"Einem Menschen seine Sprache rauben im Namen der Sprache selber, damit fangen
alle legalen Morde an." (Roland Barthes)
2
Inhalt
Inhalt 3
1.Einleitung 4
2. Historischer Überblick der Entwicklung in Ghana Westafrika mit Überlegungen zum
Sprachwandel 4
3. Die sprachliche Situation in Ghana 9
3.1.Die ethnischen Gruppen und ihre Sprachen 9
3.2.Die Verbreitung der englischen Sprache in Ghana 12
4. Sprachbewusstsein der ghanaischen Bevölkerung mit historischen Aspekten 12
4.1. Die einheimischen Sprachen als Träger der afrikanischen Kultur 13
4.2. Die Amtssprache als interethnische Kommunikationsmöglichkeit 15
4.3. Orakel und Opferkulte als mediale Ausdrucksformen 16
5. Schluss 19
Literaturverzeichnis 21
3
1.Einleitung
In meiner Arbeit über Afrikanische Schrift- und Sprachkulturen möchte ich anhand des Beispiels Ghana die Auswirkungen der europäischen Kolonialisierung auf Schrift und Sprache in Westafrika darstellen. Um die Arbeit in einen angemessenen Rahmen zu stellen, werde ich mich hauptsächlich mit der sprachlichen Situation und dem Sprachbewusstsein in Ghana beschäftigen. Allerdings unter besonderer Berücksichtigung der Kolonialisierung und imperialistischen Tendenzen, die bis in die Gegenwart reichen. Somit spielen Sprach- und Bildungspolitik wie auch europäische Schriftkultur eine wichtige Rolle. Um den Rahmen dieser Arbeit dadurch nicht zu sprengen, soll es gezielt um die Auswirkungen auf Schrift und Sprache in Ghana gehen, ohne die Hintergründe der Politik und Machtstrukturen genau zu beleuchten.
Die Entwicklung einer Darstellungsstruktur zur Beantwortung der Frage, in wie weit ghanaische Schrift- und Sprachkultur im Schatten der imperialistischen „Sprach-Matrix“ steht, und welche Konsequenzen sich daraus für die Bevölkerung ergeben, erfordert ebenso einen historischen Überblick der politischen, kulturellen und sprachlichen Situation Ghanas. Dieser soll auch als Einführung in das Thema dienen.
Die verwendete Literatur stammt teilweise aus Ghana, wie z.B. analytische Bücher über westafrikanische Literatur oder sprachwissenschaftliche Bücher von lokalen Professoren. Erfahrungsberichte von Europäern, die in Nordghana gelebt haben, um den Orakelkult kennen zu lernen, werden ebenfalls zu Rate gezogen. Ein von der UNESCO empfohlener Reiseführer gibt unter anderem Aufschluss über Geschichte und Kultur des Landes aus westlicher Sicht.
2. Historischer Überblick der Entwicklung in Ghana, Westafrika mit Überlegungen zum Sprachwandel
Wenn in Afrika von jungen Staaten die Rede ist, so bezieht sich dies nie auf die afrikanischen Stämme und Kulturen selbst, sondern meint lediglich die politischen Gebilde, die von westlicher Hand in jüngster Zeit geformt wurden. Die früheste menschliche Besiedlung in Ghana, soweit es die Beweislage zulässt, reicht 30.000 bis 40.000 Jahre zurück. 1 Die drei frühen Kaiserreiche Gana, Mali und Songhai prägten für über ein Jahrtausend die Geschichte des westafrikanischen Subkontinents maßgeblich. Und obwohl noch nie ein
1 Vgl. Cobbinah 2005, S. 51.
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„weißer Mensch“ zu diesen frühen Zeiten einen Fuß auf den „schwarzen Kontinent“ gesetzt hatte, gelangten afrikanische Produkte über Handelsrouten nach Europa. 2 Die Entwicklung in Westafrika zwischen 600 n. Chr. bis ins Mittelalter ist durchzogen von Wandel durch Krieg und Migration. Da viele Legenden der damals ansässigen Völker widersprüchlich sind und es oft keine konkreten Nachweise gibt, wird im Folgenden nur auf die für das behandelte Thema interessanten Aspekte eingegangen.
Einer der interessanten Aspekte der Sprachentwicklung in Westafrika ist die Migration der verschiedenen Akan-Völker. Im heutigen Ghana sind sie zumeist mit anderen Völkern vermischt, hinterließen Spuren im ganzen Land und haben teils die Sprache des Mehrheitsvolkes übernommen. 3 Der Vorläufer der Akansprache ist die sog. Guansprache, die von den ursprünglichen Wandergruppen im heutigen Ghana, den Guan, damals gesprochen wurde.
Weitere Untergruppen der späteren Akan-Zuwanderer, wie die Bono oder Ashanti, sprechen alle den Twi-Dialekt, der sich zu einer eigenen Sprache entwickelt hat, zumindest aus europäischer Sicht. Eigentlich gibt es nur verschiedene Twi-Dialekte der Akansprache, dennoch wird aufgrund der heutigen großen Verbreitung gerne von Twi als eigenständige Sprache gesprochen, um die Komplexität der Sprachsituation in Ghana zu umgehen. 1980 wurde eine genaue Analyse der Sprachsituation in Ghana von hiesigen Sprachforschern angestrebt. Zu diesem Zeitpunkt wurden 44 verschiedene Sprachen registriert. 4 Twi wird dort nicht als Sprache geführt, sondern korrekterweise als Akan-Dialekt betitelt. Da in Westafrika während der gesamten Entwicklung viele verschiedene Stämme mit eigener Sprache und Kultur koexistierten und sich wechselseitig beeinflussten, kam es zu dieser dynamischen Sprachvielfalt. Jede Sprache unterliegt grundsätzlich einem Wandel, eng geknüpft an Kultur, Politik und Geographie. Edward Hall schreibt dazu folgendes:
Many factors will influence these changes, such as nearness to speakers of politically or economically more dominant group, migration and its resulting isolation, and the occurrence of natural barriers to social
intercourse, such as rivers, lakes and mountain ranges. 5
Diese Faktoren haben die Sprachentwicklung maßgeblich bestimmt, bis 1471 ein weiterer Faktor auftauchte: Die Portugiesen erreichten den Golf von Guinea, landeten an Ghanas
2 Vgl. Ebd., S. 52.
3 Vgl. Ebd., S. 58.
4 Vgl. Hall 1983, S. 6.
5 Ebd., S. 10.
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Küste an, und tauften sie kurzerhand „Goldmine“, da es ungeahnte Goldvorkommen im heutigen Ghana gab. 6 Ca. 10 Jahre später errichteten sie ihren ersten Stützpunkt bei Elmina, um die Vorherrschaft an der Goldküste zu sichern. Ein harter Konkurrenzkampf der Europäer um Gold und Sklaven bahnte sich an. Ab 1505 begannen die Sklaventransporte von Afrika nach Süd- und Mittelamerika, die über mehr als drei Jahrhunderte lang das Schicksal Afrikas grundlegend bestimmen sollten. 7 Die ökonomischen, sozialen und gar genetischen Folgen sind hinreichend bekannt, wie aber hat sich die Sprach- und Schriftkultur mit dem Imperialismus entwickelt?
Wenn Sprachwandel analysiert wird, sollten keine Berührungsängste zur Diskurs- und Sprachgeschichte vorhanden sein. 8 Im Falle der ghanaischen Sprachen ist der Wandel aufgrund zunächst fehlender Schriftlichkeit von diesem Aspekt her nicht realisierbar, und weitgehend an externe Quellen gebunden, wie z.B. koloniale Literatur.
Aber auch durch die einsetzende christliche Missionierung und die Etablierung von Verschriftlichung einiger einheimischer Sprachen Ende des 19. Jahrhunderts 9 , ist der Wandel der Sprachen nicht immanent nachvollziehbar. Vielmehr bekamen die rein phonetischen Sprachen einen graphischen Code aufgesetzt, der die kommunikativen Konzepte beeinflusste und zum Wandel trieb. In diesem Fall ist es tatsächlich wichtig, trotz aller Affinitäten, Medium und Konzeption zu unterscheiden. 10 Zur Mündlichkeit schreibt Wulf Oesterreicher folgendes:
Die in einer derartigen Gesellschaft – hier spricht man auch von primärer Mündlichkeit – notwendig allein phonetisch realisierten Diskurse weisen aber sehr wohl ein beachtliches konzeptionelles Profil auf. 11
Somit stellt sich die Frage, inwieweit sich durch europäischen Einfluss und die daraus resultierende Teilschriftlichkeit die Konzepte und Diskurse der Einheimischen verändert haben.
1869 wurde die Orthographie des Twi-Dialektes, entwickelt von dem Missionar Rev. H.N. Riis, festgelegt. 12 Weitere ghanaische Sprachen wurden ebenfalls von Missionaren verschriftlicht, vorerst meist mit dem Primärziel, die Bibel zu übersetzen.
6 Vgl. Cobbinah 2005, S. 60.
7 Ebd.
8 Vgl. Formen und Folgen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, Hrsg. U. Schäfer, S. 217. 9 Vgl. Hall 1983, S.9.
10 Vgl. Formen und Folgen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, Hrsg. U. Schäfer, S. 217 - 241. 11 Formen und Folgen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, Hrsg. U. Schäfer S. 220.
12 Nketia, Twi für Ghana – Wort für Wort, S. 13.
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Björn Pötters, 2006, Afrikanische Schriftkulturen und Sprachen im Schatten des Imperialismus am Beispiel Ghana, Munich, GRIN Publishing GmbH
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