Gliederung
1. Einleitung 3
2. Das theoretische Konstrukt des Reiseberichts 3
3. Der Merkmale des Reiseberichts im Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin 5
3.1 Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und deren Kontrast zur
Heimat betont 5
3.2. Das andere Land wird erforscht 7
3.3 Häufig ist das Andere eine exotische Region, wobei sich vor allem eine Vorliebe für
Asien entwickelt 8
3.4 Der Autor ist identisch mit dem Erzähler 10
3.5 Die Handlung tritt in den Hintergrund, der Raum findet besondere Betonung 11
3.6 Der Reisebericht ist an die Chronologie des Reiseablaufs gebunden und wird vielfach
in Tagebuch- oder Briefform verfasst 12
3.7 Zu einem Reisebericht gehört auch die Beschreibung des technischen und
organisatorischen Umfeldes der Reise 14
4. Zusammenfassung 15
5. Literaturverzeichnis 16
2
1. Einleitung
Im Rahmen des Seminars „Literarische Avantgarde um 1910: Modellinterpretationen ausgewählter Texte“ las ich den Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin. Schon während des Lesens war ich fasziniert von dem Schreibstil des Autors und von dem Inhalt. Beim Besprechen des Werkes wurden verschiedene Genres erwähnt, zu denen man dieses zählen könnte. So wurde mein Interesse geweckt, den Roman unter dem Gesichtspunkt der Gattung des Reiseberichts genauer zu untersuchen. Hierfür stelle ich im Vorfeld einen Katalog mit den wichtigsten Merkmalen auf, welche ich anschließend am Roman belegen möchte.
Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf Forschungsliteratur von Peter J. Brenner „Der Reisebericht - Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur“ und „Der Reisebericht in der deutschen Literatur - Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte“. Weiterhin habe ich das „Literaturlexikon“ hrsg. von Walter Killy und das „Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft“ hrsg. von Jan-Dirk Müller für die Erstellung des Merkmalkatalogs hinzugezogen. Am Ende der Arbeit formuliere ich das Ergebnis, welches ich aus den Untersuchungen gewonnen habe.
Meine Prognose ist, dass es sich nicht um einen Reisebericht handelt.
2. Das theoretische Konstrukt des Reiseberichts
Seit die Menschen reisen schreiben sie ihre Erlebnisse nieder. Lange Zeit war man sich in der Literaturwissenschaft nicht einig darüber, ob der Reisebericht in das Gefüge des Gattungskanons aufgenommen werden darf. 1 Die Verbindung zwischen Reisen und Erzählen hat sich über Jahrhunderte hinweg im Reisebericht manifestiert 2 . Die Gattungstradition wurde lange diskutiert, was jedoch nicht heißt, dass sie von der Forschung vernachlässigt wurde. Besonders „die eher kulturwissenschaftlich orientierte Philologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ hat einen großen Teil zur „Erschließung der Gattungsgeschichte unternommen“. 3 Besonders in den 70er Jahren gewann die Reiseliteratur an Bedeutung. Im Vordergrund des Interesses stand das 18 Jahrhundert, „dessen Reiseliteratur
1 Vgl. Brenner, Peter J.: Der Reisebericht - die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Hrsg. von Peter J. Brenner. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1989. S. 7. Im Folgenden Brenner, 1989.
2 Ebenda.S.7.
3 Ebenda.S.7.
3
inzwischen sehr gut erschlossen ist“ 4 . Hier erreichte die Gattung ihren Höhepunkt. 5 Der Begriff Reisebericht scheint für diese Art von Literatur die beste Bezeichnung zu sein, denn er „kennzeichnet mit der gebotenen Neutralität den Sachverhalt, um den es geht: die sprachliche Darstellung authentischer Reisen“, wobei dem Verfasser ein gewisser „Spielraum zwischen Authentizität und Fiktionalität“ 6 gelassen ist. Besondere Leistungen in der Erforschung der Reiseliteratur erbrachte Professor Peter J. Brenner, der sich intensiv mit dem Reisebericht als Gattungstradition beschäftigte und seine Forschungen in mehreren Büchern veröffentlichte. Trotz umfangreicher Bemühungen, die Gattungstradition in den Literaturkanon einzubetten, ist es nicht gelungen, eine klare Definition zu formulieren, die die Terminologie des Reiseberichts hinreichend erklärt. Ausgehend von Brenner habe ich einen Katalog erstellt, in dem wesentliche Merkmale, welche einen Reisebericht als solchen kennzeichnen, enthalten sind. Im Folgenden werden diese aufgezeigt und erläutert.
Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und betont
deren Kontrast zur Heimat
Das andere Land wird erforscht
Häufig ist das Andere eine exotische Region, wobei sich vor allem eine
Vorliebe für Asien entwickelt
Der Autor ist identisch ist dem Erzähler
Die Handlung tritt in den Hintergrund, der Raum findet besondere Betonung
Der Reisebericht ist an die Chronologie des Reiseablaufs gebunden und wird
vielfach in Tagebuch- oder Briefform verfasst
Zu einem Reisebericht gehört auch die Beschreibung des technischen und
organisatorischen Umfeldes der Reise
4 Ebenda.S.7.
5 Ebenda.S.8.
6 Ebenda.S.9.
4
3. Der Merkmale des Reiseberichts im Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin
3.1 Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und deren Kontrast zur Heimat betont
Nach einer langen und beschwerlichen Reise erreichen der Erzähler und seine Frau das Traumreich. Zunächst beschreibt der Erzähler die für ihn enttäuschende Hauptstadt Perle.
„Das soll Perle, die Hauptstadt des Traumreichs sein?“[…]
„So sieht es ja bei uns in jedem Drecknest aus!“7
Hier wird deutlich, dass er sich die Fremde anders, wahrscheinlich aufregender, vorgestellt hat. Nach einer beinahe endlos erscheinenden Reise in eine ungewisse Zukunft scheint das Ziel zu gewöhnlich, zu vertraut zu sein. Nach anfänglicher „Unlust und Enttäuschung“ 8 verbessert sich jedoch die Stimmung des Reisenden und er ist „äußerst gespannt in Erwartung aller Dinge, die [er] sehen sollte“ 9 .
Zu Beginn des Aufenthalts in Perle stellt der Erzähler die Stadt und deren Umgebung vor, besonders auffallend ist das fehlende Sonnenlicht, welches immer wieder beklagt wird.
Ich habe tatsächlich während dieser Jahre die Sonne nicht ein
einziges Mal gesehen. Darunter litt ich zu Anfang sehr, allen Neuangekommenen erging es darin ähnlich. Öfters gab es wohl in der Wolkenbildung eine auffallende Helligkeit, […] aber zu einem sieghaften Durchbruche kam es nie - nie. 10
Weiterhin bemerkt der Ich-Erzähler, dass es keine satten Farben gibt, wie „[s]aftiges Grün“ sondern eher nur „stumpfes Oliv“. 11 Hier wird ein deutlicher Kontrast zur Heimat erkennbar und vom Reisenden direkt angesprochen: „Was in der Heimat in reichen Farben prangte, hier war es gedämpft, matt“ 12 . Auch hebt der Autor die Unterschiede im jahreszeitlichen Wandel hervor, es gibt „[e]in fünf Monate langes
7 Kubin, Alfred. Die andere Seite - Ein phantastischer Roman. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2003.S.49.
8 Ebenda. S. 49.
9 Ebenda. S. 50.
10 Ebenda. S. 51.
11 Ebenda. S. 52.
12 Ebenda. S. 52.
5
Quote paper:
Anett Hobe, 2005, Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" betrachtet in der Gattungstradition des Reiseberichts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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