I. Vorbemerkungen „Wir haben die beiden Deutschlands von der Vergangenheit geerbt. Die Geschichte hat dieses Problem geschaffen, und sie wird es auch lösen müssen.“ 1
Seit Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre hatte sich die deutsche Frage, bei deren Lösung bis zu diesem Zeitpunkt nur ein geeintes Deutschland in Betracht gezogen wurde, insofern geändert, als dass nun im Zuge einer Annäherung der BRD an die DDR, von einer Zweistaatlichkeit Deutschlands und damit verbunden einer Anerkennung der DDR ausgegangen wurde.
Die beiden deutschen Staaten entwickelten sich zunehmend auseinander, so dass bei der jeweiligen Bevölkerung das Bewusstsein einer allgemein deutschen Identität vor dem des jeweiligen Staates zurücktrat. Die großen Differenzen zwischen beiden Staaten in ihrer gesellschaftlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ordnung überwogen und ließen die gemeinsamen deutschen Wurzeln, Traditionen und kulturellen Überlieferungen in den Hintergrund treten. 2
Erst als 1989 immer mehr DDR-Bürger aufgrund der schlechten Lebensverhältnisse ihr Land verließen und in die BRD flohen, Teile der Bevölkerung ihren Unmut und ihre Unzufriedenheit auf Demonstrationen öffentlich äußerten und in Folge dessen am 9. November 1989 die Mauer fiel, wandelte sich mit dem Ruf „Wie sind ein Volk.“ auch die deutsche Frage. Der Prozess der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war eingeleitet.
Die Bezeichnungen für diese grundlegende Veränderung der gesamten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnung der DDR bis hin zur Wiedervereinigung sind bis heute umstritten. Begriffe wie „Wende“, „Zusammenbruch“, „Implosion“ oder „Revolution“ charakterisieren und bewerten diesen historischen Sachverhalt jeweils anders. Im Folgenden möchte ich, ausgehend von einer Definition des Revolutionsbegriffs den revolutionären Charakter dieses Umbruchs untersuchen, wobei ich verschiedene Variationen der Benennung hinsichtlich ihrer historischen Deutung und Wertung der Ereignisse einbeziehen werde.
1 aus einem Interview mit Michail Gorbatschow, am 7. Dezember 1989 In: Jarausch, Konrad: Die unverhoffte Einheit 1989-1990. Frankfurt/Main 1995. S. 142 2 Vgl. Weidenfeld, Werner/Korte, Karl-Rudolf (Hg.): Handwörterbuch zur deutschen Einheit. 2.durchges.Aufl. Bonn 1992. S. 130
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Besonders im Schulgeschichtsbuch spielt die gewählte Begrifflichkeit und die damit verbundene Bewertung historischer Sachverhalte eine wichtige Rolle. Sie wird erstens nur all zu oft ohne die nötige Skepsis von den SchülerInnen übernommen, so dass sich zweitens darauf aufbauend nur ein einseitiges Geschichtsbild und Geschichtsbewusstsein entwickeln kann. Demzufolge ist es wichtig, verschiedene historische Deutungen und Bewertungen als solche, sowie deren Hintergründe, den SchülerInnen deutlich und nachvollziehbar zu machen. Aus diesem Grund möchte ich im zweiten Teil dieser Arbeit in drei ausgewählten Schulgeschichtsbüchern die Verwendung des Revolutionsbegriffes im Rahmen des Prozesses der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten, basierend auf Jörn Rüsens Modell des Idealen Schulbuchs, untersuchen. 3
II. Versuch einer Definition des Revolutionsbegriffs
Die Diskussion der Wissenschaftler um die Verwendung des Revolutionsbegriffs zur Kennzeichnung bestimmter geschichtlicher Umwälzungsprozesse wie auch z.B. die der Jahre 1989/90 in Ostdeutschland hält kontinuierlich an. Die jeweiligen Definitionen der einzelnen Wissenschaftler sind im Allgemeinen sehr eng mit ihrer Perspektive auf den jeweiligen Prozess und dessen Gemeinsamkeiten bzw. Bezugspunkten zu den klassischen Revolutionen der Vergangenheit verbunden.
Aufgrund dieser Tatsache bezweifelt Michael Richter 4 die Sinnhaftigkeit der Verwendung
eines so mehrdeutigen und umstrittenen Begriffs. Obwohl erst. „Die Bezeichnung eines politischen Ereignisses als revolutionär ihm große Bedeutung verleiht.“ 5 Wesentliche
Streitpunkte bei der Definition des Begriffs kristallisieren sich hinsichtlich der Ereignisse 1989/90 in der ehemaligen DDR, besonders in Bezug auf die Utopiehaltigkeit und Gewaltsamkeit einer Revolution heraus, auf die ich an späterer Stelle noch eingehen werde. Melvin Lasky, nach Stephan G. Bierling der Grand Seigneur der Revolutionsforschung, sieht die Utopie und die Revolution als ein „siamesisches Zwillingspaar untrennbar miteinander verwoben“ 6 , während Hannah Arendt die revolutionäre Idee der politischen Freiheit, der 3 Vgl. Rüsen, Jörn: Historisches Lernen. Grundlagen und Paradigmen. Köln 1994. S. 156-170 4 Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der Wende. Berichte und Studien Nr.2. Dresden 1995 5 Thompson, Mark R.: Die „Wende“ in der DDR als demokratische Revolution. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B-45. Bonn 1999. S.15-23 hier S. 16 6 Bierling, Stephan G.: Die sieben Mythen der Wiedervereinigung. In: Gosser, Dieter/Bierling, Stephan/Kurz, Friedrich: Die sieben Mythen der Wiedervereinigung. Fakten und Analysen zu einem Prozess ohne Alternative. München 1991. S. 68-78 hier S. 72
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Utopie als Merkmal von Revolutionen vorzieht. 7 Für sie ist die Gewalt ein entscheidendes
Kriterium für die Definition von Revolutionen. In gewisser Weise ist das der Tatsache
geschuldet, dass die klassischen Revolutionen der Vergangenheit wie die Französische
Revolution oder die Novemberrevolution gewaltsam und blutig verliefen. Andere sehen das
Fehlen von Gewalt bei politisch, gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen als eine
Weiterentwicklung des Revolutionsgedanken. 8 Auch für Volker Rittberger gehört Gewalt
nicht zu den wesentlichen für eine Revolution charakteristischen Merkmalen. 9
Diese, aus der Vielzahl der Kontroversen über den Revolutionsbegriff ausgewählten,
bestätigen, dass die Definition und Beurteilung von historischen Umwälzungsprozessen in
sehr hohem Maße von den unterschiedlichen Standpunkten der Betrachter und ihrer
jeweiligen Auffassung von Ursachen, Verlauf und Zielen einer Revolution abhängen.
Aufgrund dessen möchte ich, in Anlehnung an Robert Grünbaum, 10 meiner Arbeit eine
Revolutionsdefinition zugrunde legen, auf die ich mich in der weiteren Analyse der
Ereignisse 1989/90 in der DDR, im Hinblick auf deren revolutionären Charakter beziehen
werde.
Durch eine erfolgreiche Revolution werden die politischen, gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse und Zustände eines Landes fundamental verändert.
Demzufolge wird das bisher bestehende politische System und die althergebrachte Ordnung
grundlegend transformiert und ein tiefer Wandel in den bisherigen Lebensumständen der
Menschen stellt sich ein. Gewalt und eine Utopie gehören nicht zwangsläufig zu den
konstituierenden Merkmalen von Revolutionen. 11
„Hat sich eine revolutionäre Situation herausgebildet, kommt es gewöhnlich durch ein konkret auslösendes Ereignis oder die Summe mehrerer Einzelereignisse zu einer Aktion zum Zweck der Regimeänderung, die von den Volksmassen getragen wird. Ein revolutionärer Umsturz muss über den bloßen Wechsel von Führungsgruppen in allen wichtigen Bereichen von Staat und Gesellschaft hinausweisen und eine vollständig neue gesellschaftliche Ordnung sowie neue Rechtsformen schaffen. Darüber hinaus verändert eine Revolution auch den 7 Vgl. Arendt, Hannah: Über die Revolution. 4. Aufl. München 2000 8 Vgl. Vaatz, Arnold: „Die friedliche Revolution war ein guter Anfang“ In: FAZ vom 19. Mai 1994 zitiert In: Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der Wende. S. 7 9 Rittberger, Volker: Über sozialwissenschaftliche Theorien der Revolution. Kritik und Versuch eines Neuansatzes. In: Beyme, Klaus v. (Hg.): Empirische Revolutionsforschung. Opladen 1973 zitiert In: . Grünbaum, Robert: Eine Revolution in Deutschland? Der Charakter des Umbruchs in der DDR von 1989/90. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. 50.Jhg. Heft 7/8 Juli/August 1999. S.438-450 hier S. 445 10 Vgl. Grünbaum, Robert: ebenda. S. 440 11 Vgl. Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der Wende.S.
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Wertekanon einer Gesellschaft und greift damit in die Lebensauffassungen und Lebensbedingungen der Menschen ein.“ 12
III. Die Deutung der Ereignisse 1989/90 in Ostdeutschland
Bei der Deutung der Ereignisse in Ostdeutschland 1989/90 werde ich im Folgenden die unterschiedlichen Bezeichnungen und die damit verbundenen Bewertungen dieser Ereignisse berücksichtigen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Andersartigkeit und Besonderheit dieser Revolution zu verdeutlichen, da mit diesen die verschiedenen Kontroversen und Aspekte der Bezeichnung der Ereignisse jener Jahre maßgeblich verbunden sind. Demnach gliedere ich die Revolution in der DDR 1989/90 in drei Etappen, in denen, wie ich meine, der Wandel, den diese Revolution in sich vollzogen hat und damit korrespondierend der Wandel der deutschen Frage zum Ausdruck kommt.
III.I Die Herbstrevolution 13
Im Zuge der Ausreisewelle und Botschaftsbesetzungen im Sommer/Herbst 1989 formierte sich in der DDR selbst mehr und mehr ein Protestpotential, welches erstmals öffentlich in Erscheinung trat, als die aus der DDR nach Prag geflüchteten Menschen am 1. und 2. Oktober mit Sonderzügen über das Gebiet der DDR in die Bundesrepublik ausreisen durften. Während der Teils langsamen Fahrt sprangen noch viele auf die Züge und nutzten diese als Möglichkeit zur Flucht. Am Bahnhof in Dresden kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen. 14 Erst der Ruf immer größer werdender Teile der DDR-Bevölkerung „Wir wollen raus“ und der Druck der steigenden Zahl von Flüchtlingen, verbunden mit den Forderungen der Bürgerrechtler nach einer demokratischen Veränderung des realexistierenden Sozialismus, machten aus den bis dahin eher unbedeutenden bzw. unterdrückbaren Protesten der DDR Bürger eine Massenbewegung. 15 Unter den genannten Umständen, sowie der zunehmenden Destabilisierung des SED-Regimes u.a. durch Michail Gorbatschows Politik der Perestroika und die Abschaffung der Brechnew- 12 Grünbaum, Robert: Eine Revolution in Deutschland? Der Charakter des Umbruchs in der DDR von 1989/90. a.a.O. S. 440 13 Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland. Anmerkungen zum Charakter der Wende. S. 13 14 Vgl. Bundesministerium des Inneren (Hg.): Deutsche Einheit. Eine Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90. München 1998. (CD-ROM) S. 78,79 15 Vgl. Bierling, Stephan G.: Die sieben Mythen der Wiedervereinigung. a.a.O. S.74 16 Vgl. Brunssen, Frank: Die Revolution in der DDR. Ambivalenzen einer Selbstbefreiung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 45 Bonn 1999. S.3-14 hier S.6 17 Weizsäcker, Richard von: Eine republikanische Revolution. In: Die Welt, 4. Oktober 1990. In: Maier,
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Doktrin, fanden sich am 9. Oktober 1989 ca. 70.000 Bürger im Anschluss an das Montagsgebet in Leipzig zusammen, um für eine Verbesserung der Lebensumstände und eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse zu demonstrieren. Für Frank Brunssen 16 stellt
dieser 9. Oktober den Durchbruch der Revolution in der DDR dar. Die Bürger hatten nun endlich ihre Angst überwunden und lehnten sich bewusst gegen die bestehenden sozialen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf. „Wir sind das Volk“ hieß der Leitspruch für die Einforderung ihrer Bürgerrechte gegenüber dem Staat. Indem die Bevölkerung danach strebte, ihre Rechte im Staat zu verwirklichen und politische Veränderungen herbeizuführen, wurde es eine „republikanische Revolution“. 17
Zunächst ging es den Demonstrierenden, um die Erlangung ihrer Freiheit, ihrer Mündigkeit und um grundlegende Reformen des bestehenden politisch-gesellschaftlichen Systems. Aus diesen generellen Zielen der Demonstranten leitet Mark Thompson die Bezeichnung der „demokratischen Revolution“ ab. 18 und Bernward Baule spricht von einer „Freiheitsrevolution“. 19
In den Wochen vor dem 9. November wurde nach Alternativen zur bestehenden Ordnung gefragt und gesucht, der Gedanke an eine mögliche Wiedervereinigung mit der BRD stand jedoch noch in weiter Ferne. Hinsichtlich der deutschen Frage lässt sich also feststellen, dass an der bestehenden Zweistaatlichkeit noch nicht gezweifelt wurde.
Indem die Menschen mündig wurden und somit für sich selbst einen Raum zur freien Meinungsäußerung schufen, wurde für den weiteren Verlauf der Revolution in jenen Herbstwochen die Basis gelegt, auf deren Grundlage sich die ostdeutsche Revolution in den folgenden Monaten erst forcieren konnte.
Ergebnisse dieser ersten revolutionären Phase waren, eine deutliche Destabilisierung der SED-Regierung, der Sturz bzw. Rücktritt Erich Honeckers und die Schaffung einer öffentlichen Kommunikationsebene zur freien Meinungsäußerung.
Gerhard: Die Wende in der DDR. 2.aktual. Aufl. Bonn 1991. S. 32 18 Thompson, Mark R.: Die „Wende“ in der DDR als demokratische Revolution. a.a.O. S.15-23 19 Baule, Bernward: „Wir sind das Volk!“ Politische Bedingungsfelder der Freiheitsrevolution in der DDR. In: Löw, Konrad (Hg.): Ursachen und Verlauf der deutschen Revolution 1989. 2. Aufl. Berlin 1993. S. 17-44
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„Jede revolutionäre Bewegung befreit auch die Sprache: Was bisher so schwer auszusprechen war, geht uns auf einmal frei über die Lippen... Ja: Die Sprache springt aus den Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus in das sie eingewickelt war.“ 20
Die Revolution in der DDR zeichnet sich im Allgemeinen und besonders in ihrer ersten Phase durch ihren Verzicht auf Gewalt aus. Dieser Punkt führt, wie bereits erwähnt, dazu, dass jene Revolutionsforscher, die Gewalt als revolutionsdefinierendes Merkmal sehen, sich von dem Revolutionsbegriff zur Bezeichnung der Ereignisse 1989/90 abwenden und Begriffe wie z.B. „Implosion“ 21 , „Systemkrise“ oder „Zusammenbruch“ 22 vorziehen.
Die Gewaltlosigkeit in einer so hochexplosiven Situation war maßgeblich durch die Kirche, den Aufruf der Leipziger sechs zur Gewaltlosigkeit, sowie Gorbatschows Absage einer militärischen Unterstützung des SED-Regimes, im Falle von Ausschreitungen in der DDR, bestimmt. Die demonstrierenden Menschen symbolisierten den Verzicht auf Gewalt mit Kerzen in der Hand. 23 Diesen sehr bedeutsamen Aspekt der Revolution wird die Bezeichnung „sanfte“ 24 , „friedliche“ oder „Kerzen Revolution“ gerecht, wohingegen „protestantische Revolution“ die Bedeutung der Kirche in den Vordergrund hebt. 25 Die Fülle der Bezeichnungen für die erste Phase der Revolution macht den Zusammenhang zwischen Aspekt, Bewertung und Begriffsfindung deutlich.
Hinter dem Ruf der Demonstrierenden „Wir sind das Volk“ verbarg sich zu diesem Zeitpunkt noch die Heterogenität in den Forderungen und Zielen von Bevölkerung und Bürgerrechtlern. Die Differenzen kamen erst zum Tragen, als das gemeinsame Ziel der freien Meinungsäußerung erfolgreich umgesetzt war. Während die Masse der demonstrierenden Bevölkerung eine Verbesserung ihrer privaten Lebensumstände anstrebte, keinen Fortbestand des althergebrachten politischen Systems des realexistierenden Sozialismus befürworteten und eine Kooperation mit Egon Krenz, dem Nachfolger Erich Honeckers ablehnten, ging es den Bürgerrechtlern, den eigentlichen Wortführern der Revolution, weniger um eine völlige
20
Wolf, Christa: Rede auf dem Alexanderplatz am 4.11.1989 In: Schüddekopf, Charles (Hg.): „Wir sind das Volk.“ Flugschriften, Aufrufe und Texte einer deutschen Revolution. Reinbeck 1990 zitiert In: Brunssen, Frank: Die Revolution in der DDR. Ambivalenzen einer Selbstbefreiung. a.a.O. S. 7
21
Bierling, Stephan G.: Die sieben Mythen der Wiedervereinigung. a.a.O. S.78
22
Grünbaum, Robert: Eine Revolution in Deutschland? Der Charakter des Umbruchs in der DDR 1989/90. a.a.O. S. 443
23
Vgl. Brunssen, Frank: Die Revolution in der DDR. Ambivalenzen einer Selbstbefreiung. a.a.O. S. 5-6
24
Walser, Martin: Zum Stand der deutschen Dinge. Vom schwierigen Umgang mit der sanften Revolution. In: Schirrmacher, Frank (Hg.):Im Osten erwacht die Geschichte.Stuttgart 1990. S. 85
25
Vgl. Grünbaum, Robert: Eine Revolution in Deutschaland? Der Charakter des Umbruchs in der DDR von 1989/90. a.a.O. S. 442
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Neuordnung der Gesellschaft als um Reformen hin zu einem dritten Weg des demokratischen Sozialismus. 26 Demzufolge boten sie der DDR Führung einen Dialog zur gemeinsamen
Lösung des Konfliktes an.
Rufe wie „Wir wollen raus“ und „Wir bleiben hier“ standen sich gegenüber. Diese Wortführer der Frühphase der Revolution sahen sich selbst hingegen nicht als Revolutionäre und verweigerten sich, eine Führungselite abzugeben. 27 Gerade in dieser Tatsache liegt für
Frank Brunssen das Defizit der Revolution in ihren Anfängen. Dieses Defizit, die weiter ansteigende Flucht Tausender Bürger, sowie die immer schwieriger werdende Lage der Bevölkerung in der DDR bewirkten, dass die eigentlichen Revolutionäre und ihre teils revolutionäre teils, reformistische Idee von einem demokratischen Sozialismus von den weiteren Ereignissen und der Mehrheit der Bevölkerung überrollt und in den Hintergrund gedrängt wurden. Auf diese Weise vollzog sich durch die Öffnung der Mauer am 9.November ein Wandel in der Revolution und der deutschen Frage.
III.II Die nationale Revolution
Am 9. November 1989 veröffentlichte Günter Schabowski, sichtlich überfordert von den Ereignissen auf einer Pressekonferenz, die neuen Reiseregelungen, die es den Bürgern der DDR „ab sofort“ erlaubten, kurzfristig, d.h. ohne vorherigen Antrag in die BRD zu reisen. Tausende von Berlinern, die diese Liveübertragung verfolgt hatten, gingen daraufhin zur Mauer und forderten gegenüber den Grenzsoldaten die Realisierung dieser Presseerklärung. Die Mauer wurde (ungeplant) geöffnet. 28 Die Bürger der DDR hatten ihren Wunsch nach
Freiheit realisiert, aber bei großen Teilen der DDR Bevölkerung stieg die Unzufriedenheit um so mehr, als sie die westdeutschen Lebensverhältnisse mit den ihren verglichen.. Unsicher, was sie mit ihrer gewonnenen Freiheit nun machen sollten, jedoch verängstigt und misstrauisch gegenüber neuen Wegen, wuchs in ihnen die nationale Idee von einem Zusammenschluss beider deutscher Staaten. 29 Über das Scheitern ihres vorgeschlagenen
Weges sichtlich enttäuscht und über den Umschwung der Bevölkerung verärgert, formulierten 26 Vgl. Brunssen, Frank: Die Revolution in der DDR. Ambivalenzen einer Selbstbefreiung. a.a.O. S.8-9 27 Vgl. Brunssen, Frank, ebenda. S. 9-10 28 Vgl. Bundesministerium des Inneren (Hg.): Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90. (CD-ROM). S. 100-102
29 Vgl. Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der Wende. S.21 und Brunssen, Frank: Die Revolution in der DDR. Ambivalenzen einer Selbstbefreiung. a.a.O. S. 11
8
Bürgerrechtler: „Wir denken nicht daran, nachdem wir uns aus den Klauen des Stalinismus befreit haben, mit wehenden Fahnen in die 2/3 Mehrheit eines Herrn Kohl überzulaufen.“ 30
Um an der Eigenständigkeit der DDR festzuhalten, formulierten sie zu diesem Zwecke den Aufruf „Für unser Land“.
Bereits Zehn Tage nach dem Fall der Mauer hatte sich der Ruf „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ gewandelt. 31 Durch die Forderung nach Volkssouveränität und Demokratie,
sowie nach einem geeinten Deutschland trat die Revolution in eine nationale Phase, in der nationale Symbole erneute Bedeutung erlangten. 32
Die von der Bevölkerung gewollte Annäherung an die BRD und die damit verbundenen Einheit, führte eben zu jener Ausdifferenzierung innerhalb der Demonstrierenden, die ich bereits schon ansprach.
Während für die Bürgerrechtler die Revolution mit der Abkehr von ihrem Konzept des dritten Weges beendet war und sie von einer „missglückten“ 33 Revolution sprachen, fing für die Mehrheit der Bevölkerung die „nationale Revolution“ 34 an.
Diese bewusste Anlehnung der Massen an die BRD und die geforderte Einheit Deutschlands, die bei dem Besuch Kohls in Dresden im Dezember 1990 deutlich zum Ausdruck gebracht wurde 35 , birgt insofern Restauratives und wenig Revolutionäres, als dass von der Utopie des
dritten Weges und somit von einer neuen Idee abgewichen wurde. Die Bevölkerung protestierte gegen zwei Fronten, zum Einen gegen die des alten SED Regimes, indem sie eine Abschaffung der DDR forderten und zum Anderen gegen die Idee der Bürgerrechtler eines demokratischen Sozialismus. „Wir wollen keine Experimente mehr.“ 36 Eine alte, bereits
bestehende politische Ordnung wurde einem demokratischen Sozialismus vorgezogen. Die gewünschte Anknüpfung an das politische System der BRD bedeute keinen umfassenden und tiefgreifenden Umbruch, da an die Zeit vor dem realen Sozialismus angeknüpft würde. Aus dieser These begründet sich die Meinung einzelner Forscher, in dieser Phase des Wandels der 30 Jarausch, Konrad H.: Die unverhoffte Einheit 1989-1990.Frankfurt/Main 1995.S.138 31 Vgl. Brunssen, Frank: Die Revolution in der DDR. Ambivalenzen einer Selbstbefreiung. a.a.O. S. 11 32 Vgl. Grünbaum, Robert. Eine Revolution in Deutschland? Der Charakter des Umbruchs in der DDR von 1989/90. a.a.O. S.442 33 Weiß, Konrad: Die mißglückte Revolution. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 5/1990. In. Maier, Gerhard: Die Wende in der DDR. S. 34 34 Jarausch, Konrad H.: Die unverhoffte Einheit 1989-1990. S.205-208. Jarausch setze die nationale Phase erst ab Januar 1990 an.
35 Vgl. Bundesministerium des Inneren (Hg.): Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Kanzleramtes 1989/90. (CD-ROM). S. 153/154 36 Rosenlöcher, Thomas: Verkaufte Pflastersteine. Dresdener Tagebuch. Frankfurt 1990. zitiert In: Jarausch, Konrad H.: Die unverhoffte Einheit 1989-1990. S. 137
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Studienrätin Sandra Müller, 2002, Die Revolution 1989/1990 , München, GRIN Verlag GmbH
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