Universität Dortmund
Fachbereich 15
Seminar: Orthographiesystem und Rechtschreibunterricht
Wintersemester 2006/07
Kinder auf dem Weg zur
orthographischen Kompetenz
Corinna Kühn
Kernfach: Sozialpädagogik
(3. Semester)
Komplementfach: Germanistik
(1. Semester)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 2
2. Ein Blick in die Forschungsgeschichte ... 3
3. Sprachanalytische Voraussetzungen des Schriftspracherwerbs ... 5
4. Entwicklungsmodelle des Rechtschreiberwerbs ... 7
4.1 Die „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“ nach Günther Thomé ... 8
4.1.1 Protalphabetisch-phonetische Phase ... 11
4.1.2 Alphabetische Phase ... 13
4.1.3 Orthographische Phase ... 16
4.2 Kritische Bewertung der „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“ ... 19
4.2.1 Hierarchische Parallelität der Entwicklungsphasen ... 19
4.2.2 Das Entwicklungsmodell als theoretische Konstruktion ... 20
4.2.3 Das Vorhandensein zweier Lernertypen ... 21
5. Didaktisch-methodische Folgerungen aus dem basalen Rechtschreiberwerb ... 22
6. Abschließende Betrachtung ... 26
7. Literaturverzeichnis ... 27
8. Anhang ... 33
Anmerkungen ... 36
1. Einleitung
In den letzten zwei Jahrzehnten wird in der Sprachdidaktik die Orthographie zunehmend als eine Komponente „des komplexen schriftsprachlichen Handlungsprozesses“ 1 „in einem kulturellen Kontext“2 ausgelegt. So kann das Erlernen der Orthographie als „eine Dimension des Schreibenlernens“3 mit Hilfe von Modellen des Schriftspracherwerbs beschrieben werden. Neben den Modellen des Schriftspracherwerbs, die das Erlernen der Kulturtechniken des Lesens und des Schreibens darstellen, existieren auch Modelle, die sich auf die Darstellung des Lesenlernens beschränken. Ebenso sind Modelle des Rechtschreiberwerbs vorzufinden, welche sich auf die Kompetenzaneignung der Orthographie konzentrieren. Des Weiteren ist in Prozessmodelle, Entwicklungsmodelle und ökologische Feldmodelle zum Schriftspracherwerb zu differenzieren4.
In dieser Ausarbeitung soll der Weg der Kinder zur orthographischen Kompetenz anhand von Entwicklungsmodellen des Rechschreib- bzw. des Schriftspracherwerbs aufgezeigt werden. Zur Einführung ins Feld des Rechtschreib- bzw. Schriftspracherwerbs ist eine knappe Skizzierung über die Forschung des Schriftspracherwerbs vorzufinden. Es folgt die Vorstellung der signifikantesten Lernvoraussetzungen für den Rechtschreiberwerb. Zur Erklärung der Ausdifferenzierung orthographischer Kompetenzen beziehe ich mich vornehmlich auf Thomés „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“ 5. Erkenntnisse verschiedener Autoren, die Modelle zum Schriftspracherwerb und Rechtschreiberwerb entwickelt haben, lasse ich in seine Darstellung einfließen. Diesen Ausführungen schließt sich eine kritische Bewertung der „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“6an, des Weiteren werden didaktisch- methodische Folgerungen abgeleitet. Schließlich wird die Arbeit mit einer zusammenfassenden Abschlussbetrachtung abgerundet, in welcher relevante Aspekte der Beschreibung der Entwicklung orthographischer Kompetenzen anhand eines Entwicklungsmodells noch einmal hervorgehoben werden sollen.
2. Ein Blick in die Forschungsgeschichte
„Bis weit in die 1970er Jahre hinein wurden Lesen und Schreiben sowohl unterrichtsmethodisch als auch empirisch-forschungsmethodisch als zwei völlig getrennte Bereiche behandelt, wobei beide Aspekte aus heutiger Perspektive zu einseitig betrachtet wurden“ 7: Lesen wurde vornehmlich als statisches, visuell gesteuertes Ergreifen aufgefasst und das Erlernen des Schreibens auf den schreibmotorischen Gesichtspunkt reduziert. Im Jahre 1976 kam es schließlich zu der „Verschmelzung beider Lernaspekte unter dem Begriff des ´Schriftspracherwerbs´“8, welcher weniger als Alphabetisierung und vielmehr als Literalisierung verstanden wird. Letzteres meint, dass nicht ausschließlich „die ästhetische Dimension der Produktion und Rezeption von Schriftlichkeit betont [wird], sondern auch die soziale Dimension einer Teilhabe an Schriftkultur.“9
Die Forschung zum Schriftspracherwerb ist „von Seiten der Medizin und Neurologie, der Lerntheorie, der Lernpsychologie, der Pädagogik und Soziologie und Kulturwissenschaft und nicht zuletzt der Sprachwissenschaft/Psycholinguistik befruchtet worden“ 10. So verfügen wir heute neben wesentlichen Kenntnissen über das Lesenlernen ebenso Einsichten in den komplexen Erwerb der Rechtschreibung. Dieses Wissen ist jedoch nicht immer eindeutig, es liegen verschiedene, im Vergleich teilweise auch widersprüchliche Vorstellungen über den Schriftspracherwerb vor. „Dennoch lassen sich einige gesicherte Ergebnisse und Trends neu bestimmen und Abgrenzungen zu früheren Hypothesen und Theorien vornehmen.“ 11 So herrschte beispielsweise bis zum Beginn der 1980er-Jahre die Annahme der „Wortbildtheorie“ vor.
Nach Bormann bestehe Rechtschreiberwerb darin, dass die „Physiognomien der Wörter scharf und sicher“12 eingeprägt werden müssten, was „allein durch die Vermittelung des Auges geschehen“13 könne. Auch Kern/Kern vertraten den Standpunkt, dass ohne Kenntnis des Schriftbildes eines jeden einzelnen Wortes keine fehlerfreie Rechtschreibung geleistet werden könne. Demnach stellte die „Frage nach der Gewinnung der Schriftbilder […] die Kernfrage des Rechtschreibens“ dar.14
„Zahlreiche Forschungsergebnisse der letzten Jahre [jedoch] haben [zu einer Revision dieser Annahme geführt und] gezeigt, dass es sich beim Erlernen der Rechtschreibung nicht um mechanische Prozesse des Einprägens“15, sondern vielmehr um eine Denkentwicklung handelt, bei welcher einerseits Einsichten in die Funktion und den Aufbau der Schrift sowie in die Prinzipien der Orthographie gewonnen werden und andererseits Strategien des Lernens und Behaltens ausgebildet werden.16 So korrigierte die durch die kognitive Wende angeregte Sicht in das Innere der Lernenden17„ das behavioristisch vermittelte Unterrichtsbild von einzuprägenden Schreibungen“ 18. Vertrat man früher noch den Standpunkt, dass das Beherrschen der Rechtschreibung eine eher oberflächliche Fertigkeit darstellt, welche den Lernenden instruktiv vermittelt werden müsse, versteht die moderne Theorie zum Rechtschreiblernen den Erwerb orthographischer Kompetenzen als einen sehr komplexen Entwicklungsprozess, der sich schrittweise und hauptsächlich in Selbsttätigkeit vollzieht. 19
Diesen Gedanken sind entwicklungspsychologische Modelle verpflichtet, die die Entwicklung der orthographischen Kompetenzen darstellen. Bevor anhand dieser Modelle der Weg der Kinder zur orthographischen Kompetenz geschildert wird, werden zunächst die wichtigsten Lernvoraussetzungen des Rechtschreib- bzw. Schriftspracherwerbs aufgeführt.
[...]
1 Hanke, Petra (2003): Methoden des Rechtschreibunterrichts. In: Bredel, Ursula et al. (Hg.): Didaktik der deutschen Sprache. Bd. 2. Paderborn, S.785-801. vgl. dazu Bergk, Marion (51996): Rechtschreiben lernen von Anfang an. Kinder schreiben ihre ersten Lesetexte selbst. Frankfurt a.M.; Giese, Heinz (31995): Schriftspracherwerb und Schreibenlernen. In: Schorch, Günther (Hg.): Schreibenlernen und Schriftspracherwerb. Bad Heilbrunn, S. 16-32.
2 vgl. Dehn, Mechthild (1994): Schlüsselszenen zum Schriftspracherwerb, Arbeitsbuch zum Lese- und Schreibunterricht in der Grundschule. Weinheim; Dehn, Mechthild (1999): Texte und Kontexte. Schreiben als kulturelle Tätigkeit in der Grundschule. Berlin; Kochan, Barbara (1998): Gedankenwege zum Lernen beim Freien Schreiben. In: Spitta, Gudrun (Hg.): Freies Schreiben – eigene Wege gehen. Lengwil, S.218-273.
3 Kochan (1998), S.265.
4 Während Prozessmodelle versuchen, den Vorgang des Lesen und Schreibens aufgabenspezifisch genau darzustellen, stellen Entwicklungsmodelle den Verlauf des Erwerbs dar. Ökologische Feldmodelle hingegen tragen dem Umstand Rechnung, dass neben innerpersonalen Verarbeitungsprozessen des Kindes auch äußere Faktoren für den Erfolg beim Rechtschreiblernen von Bedeutung sind. vgl. Hinney, Gabriele (1997): Neubestimmung von Lerninhalten für den Rechschreibunterricht : Ein fachdidaktischer Beitrag zur Schriftaneignung als Problemlöseprozeß. Frankfurt a.M., S.107; vgl. Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung (²2003): Handreichung zum Rechtschreibunterricht in der Grundschule. Donauwörth, S.9-15.
5 vgl. Thomé (2003), S. 369
6 Thomé (2003), S.369.
7 Schründer-Lenzen, Agi (2004): Schriftspracherwerb und Unterricht : Bausteine professionellen Handlungswissens. Opladen, S.13.
8 Schründer-Lenzen, (2004), S.13.
9 Schründer-Lenzen (2004), S.13.
10 Eichler (1992), S.40.
11 Eichler (1992), S.40.
12 Bormann (1840); zit. n. Scheerer-Neumann, Gerheid (1986): Wortspezifisch: Ja – Wortbild: Nein. In: Brügelmann, Hans (Hg.): ABC und Schriftsprache. Konstanz, S.171f.
13 Bormann (1840), zit. n. Scheerer-Neumann (1986), S.171f.
14 Kern, Artur / Kern, Erwin (61969): Rechtschreiben im integrativen Deutschunterricht. Basel, S.39.
15 Valtin, Renate (2000): Ein Entwicklungsmodell des Rechtschreiblernens. In: Valtin, Renate (Hg.): Rechtschreiben lernen in den Klassen 1-6 : Grundlagen und didaktische Hilfen. Frankfurt a.M., S.17.
16 vgl. Valtin (2000), S.17.
17 vgl. Spinner, Kaspar H. (1994): Neue und alte Bilder von Lernenden. Deutschdidaktik im Zeichen der kognitiven Wende. In: Beiträge zur Lehrerbildung. H. 2, S.146-158.
18 Nerius (³2000), 407
19 May, Peter (2001): Welche schulische Förderung ist effektiv? Was leistet Förderunterricht und wie könnte er noch erfolgreicher sein? In: Schulte-Körne, Gerd (Hg.): Legasthenie: erkennen, verstehen, fördern. Beiträge zum 13. Fachkongress des Bundesverbandes Legasthenie 1999. Bochum, S.233- 246.
Quote paper:
Corinna Kühn, 2007, Kinder auf dem Weg zur orthographischen Kompetenz, Munich, GRIN Publishing GmbH
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