Ludwig-Maximilians-Universität München, Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften
Hauptseminar: Ausgewählte Problemstellungen der Bioethik und Biopolitik
Sommersemester 2007, Abgabetermin: 15. November 2007
Essay
Von der Freiheit und Würde des Menschen
Eine ethische Reflexion über das geistige Potenzial des Lebens
von
Helmut Wagner
A Die Natur des Menschen als zentrale bioethische Fragestellung
Wir leben in einer Welt, in der die fortschreitende wissenschaftliche Erkenntnis dem Menschen immer tiefere Einblicke in die Gesetze der Materie ermöglicht. Der Fortschritt in Wissenschaft und Technologie erschließt dem Menschen der Moderne einen einzigartigen Handlungsspielraum, der viele neue Horizonte eröffnet – dabei aber häufig auch mehr Fragen aufwirft, als er Antworten gibt. Den Heilsversprechen naturwissenschaftlicher Erkenntnis stehen oftmals unkalkulierbare Risiken gegenüber, und niemand weiß, wohin dieser Weg letztlich führen wird. Insbesondere die Erkenntnisse und Technologien der Biowissenschaften ermöglichen dabei einen so fundamentalen Eingriff in die körperlichen Existenzbedingungen des Menschen, dass ihr Einsatz zumindest in ethisch-moralischer Hinsicht bedenklich scheint. » Insofern die Forschungen der Biowissenschaften Auswirkungen haben auf die Selbstwahrnehmung und das Verhältnis des Menschen zu seiner körperlichen Existenz, sind [daher] Auseinandersetzungen etwa mit Fragen der philosophischen Anthropologie angezeigt. «1 Was ist in diesem Sinne also die Natur des Menschen und wie verwirklicht sie sich? Gibt es vielleicht sogar einen Anspruch auf Vollkommenheit, der in der menschlichen Natur selbst begründet ist? Ist für die geistige Selbstverwirklichung des Menschen ein Eingriff in seine körperlichen Existenzbedingungen überhaupt notwendig? Worin besteht letztlich die spezifische Würde des Menschen und wie äußert sich in diesem Zusammenhang seine existenzielle Freiheit?
An diesen Fragen gilt es sich zu orientieren, in einer unvoreingenommenen und undogmatischen Herangehensweise - und gerade darin liegt wohl die größte Herausforderung, weil dies mithin auch die Bereitschaft erfordert, alt einhergebrachte Denkmuster kritisch zu hinterfragen, um sich neuen Visionen zu öffnen. In Zeiten, in denen die Wissenschaft in ihren Möglichkeiten in ungeahnte Dimensionen vorstößt, erscheint ein ethischer Diskurs über die Natur und das Potenzial menschlichen Lebens dringender geboten denn je. Es ist die genuin ethisch-philosophische Kompetenz, richtige Fragen über den Sinn und Zweck menschlicher Existenz zu stellen, um unter kritisch-reflexiver Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnis eine schlüssige Konzeption von Bioethik zu entwerfen, die den ethischen Rahmen für Politik und Wissenschaft vorgibt. Bioethik ist dabei in einer allgemeinen Bedeutung zu verstehen als » ethische Reflexion auf das Lebendige einschließlich des Menschen, wie es sich in den alltäglichen Bezügen der Lebenswelt und in den theoretischen wie praktischen Kontexten von Wissenschaft und Forschung darstellt. «2 Es folgt also der Versuch einer solchen ethischen Reflexion auf das Lebendige.
B Eine ethische Reflexion über die Natur des Lebens
Die Erfahrung des Menschen beginnt mit seiner Wahrnehmung. Wie also nimmt der Mensch seine Welt wahr? Sieht er sie als materielle Wirklichkeit einer sinnlich erfahrbaren Welt, die sich dinglich manifestiert und objektiv festgelegt ist, oder als geistige Potenzialität, die in ihrer konkreten materiellen Erscheinungsform davon abhängig ist, was er gedanklich aus ihr macht? Existenzielle Fragen wie diese müssen am Anfang jeder ethischen Konzeption vom Menschen stehen, denn die Antworten darauf prägen das Selbstbild des Menschen bereits entscheidend mit, indem sie das Maß vorgeben, wie sehr der Mensch Einfluss auf seine Lebenswirklichkeit hat. Das klassisch-naturwissenschaftliche Weltbild räumt dem Menschen in dieser Frage nur begrenzte geistige Einflussmöglichkeit ein. Diesem Weltbild zufolge steht die materielle Welt fest und funktioniert nach ewigen physikalischen Gesetzen, die zwar erkannt werden können, sich dem menschlichen Zugriff aber prinzipiell entziehen. Die äußere Wirklichkeit erscheint somit vom Menschen nur bedingt beeinflussbar. Er kann sie zwar auf der konkreten Handlungsebene mitgestalten, insbesondere in Form von Technik und Kunst. Ein zusätzlicher gestalterischer Freiraum ergibt sich noch aus der Möglichkeit eines kreativen Umgangs mit den vorhandenen Naturgesetzen. Dennoch stellt sich dabei die Frage, ob mit dieser Perspektive bereits das vollständige Potenzial des Menschen ausgeschöpft wird. Es gibt starke Indizien aus der Wissenschaft, die darauf hindeuten, dass der Mensch zu viel mehr fähig ist und sein geistiges Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft hat. Ist der Mensch auf geistiger Ebene etwa viel tiefer veranlagt, in die materiellen Bedingungen seiner Existenz einzugreifen, als bisher angenommen? Schon Friedrich Nietzsche betonte die vergessenen geistigen Möglichkeiten des Menschen bezüglich einer aktiven Gestaltung und Interpretation seiner Wirklichkeit und forderte eine erhabenere Perspektive auf die Welt - eine Perspektive, in der sich der Mensch seines schöpferisch-geistigen Potenzials wieder bewusst wird, wodurch es ihm dann sogar möglich wird, auf kreative Weise selbst die natürlichen Rahmenbedingungen seines Daseins zu verändern und zu gestalten.
Doch nicht nur aus philosophischer, sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht wird das klassische Weltbild zunehmend in Frage gestellt und muss mittlerweile sogar als überholt angesehen werden. Das moderne naturwissenschaftliche Weltbild betrachtet die materielle Wirklichkeit nicht mehr als starr und fest, sondern als Potenzialität, die als Möglichkeit einer energetischen Manifestation dem menschlichen Bewusstsein Raum für Kreation offen lässt.3 Nach den Erkenntnissen der Quantenphysik ist die sinnlich wahrnehmbare Welt lediglich der oberflächliche Ausdruck eines viel subtileren energetischen Kräftespiels dahinter. Hinter all den materiellen Erscheinungen der durch unsere Sinnesorgane wahrnehmbaren Welt verbirgt sich demnach eine viel tiefere Ebene des Seins, eine Art lebendiger Mikrokosmos. Materie ist diesen Erkenntnissen zufolge im Wesentlichen Nichts, völlig substanzlos. Sie besteht in erster Linie aus kleinen Teilchen in Form von Atomen - einer materiellen Einheit aus dem stetigen Zusammenwirken von positiven, negativen und neutralen Kräften in Form von Protonen, Elektronen und Neutronen. Was die Welt im Innersten zusammenhält ist demnach also nicht Substanz, sondern Energie. Als solche stößt sie ab oder zieht an, kreiert oder zerstört und verleiht dabei in einem Prozess stetigen Werdens der Welt ihre materielle Form und Gestalt. Selbst der angeblich so stabile Atomkern taucht in seiner Existenz wie das Elektron auf und verschwindet wieder. Materie ist demzufolge also nicht statisch und fest, sondern energetisch formbar und fließend. Folgt man diesen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, so erscheint die sinnlich wahrnehmbare Welt der makrokosmischen Wirklichkeitsebene lediglich als die mehr oder minder kontingente, konkret-historische Manifestation eines nicht sichtbaren und stets veränderlichen Energiezustands der Materie auf einer tieferen mikrokosmischen Ebene. Aus der mikrokosmischen Perspektive der Quantenphysik ist die materielle Realität unserer Existenz also primär durch ihre Prozesshaftigkeit gekennzeichnet – eine Welt im Werden.
[...]
1 Düwell, M. u. Steigleder, K., Bioethik, 2003, S.31
2 Vgl. Potter, Van R., Bioethics, 1971 – Potter sah sich als Begründer des Wortes » bioethics « und forderte eine auf das menschliche Überleben ausgerichtete Zukunftsethik, welche die biologischen Grundlagen des Menschen und seiner Umwelt ernst nimmt.
3 Vgl. Dürr, H.P., Erforschung des Bewusstseins, wissenschaftlicher Vortrag an der Technischen Universität München vom 03. August 2006
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Helmut Wagner, 2007, Von der Freiheit und Würde des Menschen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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