Universität Hamburg, Sommersemester 2006
Seminar: Friedensvorstellungen in der Literatur des Mittelalters
Der schwache König
Souveränität und Gewalt im Nibelungenlied
von
Torsten Junge
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 3
2. Einordnung... 4
3. Das Nibelungenlied... 9
4. Die Fragilität von Herrschaft – der schwache König... 13
4.1. Siegfrieds Ankunft in Worms... 14
4.2. Der Krieg gegen Dänen und Sachsen... 18
4.3. Gunthers Brautfahrt... 20
5. Fazit... 22
6. Literatur... 24
1. Einleitung
Das Nibelungenlied ist ein Erzählstoff, auf den ein oder mehrere unbekannte Dichter zurückgegriffen haben und der selbst im ausgehenden 12. Jahrhundert schon mehrere Jahrhunderte alt ist. Das Epos ist durch und durch politisch, in ihm spiegelt sich die Sorge um die Stabilität der damaligen Zeit wider. Die Wende von 12. zum 13. Jahrhundert ist gekennzeichnet von einem Wandel der Ethik des Mittelalters, von verschiedenen konkurrierenden Machtansprüchen ebenso wie von einer ritterlichen Ethik der Treue, des Heldentums und eines aufkommenden Gespürs für die Notwendigkeit von Diplomatie und Frieden. Es ist sicherlich anzunehmen, dass der Autor oder die Autoren des Nibelungenlieds bei der Erarbeitung und Überarbeitung des Epos die jeweiligen politischen Geschehnisse und Ereignisse der damaligen Zeit reflektierten und in die Ausformung einfließen ließen. Die Tatsache, dass verschiedene, inhaltlich voneinander abweichende Fassungen des Textes existieren, zeigt Brandt zufolge, dass die weiteren Verarbeitungen des Stoffs einem zeitgenössischen Anspruch folgten, eben die Ereignisse und Umwälzungen der damaligen Zeit zu erfassen.1 Die Herausbildung einer feudalen Gesellschaftsordnung, wie sich im frühen Mittelalter vollzieht, ist ebenso von den „Stürmen der Völkerwanderungszeit“ geprägt wie von der Durchsetzung des Christentums und der konfliktträchtigen Verflochtenheit von Kirche und feudalen Gruppierungen. Unsicherheit und Unbeständigkeit sind prägende Bezeichnungen während dieser Zeit der deutschen Geschichte, an dessen Anfang der Zerfall des Weströmischen Reiches steht.
Im Folgenden soll das Nibelungenlied dahingegen überprüft werden, inwiefern sich diese Wende, in der sich Tradition und ‚Modernisierung’ gegenüberstehen, im Epos ausdrückt. Insbesondere soll hierbei auf die Rolle des Königs Gunther eingegangen werden, der eine zentrale Stellung zur Bearbeitung der Frage innehat. Im Anschluss wird die These entwickelt, dass neben Siegfried insbesondere Gunther seiner ihm durch seine Position zugewiesener Souveränität nicht gerecht wird und dadurch die Vernichtung der Burgunden und die damit verbundene Gewalttätigkeit provoziert.
2. Einordnung
Das Mittelalter wird in der profanen Vorstellungswelt der Gegenwart häufig als ein ‚dunkles’ Zeitalter2 beschrieben, auf das – vielleicht chronologisch nicht ganz korrekt, jedoch in der Semantik zutreffend – das Zeitalter der Aufklärung folgt, welches ‚Erleuchtung’ in die vorangegangene Düsternis bringen sollte.3 Die heutigen Vorstellungen über das Mittelalter kennzeichnen die Epoche als eine Zeit des Krieges und Brutalität und in der sich der in Europa vollziehende Feudalisierungs- und Christianisierungsprozess überwiegend gewalttätig vollzog.4 Das Nibelungenlied als mittelalterliche Dichtung wird dafür häufig als Beispiel herangezogen. Die Gesellschaften bzw. Gemeinschaften des Mittelalters waren keine konsensorientierten Verbindungen, sondern die „Macht des Schwertes“ (Michel Foucault) regierte, auch wenn es besonders aus dem Bereich der religiösen Laienbewegungen hier und da Bestrebungen gegeben hat, Frieden zu begründen. Oexle hebt hervor, dass für das 11. und 12. Jahrhundert den religiösen Bewegungen keine spezifische Friedensidee zugrunde lag, sondern vielmehr mit der Reform der Römischen Kirche (‚Gregorianische Reform’) in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts ein Legitimationsschub für die Waffengewalt von Königen, Adligen und Rittern durch eben die religiösen Bewegungen einsetzte.5 Gemäß der funktionalen Dreiteilung wurde der ebenfalls funktionale Waffengebrauch durch den Einzelnen legitimiert. Jedoch wurden nicht nur die Regeln für gewalttätige Auseinandersetzungen aufgestellt und legitimiert, auch der Klerus selbst griff aktiv durch die Aufstellung bischöflicher Milizen in kriegerische Handlungen ein.
Verbunden damit ist eine durchaus positive Einstellung, besonders des Frühmittelalters, zum Krieg: „[B]is Ende des ersten Jahrtausends der christlichen Zeitrechnung galt der Krieg als eine gute Sache“.6 Das Kriegshandwerk gehörte zur Normalität der Herrschenden, der ‚Freien’ untereinander und ergab sich aus der Notwendigkeit der Verteidigung, dem territorialen Eroberungswillen oder den Bestrebungen, die Christianisierung auch mit Waffengewalt durchzuführen. Fumagali verweist in seiner mentalitätsgeschichtlichen Studie über das „Lebensgefühl im Mittelalter“ (1988), dass eine Vertrautheit des mittelalterlichen Menschen mit Krieg und Tod herrschte. Bestimmte, weitaus ungefährlichere Naturphänomene wie Sonnen- oder Mondfinsternisse, Sternschnuppen o.ä. galten weitaus mehr als Grund einer allgemeinen Beunruhigung und Angst als die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen.7 Dem jeweiligen Stand war ein spezifisches Tätigkeitsfeld gegeben, und so auch das Kriegführen. Neben Priester und Bauer gehörte dazu der Krieger, nach der Stände-Lehre Platons (ordines) die Mitglieder der herrschenden Kaste und für das Mittelalter die Könige und Fürsten.8 Die auf den drei Ständen basierende soziale Ordnung beinhaltet eine von Gott vorgegebene Dreiteilung der Menschheit nach funktionalen Prinzipien:
„Die einen, die meisten, haben die Aufgabe, zu arbeiten; andere haben die Aufgabe, zu beten; noch andere schließlich bilden die Ordnung der Krieger, deren Auftrag im Kampf zu besteht und die das Monopol der kriegerischen Aktivität innehaben.“ (Duby 1990: 137f.)
Die mittelalterliche Rechtsordnung ist eine Ordnung des Gleichgewichtes, die ihre Legitimation aus der Autorität Gottes zieht, die gleichermaßen an die kirchlichen und feudalen Herrscher verteilt ist. Jedes Moment einer Kraft, beispielsweise einer Handlung erfordert ein Gegenstück, eine ausgleichendes Moment. Diese Vorstellung des Gleichgewichts drückt sich in den Begriffen der Rache, der Buße oder der Sühne aus. So bestimmt die Kriegsrechtslehre eines der führenden Kirchenmänner Augustin als Ziel des Krieges die Wiederherstellung einer verletzten Ordnung. Daraus ergibt sich die Begründung des Krieges als Verteidigung, als Strafe für denjenigen, der die Ordnung (pax) stört oder zur Wiedergewinnung geraubter Reichtümer.9
[...]
1 Vgl. Brandt 1997: 15.
2 Diese Ansicht ist jedoch nicht nur für die Jetztzeit zu diagnostizieren. So sprechen bereits einige Vertreter der Aufklärung des 18. Jahrhunderts vom Mittelalter als einer ‚finsteren Epoche’, die von übertriebenen religiösen Vorstellungen, von unmenschlichen körperlichen Gewalttaten und einer absoluten Herrschaftsmacht Einzelner geprägt gewesen sei. Exemplarisch sei hier Goethes Ausspruch angeführt, der von dem Mittelalter als „dem eingeschränkten düstern Pfaffenschauplatz des medii aevi“ (Goethe, zit. nach Rexroth 2005: 8) spricht und für eine Tradition der Deutungen stehen kann.
3 Zum Problem der Periodisierung der europäischen Geschichte siehe Rexroth 2005: 7.
4 Vgl. Streisand 1974: 33f.
5 Vgl. Oexle 1993: 91f.
6 Vgl. Duby 1990: 134.
7 Vgl. Fumagali 1988: 69f.
8 Vgl. Koschorke et al. 2007: 65.
9 Vgl. Hehl 1980: 1.
Arbeit zitieren:
MA Torsten Junge, 2006, Der schwache König, München, GRIN Verlag GmbH
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