INHALT
1. Einleitendes 3
2. Der Durchbruch der literarischen Moderne 3
3. Die 1890er Jahre 5
3.1. Ein neues Programm 5
3.2. Literaten und literarische Formen 7
4. Hamsuns literarisches Programm 8
4.1. „Fra det ubevidste Sjæleliv“ 9
4.1.1. Allgemeines 9
4.1.2. Struktur und Inhalt 10
4.1.3. Zusammenfassung der programmatischen
Elemente 16
4.1.4. Bedeutung und Wirkung 16
4.2. Vorträge zur Literatur 17
5. Abschließendes 18
Literatur 20
3
Knut Hamsuns „Fra det ubevidste Sjæleliv“ und sein literarisches Programm um 1890
1. EINLEITENDES
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dem norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun (1859 - 1952). Dabei steht die Verfassertätigkeit Hamsuns während der Jahre 1888 bis 1892 und insbesondere sein literarisches Programm dieser Phase im Mittelpunkt. Letzteres ist jedoch ohne einen literaturhistorischen Kontext nur schwerlich nachvollziehbar. Daher soll zunächst eine kurze Darstellung der literarischen Situation gegeben werden, die Knut Hamsun in den 1880er Jahren vorfindet, und auf die er sein eigenes literarisches Programm aufsetzt. Daran anschließend wird ein Überblick über das folgende Jahrzehnt der 1890er Jahre mit ihrer veränderten literarischen Atmosphäre gegeben.
Der eigentliche Hauptteil besteht schließlich in einer Untersuchung von Hamsuns Text „Fra det ubevidste Sjæleliv“ (1890) vor allem im Hinblick auf programmatische Elemente.
2. DER DURCHBRUCH DER LITERARISCHEN MODERNE
Die literarische Moderne hält in Norwegen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Einzug. Als Beschleuniger des modernen Durchbruchs mit all seinen literarischen Wandlungen wird gemeinhin die Reihe von Vorlesungen betrachtet, die der Däne Georg Brandes unter der Bezeichnung Hovedstrømninger i det 19de Aarhundredes Litteratur ab November 1871 an der Universität von Kopenhagen gehalten hatte. In diesen Vorträgen schilderte er unter anderem die Situation der skandinavischen Literatur und der dänischen Literatur im besonderen. Nach seiner Auffassung befanden sich diese in einem kritischen Zustand von Unproduktivität, Zurückgebliebenheit und Erstarrung: „Det vil vel neppe være vanskeligt at opnaae Enighed om, at den danske Litteratur
4
ingensinde i dette Aarhundrede har befundet sig i en saadan Hendøen som i vore Dage.“ 1
An gleicher Stelle legte er darüber hinaus seine Vorstellungen dazu dar, wie eine neue, lebendigere Literatur aussehe und auszusehen habe. Dabei hatte er stets die Vorbilder europäischer Verfasser vor Augen. „Det, at en Litteratur i vore Dage lever, viser sig i, at den sætter Problemer under Debat. [...] At en Litteratur Intet sætter under Debat er det samme som, at den er ifærd med at tabe al Betydning.“ 2
Die Literatur sollte sich also verstärkt dem Thema Gesellschaft zuwenden und Probleme wie Religion, Ehe und das Verhältnis der Geschlechter behandeln. Brandes legte in seinen Vorträgen eine Programmatik vor, deren Forderungen die Literatur der folgenden Jahrzehnte verhaftet sein würde.
Brandes’ Ideen stießen auf viel Resonanz und bahnten den Weg für eine literarische Moderne mit ihrer damals einflußreichsten Strömung des Realismus. Zentrales Thema des Realismus wurde die Gesellschaft mit ihren verschiedensten Aspekten und Facetten. Dazu gehörten vor allem die sozialen Beziehungen der Menschen, Ehe und Familie, aber auch politische und ökonomische Fragen sowie das öffentliche Leben, Religion und Moral. Dabei war zumeist der - von Brandes geforderteaktuelle Bezug deutlich, daneben war die Literatur ausgeprägt utilitaristisch ausgelegt: „Litteraturen ble utadvendt og aktuell. Den skulle gjøre nytte for seg og tjene framskrittet.“ 3
Herrschende literarische Ausdrucksform der 1870er und 1880er Jahre wurde das kritische und politisch engagierte Gesellschaftsdrama mit seiner Schilderung des bürgerlichen Milieus. Diese Gattung hatte mit Henrik Ibsen (1828-1906) eine nicht nur in Norwegen sondern vor allem auch im europäischen Ausland berühmte und einflußreiche Persönlichkeit. Zusammen mit Bjørnstjerne Bjørnson (1832-1910) begründete er mit seinen gesellschaftskritischen Stücken das bürgerliche Gegenwartsdrama.
Daneben hatte der breit angelegte Roman die größte Bedeutung unter den literarischen Gattungen. Die bedeutendsten Vertreter dieser Form waren Alexander Lange Kielland (1849-1906) und Jonas Lie (1833-
1 Brandes,Georg:Fra innledningsforelesningen til Hovedstrømninger i det 19de Aarhundredes Litteratur (1872), in: Aarnes,Sigurd Aa. (red.): Norsk litteratur gjennom øyenvitner. En litteraturhistorisk
kildesamling 1830-1970. Universitetsforlaget, Bergen 1979, S.38.
2 Ebd.
3 Haakonsen, Daniel: Nyromantikken. Litteraturen 1890-1905. Gyldendal Norsk Forlag, Oslo 1971, S.11.
5
1908). Diese vier Schriftsteller („de fire store“) beherrschten die Literaturszene im Norwegen der 1870er und 1880er Jahre.
Zu Beginn der 1880er Jahre machte sich mit dem Naturalismus eine andere Strömung geltend, die den Realismus zum einen um weitere Aspekte ergänzte, zum anderen einen Gegenpol dazu bildete. Das Interesse wandte sich zuvor eher vernachlässigten Seiten der Wirklichkeit zu. Geschildert wurden nun auch soziale Not, Elend, das Trieb- und Instinktleben, aber auch die Bedeutung und der Einfluß von Erbe und Milieu. Während sich die Perspektive des Realismus vor allem durch den Glauben an den freien Willen charakterisieren läßt, war der Blickwinkel im Naturalismus insgesamt deutlich deterministisch ausgeprägt, eine Eigenschaft, die nicht zuletzt aus dem Einfluß naturwissenschaftlich inspirierter Philosophien, wie dem Darwinismus oder Feuerbachs Religionskritik, herrührte. Dabei erfolgte die Schilderung wie im Realismus ohne offenbare Verfassersubjektivität, eine weitestgehend objektive Darstellung der Wirklichkeit sollte angestrebt werden.
Der skandinavische Realismus/Naturalismus war mit seiner Thematik der Problemdebatte eine aufrührerische und kontroverse Dichtung und sorgte für einen Durchbruch neuer Ideen.
3. DIE 1890ER JAHRE
3.1. Ein neues Programm
„Knapt noko anna årstal står så fastnagla i norsk litteraturhistorie som 1890.“ 4 In dem Maße, wie das Jahr 1871 für die modernen Literaturen des Norden Europas eine Schlüsselfunktion besitzt, kann das Jahr 1890 als Wendepunkt im literarischen Leben Norwegens gesehen werden: „Da kom omslaget frå realisme - i visse tilfelle den skarpare definerte nemninga naturalisme - til nyromantikk.“ 5
Unter der Einwirkung verschiedenster Einflüsse begann sich in ganz Europa, aber auch besonders in Norwegen, die literarische Stimmung zu verändern. Nach den Jahrzehnten realistischer Problemdichtung trat nun eine Literatur in Erscheinung, die sich mit einem Protestanspruch ganz neuen Vorbildern, Ideen und Formen widmete.
4 Dale, Johs. A.:Litteratur og lesing omkring 1890. Det Norske Samlaget, Oslo 1974, S.7.
5 Ebd.
6
Den verschiedenen Aspekten der realistischen und naturalistischen Literatur traten die Thesen eines neuen Programms entgegen.
So wurde zunächst dem utilitaristischen Anspruch der Literatur die Parole l’art pour l’art aus der romantischen Kunsttheorie entgegengestellt: Die Kunst an sich sollte im Mittelpunkt stehen. Entsprechend wurden Subjektivität und Individuum hervorgehoben und damit eine scharfe Abgrenzung zur Betonung der Gesellschaft und ihrer objektiven Schilderung im Realismus gezogen.
Der neuen Hervorhebung des Individuums lag ein neues Verständnis psychologischer Zusammenhänge zugrunde, das zugleich als Protest gegen die deterministische Sichtweise des Naturalismus gewertet werden kann. In der Weise, wie sich Realismus und Naturalismus den äußeren Zuständen und Verhältnissen widmeten, wandte sich das Interesse der Literaten nun dem Inneren zu: „Der Blick ist ganz nach innen gerichtet, der innere Raum des Subjektes — im Naturalismus weitgehend unbewohnt — wird wieder in Besitz genommen. Im Mittelpunkt steht der Mensch als Individuum, nicht als Mitglied eines Kollektivs.“ 6
Zentrales Objekt der neuen Literatur war das Subjekt, das komplizierte Individuum der zeitgenössischen modernen Welt, das sich als „Uncharakter“ mit einer facettenreichen, zusammengesetzten Seele erwies. Im Zusammenhang mit der Behandlung des Individuums, oftmals im urbanen Kontext, stand das Thematisieren von Einsamkeit und Entfremdung im subjektiven Empfinden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt in der neoromantischen Literatur der 1890er Jahre war ihre Beschäftigung mit der Natur und insbesondere mit dem Verhältnis von Mensch und Natur. Dies steht in deutlichem Kontrast zum ansonsten betonten Thematisieren des Individuums in einer urbanen Umgebung.
Im Zusammenhang mit der Behandlung der Natur läßt sich zunächst eine Vorstellung von der Beseelung der Natur erkennen, die auch die Vorstellung von der Einheit von Natur und Geist einschloß. Entsprechend wurde die Natur im Menschen, das heißt, natürliche Instinkte, Impulse und Triebkräfte des menschlichen Individuums, thematisiert. Damit ging eine Verehrung des ekstatischen Naturerlebens und Lebensrausches einher (Vitalismus), die sich stark von der
6 Uecker, Heiko: Die Klassiker der skandinavischen Literatur. Vom 18.Jahrhundert bis zur Gegenwart. ECON Taschenbuch Verlag, Düsseldorf 1990, S.175.
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Anja Klein, 1998, Knut Hamsuns "Fra det ubevidste Sjæleliv" und sein literarisches Programm um 1890, Munich, GRIN Publishing GmbH
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