Universität München, Kunsthistorischen Institut
Hauptseminars: „Faschismus und Moderne“
WS 2006/ 07
Architektur als ′Staatskunst′?
Rationalistische Architektur und Faschismus am Beispiel
der "Casa del Fascio" in Como von Giuseppe Terragni
von
Jennifer Beyl
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG – DIE ANFÄNGE DER MODERNEN ARCHITEKTUR IN ITALIEN 1
II. WAS IST RATIONALISTISCHE ARCHITEKTUR? 3
2.1 DEFINITION DES BEGRIFFS „RATIONALISMUS“ 3
2.2 DAS AUFKOMMEN DER RATIONALISTISCHEN ARCHITEKTUR IN ITALIEN 4
III. DIE RATIONALISTEN UND DIE ARCHITEKTENGRUPPE „GRUPPO 7“ 5
IV. DIE CASA DEL FASCIO IN COMO (HEUTE: CASA DEL POPOLO) 8
V. FASCHISTISCHE KUNSTIDEOLOGIE 12
5.1 DARLEGUNG ANHAND ÖFFENTLICHER ARCHITEKTUR 13
5.2 DER EINFLUSS UND DIE KONTROLLE DES STAATES 14
5.2.1 ÜBER DIE SYNDIKATE 14
5.2.2 ÜBER DIE JOURNALISTISCHEN EINSCHRÄNKUNGEN 15
VI. ARCHITEKTUR ALS PROPAGANDISTISCHES MITTEL 16
VII. SCHLUSSWORT 18
LITERATURLISTE 19
ABBILDUNGEN 20
„Architektur ist weder bloße Konstruktion
noch Befriedigung materieller Bedürfnisse;
sie ist die Kraft, die die konstruktiven und
funktionalen Gegebenheiten im Interesse
eines wesentlich höheren Zieles meistert.“
G. Terragni, 19311
I. Einleitung – Die Anfänge der modernen Architektur in Italien
Das Aufkommen einer modernen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat in Italien im Vergleich zu anderen europäischen Ländern erheblich später ein. Während der Nachkriegszeit war Europa geprägt durch einen „Aufruf zur Ordnung“, der den Wunsch nach Sicherheit und Stabilität hervorbrachte.2 Nach dem Ersten Weltkrieg war für Italien eine Rückbesinnung auf alte Werte auffallend. Man hatte noch eine idealistische Auffassung von Kunst, sodass eine starke Anlehnung an den Klassizismus zu beobachten war. Dekorative Stilelemente schmückten die noch weitestgehend konservative Architekturlandschaft Italiens, was am Hauptbahnhof in Mailand – von Ulisse Stecchini 1912 entworfen und erst 1925 bis 1936 ausgeführt – gut zu erkennen ist.3
Um seinem ideologischen Anspruch, als Initiator einer neuen Epoche gerecht zu werden, reichte es Mussolini und seinem Regime jedoch nicht aus, auf bestehende antike Vorbilder zurückzugreifen und im historisch-imperial anmutenden Stil zu bauen. Demzufolge veranlasste Mussolini im Jahre 1926 zwei nationale Wettbewerbe, um die Kreation eines neuen, nationalen Stils zu fördern, der die Ideologie des Regimes bestmöglich veranschaulichen sollte.4 Einerseits forderte der Faschismus die Rückbesinnung auf die traditionell-klassische Kunst, andererseits rief er zur Modernität auf. Diese ambivalente Forderung verdeutlicht auch im Bereich der Kunst das Janusgesicht des faschistischen Regimes.
Im Folgenden wird auf das Bestreben des faschistischen Regimes im Bezug auf die architektonische Visualisierung ihrer Macht, sowie auf die widersprüchlichen Forderungen nach Tradition und Moderne, Ordnung und Revolution, nach Einfachheit und Individualität eingegangen, welche sich die Hauptvertreter des Rationalismo, die sich in der Gruppo 7 zusammengeschlossen und zum Ziel gesetzt hatten.5
Giuseppe Terragni, der als „Vater des italienischen Rationalismus“6 gilt, spielte eine maßgebliche Rolle für die italienische Architektur der Zwischenkriegszeit. Er war zwar den alten Werten nicht abgeneigt, hatte jedoch die Intension, die Architektur durch neue Elemente voranzubringen. Sein Ziel war es eine neue Definition und Entwicklung der Architektur zu finden. Dennoch lag ihm nichts daran die Architektur lediglich weiterzuentwickeln, sondern er wollte ihr Elemente einverleiben, die den neuen Zeitgeist widerspiegelten und Ausdruck einer neuen, sich entwickelnden politischen Gesinnung waren.7 Seine Architektur sollte eine eigene Version des Rationalismus aufweisen und den nationalen Geist durch ihre Ausgestaltung sichtbar machen.8
Nach einer kurzen Begriffsklärung des Terminus „Rationalismus“ im Zusammenhang mit Architektur, soll die Casa del Fascio in Como als herausragendes Beispiel für rationalistische Architektur exemplarisch herausgegriffen und in den ideologischen Zusammenhang des faschistischen Regimes gestellt werden. Es wird untersucht werden, inwieweit sich das Regime die Kunst und im Besonderen die Architektur zu Nutzen machte und in welchem Umfang das, was an Architektonischem realisiert wurde gesetzlichen Bestimmungen unterlag. Daran anschließend soll eine Antwort auf die bereits im Übertitel aufgeworfene Frage, ob Architektur eine Art ‚Staatskunst’ darstellt gefunden werden und ob ferner von ‚faschistischer’ Architektur die Rede sein kann. Abschließend wird ein Blick auf die propagandistische Wirksamkeit von Architektur geworfen.
II. Was ist rationalistische Architektur?
2.1 Definition des Begriffs „Rationalismus“
Der Begriff „Rationalismus“ bezieht sich auf die Architektur des 20. Jahrhunderts und entstand als Reaktion auf den Eklektizismus des 19. Jahrhunderts. Neben seiner sonst sehr allgemeinen architektonischen Bedeutung, hat sich der Begriff besonders im Bezug auf die italienische Moderne der 1920er und 1930er Jahre herausgebildet (Rationalismo). Giulio Carlo Argan beschäftigt sich in seinem Aufsatz über Frank Lloyd Wright (1869-1959) ebenfalls mit der Definition des Begriffs „Rationalismus“ und dessen prägnanten Ausdrucksformen: „Zweifellos trägt auch der architektonische Rationalismus eine strikt augenfällige, antitraditionalistische Haltung zur Schau: Das heißt übertragen, dass er in der geometrischen Form einen absoluten Wert jenseits aller historischen Bedeutungen sucht. Wir können den so genannten architektonischen ‚Rationalismus’ als folgerichtige Analyse oder Kritik der Tradition betrachten, die auf das Entdecken der authentischsten und originellsten Grundsätze, auf die Wiederherstellung der wesentlichen Werte gerichtet ist: Deswegen wird sie, sei es auch gegen den akademischen Klassizismus und gegen einen Gewohnheitsnaturalismus zu den Grundlagen der Idee der Natur zurückführen.“9 Rationalismus wird oftmals auch mit Funktionalismus gleichgesetzt, da nicht mehr das Ästhetische, sondern eine dahinter stehende Geisteshaltung, eine Ideologie im Vordergrund steht. Es ist eine Strömung, die wie das Wort sagt, vom ‚ratio’ (Verstand, Vernunft) geprägt ist und durch die politisch-ideologische Fundierung den Herausforderungen der Realität optimistisch entgegen tritt.10 Nicht das künstlerisch-schöpferische des Entwurfes ist dabei maßgeblich, sondern das Bewusstsein einer ethischen Verpflichtung für eine bessere Gesellschaft.11 Anders formuliert kann die Umsetzung funktionaler und konstruktiver Anforderungen in eine architektonische Form als Rationalität angesehen werden.12 Stilistische Charakteristika des Rationalismus sind klare geschlossene Flächen, geometrische Formen, großzügige Verglasungen, rechte Winkel, die Horizontale als gliederndes Stilelement und der Verzicht auf Verzierungen. Inwieweit tatsächlich auf das Ästhetische zugunsten einer tieferen Aussage verzichtet wurde, wird sich im Folgenden zeigen.
[...]
1 Terragni, Giuseppe: Per un’architettura italiana moderna, in: La Tribuna 23 (März 1931), zitiert nach: Ghirardo, Diane: Politik und Architektur im Faschistischen Italien, in: Germer, Stefan u. Achim Preiss (Hrsg.): Guiseppe Terragni. 1904-43. Moderne und Faschismus in Italien, München, 1991, S. 48
2 Azzoni, Giorgio Riccardo in: Fonatti, Franco: Giuseppe Terragni. Poet des Rationalismo, Wien, 1987, S. 12
3 Abbildung 1, S. 21
4 Estermann-Juchler, Margrit: Faschistische Staatskunst. Zur ideologischen Funktion der öffentlichen Architektur im faschistischen Italien, Köln, 1982, S. 69 (Der Wettbewerb richtete sich einzig auf öffentliche Bauvorhaben.)
5 Ghirardo, in: Germer u. Preiss (Hrsg.): 1991, S. 46
6 Azzoni, in: Fonatti, 1987, S. 8
7 Azzoni, in: Fonatti, 1987, S. 8
8 Ebd.
9 G.C. Argan, „Metron“ Nr. 18, 1947, zitiert nach: Fonatti, 1987, S. 23
10 Lampugnani, Vittorio M.: Architektur und Städtebau des 20. Jahrhunderts, Stuttgart, 1980, S. 90
11 Ebd., S. 91
12 Ebd.
Arbeit zitieren:
Jennifer Beyl, 2007, Architektur als 'Staatskunst'? , München, GRIN Verlag GmbH
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