Essay II – Karl Marx –
___________________________________________________________________________ von Marx’ ökonomischen Analysen sind heute noch relevant, aber die marxistische Theorie ist durch die Geschichte falsifiziert worden.
Marx beginnt das erste Kapitel des Kapitals mit dem Satz: „Der Reichtum der Gesellschaften 1 , in welchem kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung“ (MARX 1890. S.49). Als Ware bezeichnet Marx hier jene Produkte menschlicher Arbeit, die zum Zweck des Austauschs gegen Geld oder gegen ein anderes Produkt hergestellt werden. Den Wert dieses Produktes nennt er Tauschwert, der einen Gebrauchswert der Ware voraussetzt – sie muss nützlich sein, menschliche Bedürfnisse befriedigen. Neben Tausch- und Gebrauchswert hat jede Ware zusätzlich einen abstrakten Wert. Dieser gibt an, „gegen welche Quantität eines anderen Produktes die betreffende Ware eingetauscht werden kann“ (FETSCHER S.101). Er entsteht (wie bei Ricardo) aus der durchschnittlich in die Herstellung des Produktes investierten Arbeitszeit: „Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist“ (MARX 1890. S.53).
Für den Kapitalisten ist nun nicht die Schaffung von Gebrauchs-, sondern die Erzeugung von Tauschwerten interessant, da sie die Möglichkeit der Erzielung von Profit bereitstellen. Durch diesen Prozess jedoch wird der Arbeiter zum produzierenden Objekt, während die Ware selbst zum Subjekt aufsteigt und beherrschende Kraft im Herstellungsprozess wird – „Quidproquo“ (MARX 1890. S. 86). Dieses Eigenleben der Waren nennt Marx Fetischismus (MARX 1890. S.85ff.).
Für die produzierten Waren unterscheidet er zwei Zirkulationsarten. Der Besitzer des Guts kann seine Ware verkaufen und mit dem erhaltenen Geld eine andere Ware kaufen (Marx kürzt diese Warenzirkulation mit W-G-W ab). Geld ist hierbei nur Zirkulationsform, eigentlich findet ein Austausch von zwei Waren statt und der Gebrauchswert der Waren ist Endzweck der Zirkulation (vgl. MARX 1890. S.164). In der zweiten Form wird Geld in Ware und dann diese Ware wieder in Geld verwandelt (G-W- G). Der Geldbesitzer kauft die Ware also nur, um sie wieder zu verkaufen. Hierbei wird er versuchen, das Produkt nicht für die gleiche Menge Geld zu verkaufen, sondern einen Gewinn zu erwirtschaften, einen Mehrwert. Diese zweite „Warenzirkulation ist der Ausgangspunkt des Kapitals“ (MARX 1890. S.161), weil der Kapitalist nicht mit dem Mehrwert der einzelnen Zirkulation zufrieden ist, sondern einem „absoluten
1 Schon hier wird deutlich, dass Marx sich in der Tradition der Classical Economists sah. Sein Kapitel beginnt
mit einer Anlehnung an den Titel von Adam Smiths wichtigstem Buch The Wealth of Nations. Marx
verdeutlicht, dass er sich mit den gleichen Themen und den gleichen Methoden beschäftigt wie Smith – er
kommt nur zu anderen Schlüssen.
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Essay II – Karl Marx –
___________________________________________________________________________ Bereicherungstrieb“ folgt (MARX 1890. S.168). Der durch die Warenzirkulation entstehende Mehrwert bedeutet allerdings immer einen Wertverlust für den anderen Beteiligten des Tauschgeschäfts, „der Gewinn des einen entspricht immer genau dem Verlust des (oder der) anderen“ (FETSCHER S.106). Die Gesamtheit der Kapitalisten kommt über den Austausch von Waren und Geld also nicht zu einem Mehrwert. Es gibt, laut Marx, auf dem Markt nur eine einzige Ware, die einen Mehrwert zu erzeugen im Stande ist: die menschliche Arbeitskraft. Ihr Wert wird, wie der aller Waren, an der für ihre Herstellung und Erhaltung nötigen Zeit gemessen und „ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel“ (MARX 1890. S.185). Da der Arbeiter seine Ware Arbeitskraft an den Kapitalisten verkauft und dafür den Wert der Ware in Form von Geld erhält, könnte man meinen, es handle sich um einen fairen Prozess (MARX 1890. S.189). Schaut man jedoch genauer hin, lässt sich nach Marx ein Ausbeutungsprozess des Kapitalisten an dem Arbeiter erkennen. Er lässt ihn länger arbeiten, als dessen Wert entspricht, und dieser erzeugt somit Mehrwert „aus der Differenz zwischen dem realen Arbeitstag der Beschäftigten und dem Zeitaufwand für die Reproduktion des Wertes der Ware Arbeitskraft“ (FETSCHER S. 109). In dieser Mehrwert- oder Surplusarbeitszeit entsteht schließlich Kapitalprofit und die Akkumulation von Kapital beginnt.
Dieser Profit besteht aus zwei Faktoren: dem konstanten Kapital (bestehend aus den Materialien und Maschinen) und dem variablen Kapital (bestehend aus der Arbeitskraft). Arbeiter und Maschine konkurrieren miteinander und je mehr konstantes Kapital ein Kapitalist anhäuft, desto weniger variables Kapital benötigt er (vgl. MARX 1890. S.657). Dies führt zur Entlassung immer mehr Arbeiter, was die Entstehung einer industriellen Reservearmee zur Folge hat, die die Löhne der noch angestellten Arbeiter niedrig hält (vgl.
MARX 1890. S.657). Neben der Akkumulation von Kapital kommt es zeitgleich zu einer
starken Monopolbildung. Die Gesellschaft besteht schließlich aus wenigen reichen Kapitalisten und einer Mehrheit an armen Arbeitern, was, laut Marx, unaufhaltsam zu einer Auflehnung der Unterdrückten, einer Revolution führt. „Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten (…) wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und (…) vereinten und organisierten Arbeiterklasse“ (MARX 1890. S.790f.). Marx hält es für ein Naturgesetz, dass der Kapitalismus sein eigenes Grab schaufelt.
Fast einhundert Jahre nach Adam Smiths revolutionärem Bruch mit dem Merkantilismus und seiner theoretischen Einführung des Kapitalismus bricht Marx jetzt also mit diesem. Er führt dessen Fehler und Ungerechtigkeiten eindrucksvoll vor und
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Mara Pankau, 2007, Hatte Marx Recht?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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