er zum Kriegführen genug gerüstet ist (Lukas 14,31-33) das Wort als politisches Friedensangebot. Ebenso selten äußert sich Jesus über den Staat an sich. Schließlich sieht Jesus auch einen radikalen Unterschied zwischen dem Reich Gottes und dem Staat. 26 So verkündet der Messias: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. (Johannes, 18, 36) Es bleibt also festzuhalten, dass in der biblischen Geschichte nicht nur Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Aber stets bleibt der Friede das zu erreichende Ziel. Eine gerechte Gesellschaftsordnung, die sich mit der Erwählung des Volkes Israel einstellen sollte, wäre hierzu die Grundlage. Im neuen Testament
26 Vgl. Schnübbe, Otto: Der Friede (shalom) im Alten und Neuen Testament – eine notwendige
Korrektur, Hannover, Lutherisches Verlagshaus, 1992, S.31 f.
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Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
verkündet Jesus dagegen eindeutig, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei. Auf die Frage, ob seine Anhänger dem Kaiser steuern zahlen müssen, antwortet dieser:
„So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Markus 12, 17).
Dennoch wurde die Bibel vielfach herangezogen, um politische Bemühungen von Christen zu untermauern. Schnell musste sich doch die anfangs als Sekte verfolgte Minderheit der Christen mit dem Staat und den politischen Realitäten auseinandersetzen.
2.3 Das Spannungsverhältnis zwischen christlicher Friedenslehre
und römischem Kriegsverständnis
Das frühe Christentum entwickelte sich aus der religiösen und rechtlichen Gemeinschaft des Judentums. Jesus und seine Apostel waren fromme Juden. Die Juden im Nahen Osten zur Zeit Jesu Christi befanden sich unter römischer Besatzung. Mittel der Herrschaftssicherung und -ausdehnung waren zu dieser Zeit Berufsheere, deren Angehörige zwar nur begrenzt „freiwillig“ genannt werden konnten, die aber wenigstens auf gute Geschäfte und das römische Bürgerrecht hoffen konnten. Oftmals kam es zu Willkür, Brutalität und Plünderungen durch die schlecht bezahlten Söldner. Besonders ehrenhaft war der Soldatenberuf also nicht, aber immerhin bot er die Chance zum sozialen Aufstieg. Das Verhältnis der jungen Religion mit ihrem ausgeprägten Friedensbegriff zum Soldatenstand ist umstritten. Es gibt sowohl Belege für eine kontinuierliche Existenz christlicher Soldaten als auch für die Ablehnung des Soldatenstandes durch die junge Religion 27 .
Bis in das 4. Jahrhundert hinein wurde der Aufruf Jesu zum Gewaltverzicht von Kirchenlehrern zusammen mit dem fünften Gebot („Du sollst nicht töten“ 2.Mose 20,13) als absolutes Tötung- und Kriegsverbot verstanden 28 .
27 Vgl. Lienemann, Wolfgang: Frieden: vom „gerechten Krieg“ zum „gerechten Frieden“,
Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 2000, S.31.
28 Vgl. Engelhardt, Paulus: Die Lehre vom »gerechten Krieg« in der vorreformatorischen und
katholischen Tradition; , S.73.
19
Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
Dennoch ist unbestritten, dass es im römischen Heer schon sehr früh Christen gab. Andererseits war weder der Militärdienst noch das Töten im Krieg akzeptiert. Basilius von Caesarea (329-379) forderte zum Beispiel für Soldaten, die getötet hatten, einen dreijährigen Ausschluss von der Eucharistie. Einerseits hatte Basilius das Militär in den Christenstand einbezogen, andererseits aber Tapferkeit im Kriege immer noch als Mord am Mitmenschen bezeichnet. Für ihn gab es also keinen christlichen Soldatenstand, wohl aber Christen, die Soldaten waren. Diese sollten sich aber hüten, anderen Menschen Gewalt anzutun. Das Bild der Unvereinbarkeit von Christentum und Gewaltanwendung zeige sich auch bei den Herrschern des römischen Reiches: Kaiser Konstantin und seine Nachfolger bis Theodosius ließen sich erst auf dem Totenbett taufen.
29
Doch langsam wandelte sich das Bild. Mit dem Mailänder Bischof Ambrosius (339-397) verschmolz das politische Denken eines Römers mit der Glaubensverantwortung eines Christen. Für ihn war der Kaiser zum Schutz des Staates und der Glaubensgemeinschaft gegen äußere und innere Feinde verpflichtet. Der Kaiser habe Reich und Kirche in gleicher Weise auch unter Einsatz von Gewalt zu schützen. In seiner Arbeit
de officiis,
die durchaus bewusst an Ciceros gleichnamiges Werk angelehnt ist, betont er, dass dieser Schutz der eigenen Gemeinschaft unumgänglich sei, denn wer nicht gegen das Unrecht kämpfe, das seinem Nächsten drohe, mache sich genauso schuldig wie derjenige, der das Unrecht begangen hat.
30
Später knüpft Augustinus an diese Argumentation an, wenn auch im Angesicht der Eroberung Roms im Jahre 410. Damit begründete er die Theorie des gerechten Krieges, die heute noch Gegenstand der aktuellen ethischen, gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung ist.
2.4. Die Entwicklung der christlichen Theorie bei Augustinus
Eine systematische Lehre vom gerechten Krieg hat Augustinus nie entwickelt. Sein Name wird aber dennoch an erster Stelle genannt, wenn die Anfänge dieser
29 Vgl. Lienemann, Wolfgang: Frieden: vom „gerechten Krieg“…, S.32.
30 Ebd. S.32.
20
Theorie des gerechten Krieges bei Thomas von Aquin
2. DIE ENTSTEHUNG DER LEHRE VOM GERECHTEN KRIEG
Theorie und ihre Weiterbildung erörtert werden oder ihre Grenzen und ihre Wahrheit untersucht werden
31
. Unter dem Eindruck der Eroberung Roms durch die Westgoten hat Augustinus in seinem Werk
De civitate die
die weltliche Bindung der Christen neu zu bestimmen versucht. Diese Eroberung traf nicht nur das Herrschaftszentrum des Imperium Romanum, sondern rüttelte auch an den verhältnismäßig jungen Wurzeln seiner religiösen Orientierung. Die Schuld an der Eroberung wurde nicht nur bei den Herrschenden gesucht, sondern vielmehr im Wandel der Staatsreligion, also in der Abkehr von den alten Göttern, die Rom in seiner Geschichte begleitet hatten
32
. Für Augustinus scheinen in dieser Situation „die Anbeter einer Vielzahl falscher Götter, jene Menschen, die wir gewöhnlich Heiden nennen“ zu versuchen, „die Katastrophe mit der christlichen Religion in Zusammenhang zu bringen, und […] mit ungewohnter Schärfe und Bitterkeit den wahren Gott zu lästern.“
33
2.4.1 Die Herrschaftsordnung
Die Vermischung von Politik und Religion versuchte Augustinus zu überwinden. Dafür bestimmte er das Verhältnis zwischen dem Reich Gottes und der menschlichen Herrschaftsordnung neu. Einen Staat konnte es für Augustinus dabei nur geben, wenn wahre Gerechtigkeit herrscht. „Die wahre Gerechtigkeit herrscht aber nur in jenem Gebilde, dessen Gründer und Leiter Christus ist.“ 34 Zudem unterschied er zwischen der irdischen politischen Gesellschaft (civitas terrena) und dem ewigen Gottesreich (civitas dei). Der Staat (res publica) wird dabei in der Tradition Ciceros als Gemeinschaft vernunftbegabter Wesen definiert, die durch Übereinstimmung hinsichtlich der von ihnen geschätzten Dinge verbunden sind. Christen gehören dabei beiden Ordnungen an. Dies ist unter anderem am Beispiel christlicher Soldaten festzumachen, die unter einem nicht christlichen Kaiser dienen. Augustinus erklärt dazu: „Verlangte der Kaiser,
31 Vgl. Rief, Josef: Die bellum- iustum- Theorie historisch, …, S. 20.
32 Vgl. Rief, Josef: „Bellum“ im Denken und in den Gedanken Augustins, S. 40.
33 Augustinus: Retractiones II 43, 1/PL 32, 648, zitiert nach; Rief, Josef: „Bellum“ im Denken und in den Gedanken Augustins, S.40.
34 Augustinus: Der Gottesstaat. In deutscher Sprache von Carl Johann Perl, Salzburg, Otto Müller Verlag, 1966, II.Buch, 21, S.133.
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Nils Kluger, 2006, Thomas von Aquin und der bellum iustum , Munich, GRIN Publishing GmbH
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