Institut für Geschichtswissenschaft am Fachbereich 1
der Technischen Universität Berlin
Der Prozeß Jesu
Wissenschaftliche Hausarbeit
im Rahmen der ersten Staatsprüfung
für das Amt des Studienrats
vorgelegt von
Christian Chmelensky,
Berlin, den 31.01.02
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung:
Die Quellen - Die Frage nach einer Urpassion ... 2
II. Der Prozeß ... 6
1. Das Verfahren vor dem Synhedrion ... 7
2. Die evangeliare Anklage des Synhedrions ... 16
3. Das historische Motiv der Synhedristen ... 24
4. Das ius gladii und die Frage der Kapitalgerichtsbarkeit ... 40
5. Der Prozeß vor dem römischen Statthalter ... 52
6. Die Vollstreckung des Urteils ... 62
III. Abschlußbetrachtung: Jesus von Nazareth - Leben und Tod
eines jüdischen Wanderpredigers ... 66
IV. Bibliographie ... 70
1. Quellen ... 71
2. Literatur ... 72
I. Einleitung: Die Quellen - Die Frage nach einer Urpassion
Als Jesus eine Woche vor Beginn des Passafestes ca. 30 n.Chr. nach Jerusalem zog, waren die Erwartungen seiner Jünger ganz auf das nahe Gottesreich gerichtet. In ihm würde ihr Herr eine zentrale Rolle einnehmen; gemeinsam würden sie ein großes Mahl, das eschatologische Festmahl, feiern. Daß jedoch am Ende dieser Woche die Verhaftung, Verurteilung und der Kreuzestod ihres Rabbis stand, muß ihnen ein traumatisches Erlebnis gewesen sein.1 Wie Mk 14,50 glaubhaft berichtet, flohen die Jünger nach der Verhaftung ihres Herrn; vermutlich gingen sie zurück in ihre Heimat.2 Es bestand die Gefahr, daß die jüdische Sekte der Christen wieder verschwinden würde, ohne eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen. Doch was zuerst ein riesiges Problem darstellte, sollte der neuen Religion bald ihren tiefen, ureigensten Sinn verleihen: Bis heute ist es der zentrale christliche Grundgedanke, daß der Auferstandene durch seinen Tod am Kreuz die Menschen erlöst habe.
Den frühen Gemeinden war es daher ein notwendiges Bedürfnis, von dieser Erlösungstat auf das Genaueste zu lesen. Dies berücksichtigend, wurden die ersten Evangelien niedergeschrieben. Welche Bedeutung der Passion dabei von Anfang an zukam, zeigt der Bericht des ersten Evangelisten: Markus legt das Gewicht seiner Schrift, die er um 70 n.Chr. verfaßte, ganz eindeutig auf die Verhaftung, den Prozeß, die Kreuzigung und Auferstehung Jesu und schuf damit „ein Evangelium, das man als Passionsgeschichte mit ausführlicher biographischer Einleitung charakterisieren könnte“. 3
Warum allerdings, so stellt sich sofort die Frage, wurde dieser erste eingehende Bericht über Lehre, Tod und Auferstehung Jesu verhältnismäßig spät - rund 40 Jahre nach den Ereignissen - niedergeschrieben? Der Grund liegt in der Parusieerwartung der ersten Christen, die noch mit der festen Zuversicht einer raschen Wiederkehr ihres Herrn lebten: „Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen sein wird“ (Mk 13,30), und daher keine Notwendigkeit in einer geschlossenen schriftlichen Fixierung seines Wirkens sahen. Die Christen der ersten Generation vertrauten auf die mündliche Überlieferung, der die Menschen der Antike ohnehin einen höheren Wahrheitsgehalt zuschrieben als der schriftlichen. So tradierte man vor allem die Sprüche (Weisheitssprüche, prophetische und apokalyptische Aussagen, Gesetzesworte, Gemeinderegeln, Gleichnisse) und Wundertaten des Herrn in komplexeren Spruchsammlungen, allesamt getragen von heilsgeschichtlicher Hoffnung. Ihre einzelnen Sequenzen (Perikopen) waren meist kurz und einprägsam und wurden in der Regel durch christliche Wanderprediger oder Gemeindeautoritäten zur Erbauung und Unterweisung vorgetragen oder in Debatten mit Gegnern eingesetzt. Erst in dem Moment als die ersten Jünger und Weggefährten Jesu aus der Welt schieden ohne daß der Herr wiederkehrt war, verabschiedete man sich langsam von der Hoffnung auf ein bald hereinbrechendes Gottesreich und begann damit, das bisher mündlich Überlieferte, schriftlich für nachfolgende Generationen festzuhalten. Ein Beispiel für eine solche Spruchsammlung ist die durch die Forschung weitestgehend rekonstruierte Logienquelle Q, die um 45 n.Chr. entstand und wahrscheinlich auch schriftlich fixiert wurde.4 Matthäus und Lukas nutzten sie um 90 n.Chr. als Quelle für die Abfassung ihrer Evangelien. Allerdings ist es ein Merkmal dieser Quelle Q und auch anderer Spruchsammlungen, daß sie keinen Passionsbericht enthält. Doch warum?
Am besten läßt sich diese Tatsache wohl mit der Motivation des Missionars Paulus erklären. Bei ihm, der von einem unvergleichlichen missionarischen Eifer getrieben wurde, erkennt man die fast hektische Absicht, noch so viele Menschen als möglich zum Heil zu führen, bevor das unmittelbar bevorstehende Gottesreich die diesseitige Welt ablösen würde. Diese Sicht der Dinge, die man für die ersten Christen im Allgemeinen annehmen darf, deckt sich mit dem zentralen Thema der Logienquelle: Die Heilserwartung steht bei ihr im Zentrum. Es scheint also konsequent, wenn man sich - zwecks Missionierung - auf die Botschaft des Herrn, d.h. seine Prophezeiungen, Gleichnisse etc., konzentrierte. Denn sie allein beschrieb den Weg zum Heil. Die äußeren Umstände, also etwa die detaillierte Schilderung der Erlösungstat mit dem vorausgehenden komplizierten Prozeßverfahren, der Kreuzigung und der anschließenden Grablegung Jesu mußten dafür in den Hintergrund treten. Die Praxis der mündlichen Tradition verlangte es, Schwerpunkte zu setzen, zu reduzieren also, wollte man seinen Zuhörern tatsächlich das Wesentliche vermitteln.5 Wenn dies aber erklärt, warum um 45 n.Chr. Spruchsammlungen entstanden, die wie Q keine Passionsgeschichte beinhalteten, so stellt sich eine neue Frage: Woraus schöpften die Evangelisten ihre Informationen, wenn sie von den letzten Stunden Jesu berichteten?
Die sog. Zweiquellentheorie geht davon aus, daß Matthäus und Lukas außer der Quelle Q noch das Markusevangelium vorlag.6 Da in ihm schon eine ausführliche Passion mit Verhaftung, Prozeß, Kreuzigung und Grablegung enthalten war, orientierten sich beide an Markus. Besonders Matthäus zeigt eine ausgesprochene Nähe zum ersten Evangelisten; er überliefert eine fast wortgetreue getreue Kopie der Markuspassion. Wie wir sehen, hä ngen also letztendlich alle drei Synoptiker in Bezug auf die Passion von ein und derselben Quelle ab: Markus direkt, die anderen beiden indirekt über Markus. Stellt sich also die Frage nach der Quelle des Markus. Hierzu gibt es in der Forschung zwei grundverschiedene Auffassungen, und letztendlich läßt sich die Frage bis heute nicht zufriedenstellend beantworten.
Die eine These besagt, daß es vor Markus keine zusammenhängende Passionsgeschichte gegeben habe. Markus selbst sei der „Schöpfer der Passionsgeschichte“. Er habe sie erst um 70 n.Chr. mit der Abfassung seines Evangeliums aus lauter fragmentarischen Überlieferungen und Anekdoten konzipiert. Diese Meinung wird z.B. von E. Linnemann vertreten.
Eine zweite These, für die vor allem von G. Theissen und R. Pesch stehen, geht von Markus als einem „konservativen Redakteur“ aus. Demnach hat Markus, von wenigen Änderungen abgesehen, einen bereits vorhandenen, umfangreichen Passionsbericht übernommen. Dieser Bericht sei vor 37 n.Chr. in Jerusalem entstanden und niedergeschrieben worden. 7
Obwohl sie reizvoll erscheinen mag, läßt sich die These von einer „...zusammenhängende(n) Passionsgeschichte, die wahrscheinlich schon schriftlich vorlag....“8, nicht beweisen. Hinzukommt, daß die oben ausgeführten Modalitäten der mündlichen Überlieferung mit losen Spruchsammlungen, die für die erste Generation der Christen charakteristisch waren, dieser These widersprechen. Setzt man die Fixierung der Passionsgeschichte vor 37 n.Chr. an, so muß man auch nach den Motiven der Verfasser fragen. Solche sind jedoch - wie oben bereits erläutert - nicht erkennbar. Dennoch: Eine ältere und sehr wahrscheinlich mündliche Passionstradition hinter den vier evangeliaren Passionen wird man annehmen müssen, denn Markus muß aus irgendeinem Wissensfundus geschöpft haben; ganz gleich wie lückenhaft oder vollständig dieser auch immer war. Das entscheidende Argument dafür ist die Tatsache, daß die Ereignisfolge in allen vier Evangelien gleich ist: Die Verhaftung Jesu auf dem Ölberg, seine Abführung zum Hohepriester, eine Verhandlung vor den Juden, eine Verhandlung vor dem Römer Pontius Pilatus mit abschließendem Todesurteil, Kreuzestod und Grablegung.9 Letztlich aber bleibt dem Historiker als Grundlage nur das Markusevangelium als älteste, historisch verwertbare Quelle unter den Synoptikern.
Stellt sich noch die Frage nach dem Evangelium des Johannes. Der Verfasser folgt ganz offensichtlich durchweg einer anderen Tradition. Es zeigt deutliche Unterschiede zu den Synotikern. 10 Daher scheint die Schrift auf den ersten Blick für die Forschung verlockend, könnte sie doch auf die Frage nach der historischen Passion ganz neue Antworten liefern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Evangelium des Johannes muß aus zweierlei Gründen für die Rekonstruktion der historischen Verhältnisse äußerst kritisch betrachtet werden. Zum einen entstand es um 120 n.Chr. und ist damit von den Ereignissen am weitesten entfernt. Zum anderen ist der Bericht des Johannes als gnosisnahes Evangelien innerhalb der kanonischen Evangelien am stärksten von einem theologischen Interesse geprägt, was zuerst David Friedrich Strauß („Leben Jesu" von 1835/36) erkannte.11 Bei größter Unterschiedlichkeit im Detail zeigt sich aber zwischen der Johannespassion und der synoptischen Passion im Kern Übereinstimmung, was wiederum auf eine Urpassion hindeutet, die bei der mündlichen Weitergabe in den Details eine z.T. enorme Abwandlung erfuhr. Daher wird diese Arbeit, wo nötig, das Evangelium des Johannes in die Überlegungen einbeziehen. Hauptsächlich aber wird sie sich auf das Evangelium des Markus stützen, und die anderen Evangelisten nur dort zu Rate ziehen, wo ihre Überlieferung von Markus abweicht. Außerdem sind die außerbiblischen Quellen - allen voran Flavius Josephus und Tacitus sowie die rabbinische Literatur, d.h. Talmud und Mischna - von entscheidender Bedeutung für die Analyse. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Schilderungen der Evangelisten kritisch prüfen. Ziel ist es, die theologischen und politischen Tendenzen aus den Evangelien heraus zu filtern, um am Ende zu einem historisch wahrscheinlichen Ablauf der Ereignisse zu gelangen. Weiter soll der Konflikt, der letztlich zu dem Prozeß und der Hinrichtung Jesu geführt hatte, erläutert werden. Dabei gilt es nicht die Schuldfrage, wohl aber die Verantwortlichkeiten, Zuständigkeiten, Funktionen und Motive der beteiligten Parteien am Prozeß Jesu näher zu beleuchten.
[...]
1 Die Emmausgeschichte zeigt deutlich, welch eine Katastrophe die Hinrichtung Jesu für die Jünger bedeutete: Sie hatten eine irdisch verstandene Erlösung Israels erwartet, vgl. Lk 24,21.
2 Vgl. Mt 28,16.
3 Theissen/Merz, S. 43.
4 Die Logienquelle Q ist erkennbar aus mehreren kleinen Sammlungen heraus gewachsen. Vgl. Theissen/Merz, S. 44.
5 So verliert sich auch Paulus nicht in Details, wenn er die Erlösungstat in seinen Briefen an die Gemeinden anspricht. Er beschreibt das aus seiner Sicht Wesentliche: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift....“ (1. Kor 15,3). Deutlich wird hier schon der Bezug zur alttestamentlichen Prophetie, die man als ganz auf Jesus Christus ausgerichtet verstand.
6 Ferner weisen beide einen Teil individuellen „Sondergutes“ auf, der wohl aus kleineren Einzeltraditionen stammt, vgl. Theissen/Merz, S. 45ff.
7 Das Jahr 37 n.Chr. wird als terminus ante quem angenommen, weil der ohne Namen eingeführte Hohepriester in der Erzählung identisch mit dem gegenwärtig amtierenden sein muß. Andernfalls hätten beide ihn namentlich von dem gegenwärtig amtierenden Hohepriester, absetzen müssen, vgl. Theissen/Merz, S. 392. Kaiphas, der zur Zeit der Verurteilung Jesu das Amt des Hohenpriesters bekleidete, wurde 36 n.Chr. abgesetzt.
8 Theissen/Merz, S. 43.
9 Von einer solchen, egal ob schriftlich oder mündlich vorliegenden, Urpassion geht auch Joachim Gnilka aus, vgl. Gnilka, Jesus Christus nach frühen Zeugnissen des Glaubens, S. 117ff.
10 Das Johannesevangelium zeigt als gnosisnahes Evangelium deutliche Unterschiede zu den Synoptikern. Die Unterschiede sind so gravierend, daß man es nicht in einer Synopse neben die drei anderen legen kann: Es ergeben sich kaum entsprechende Textpassagen. Dies gilt auch für die Passion des Johannes, obwohl hier noch die meisten Übereinstimmungen festzustellen sind.
11 Vgl. Franz-Josef Ortkemper, Was wir von Jesus wissen (können). Die Geschichte der Leben – Jesu – Forschung, aus: http://www.kath.de/nd/kmf/akng/lebjesu.htm vom 14.12.2001. Dennoch gibt es in der Forschung immer wieder die Bemühung, hinter der Johannespassion eine andere und ältere Tradition zu erkennen, die den höheren historischen Wahrheitsgehalt aufweist, vgl. Theissen/Merz, S. 49f.388-414.
Arbeit zitieren:
Christian Chmelensky, 2002, Der Prozeß Jesu, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Regierungszeit Ottos des Großen
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 27 Seiten
Das Thema der Gewalt in den Erzählungen von Juan Rulfo
Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 23 Seiten
Der Zweitspracherwerb von Kindern mit Migrationshintergrund
Examensarbeit, 95 Seiten
Herrscherkult des Augustus - Sein Bauprogramm
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hauptseminararbeit, 20 Seiten
Das Generalkapitel der Zisterzienser im 12. Jahrhundert
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 17 Seiten
Augustus - Die Bedeutung seines Bauprogramms für Rom
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Lexik im "Cantar de Mio Cid"
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hauptseminararbeit, 31 Seiten
Blut für die Götter - Der Totenkult in Mexiko
Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Ehre und das Bild des Cid im spanischen Heldenepos "El Cantar...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hauptseminararbeit, 21 Seiten
Erzähltextanalyse der Novelle 'Tonio Kröger'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Strukturen der Herrschaft Ottos des Großen
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 25 Seiten
Das "Cantar de Mío Cid" - eine kurze Analyse
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Essay, 10 Seiten
Otto der Grosse und seine Gegner - Modalitäten herrscherlichen Handeln...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hauptseminararbeit, 36 Seiten
Das neue Testament - Sprache und Stil der Evangelien
Klassische Philologie - Gräzistik - Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
Romanisch - Kastilisch - Spanisch
Spanische Sprachgeschichte im ...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 30 Seiten
Die Ehegesetzgebung des Augustus
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hauptseminararbeit, 29 Seiten
Christian Chmelensky hat den Text Der Prozeß Jesu veröffentlicht
Christian Chmelensky hat einen neuen Text hochgeladen
JESU MY HEARTS TREAS (JESU MEI
D Buxtehude
Die Nürnberger Prozesse: Völkerstrafrecht seit 1945 / The Nuremberg Tr...
Internationale Konferenz zum 6...
Herbert R. Reginbogin, Christoph J. Safferling
J Bach
0 Kommentare