FSU Jena
Institut für Germanistische Sprachwissenschaft
HpS Schriftsystem und Orthographie
SoSe 2002
=XU.RPPDVHW]XQJEHL,QILQLWLYJUXSSHQ
1
QKDOWVYHU HLFKQLV
1. Einleitung 2
2. Was sind Infinitivgruppen 3
3. Die bisherige Regelung der Kommasetzung bei Infinitivgruppen 4
4. Die Kommasetzung nach der Neuregelung von 1996 5
5. Der syntaktisch orientierte Ansatz von Peter Gallmann 7
5.1. Fälle bei denen die abhängige Infinitivgruppe immer satzwertig ist 9
5.2. Fälle bei denen die abhängige Infinitivgruppe nie satzwertig ist 10
5.3. Fälle bei denen nicht ohne weiteres festgestellt werden kann ob die
abhängige Infinitivgruppe mit dem übergeordneten Verb ein 10
komplexes Prädikat bildet oder nicht
5.4. Kritische Betrachtung des syntaktischen Ansatzes 12
6. Der pragmatisch leserorientierte Ansatz von Gerhard Augst 13
6.1. Zum Auftreten von Missverständnissen und Doppeldeutigkeiten 14
7. Die Auslegung der neuen Rechtschreibregeln in der ZEIT 15
8. Zusammenfassung 16
9. Literaturverzeichnis 18
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(LQOHLWXQJ
,FKUDWHLKP]XKHOIHQ
RGHU ,FKUDWHLKP]XKHOIHQ"""
Erfahrungsgemäß gehörten die bisherigen Interpunktionsregeln, insbesondere bei Infinitiv- und Partizipialgruppen, zu den Bereichen der deutschen Rechtschreibung, die den Schreibenden die meisten Probleme bereiteten. Da dieser Aspekt im amtlichen Regelwerk von 1901/02 nicht behandelt wurde, kam es in den Folgejahren zu einer Fülle von Einzelregelungen, die eher zur Verwirrung als zur Übersichtlichkeit und Verständlichkeit beitrugen. (Die neue deutsche Rechtschreibung 1996: 25) Im Zuge der Rechtschreibereform von 1996 wurden daher auch die bisher geltenden Kommaregeln einer genaueren Prüfung unterzogen. Das Ziel dieser Reform bestand im Wesentlichen darin, eine größere Systematik in die deutschsprachige Orthographie zu bringen. Die Rechtschreibregeln sollten vereinfacht, die Zahl der Ungereimtheiten und Zweifelsfälle verringert werden. (Die neue deutsche Rechtschreibung 1996: 23) Für die Kommasetzung bei Infinitivgruppen bedeutet dies in der Zukunft, dass den Schreibenden größere Freiheiten eingeräumt werden, um ihre Aussage zu verdeutlichen. Ob dies tatsächlich zu einer besseren Systematik führt, bleibt zunächst dahin gestellt. In dieser Arbeit werden nun verschiedene Möglichkeiten der Regelung einer Kommasetzung bei Infinitivgruppen mit „zu“ vorgestellt und diskutiert. In einem kurzen Abriss soll dabei zunächst geklärt werden, was Infinitivgruppen eigentlich sind. Danach werden die bisherige Regelung und die Neuregelung von 1996 für die Kommasetzung bei Infinitivgruppen gegenübergestellt. Vor- und Nachteile, sowie Lücken dieser beiden Regelungen sollen dabei näher untersucht werden. Im Anschluss daran werden zwei weitere konträre Ansätze diskutiert. Dabei handelt es sich einerseits um den syntaktisch orientierten Ansatz von Peter Gallmann. Bei diesem Ansatz wird das Kriterium der Satzwertigkeit eingeführt, wenn es darum geht zu entscheiden, ob bei einer Infinitivgruppe ein Komma gesetzt werden soll oder nicht. Im Gegensatz dazu steht der pragmatisch leserorientierte Ansatz von Gerhard Augst. Dieser Ansatz spricht sich dafür aus, die Kommasetzung praktisch
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frei zu geben bzw. das Komma nur zu setzen, wenn dadurch des Leseprozess erleichtert wird.
Am Ende der Arbeit soll am Beispiel des ZEIT-Verlags gezeigt werden, inwieweit die neue Kommaregelung in der Praxis umgesetzt wird. In einer abschließenden Zusammenfassung sollen nochmals die Vor- und Nachteile der verschiedenen Regelungen auch mit Blick auf die Vermittlung im schulischen Unterricht diskutiert werden.
:DVVLQG,QILQLWLYJUXSSHQ"
Als Infinitivgruppen (Grundformgruppen) (Grundformen), die ein „zu“ bei sich haben, z.B. ]XVLQJHQJHODXIHQ]XVHLQJHOREW ]X ZHUGHQ. Ebenso wie Partizipgruppen nehmen sie eine Mittelstellung zwischen Satzteilen und Sätzen, konkreter gesagt zwischen dem Verbalabstraktum/bzw. dem substantivierten Infinitiv und der Nebensatzkonstruktion, ein. Folgendes Beispiel verdeutlicht dies:
Er ging einen Schritt zurück
Auf Grund dieser Zwischenstellung wurden Infinitivkonstruktionen bisher entweder analog zum Nebensatz kommatiert oder analog zum Verbalabstraktum/bzw. substantivierten Infinitiv ohne Komma geschrieben. (vgl. Augst 5) Infinitive, die kein „zu“ bei sich haben, gehören dagegen nicht zu den Infinitivgruppen. Sie sind immer einfaches Satzglied oder Teil eines Satzgliedes und werden nicht durch Kommas abgetrennt. (vgl. Duden Taschenbücher 1998: 68)
4
'LHELVKHULJH5HJHOXQJGHU.RPPDVHW]XQJEHL,QILQLWLYJUXSSHQ
Die bisher angewandten Regeln stützten sich im Wesentlichen auf die Opposition von HLQIDFK versus HUZHLWHUW. Die an sich leicht nachvollziehbare Hauptregel besagte:
!!(LQHUZHLWHUWHU,QILQLWLYZLUGPLW.RPPDDEJHWUHQQWHLQHLQIDFKHUQLFKW
a) 6LHKDWWHJHSODQWHLQ]XNDXIHQ
b) 6LHKDWWHJHSODQW%URWHLQ]XNDXIHQ
Auf Grund dieser Regel wurde bei Satz a) kein Komma gesetzt, da die Infinitivgruppe als einfache Infinitivgruppe ohne Erweiterung galt. In Satz b) wurde dahingegen das Objekt „ Brot“ als Erweiterung angesehen. Demzufolge musste das Komma gesetzt werden.
Diese Regel für den erweiterten Infinitiv galt jedoch nicht, wenn dieser als Subjekt am Anfang eines zusammengesetzten Satzes stand. So wurde im folgenden Satz kein Komma gesetzt, da die erweiterte Infinitivgruppe „ [d]iesen Film gesehen zu haben“ in der Funktion eines Subjekts in Spitzenstellung stand.
c) 'LHVHQ)LOPJHVHKHQ]XKDEHQKDWQRFKQLHPDQGHPJHVFKDGHW
Hingegen stand ein Komma, wenn die erweiterte Infinitivgruppe gegenüber dem übergeordneten Satz die Rolle des Objekts einnahm.
d) 'LHVHQ)LOPJHVHKHQ]XKDEHQKDWQRFKQLHPDQGEHUHXW
Ein Komma wurde auch gesetzt, wenn ein Infinitiv, auch wenn er nicht erweitert war, als Subjekt dem übergeordnetem Prädikat folgte.
e) ,KUH$EVLFKWZDUIHUQ]XVHKHQ
Aus diesen wenigen Beispielen wird deutlich, wie schwierig und teilweise auch willkürlich der Gebrauch der Kommaregeln bisher war. Wer das Komma hier richtig setzen wollte, musste sich in der Grammatik sehr gut auskennen. Hinzu
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kommt, dass die Sachverhalte hinter den Kommaregeln Spezialistenwissen waren und als solche den „ normalen“ Schreibenden überforderten. In der Diskussion um eine Rechtschreibreform des Deutschen hat daher auch das Komma bei Infinitivgruppen immer eine wichtige Rolle gespielt. Seit den 50er Jahren gab es Reformansätze, die dahin tendierten, die Kommasetzung praktisch freizugeben bzw. dafür plädierten, das Komma sparsamer und in größerer Freiheit zu setzen. Herausragend waren dabei vor allem die Stuttgarter Empfehlungen von 1955 und die Wiesbadener Empfehlungen von 1959. (Gallmann (1997): 1f)
'LH.RPPDVHW]XQJQDFKGHU1HXUHJHOXQJYRQ
Die Kommaregeln der Neuregelung von 1996 folgen in erster Linie den Stuttgarter Empfehlungen und deren Weiterentwicklungen. So laufen diese Regeln darauf hinaus, dass die Kommasetzung weitestgehend liberalisiert wird. Als Hauptadressatenkreis dieser Regelung gilt die Schule, insbesondere die Primarstufe und die Sekundarstufe I. So heißt es im Vorwort des amtlichen Regelwerks: Das folgende amtliche Regelwerk […] regelt die Rechtschreibung innerhalb derjenigen Institutionen (Schule, Verwaltung), für die der Staat Reglungskompetenz hinsichtlich der Rechtschreibung hat. Darüber hinaus hat es zur Sicherung einer einheitlichen Rechtschreibung Vorbildcharakter für alle, die sich an einer allgemein gültigen Rechtschreibung orientieren möchten (das heißt Firmen, speziell Druckereien, Verlage, Redaktionen – aber auch Privatpersonen). (Deutsche Rechtschreibung. Text der amtlichen Regelung. 1996 : 9)
Inwieweit die neue Regelung dem hier gestellten Anspruch gerecht werden kann, soll am Ende dieses Absatzes ausführlicher diskutiert werden. Zunächst sollen jedoch die neuen Regeln für die Kommasetzung bei Infinitivgruppen vorgestellt werden. So besagt die Hauptregel § 76 des amtlichen Regelwerks (Deutsche Rechtschreibung. Text der amtlichen Regelung 1996: 96):
!!%HL,QILQLWLY3DUWL]LSRGHU$GMHNWLYJUXSSHQRGHUEHLHQWVSUHFKHQGHQ :RUWJUXSSHQNDQQPDQHLQJHJHEHQHQIDOOVSDDULJHV.RPPDVHW]HQXPGLH *OLHGHUXQJ GHV *DQ]VDW]HV GHXWOLFK ]X PDFKHQ E]Z XP 0LVVYHUVWlQGQLVVH DXV]XVFKOLHHQ
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Auf Grund dieser Hauptregel ist der folgende Satz sowohl mit als auch ohne Komma grammatisch richtig. Es liegt hier allein im Ermessen des Schreibenden, ob ein Komma gesetzt wird oder nicht.
a) 6LHKDWWHJHSODQWLQV.LQR]XJHKHQ
Ein Komma kann in Zukunft auch bei einfachen Infinitivgruppen gesetzt werden.
b) 6LHQDKPVLFKYRU]XJHKHQ
Ebenso kann ein Komma gesetzt werden, wenn Missverständnisse möglich sind. So hat der folgende, viel zitierte Satz je nach Kommasetzung verschiedene Lesarten.
c) ,FKUDWHLKP]XKHOIHQ
d) ,FKUDWHLKP]XKHOIHQ
e) ,FKUDWHLKP]XKHOIHQ
Nach der neuen Regelung ist die Kommasetzung auch in diesem Satz allein davon abhängig, was der Schreibende ausdrücken will, welche Absicht er verfolgt. Um das den Leseprozess vereinfachende, gliedernde Komma richtig zu setzen, muss der Schreibende sich über die verschiedenen Lesarten des Satzes bewusst sein. Dies wiederum bedeutet, dass er schon während des Schreibens die Rolle des Lesenden einnehmen muss.
Ähnlich verhält es sich bei der Kommatierung von Zusätzen, für die folgende Unterregeln festgelegt wurden (Deutsche Rechtschreibung. Text der amtlichen Regelung 1996: 97):
!! =XVlW]H XQG 1DFKWUlJH JUHQ]W PDQ PLW .RPPD DE VLQG GLH HLQJH VFKREHQVRVFKOLHWPDQVLHPLWSDDULJHP.RPPDHLQ >«@ 'LHV EHWULIIW >«@ DQJHNQGLJWH :|UWHU RGHU :RUWJUXSSHQ ,QILQLWLYJUXSSHQ>«@
!!2IWOLHJWHVLP(UPHVVHQGHV6FKUHLEHQGHQREHUHWZDVDOV=XVDW]RGHU 1DFKWUDJ NHQQ]HLFKQHQ ZLOO RGHU QLFKW 'LHV EHWULIIW >«@ ,QILQLWLY 3DUWL]LSRGHU$GMHNWLYJUXSSHQRGHUHQWVSUHFKHQGHQ:RUWJUXSSHQ
Quote paper:
Hendrikje Schulze, 2002, Zur Kommasetzung bei Infinitivgruppen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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L. Tatsiana
Existiert der Aufsatz von Augst?.
"Der pragmatisch leserorientierte Ansatz von Gerhard Augst" (Punkt 6 im Inhalt) existiert in keiner Bücherei. Auch die Suche über Google hat nichts gebracht. Ich mache mir schon Gedanken, ob die Autorin diesen Ansatz vielleicht selbst ausgedacht hat...
Könnte mir jemand Auskunft geben, wo diese Handschrift (Aufsatz, Artikel?) von G.Augst zu finden wäre?
MfG
Tatsiana L.
on Monday, April 25, 2005-