Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Theoretische Vorüberlegungen 4
2.1. Zu Identität und Identifikation 4
2.2. Zur Problematik von grenzübergreifender Identität 8
3. Die Situation an der Oder in fünf Aspekten 11
3.1. Historischer Abriss 11
3.2. Durchlässigkeit: rechtlich physisch 15
3.3. Kooperation auf Ebene der Politik 17
3.4. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen 19
3.5. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen 21
4. Fazit: Ist regionale Identität möglich 24
5. Literaturverzeichnis 27
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1. Einleitung
In den letzten Jahren ist, angestoßen durch verschiedene Ereignisse und Entwicklungen, das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarn Polen und Deutschland verstärkt Gegenstand des öffentlichen Interesses gewesen. Häufig trat dabei zu Tage, dass die tiefen Wunden, die in der Geschichte in dieses Verhältnis geschlagen wurden, noch immer nicht vollständig verheilt sind. Diskussionen um ein Vertriebenenzentrum, die Wahlkämpfe der Gebrüder Kaczyńzki, die Resolution des polnischen Parlaments über Kriegsreparationen Deutschlands an Polen aber auch Diskussionen um den EU-Beitritt haben gezeigt, dass die Sicht der Menschen in den beiden Ländern aufeinander noch stark unter dem Einfluss alter und neuer Vorurteile und Ressentiments steht. Seitens der Politik aber auch von großen Teilen der Eliten aus Wirtschaft und Wissenschaft wurden Anstrengungen unternommen, zu beiderseitigem Vorteil eine enge Verflechtung Deutschlands und Polens herzustellen, zumindest mangelt es nicht an derartigen Willensbekundungen.
Gegenstand der Arbeit ist das Verhältnis von Brandenburgern und Polen, wobei der Fokus auf der unmittelbaren Nahtstelle zwischen beiden Gebieten, der Oder- Neiße-Grenze liegt. Es stellt sich die Frage, ob das Verhältnis zwischen den Bewohnern beider Flussufer von Distanz und Skepsis oder von Interesse und wechselseitiger Sympathie geprägt ist. Letztere sind unerlässliche Voraussetzungen für ein Zusammenleben, dass in verschiedener Hinsicht als gewinnbringend für beide Seiten zu bezeichnen ist. Die Bewohner der unmittelbaren Grenzregion sollten im Dialog zwischen den Ländern eine Vorreiterrolle einnehmen. Sie bilden gewissermaßen die Klammer, die Deutschland und Polen unmittelbar verbindet. Aus dem Status dieser Verbindung lassen sich Rückschlüsse auf die kontextuale Identität ziehen, was schließlich zur Kernfrage führt: sehen sich die Anrainer der Grenze als bloße „Grenzer“, also als die letzten Außenposten ihres Heimatlandes, ohne ein tiefergehendes Interesse für die andere Seite des Flusses zu hegen, oder geht die Identifikation soweit, dass von einer nachbarschaftlichen Identität ausgegangen werden kann?
Um diese Frage zu beantworten, muss induktiv vorgegangen werden. Ausführliche Untersuchungen darüber, ob sich die Bewohner Ostbrandenburgs und Westpolens als „gute Nachbarn“ verstehen, existieren bedauerlicherweise bisher nicht. Daher werde ich im Folgenden die Situation an der Grenze aus verschiedenen Blickwinkeln beschreiben und versuchen daraus abzuleiten, ob die Herausbildung einer
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grenzübergreifenden Identität überhaupt möglich ist, was sie begünstigt, was ihr entgegensteht.
2. Theoretische Vorüberlegungen
2.1 Zu Identität und Identifikation
Zunächst soll versucht werden, den raumbezogenen Identifikationsprozess im Allgemeinen zu beschreiben, seine Funktion und Bedeutung für die Gemeinschaft aber auch für das Individuum. Nachdem der allgemeine Identitätsbegriff auf regionale Identitätsbildung angewendet wurde, werde ich mich mit der speziellen Problematik einer grenzübergreifenden regionalen Identität befassen.
Der Geograph Peter Weichhart (Weichhart 1990) hat versucht sozialwissen- schaftliche und sozialpsychologische Erkenntnisse der Identitätsforschung zusammenzufassen und sie auf den Aspekt der raumbezogenen, später der spezifisch regionalen Identität, anzuwenden. Er bedient sich dabei vor allem der Identifikationstheorie Graumanns, die sehr anschaulich den Identifikationsprozess zu erklären versucht (Graumann 1983). Graumann unterscheidet drei verschiedene Aspekte von Identifikation: Identifikation I (identifying the environment), Identifikation II (being identified) und Identifikation III (identifiying with one´s environment). Ersteres meint die Leistung des Subjekts, zu abstrahieren, zu verallgemeinern und so die Komplexität der Welt auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Robert Hettlage nennt dies in einem Aufsatz „Eindrucksmanagement“ (Hettlage 1997: 9). In der Identifikation II wird das Subjekt selbst zum Objekt durch sich (ich identifiziere mich) oder andere (jemand identifiziert mich), es findet eine Rollenzuschreibung statt. Schließlich wird mit der Identifikation III das Objekt mit einer Sache identifiziert. Dies können Gruppen, einzelne Personen, Traditionen, Verhaltensweisen usw. sein (Weichhart 1990: 14 ff.). Heinz Werner Wollersheim erstellt ein Modell, in dem dieser Identifikationsprozess auf der Grundlage der Überlegungen Graumanns veranschaulicht wird (Wollersheim 1998). Gefragt wird: Wer identifiziert wen womit? Aus dieser Fragestellung ergeben sich nach dem Modell Wollersheims formal einhundert Möglichkeiten, wie ein Identifikationsprozess ablaufen kann (ebd. 48 f.). Weichhart zeigt, dass auch ein „Raumausschnitt“, also ein „erfahrbarer Ausschnitt der Wirklichkeit“ Gegenstand des Identifikationsprozesses sein kann (Weichhart 1990: 19 f.). Dabei stellen sich zwei zu unterscheidende Ebenen der Identifikation heraus. Die erste meint Identifikation I, also die genaue Identifizierung eines bestimmten Raumes. Dies beinhaltet neben den rein physisch
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wahrnehmbaren Eigenschaften und dem mehr oder minder abgrenzbaren und somit definierbaren Raum auch die mit der Präsenz des Raumes verbundenen individuellen Empfindungen und Wertungen. Auf der zweiten Ebene des raumbezogenen Identifikationsprozesses bildet sich schließlich das, was sozialwissenschaftlich unter örtlicher (also z.B. regionaler) Identität verstanden werden kann. Der Raum, der auf der ersten Ebene lediglich definiert und bewertet wurde, wird nun zur Projektionsfläche des personalen Selbst. Identifikation II und III bewirken, dass sich das Individuum selbst mit dem Raum identifiziert, ihn zum Teil der eigenen Persönlichkeit werden lässt (Weichhart 1990: 20 ff.). Es spricht von sich als Europäer, als Deutscher, Ostdeutscher, Brandenburger, Potsdamer, Babelsberger. Mit diesen Identitäten sind nicht nur räumliche Aspekte verbunden. So wie schon bei der bloßen Identifizierung des Raumes nicht nur physische, geografische, sondern auch emotionale Aspekte Berücksichtigung finden, so wird die Teilhabe an räumlicher Identität nicht nur an der örtlichen Präsenz festgemacht. Ein Potsdamer wird sich an jedem Ort der Welt als Potsdamer fühlen, auch wenn er seine Heimatstadt seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Zugehörigkeit definiert sich über Erlebnisse und Erfahrungen mit dem betreffenden Raum, zum Teil auch über die Abstammung (Hettlage 1998: 12). Nicht nur die Zugehörigkeit selbst, auch die mit ihr verbundenen Erwartungen an Verhaltensweisen und Eigenschaften lösen sich von der rein physischen Präsenz. Durch gemeinsam erlebte Geschichte bilden sich Traditionen, die den Raum mit verschiedenen Vorstellungen von Mentalität aufladen. So entsteht ein gemeinschaftlicher Habitus, der durch Sprache und internalisiert wird. Das „Wir-Gefühl“ erzeugt eine Verbundenheit, die Solidarität von jedem Mitglied der Gemeinschaft erwartet. Mit dem Raum werden also auch ganz konkrete kulturelle Aspekte verbunden.
Hier offenbart sich auch die negative Seite kollektiver Identifikation. Eine starke Inklusion zieht zwangsläufig auch Exklusion nach sich. Zugehörigkeit wird neben der intrinsischen Definition auch über Abgrenzung bestimmt. Diese Abgrenzung dient der Festigung des Gemeinschaftsgefühls. Entscheidend dafür, ob eine solche Abgrenzung als moralisch negativ angesehen werden muss, sind die Kriterien, die der Abgrenzung zu Grunde gelegt werden, und ob Abgrenzung Ausgrenzung nach sich zieht. In jedem Fall wird dies erst im Kontakt mit den „Abgegrenzten“ ersichtlich. (Hettlage 1998: 17 f.).
Die zweite Stufe der Identifizierung geschieht häufig nicht zwangsläufig und automatisch. Gerade auf nationalstaatlicher Ebene wird eine solche Identität erst
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bewusst von Eliten geschaffen (ebd: 11 ff.). Dies geschieht durch die Erschaffung von Mythen und der Beschwörung der Gruppenidentität (vgl. Edgar Wolfrun 2002: „Geschichte als Waffe“; Bettina Westle 1999: „Kollektive Identität im vereinten Deutschland“). Allein die Schaffung von territorialen Grenzen stellt eine Bestrebung zur Schaffung von räumlicher Identität dar. Die Identität bedarf gerade in größeren Räumen der Artikulation und Formulierung durch einzelne Akteure aber auch der Akzeptanz durch die Gruppe (Hettlage 1998: ebd.). Dies macht deutlich, dass die bloße Errichtung eines Raumes nicht genügt, um Identität zu schaffen. Häufig ist eine solche Errichtung mit der Installation von Symbolen und Institutionen verbunden, die das Gemeinschaftsgefühl stärken sollen. Dieses Bestreben der Eliten die gemeinschaftliche Identität zu stärken, begründet sich in den vielen Funktionen, die eine solche starke Identität für die Gemeinschaft aber auch für das Individuum ausüben kann.
Die elementarste Funktion von Identität jeglicher Art wurde bereits angesprochen. Die Welt zu kategorisieren macht sie zu einem übersichtlicheren Ort. Die vielfältigen Erscheinungsformen und Zusammenhänge werden vereinfacht und somit verständlich. An diese Funktion geknüpft ist eine zweite: der Einzelne ist in der Lage sich und andere in diese kategorisierte Welt einzuordnen. Weichhart verweist hier auf die „Ankerpunkt-Hypothese“. Der Einzelne wird so befähigt anhand von Referenz- oder Ankerpunkten sich und Andere in das von ihm internalisierte Weltbild einzuordnen (Weichhart 35 f.). Die dritte Funktion ist das Gefühl der Geborgenheit, „dazuzugehören“. Das bedeutet, die Sicherheit, die schon durch die ersten Funktionen gewonnen wurde – die Welt verstehen zu können, neu Erfahrenes einordnen zu können – wird noch einmal um eine Stufe erweitert. Jetzt ordnet man sich selbst nicht mehr einfach nur einer Gruppe zu, sondern gewinnt die Sicherheit Teil dieser Gruppe zu sein und diese Teilhabe auch nicht so ohne weiteres wieder abtreten zu müssen. Es entsteht ein sozialer „Rückzugsraum“. Zusätzlich zu erwähnen bleibt hier jedoch, dass dieser Rückzugsraum in seiner Bindungsintensität nicht vergleichbar ist mit anderen Formen des sozialen Zusammenlebens, wie zum Beispiel der Familie oder des Freundeskreises. Die emotionale Bindung ist in diesen weitaus stärker, wie auch die Erwartungshaltung an den Einzelnen. Die Verbundenheit, die durch raumbezogene Identität entsteht, ist wesentlich schwächer ausgeprägt und lässt sich durch das Individuum auch bedeutend lockerer handhaben. Das Ignorieren von angebotenen sozialen Kontakten ist durch wesentlich geringeren Sanktionsdruck gekennzeichnet (Wollersheim 1998: 52).
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Wie oben erwähnt, wird der Raum zur Bezugsfläche für die eigene Persönlichkeit. Dies führt zur vierten Funktion von räumlicher Identität. Das Zugehörigkeitsgefühl wird gestärkt durch die Herausbildung eines gemeinsamen Habitus, die gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Symbolik. Denn auch für das Kollektiv bildet der Raum eine Projektionsfläche. Dies führt zu Solidarität innerhalb der Gruppe und hat neben dem unmittelbaren Nutzen des solidarischen Verhaltens zur Folge, dass der Einzelne weiß, dass sich andere für ihn und seine Interessen einsetzen, was wiederum zur Steigerung des empfundenen Sicherheitsgefühls führt (ebd.: 53).
Die fünfte und letzte von mir benannte Funktion bezeichnet Weichhart als „Aktivität und Stimulation“ (Weichhart 1990: 37 ff.). Hier wirken zwei Komponenten aktivierend. Die erste ist zunächst das Angebot zum Engagement. Der Einzelne ist Teil von etwas und somit von den Dingen, die in diesem „etwas“ vorgehen unmittelbar betroffen. Er hat somit das Bestreben sich für den Erhalt des Systems einzusetzen, schon aus reinem Egoismus heraus. Dazu kommt, dass wie erwähnt ein Wertemuster auf den Raum bezogen wird, was zur Herausbildung von Normen führt, die ihrerseits Orientierungslinien für das eigene Handeln schaffen. Solidarität wird nun nicht mehr aus der Sicht des Rezipienten gesehen, (als willkommene Leistung der Gruppe) sondern aus Sicht des handelnden Individuums (als Handlungsanreiz). Der zweite Aspekt von „Aktivität und Stimulation“ ist die „Aneignung“. Da das Individuum sich als Teil der Gruppe sieht, gewinnt es außer Handlungsanreizen auch die Gewissheit, Einfluss auf die unmittelbare Umgebung nehmen zu können. Innerhalb der Grenzen des Raumes hat der Einzelne Gestaltungsfreiraum. Hier erscheint ihm die Umwelt formbar. Er gewinnt somit den Eindruck von Verantwortlichkeit aber auch von Autonomie. Die Identifikation mit der Heimatland, der Heimatregion, der Heimatstadt bietet also nicht nur ein Angebot sich zu engagieren sondern erleichtert das Engagement (Weichhart 1998: 38).
Abschließend soll noch in Kürze auf den Stellenwert regionaler Identität eingegangen werden. Sowohl Weichhart als auch Wollersheim sehen die raumbezogene Identität unter den identitätsbildenden Räumen als eher gering an, wenngleich sie beide ausdrücklich erwähnen, dass sie keine Belege für diese Annahme vorbringen können. Im Vergleich zu anderen identitätsstiftenden Merkmalen (Geschlecht, Alter, Religion, Beruf) ist der Stellenwert des Raumes wohl niedriger anzusiedeln. Allerdings weisen beide daraufhin, dass die Bindung an territoriale Gemeinschaften durch die Modernisierung nicht, wie zeitweilig
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Arbeit zitieren:
Erik Pester, 2005, Grenzer oder Nachbarn? , München, GRIN Verlag GmbH
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