Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Kommunikationswissenschaft
Sommersemester 2007
Proseminar I: Theorien und Modelle der Massenkommunikation
Die Wissenskluft-Hypothese
vorgelegt von
Evelyn Glose
Romanische Philologie (HF),
Kommunikationswissenschaften (NF),
Phonetik (NF)
6. Fachsemester
Gliederung
1. Einleitung ...3
2. Die Ursprungshypothese ...3
3. Weiterentwicklungen ...6
3.1 Der „Decken“- oder „Ceiling“-Effekt ...6
3.2 Die Differenzperspektive ..8
3.3 Ursachen von Wissensklüften ...9
4. Wissenskluftforschung und Neue Medien ...10
5. Zusammenfassung und Kritik ...13
6. Bibliographie ...15
1. Einleitung
Jeden Tag neue Schlagzeilen, stundenweise hörbare Nachrichten, immer wieder neue Erkenntnisse und Wahrheiten, kommuniziert über mehrere Kanäle gleichzeitig. Die 24-Stunden-Informationsmöglichkeit ist das Verdienst der Massenmedien. Doch bedeutet mehr Information und ein besserer Informationszugang auch gleichzeitig mehr Wissen? Die Diffusionsforschung als Teil der Medienwirkungsforschung geht
genau davon aus, nämlich dass Informiertheit in einem Sozialsystem gleichmäßig wächst, wenn auch der Informationsfluss steigt (vgl. Bonfadelli 2002: 579). Die Wissenskluft-Hypothese ist genau der entgegengesetzten Meinung:
„Nach ihr besteht ja gerade der Normalfall darin, dass auch bei einem voll ausgebildeten Mediensystem die Information sehr ungleichmäßig bzw. heterogen erfolgt.“ (Bonfadelli 2002: 579)
Sie wendet sich damit von der in den 1970er Jahren dominierenden, so genannten Klassischen Wirkungsforschung ab, „die sehr stark auf inhaltsspezifische, kurzfristige, individuumsbezogene und einstellungszentrierte Medienwirkungen fixiert war“ (Bonfadelli 2002: 578). Die Wissenskluftforschung manifestiert sich auf der Makroebene, d.h. sie berücksichtigt die Öffentlichkeit und untersucht längerfristige kognitive Effekte der Massenmedien (vgl. Bonfadelli 2002: 579).
Die vorliegende Arbeit stellt die ursprüngliche Wissensklufthypothese sowie deren Weiterentwicklungen vor. Aus Platzgründen werden nur die drei wichtigsten Weiterentwicklungen berücksichtigt. Besonders interessant, da aktualitätsbezogen, wirkt die Wissenskluftforschung in bezug auf die Neuen Medien: Inwieweit trägt das Internet zur „Digitalen Spaltung“ (Arnhold 2003: 9) der Gesellschaft bei? Dieser
Frage soll anhand der aktuellen ARD/ZDF-Online-Studie nachgegangen werden.
2. Die Ursprungshypothese
1970 formulierten der Kommunikationswissenschaftler Philip J. Tichenor sowie die Soziologen George A. Donohue und Clarice N. Olien in der amerikanischen Fachzeitschrift „Public Opinion Quarterly“ folgende Hypothese:
„As the infusion of mass media information into a social system increases, segments of the population with higher socio-economic status tend to acquire this information at a faster rate than the lower status segments, so that the gap in knowledge between these segments tends to increase rather than decrease.” (Tichenor et al. 1970: 159 f.)
Die Aussage, dass Informationen aus Massenmedien von Bevölkerungsschichten mit höherem sozioökonomischen Status schneller aufgenommen und verarbeitet werden als von Bevölkerungsschichten mit niedrigerem sozioökonomischen Status, stellt die bis dato geläufige Vorstellung der Wirkung von Massenmedien in Frage. Denn man ging davon aus, „dass die durch die modernen Massenmedien in den westlichen Industriegesellschaften täglich verbreitete Information zur umfassenden Informiertheit der Bürgerinnen und Bürger führe und darum funktional für die Gesellschaft sei“ (Bonfadelli 2002: 570). Die oben genannte Hypothese behauptet jedoch, dass Massenkommunikation dysfunktionale, d.h. nicht-integrierende Konsequenzen für eine Gesellschaft haben kann, da sich nicht alle Bevölkerungsschichten automatisch und gleichzeitig mehr Wissen aneignen, wenn mehr Information angeboten wird (vgl. Kunczik/ Zipfel 2005: 384.). Tichenor, Donohue und Olien beziehen ihre Hypothese der wachsenden Wissensklüfte vor allem auf politische und wissenschaftliche Themen, die über einen gewissen Zeitraum eine starke Publizität in den Medien, genauer in den Printmedien (s. unten: 5. Faktor) erfahren, weniger auf so genannte Softnews aus den Bereichen Sport, Hobby, Gesellschaft, Vermischtes etc. (vgl. Tichenor et al. 1970: 160). Sie betrachten diejenigen Bevölkerungsschichten als sozioökonomisch höherstehend, die ein hohes formales Bildungsniveau haben. Diese Segmente seien fähig, „das themenbezogene Informationsangebot der Medien schneller bzw. effektiver aufzunehmen“ (Bonfadelli 2002: 568) als die statusniedrigeren Segmente. Die Begründung hierfür sehen die drei Autoren in der Tatsache, dass bei Menschen, die viel lernen, auch das Interesse an verschiedenen Themen zunimmt und sie dadurch angetrieben werden, sich noch mehr Wissen anzueignen (vgl. Tichenor et al. 1970: 161), wodurch ein gewisser Übungseffekt im Lernen entsteht.
[...]
Arbeit zitieren:
Evelyn Glose, 2007, Die Wissenskluft-Hypothese, München, GRIN Verlag GmbH
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