1. Einleitung Redensarten und Sprichwörter haben Wissenschaften verschiedenster Fachrichtung schon seit jeher interessiert. Seien es Historiker, Literatur- oder Sprachwissenschaftler, Ethnologen oder Volkskundler – sie alle profitieren oft von dem schier unermesslichen Reichtum der deutschen Sprache an Sprichwörtern, Redewendungen, Redensarten, Bauernregeln und sonstigen literarischen Kleinformen, die in diesen Bereich fallen. In den kurzen Volksweisheiten und Alltagsbeschreibungen steckt meist mehr Wahrheit und Erfahrung, als man vermutet, wenn man sie leichthin ausspricht.
Schon der Umstand, dass man sie oft auch heute noch benutzt, ohne über die wirkliche, eigentliche Bedeutung bescheid zu wissen, bietet gerade für die Volkskunde ein eigenes, interessantes Forschungsfeld. Warum spricht man vom Hasen, der im Pfeffer liegt, wenn doch kaum jemand jemals wirklich einen Hasen im Pfeffer liegen gesehen hat? In dieser Arbeit soll es unter anderem auch um den volkskundlichen Aspekt der oft über Generationen mündlich und schriftlich weitergegebenen Weisheiten des Alltags gehen.
Doch nicht nur das: Es geht auch um den Inhalt der literarischen Kleinstgattungen. Was hat der Inhalt des Sprichwortes für eine Bedeutung für unser Kulturgut? Wie hängen Redewendungen mit Brauchtum, Sitte und unserem Alltagsleben zusammen? Um diese Fragen beantworten zu können bedarf es mit Sicherheit mehr als einer einfachen Seminararbeit. Dennoch wird hier der Versuch unternommen, nach Bedeutung und Funktion der Sprichwörter und Redewendungen zu suchen, und herauszufinden, inwiefern sie sich zur volkskundlichen Forschung eignen.
Zunächst wird jedoch auch die Germanistik eine Rolle spielen. Mit der Hilfe literaturwissenschaftlicher Quellen sollen im ersten Teil der Arbeit die Gattungen Sprichwort und Redewendung, bzw. Redensart definiert und klassifiziert werden, um eine Vermischung der einzelnen Beispiele auszuschließen und besser auf die jeweiligen Eigenschaften eingehen zu können. Schließlich wird auch aus sprach- bzw. literaturwissenschaftlicher Sicht die Entstehung beider Gattungen erläutert, bevor dann im zweiten Teil der Arbeit auf das eigentliche Thema eingegangen werden kann.
Um dem Titel des Seminars „Nimm dir die Zeit, und nicht das Leben! Über Zeitwahrnehmung und Zeitmessung im Wandel“ gerecht zu werden, soll sich der zweite Teil der Arbeit hauptsächlich mit dem Thema Zeit in Sprichwörtern und Redewendungen beschäftigen. Hierbei wird noch einmal deutlich zwischen Redewendungen und Sprichwörtern unterschieden, und außerdem das Thema Zeit weiter aufgegliedert.
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Anhand von Beispielen soll außerdem die Bedeutung des jeweiligen Sprichwortes oder der Redewendung beschrieben werden. Hierbei wird im einzelnen soweit wie möglich auf Entstehung, ursprüngliche Bedeutung und Bedeutungswandel sowie den Bezug zum Thema Zeit näher eingegangen.
Im letzten Punkt der Arbeit soll schließlich ein Fazit der erfolgten Untersuchungen gezogen werden. Hierbei wird vor allem auf die Möglichkeiten eingegangen, das Thema Zeit, Zeitmessung und –wahrnehmung anhand von Redewendungen und Sprichwörtern zu erforschen. Zunächst jedoch zur allgemeinen Definition der beiden Gattungen.
2. Sprichwörter und Redewendungen Wie bereits in der Einleitung erwähnt, muss zwischen den Gattungen Sprichwort und Redewendung deutlich unterschieden werden. In den folgenden Punkten werden deshalb immer zwei Unterpunkte vorliegen: einer zu den Sprichwörtern und einer zu den Redensarten. Zunächst wird eine literaturwissenschaftliche Definition des jeweiligen Begriffs gegeben. Danach folgen Ausführungen zur Entstehung und schließlich zur Funktion von Sprichwort und Redewendung, jeweils belegt durch Beispiele.
2.1 Definition
Bei der Definition der Begriffe Sprichwort und Redewendung werde ich mich vor allem auf die Germanistik berufen, die sich bereits seit den Gebrüdern Grimm mit dem Thema auseinander setzt. Zum Begriff der Redewendung sei angemerkt, dass es sich in dieser Arbeit ausschließlich um idiomatische Redewendung handelt; in etwa dasselbe wie die sprichwörtliche Redensart.
Auf die feinen Unterschiede dieser Begriffe werde ich jedoch noch in Punkt 2.1.2 näher eingehen. Zunächst die Definition des Begriffs Sprichwort.
2.1.1 Sprichwort
Bereits im Althochdeutschen existieren Sprichwörter, die in Struktur und Inhalt den heutigen Formen sehr ähneln. Allerdings existieren damals noch andere Ausdrücke dafür: Das Sprichwort wird damals bîscaft, bîspel oder bîwort genannt. Der Begriff Sprichwort leitet sich wahrscheinlich ab von den mittelhochdeutschen Worten spriche und wort ab, und benennt demnach ein oft oder viel gesprochenes Wort. Im Laufe der Zeit sind zwar auch Parallelfor-
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men (zum Beispiel Spruchwort) aufgetaucht, die sich jedoch weitgehend wieder verloren haben. 1 Eine eindeutige Definition des Begriffs ist bis heute nicht vorhanden, der Begriff scheint sehr schwer fassbar. Es gibt jedoch immer wieder verschiedene Ansätze von Forschern, den Begriff genauer zu determinieren. So ist man früher bereits von Sprichwörtern als „im Volksmund umlaufende, in sich geschlossene Sprüche von lehrhafter Tendenz und gehobener Form“ 2 ausgegangen. Der bereits erwähnte Germanist Wolfgang Mieder ist mit dieser Definition nicht zufrieden: „Das Sprichwort als in sich geschlossene Form zu bezeichnen, ist irreführend. Es handelt sich beim Sprichwort zwar um vollständige Sätze, aber nur selten um Sprüche von mehreren Zeilen.“ 3 Die Definition des Begriffs sollte also deutlich machen, dass es sich um kurze, meist nur einen Satz umfassende Sprüche handelt. Des weiteren ist die Lehrhaftigkeit des Sprichwortes ein weiterer Streitpunkt der Definition, da ebenso Sprichwörter existieren, die nur beschreibend oder erklärend wirken, nicht aber belehrend. 4 Die Erklärung, es handle sich beim Sprichwort um „einen fest geprägten Satz, der eine unser Verhalten betreffende Einsicht oder eine Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten ausspricht“ 5 von Lutz Röhrich trifft die gesuchte Beschreibung schon eher. Einen Zusatz zu dieser Definition liefert auch Herrmann Bausinger, der eine „partiell gültige Lebensregel“ 6 im Sprichwort erkennt. Das Wort partiell deutet hier darauf hin, dass das Sprichwort keinesfalls immer Gültigkeit besitzt - ebenfalls ein wichtiger Aspekt bei der Definition des Begriffs. 7 Mieder stellt schließlich eine eigene Arbeitsdefinition auf: „Sprichwörter sind allgemein bekannte, festgeprägte Sätze, die eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter Form ausdrücken.“ 8 Da eine allgemein gültige Definition des Begriffs Sprichwort anscheinend noch nicht vorliegt, wird sich die Arbeit im Folgenden an die Definition Mieders halten und die anderen Erklärungen weitgehend außer acht lassen.
1 vgl. Mieder, Wolfgang und Röhrich, Lutz: Sprichwort. Stuttgart. Metzler 1977. S. 1 (Im Folgenden Mieder 1977) 2 zitiert nach: ebd. S. 1 3 ebd. S. 2 4 vgl. ebd. S. 1f 5 zitiert nach ebd. S. 2 6 zitiert nach ebd. S. 2 7 vgl. ebd. S. 2 8 ebd. S. 3
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Dipl. Germ. Univ. Nikolai Sokoliuk, 2005, Redewendungen und Sprichwörter zum Thema Zeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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