1.EINLEITUNG 3
1.1. Die Dichtung von Dalčev - eine neue Erscheinung im bulgarischen Literaturprozess. 3
2. DER ERSTE GEDICHTSBAND „PROZOREC“ 4
3. DAS SEHEN. 5
4. DIE WELT DER GEGENSTÄNDE 6
5. DAS LYRISCHE SUBJEKT BEI DALČEV 7
6. SCHWEIGEN, VERFREMDUNG UND AUßENSEITERLICHKEIT. 8
7. DIE STIMME UND DAS VERSTUMMEN. 10
8. DIE FUNKTION DES BUCHS 11
9. DIE TÜREN BEI DALČEV 11
10. DAS FENSTER IN DEN WERKEN VON DALČEV 13
11. „ČOWEKĂT BE SĂTWOREN OT KAL“ 15
12. DIE WELT DER KINDHEIT 16
13. DIE ÜBERSCHREITUNG DER GRENZE. 17
14. DAS GEDICHT „KNIGITE“ UND DIE TRAURIGKEIT. 18
15. DASEIN - NICHTDASEIN 20
16. ZEICHEN DES ABSOLUTEN ZERFALLS. 21
17. FAZIT UND SCHLUSSWORT 22
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1.Einleitung
Es ist kaum möglich Poesie einseitig zu lesen und zu interpretieren, ohne eine Reihe von schwierigen Fragen und semantischen Zweideutigkeiten zu provozieren. Noch weniger anwendbar wäre der eindeutige Zugang zu der poetischen Sprache von Atanas Dalčev. Das philosophische Potential dieser Sprache erlaubt keine verklemmten Antworten und Zugehörigkeit in die üblichen Denkpraktiken. Mit jeder erneuten Lesung ergänzt sich mein Blickpunkt zu dieser Poesie, so als ob er in der „Spiegelwelt“ von Dalčev kristallisiert, die von gegensätzlichen Werten und sich gegenseitig wiederspiegelnden Eigenschaften besteht. In die Visionen der reinen Gegenständlichkeit oder der modernen existentiellen Ideen eingesponnen, für die grobe, barbarische Sprache oder der Erschaffung eines neuen symbolischen Models, konstruiert die Poesie von Dalčev die Entstehung einer neuen Weltanschauung. Die radikale Beständigkeit, in der der Poet in seinem Anderssein besteht, gibt uns die Möglichkeit über eine andere Position in den globalen Fragen des menschlichen Daseins in der Welt, über die Einsamkeit und über den Lauf des Lebens nachzudenken.
1.1. Die Dichtung von Dalčev - eine neue Erscheinung im bulgarischen Literaturprozess.
Zweifellos ist die Dichtung von Dalčev eine neue Erscheinung im bulgarischen Literaturprozess. Sie hat ästhetische, philosophische, sowie soziale Gründe. Die ästhetische Veränderung von der ersten Hälfte der 20 Jahre des vorigen Jh. charakterisiert sich mit Mehraspektischen und schwierigen gegenseitiger Beeinflussung zwischen dem schon aussterbenden Symbolismus und den anfänglichen antisymbolistischen Strömungen. Auf dem Prinzip der Abschiebung der Tradition und unvermeidlichen Vererbung, formiert sich ein völlig unterschiedliches poetisches Modell, mit einer neuen Darstellung und einem neuem Arsenal in den künstlerischen Mitteln. Es transformiert die alten Sichtweisen und die Beziehungen zum Verlauf des Daseins, situiert den Menschen in der Welt auf eine unbekannte Weise, gibt neue Paradigmen für die Feststellung der menschlichen Identität vor.
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Das Werk von Dalčev ist eine der ersten post- und antisymbolistischen Erscheinungen in der bulgarischen Literatur. Seine erste Gedichte veröffentlichte Dalčev als Mitglied des literarischen Kreises „Strelec“ in Sofia, der sich für eine europäisch geprägte, nationale Kultur einsetzte. Mit anderen Dichterkollegen verwarf auch Dalčev zu dieser Zeit den Symbolismus, den er eine „tote Poesie“ nannte, „aber nicht zugunsten der Politisierung der Dichtung, sondern im Namen einer neuen Ästhetik, die das Mystische und Abstrakte ablehnte und den Realitäten des Lebens Rechnung tragen sollte, anderseits aber keineswegs weniger hohe künstlerische Forderungen stellte“ (Ch. Ognjanof). Dalčevs Gesamtwerk zählt nicht viel mehr als hundert Gedichte.
2. Der erste Gedichtsband „Prozorec“.
Schon in seinem ersten Gedichtsband „Prozorec“ (Fenster) aus dem Jahre 1926, zeichnet er „die Abwendung von den symbolistischen Schemen der Auswirkung, von der abstrakten Mehrdeutigkeit und dem juwelirren Typ der Ausdrucksweise“ 1 . Den Dichter trennt und verbindet zugleich das „Fenster“ von und mit der Welt, die er, eingeschlossen hinter Wänden und Türen, beobachtet und erlebt. Aus der Position des Postsymbolisten verwirft Dalčev den introvertierten Blick der Symbolisten in die eigenen Seele. Seine Poesie lehnt die tiefe Psychologisierung und metaphysische Nachdenklichkeit über die Welt, die Liebe und die Verdammnis ab. Dalčev hat sich von den mystisch-verschwommenen Vorstellungen des Symbolismus, dessen abstrakter Poesie und metaphysischen Visionen freigemacht und wendet sich dem Gegenständlichen, dem Realen, dem Unpathetischen zu. Der Blick des Poeten ist auf das Alltägliche und Materielle gerichtet, zu der früher nicht beliebten Welt der Sachen, zu den hinter den Rücken geratenen Gefühlen der Sinne. Dalčev erkennt in dem Symbolismus ein von Verbrauch ausgetrocknetes poetisches System, mit aufgebrauchter emotionaler und philosophischer Ladung, abstrakte Unzugänglichkeit und verkrusteter künstlerische Darstellung. Der Typ der symbolischen Reflexion der Welt ist künstlich und unzulänglich für ihn, folglich unterliegt er Korrekturen, Erneuerung und Verwerfung. An seiner Stelle schlägt Dalčev eine neue künstlerische Struktur vor, eng mit den Sachen und dem Alltag verbunden. Dies ist die Welt der
1 Jordanov, A. „W sjankata na dumite“, S.102, S., 1989.
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monotonen Einsamkeit des Menschen und der schrecklichen Vergangenheit des Lebens. Die neue Weltanschauung zwingt zur Neuem in der Technik der künstlerischen Mittel. Die antisymbolistische Poesie befreit sich von den feinen sprachlichen Konstruktionen, von dem glatten Rhythmus, von den sich fest durchgesetzten lexikalischen Stampen und der Lyrik, von den strengen Reimvarianten und den „spitzen“ 1 Worten. An ihre Stelle tritt in der Poesie von Dalčev die künstlerische Ressource der bis dahin unakzeptierten gesprochenen Lexik, mit ihren Prosaismen und unpoetischen Formen. Die Metapher wird rehabilitiert. Die verbindliche Reimanpassung fällt aus, es kommen die „weiße“ Strophen und die Assonancen. Nüchterne Verse, häufig achtfüßige Jamben, in natürlicher Sprache vermitteln eine sichtbare, gewöhnliche Welt und spiegeln Alltagsimpressionen:
Tazi bjala varosana zala na gradskata bolnica, Dieser stets weiße, gekalkte Saal in städtischen Hospitälern, do samite steni prilepenite beli legla... bis zu den Wänden geklebten weiße Betten... „Bolnica“ (Krankenhaus)
Die Depoetisierung der Strophen ist mit einer Bewegung zurück zum Alltags verbunden, mit Interesse zu dem Unbemerkbarem und dem Einfachen, zu dem Details und den Strichen. Das lyrische Subjekt erkennt die Welt durch die Gegenstände, die es umzingeln. Als er sie genauer anschaut, entdeckt er die Zeichen seines „Ichs“.
3. Das Sehen.
Eines der typischen Charakteristika der Dalčev’schen Poesie ist das Sehen, das Hinsehen zu den Dingen und in die Welt als Ganzes. Der Mensch betrachtet die Gegenstände wie noch nie zuvor; um zu der „ungewöhnlichen Bedeutung des Gewöhnlichen“ 2 zu gelangen (nach den Worten von Milena Canewa). Die Betrachtung klebt die einzelnen Details zusammen, verbindet sie zu einem Ganzen
2 Caneva, M. „Atanas Dalčev“, 2B., S. 5-27, Sofia, 1984.
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und konstruiert auf diese Weise Sinn. Wenn die Poesie bei Jaworow und Slawejkow die Welt darstellt und miterlebt, so beschreibt sie bei Dalčev ihn, betrachtet und erzählt uns über ihn. In diesem Sinne verfügt die Poesie von Dalčev keine begrenzte Subjektivität und absolute Antropozentrismus. Das „Ich“ ist aus dem Zentrum der Welt verschoben, sein Platz ist von der alltäglichen Realität, von den Gegenständen besetzt. Gleichzeitig ist aber der Mensch bei Dalčev auch subjektiv. Hinter dem Plan der vergegenständlichten Realität verbirgt sich untrennbar ein zweiter Plan, in dessen Fläche sich das geistliche Leben der Menschen befindet, sein metaphysisches Leiden und Bestreben. Die Dalčev’sche Poesie vereinigt das Philosophische und das Sinnliche, das Reale und das Irreale, das Materielle und das Metaphysische. Sie rehabilitiert die Gegenständlichkeit, gebärt sie zu neuem Leben, aber nicht zufällig, sondern um den Platz des Menschen zu fixieren, um seine „zastoporenost“ 3 (Unzugänglichkeit) in der Welt zu verdeutlichen. Die Gegenstände sind in Dalčevs Blick nicht nur mit direkter Semantik aufgeladen, sondern auch mit ihrer Bedeutung von Mediatoren zwischen den Welten und den Zeiten in den poetischen Körpern der Texte.
4. Die Welt der Gegenstände
In seiner Poesie ist eine neue Art der Beziehung zu dem poetischen Instrumentarium zu sehen, die mit der sogenannten „Poetik der entblößten Paradox“ zu verbinden ist. Die Welt der Gegenstände in dieser Poesie nimmt in zwei Prozessen der Bedeutungskreation teil. Der eine ist durch die genaue Benennung, wo die Gegenstände eine klare Bedeutung haben, gekennzeichnet, der andere durch die Assoziation, wo die Gleichen eine symbolische Bedeutung bekommen. Die Unikalität bei Dalčev ist, dass der Gegenstand am Ende wieder sein reales Wesen bekommt, er desymbolisiert sich. Die Erklärung des Gegenstandes - Symbol, seines direktes Zeigens erstmals als Ding, nachher als Symbol und am Ende wieder als Sache, liquidiert die Möglichkeit einer Schranke vor der Finalbedeutung, entblößt die Endantworten. So fehlen in der Poesie von Dalčev rätselhafte und undurchschaubare Bedeutungen, weil das Symbol genau vor den Augen des Lesers positioniert ist. Der Dichter entschichtet die Gegenstände, gibt ihnen neue Funktionen und Bedeutungen, erzeugt Spannung zwischen der äußerlichen und der innerlichen Schicht der Dinge,
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M.A. Diana Koch, 2003, Die bulgarische Postavantgarde der 60-er Jahre, Munich, GRIN Publishing GmbH
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