Eine literaturgeschichtliche Analyse: Heinrich von Kleists
„Die Marquise von O…“
von
Sirinya Pakditawan
Inhalt
Einleitung 3
1. „Die Marquise von O…“ zwischen Aufklärung und Romantik 4
1.1 Die aufklärerische Funktion der unzuverlässigen Erzählinstanz 4
1.2 Gefühl und Sprachlosigkeit als romantische Elemente 6
2. Zusammenfassung 7
3. Literatur 8
Einleitung
Heinrich von Kleists Fragestellungen wurden im Wesentlichen durch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und durch den krisenhaften Umbruch, der seit der Französischen Revolution Europa erfasste, geprägt. Hierbei kann Kleist sowohl als Vertreter der Aufklärung als auch der Romantik angesehen werden, denn er mutete sich eine „Aufklärung [zu], ohne die romantischen Bedürfnisse des menschlichen Herzens zu verkennen oder gar zu missachten.“1
Auf diese Weise setzte sich Kleist kritisch mit der Romantik auseinander. Mit anderen Worten, er verwendete in seinem Werk zwar Elemente der Romantik,2 jedoch analysierte er sie psychologisch und historisch aus einem aufgeklärten Geist heraus. So zeigt seine Erzählung „Die Marquise von O…“ zwar romantische Züge, jedoch sind auch eindeutig aufklärerische Tendenzen enthalten.
Diese Erzählung ist einerseits romantisch, da Gefühle die Menschen oft sprachlos machen. So sind Leichenblässe, Erröten, Ohnmachten und Schweigen beredte, wenn auch stumme Zeugen. Darüber hinaus zeigt Kleist auch Ambivalenzen in den Figuren, in der Handlung und die höchsten subjektiven Empfindungen. Dies sind allesamt eindeutig romantische Züge. Andererseits wird bei ihm der Leser aber durch den unzuverlässigen Erzähler zum Selbstdenken verleitet, was der Erfüllung einer zentralen aufklärerischen Forderung nahe kommt.
Im Folgenden wird eine literaturgeschichtliche Analyse der „Marquise von O…“ geleistet und dabei untersucht, inwiefern diese Erzählung zwischen Aufklärung und Romantik angesiedelt werden kann. Zunächst wird die aufklärerische Funktion der unzuverlässigen Erzählinstanz betrachtet werden und anschließend auf Gefühl und Sprachlosigkeit als romantische Elemente eingegangen werden.
1. „Die Marquise von O…“ zwischen Aufklärung und Romantik
1.1 Die aufklärerische Funktion der unzuverlässigen Erzählinstanz
Kleists Novelle „Die Marquise von O…“, 1808 erschienen, war für seine Zeitgenossen ein Skandalon, von dem beispielsweise ein Kritiker sagte: „Die Marquise von O… Nur die Fabel derselben angeben, heißt schon, sie aus den gesitteten Zirkeln verbannen“, 3 und von dem eine weibliche Rezipientin meinte: „Seine [Kleists] Geschichte der Marquisin von O. kann kein Frauenzimmer ohne Erröthen lesen.“4 Diese Kritiken verdeutlichen, dass Kleist mit dem Inhalt und der Thematik seiner Erzählung gesellschaftliche und moralische Konventionen seiner Zeit gebrochen hat.
So hat Kleist sich auch von den Erzählkonventionen des 18. Jahrhunderts abgewandt. Er hat den Zusammenhang von Erzählen und Räsonieren, der für die aufklärerische Institution Literatur grundlegend war, weit gehend zerrissen.5 Somit hat Kleist nicht mehr den in klassischen Novellen bevorzugten Typus der neutralen Erzählsituation und den allwissenden Erzähler, im Sinne eines zuverlässig kommentierenden Chronisten, gewählt.6 Stattdessen hat Kleist in der „Marquise von O…“ einen unverlässlichen Erzähler gewählt, dessen Aufmerksamkeit primär auf die Titelfigur gerichtet ist.
[....]
1 Jochen Schmidt: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche. Darmstadt 2003, S. 22. Schmidt merkt an, dass man Kleist literaturgeschichtlich nicht das Etikett „zwischen Klassik und Romantik“ aufdrücken sollte, sondern auf ihn vielmehr die Formel „Aufklärung und Romantik“ anwenden sollte. Denn diese bezeichne ein dialektisches Verhältnis von romantischer und aufklärerischer Geistesverfassung, welches für Kleists Werke charakteristisch sei (vgl. Ibid, S. 21).
2 Der Begriff „Romantik“ bezeichnet eine literarische und kunsthistorische Epoche zwischen 1795 und 1848. Kennzeichnend für die Romantik ist, dass sie von einem Bruch ausgeht, der die Welt in eine der Vernunft und in eine des Gefühls gespalten hat. So ist es die treibende Kraft der deutschen Romantik, diese Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen zusammenzuführen. Die Romantiker versuchten zudem, die dunklen Welten des Unbewussten zu erfassen. Aus diesem Grund wurden Träume, Schlafwandel und Übernatürliches im Allgemeinen zum Gegenstand der Dichtung erhoben. So sollten Phantasie und Gemüt die Dichtung prägen, weshalb nichts für klar und eindeutig ausgesprochen wurde. Zudem schwebte über allen Dingen eine Ironie, die Illusionen zerstören sollte. Vgl. Gerhard Schulz: Romantik. Geschichte und Begriff. München 1996, S. 67-76, Monika Schmitz-Emans: Einführung in die Literatur der Romantik. Darmstadt 2004, S. 53-76, Romantik. http://de.wikipedia.org/wiki/Romantik. 16.06.2006 und Merkmale der Romantik. http://www.romantik-referat.de 16.06..2006.
3 Sabine Doering (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Die Marquise von O… Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 1993, S. 53f. zitiert aus Karl August Böttiger. In: Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser. 4. März 1808.
4 Doering, S. 57. Dora Stock an Friedrich Benedikt Weber, 11. April 1808, zitiert nach Albrecht Müller: Briefe der Familie Körner. In: Deutsche Rundschau 15 (1878) S. 469.
5 Christa Bürger: Statt einer Interpretation: Anmerkungen zu Kleists Erzählen. In: Postionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists „Das Erdbeben in Chili“. 3.Aufl. Hrsg. von David E. Wellbery. München 1993, S. 103.
6 Josef Kunz: Die deutsche Novelle zwischen Klassik und Romantik. Berlin 1966, S. 145.
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Sirinya Pakditawan, 2003, Eine literaturgeschichtliche Analyse: Heinrich von Kleists "Die Marquise von O...", Munich, GRIN Publishing GmbH
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